“Die Krankheit, in der wir leben, ist, dass uns unsere Kultur zu weit vom Körper und vom Fühlen abspaltet. Wir sind in so einem heftigen Grade neurotisch. Neurotisch sein ist so Standard geworden, dass die ganze Kultur der Menschen nur noch auf Konzepten, Ideen und Ideologien beruht und wir gar kein Fundament mehr im Körper haben. Das heißt, wir verlieren die Erdung. Wir verlieren den Realitätskontakt.”


Philipp Alsleben

Studium Psychologie, Abschluss mit Diplom, Basistraining Hypnotherapie, psychologischer Berater und Trainer zur Potentialförderung von Kindern und Jugendlichen für Sozialhelfer und Pädagogen, Unternehmensberater und Projektleiter für Personaldiagnostik, Personalentwicklung von Unternehmenskultur, Ausbildung in Sensomotorics (Lösen von chronischen Muskelverspannungen), Grundausbildung Bodynamic Körperpsychotherapie, Entwicklung eigener Therapiemethode „Catlike“, Praxis für Coaching und Körperpsychotherapie in Freiburg im Breisgau

Schon unsere Großeltern wussten, das Wichtigste im Leben ist die Gesundheit. In seiner Reihe „Mach’s weg“  interviewt Laurens Dillmann Menschen aus dem Gesundheitswesen. Wieso sind sie ihrer Berufung gefolgt? Auf welche Werte berufen sie sich? Warum kümmern sie sich um ihre Mitmenschen? Welche Rolle spielen Geben & Nehmen in diesem Prozess? Was lässt uns heilen? Und lässt sich Krankheit einfach “wegmachen”? Was denkst du?


Laurens Dillmann: Wieso hast du dich entschieden, Psychologe zu werden?

Philipp Alsleben: Mir war klar, dass ich etwas mit Menschen machen wollte. Ich habe mich damals für die Psychologie entschieden, weil sie mir die meisten Türen offen ließ. Ich wollte mir möglichst viel Freiraum offen halten. Mit Psychologie kann man quasi alles machen. Wirtschaft, Therapie, Selbstständigkeit, Angestelltsein… Über das Studium habe ich dann das Interesse und die Fähigkeit entwickelt, an intensiven Veränderungsprozessen mitzuwirken. Das Studium hat mir beigebracht, mit mentalen Landkarten umzugehen. Prozesse von menschlicher Veränderung auf diese Weise zu verstehen. Nicht nur intuitiv zu sagen „das fühlt sich gerade gut an“, sondern eine Übersicht zu haben: „Was passiert hier eigentlich gerade und warum passiert das?“ Das habe ich im Psychologiestudium gelernt, das damals noch ein Diplomstudiengang und viel selbstbestimmter war als das heutige Bachelor- und Master-Schulsystem.

Was ist das Faszinierende an der menschlichen Psyche?

Spontan würde ich sagen: Das Faszinierende daran ist, dass sie einen quasi unendlichen Erfahrungsraum bietet. Natürlich ist die Frage dahinter: Was ist die menschliche Psyche überhaupt? Worüber reden wir? Das Faszinierende an der Frage die du stellst, ist: sich mit der menschlichen Psyche zu beschäftigen, bedeutet, dass sich das Subjekt zum Objekt macht. Das heißt: In allen Wissenschaften gibt es den Wissenschaftler und das Thema der Wissenschaft, also das wissenschaftliche Objekt: Natur, Steine, Moleküle, Elektronik, was auch immer. Wenn wir aber Psychologie studieren, haben wir eine sehr besondere Wissenschaft. Denn die echte Psychologie beschäftigt sich mit dem Subjekt. Der Wissenschaftler beschäftigt sich mit sich selbst.

Das hat mit der akademischen Psychologie nichts zu tun. Was wir heute Psychologie nennen, ist keine Psychologie. Das ist reine Verhaltensforschung. Man gibt den Leuten Fragebögen und guckt, wie sie sich mit diesen Bögen verhalten, und was sie ankreuzen. Dann macht man statistische Berechnungen über Gruppen, Massen, Mittelwerte und Normen. Und klebt ganz große Konzepte darüber, die man sich an irgendeinem Schreibtisch ausgedacht hat und die darüber bestimmen, wie man diese gesammelten Daten interpretiert. Das heißt heute Psychologie. Das ist PseudoPsychologie. Wahre Psychologie ist eine absolute Ausnahmeerscheinung. Das Subjekt beschäftigt sich mit sich selbst. Das nannte sich früher Erkenntnisphilosophie. Sokrates, Platon. Das ist echte Psychologie. Und das ist spannend. Denn es ist ein magischer Prozess, wenn wir die Aufmerksamkeit zurück richten auf uns selbst. Wenn Aufmerksamkeit anfängt, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Dann entsteht echtes Selbstbewusstsein. Der Geist beschäftigt sich mit sich selbst.

Erkenne dich selbst.

Genau. Das hat Sokrates gesagt. Und es war der Spruch über dem Delphischen Orakel. Shakespeare sagte einfach: Sei du selbst.

Du nennst deine Behandlungsmethode “Catlike”. Wie hat sich diese entwickelt und wofür steht sie?

Was mich noch sehr viel mehr als das Studium geprägt hat, war das, was man „alternative Psychologie“ nennen könnte. Oder „spirituelle Psychologie“. Alternative Ansätze, die an der Uni gar nicht vorkamen. Dazu gehörte vor allem auch die Körperpsychotherapie, also all die Menschen, die sich mit der Verbindung von Körper und Psyche beschäftigen. Ganz bekannt – sozusagen der Initiator – war Wilhelm Reich. Er fing an, sich mehr um Körperreaktionen seiner Patienten zu kümmern als um ihre Gedanken, Glaubenssätze und Erinnerungen. Über diese eher unbekannten Ansätze aus der Praxis habe ich gelernt, was es für Möglichkeiten gibt, mit dem Körper so zu arbeiten, dass es eine psychische Veränderung gibt. Was das angeht, hat mich auch sehr geprägt, dass ich als Teenager bis in meine Zwanziger hinein Kampfkunst gelernt habe. Traditionelle chinesische Kampfkunst, in der natürlich das Körperliche im Vordergrund steht. Ich habe gemerkt, dass meine Psyche sich schon in den ersten zwei drei Jahren des Trainings sehr schnell verändert hat. In Sachen Selbstbewusstsein, Im-KörperSein, Stabilität, Selbstvertrauen, In-Kontakt-gehen-können mit Menschen.

Dann hat mich sehr das fundierte Wissen der Bodynamic geprägt. Das ist ein Körperpsychotherapiesystem aus Dänemark, das vor über 30 Jahren von einem Kreis aus Therapeuten gegründet wurde, die ganz andere Wege gegangen sind. Sie kamen eher aus der reinen Körperarbeit, als aus der Therapieszene. Sie haben viel mit der Beobachtung von Kindern gearbeitet und geschaut: Wie entwickeln sich die psychischen Fähigkeiten von Kindern durch Körpererfahrungen? Sie haben festgestellt, dass im Grunde unsere gesamte Psyche, unser gesamter Persönlichkeitsaufbau auf Körpererfahrungen beruht. Die wir dann nur vergessen, weil wir später in einer Abstraktion davon leben.

Wir lernen zum Beispiel zu zählen, in dem wir anhand unserer Finger abzählen – Eins – Zwei – Drei. Das ist eine Körpererfahrung. Später abstrahieren wir und können bis drei, bis hundert und weiter zählen ohne unseren Körper bewusst dafür zu brauchen. Im Grunde gilt das für all unsere psychischen Fähigkeiten. Bodynamic ist ein sehr ungewöhnliches System, das wirklich aus der Therapielandschaft herausragt, in dem es darum geht, Körpererfahrungen zu benutzen, um psychische Veränderungen zu ermöglichen. Es geht viel um Lernen, darum, auch als Erwachsener über den Körper neue Erfahrungen zu machen. Damit gewisse Grundfähigkeiten über direkte körperliche Erfahrung gelernt werden, die ich dann psychisch „habe“ und nutzen kann.

Ein wichtiges Beispiel, das auch in meiner Praxis immer wieder vorkommt: Die Fähigkeit, Nein zu sagen bzw. die Fähigkeit, sich abzugrenzen. Die beruht erstmal auf Körpererfahrungen. Das kleine Baby, das Nein sagen will, streckt dir die Handflächen entgegen. Wenn das akzeptiert wird, wenn das Baby merkt, es wird verstanden, ist es eine gute Basis, um diese Fähigkeit weiterzuentwickeln und später gut Nein sagen zu können. Wenn die Signale des Babys nicht akzeptiert werden oder darauf nicht eingegangen wird, lernen wir, dass Nein sagen nichts bringt. Dann fehlt uns schon körperlich die Basis zur Abgrenzung.

Die Bodynamic hat herausgefunden, dass sich diese Erfahrungen im Muskeltonus spiegeln. Ein zu geringer Muskeltonus entsteht, wenn wir quasi aufgeben: Wenn wir das Gefühl haben, unser Impuls der Abgrenzung nützt nichts. Das ist Resignation. Ich resigniere und der Impuls geht aus dem Nervensystem nicht mehr in den Muskel. Das Kind macht die Bewegung nicht mehr. Das führt dazu, dass wir auch später nicht an diese muskuläre Fähigkeit drankommen. Wir spüren nicht, dass wir es können oder könnten. Oder die Kinder grenzen sich ab, aber etwas Unangenehmes passiert in Reaktion darauf. Ab dann wird der Impuls blockiert. Dann habe ich nicht zu wenig Muskeltonus, sondern zu viel. Der Impuls ist im Muskel, wird aber darin zurückgehalten, sodass die Bewegung nicht ausgeführt wird. Dann habe ich im schlimmsten Fall einen verhärteten, steinharten Muskel.

Was Wilhelm Reich dann „Muskelpanzer“ nannte: einen Impuls, der nicht in Bewegung freigesetzt wird. Mit einem Zuwenig oder einem Zuviel an Muskeltonus muss man sehr unterschiedlich arbeiten. Ein zu hoher Muskeltonus heißt: Die Menschen brauchen die Erlaubnis und den Freiraum, ihren Impulsen wieder zu folgen. Die Menschen mit zu wenig Muskeltonus, die Resignierten und Erschlafften, brauchen keinen Freiraum, sondern Unterstützung, Herausforderung, Anregung. Die muss man – auf eine gute Weise – provozieren, damit sie den Impuls wieder ins Muskelsystem reinlassen.

Das hat mich alles aus der Bodynamic sehr geprägt. Dann gibt es noch die sogenannte Prozessarbeit von Arnold Mindell. Ich habe ihn nie selbst kennengelernt, nur von Schülern von ihm gelernt. Seine Prozessarbeit ist ein Ansatz, der häufig mit dem Taoismus verglichen wird. Er stellt die Wichtigkeit heraus, dass ich mich als Therapeut oder als Prozessbegleiter darauf einlasse, nicht Bescheid zu wissen. Nicht zu wissen, was als nächstes kommt. Sondern mit einer sehr offenen, feinen Wahrnehmung bewusst mache, was gerade passiert. Und neugierig bin: „Was heißt das? Welcher Prozess möchte da passieren?“ Dahinter steckt eine ganze Philosophie mit Methoden und Werkzeugen, wie man einen blockierten oder gelähmten Prozess freilegen kann. Wie man ihn sich selbst entfalten lassen kann.

Meine Haltung zu meiner Arbeit ist sehr geprägt aus Prozessarbeit und Bodynamic. Ich habe ihr meinen eigenen Namen Catlike gegeben, weil sie einfach zu anders ist. Catlike soll heißen: „wie eine Katze werden: anpassungsfähig, geschmeidig, souverän, selbstbewusst – Flexibilität.“ Katzen können sehr sozial sein, aber gleichzeitig auch Einzelgänger. Das Besondere für mich ist, dass die Bodynamic und die Prozessarbeit sich gegenseitig ergänzen mit dem, was dem anderen jeweils fehlt. Diese beiden Exoten zu ergänzen funktioniert ganz wunderbar und bietet sehr mächtige Werkzeuge um Menschen zu helfen, sich zu entfalten.

Was hat es mit alternativer, spiritueller Psychologie auf sich, von der du gesprochen hast?

Auch hier wäre meine erste Frage: Was ist überhaupt Spiritualität? Ich verstehe unter dem Begriff die Ganzheit der menschlichen Erfahrung. Konkret gesagt die Verbindung und Einheit von Körper, Emotionen und Geist (im mentalen Sinne). Das muss ich deshalb sagen, weil die meisten Menschen unter Spiritualität entweder verstehen: Erleben von feinenergetischen Prozessen, also außersinnliche, außerkörperliche Erfahrungen; oder sie verbinden damit Metaphysik. Die Beschäftigung mit abstrakten Konzepten wie Gott, Seele. Das ist auch okay, man kann es so nennen. Ist eine Frage der Definition. Für mich persönlich geht es um die Verbindung von Körper, Herz und Verstand als Einheit. Ein einheitliches Ganzes. Das ist mein Job (lacht). Ich weiß wie es geht, also gebe ich das weiter. Meine Arbeit besteht darin, Menschen zu helfen, in diese Einheit zu kommen. Oder die Hindernisse gegen diese Einheit aus dem Weg zu räumen.

Was für Hindernisse sind das?

Bei jedem Menschen unterschiedliche. Jeder Mensch hat andere Aufgaben auf dem Weg, seine Einheit zu finden. Ich kann dir höchstens Beispiele nennen. Doch vorher etwas Grundsätzliches. Das, was wir Stress nennen, ist die Fragmentierung unseres Gehirns, unseres Nervensystems, in seine Einzelteile. Diese funktionieren alle für sich, aber interagieren nicht miteinander. Unser Stammhirn sorgt dafür, dass wir einen hohen Herzschlag kriegen, dass wir aufgeregt sind. Das passiert automatisch für sich. Unsere Emotionen sind eventuell nicht mehr reguliert, sie kommen einfach hoch – wie Angst, Wut, Ärger – und auf der Gedankenebene läuft irgendein Karussell, wir projizieren diese auf irgendetwas, denken über irgendwelche zukünftigen Sorgen nach. Das Entscheidende ist: Diese einzelnen Funktionen, also Körper, Herz, und Verstand laufen unabhängig voneinander ab. Diese Fragmentierung, diese Trennung – überhaupt jegliche Art von Trennung – innerhalb des Systems ist das Haupthindernis. Sie verhindert den Blick aufs Ganze und das Gefühl von Einheit.

Welche Symptome daraus entstehen, kann sehr unterschiedlich sein. Das hängt vom Kontext ab, in dem Menschen aufwachsen, Kindheitserfahrungen, diverse Faktoren. Da kommt man ins Detail, also in konkrete Einzelfälle. Aber was die meisten Menschen gemeinsam haben, ist, dass ihr Verstand losgelöst ist von ihren Gefühlen und ihre Gefühle losgelöst sind vom Körper. Und es findet viel zu wenig Kommunikation dazwischen statt. Diese Zerfledderung und Fragmentierung ist das größte Übel unserer Zeit. Weil wir keine Gesamtkultur mehr haben, die dagegen wirkt. Unsere Gesellschaftskultur fördert Fragmentierung. Mehr und mehr. Zumindest hat sie das in den letzten 150 Jahren getan.

Der letzte große kulturelle Verbindungsversuch war im 19ten Jahrhundert die Romantik. Das Ideal der Romantik war, alle diese menschlichen Funktionen zu einer Einheit zu verbinden. Wissenschaft, Kunst und Religion zu einem großen Ganzen zu verbinden. Also von der Hölle bis zum Himmel eine Gesamtleiter zu haben, auf der man sich frei bewegen kann. Ohne Angst zu haben, abgespalten zu werden. Seitdem ist vieles passiert und die Kultur der Verbindung ist völlig verloren gegangen.

Warum kümmerst du dich um andere Menschen?

Das tue ich nicht. Ich glaube, das Wort „kümmern“ passt nicht. Ich mache die Arbeit mit Menschen, weil sie mir Spaß macht. Diese Art von Feinstarbeit in menschlichen Prozessen macht einfach Spaß. Wenn´s keinen Spaß macht, habe ich etwas falsch gemacht. Interessant ist: Mir ist egal, was die Leute daraus machen, wenn sie aus einer Sitzung mit mir gehen. Darum geht es mir nicht. Ich freue mich natürlich, wenn es gute Rückmeldungen gibt. Aber meine Motivation ist nicht, den Leuten auf`s Pferd zu helfen. Ich möchte den Prozess gut leiten, eine gute Arbeit machen.

Ich bin eher sowas wie ein mittelalterlicher Künstler, der für Gott arbeitet. Ich mache Figuren in der Kirche, die nie jemand sieht, weil sie im hintersten Winkel stehen. Aber ich arbeite an ihnen als wären sie mein Meisterstück, weil ich weiß, dass Gott mich beobachtet. So drücke ich mich natürlich normalerweise nicht aus: „Gott beobachtet mich“. Das ist eher mittelalterlicher Jargon. Aber in der Idee erkenne ich mich wieder: der gotische Künstler, der seine Arbeit für das Universum macht. Für das große Ganze. Und wenn Leute davon profitieren: super!

Was macht eine gute Therapie aus?

Tja, was ist Therapie? Thats the question. Das Wort Therapeut kommt aus dem Griechischen. Die therapetae waren sowas wie freiwillige Diener. Nicht versklavte, sondern freie Leute, die aus Freundschaft anderen dienten. Sie gingen vor allem im Krieg mit, um zu unterstützen, um zum Beispiel die Waffen zu tragen. So etwa wie im Mittelalter der Knappe. Der Knappe begleitet den Ritter. Ich bin also eine Art Knappe, der kompetent ist und aus Freundschaft jemanden begleitet, der kämpft. Ich bin der Waffenträger. Deswegen übersetze ich Therapeut gerne genau so. Wenn du Pfeil und Bogen brauchst, gebe ich dir das. Wenn du ein Schild brauchst – bekommst du. Wenn du eine Lanze brauchst, kann ich dir auch zeigen, wie du dir eine bauen kannst.

Das ist ein Verständnis von Therapie, das nicht unserem allgemeinen System entspricht. Mein Verständnis eines System-Therapeuten ist jemand, der dich wieder eingliedert in die Gesellschaft. Damit du wieder so funktionierst, dass du in der Gesellschaft nicht all zu viel aneckst, Probleme machst oder kriegst. Also Menschen, die zum System gehören und Menschen innerhalb des Systems auf das richtige Gleis setzen. Diese werden auch von den Versicherungen bezahlt, weil Versicherungen wollen, dass du wieder funktionierst. „Arbeitsfähig“ heißt das heutzutage. Das ist nicht mein Job. Ich bin jemand, der die Leute aus dem System rausholt. Ich helfe, aus dem Hamsterrad herauszukommen. Etwas zu entwickeln, jenseits des Kollektivsystems. Insofern bin ich ein Waffenträger. Ich helfe bei dem Prozess, in dem der Klient die Waffen findet, die er braucht, um mehr erwachsen zu werden. Geistig erwachsen zu werden. Sich selbst treu zu werden. Und so eine möglichst gute Einheit zwischen Körper, Gefühl und Geist findet.

Mit welchen Methoden arbeitest du, wenn du jemanden coachst?

Die Methoden sind nicht so wichtig. Das Entscheidende ist: Präsenz im Raum. Die Begegnung mit jemanden, der den Weg kennt, den du als Klient gehen willst. Oder der zumindest weiß, wie du weiterkommst. Und in der Begegnung mit so jemanden kannst du dir etwas aneignen, das über reines Wissen oder Werkzeuge hinausgeht. Nämlich ein Bewusstsein deiner selbst. Du wirst quasi von einem höheren Bewusstsein gespiegelt und verinnerlichst dann dieses höhere Bewusstsein. Das ist das Entscheidende. Du verinnerlichst den Therapeuten. Der Therapeut sollte im besten Fall verkörpern können, was dir fehlt. Und durch die Begegnung, die Auseinandersetzung mit ihm, durch den Kontakt, eignest du es dir an. Welche Methoden dabei angewendet werden, ist höchstens zweitrangig. Ich merke es in den letzten Jahren: meine Arbeit wird immer weniger aktiv. Ich tue immer weniger. Aber natürlich sind die Kompetenzen und die Präsenz des Therapeuten entscheidend. Eine gute Methodik bezieht sich nicht auf den Klienten, sondern auf die Entwicklung des Therapeuten.

Carl Rogers hat mal eine Therapieschule gegründet, die nennt sich klientenzentrierte Therapie. Wenn ich eine Schule gründen würde, würde ich sie therapeutenzentriert nennen. Weil das Beste, was dem Klienten passieren kann, ist, einen in sich zentrierten Therapeuten zu treffen. Das mag seltsam klingen, aber ich glaube die meisten Therapeuten, die unter diesem Titel arbeiten, sind nicht zentriert. Oder nur sehr dürftig. Sehr im Kopf zentriert, aber nicht im Bauch, nicht im Körper. Das ist der Grund, warum Projektionen und Beziehungsstörungen auftauchen. Warum Therapeut und Klient über gewisse Grenzen nicht hinaus kommen. Weil der Therapeut nicht zentriert ist. Fritz Perls soll mal gesagt haben: Der wichtigste Mensch im Therapieraum ist der Therapeut. Finde ich gut und richtig, aus meiner Therapeutensicht. Für den Klienten ist das nicht unbedingt so. Aber der Therapeut ist sehr wichtig in dem, was er verkörpert. Womit er da ist. Als Mensch. That makes all the difference.

Du bist in einer Sitzung und merkst, du bist selbst traurig. Wie bist du damit da und wie kommunizierst du das an dein Gegenüber?

Wenn ich in mir Traurigkeit spüre, ist die erste Frage: Ist das meine Traurigkeit? Bin ich traurig unabhängig davon, was mit dem Klienten ist? Weil zum Beispiel zuhause meine Katze gestorben ist? Oder bin ich traurig, weil ich durch meine Spiegelneuronen etwas spüre und aufgreife, das eigentlich gerade beim Klienten stattfindet, aber noch nicht auf dem Tisch liegt? Die Psychoanalyse nennt das „Gegenübertragung“, aber es ist keine „Übertragung“, sondern feine Wahrnehmung, nicht Projektion, sondern Perzeption. Wir haben als Menschen die Fähigkeit, durch Mikrospiegelungen in unserer Hautspannung und Muskelspannung wahrzunehmen, was in einem Anderen vorgeht. Man kann diese Fähigkeit trainieren und sehr fein spüren, was im Anderen vorgeht, auch wenn der andere es bei sich selbst noch nicht bemerkt.

Wenn ich traurig bin und es mit dem Klienten nichts zu tun hat, gehört es einfach nicht in die Sitzung. Meine Aufgabe besteht darin, dem Prozess des Klienten zu folgen und für ihn da zu sein. Ich sollte in meiner Rolle – ich bin ja als Mensch nicht ausschließlich Therapeut, das ist eine Rolle, die ich vorübergehend annehme – kompetent genug sein, um alles draußen zu halten, was nicht zum Prozess des Klienten gehört. Egal wer oder was das reinbringt. Ich sollte den Prozess von Störungen abgrenzen können. Wenn ich traurig bin oder werde, bin ich mit meiner Wahrnehmung nicht mehr beim Klienten. Wenn ich die Fähigkeit nicht habe, es draußen zu lassen, sollte ich es natürlich ansprechen. „Ich bin gerade traurig, aber das hat nichts mit Ihnen zu tun. Das ist nur, weil meine Katze gestern gestorben ist.“ Ist ja völlig okay, das zu teilen. Nur sollte es im Dienste des Klienten stehen. Und nicht im Dienste der Selbstregulation des Therapeuten. Das sollte der Therapeut auf eine intelligentere Weise können. Als therapeutischer Anfänger habe ich diese Dinge noch häufiger kommuniziert. Es ist eine Frage der Kompetenz. Man wächst in die Fähigkeit hinein, sich mit den eigene Prozessen erst zu beschäftigen, wenn die Sitzung vorbei ist.

Kommen Menschen zu dir, die sich wünschen, dass du ihre Krankheit „wegmachst“? Und was wäre ein besserer Umgang mit Krankheit?

Am Anfang meiner Praxisarbeit sind mehr Menschen mit so einer Haltung gekommen. Mittlerweile kommen mehr Menschen durch Mund-zu-Mund-Empfehlung und wissen, was auf sie zukommt. Das sind Menschen, die über „Mach mein Symptom weg“ schon hinaus sind. Die möchten sich selbst einfach besser kennenlernen und die Ursache hinter den Symptomen wissen und auflösen.

Wenn Menschen mit „Mach mein Symptom weg“ zu mir kommen und die Erwartung haben, dass ich sie „behandle“, kläre ich sie auf, dass ich auf diese Weise nicht helfen kann. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: entweder sie erklären sich bereit, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und sich für sich selbst zu interessieren – neugierig auf sich zu werden – oder sie wollen weiterhin “behandelt” werden. Dann empfehle ich einen anderen Ansatz für sie. Behandlungsangebote gibt es ja zuhauf. Ich sage dann: „Wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie an sich selbst etwas verändern, etwas in die Hand nehmen möchten, wenn Sie bereit sind zu investieren, sich zu verändern, dann können Sie wiederkommen.” Es kommt selten vor, aber manchmal schmeiße ich Leute auch raus. Wenn sie keine Verantwortung übernehmen, aber trotzdem weiter kommen wollen – nach dem Motto: „Das ist aber so nett mit dir hier!“ – weil ich den Platz dann lieber jemand anderem geben möchte. Es wäre nicht fair, diesen Platz zu blockieren für jemanden, der sich nicht wirklich entwickeln möchte.

Wie kann man vermitteln, dass Weinen, Lachen oder Schreien oft viel befreiender wirken als stundenlanges Reden und Analysieren??

Ich bin an dieser Stelle sehr radikal, aber meine Ansicht ist: Die Therapieschulen und -Systeme, denen wir begegnen, beruhen zum großen Teil auf systematisierten und professionalisierten Abwehrmechanismen – also auf Strategien, Schmerz zu vermeiden und damit auch alles, was Schmerz auslösen könnte, z.B. alte unerfüllte Bedürfnisse wie das nach Körperkontakt oder nach echter Resonanz in tiefen Emotionen. Wenn man sich die Schulen anschaut, aus der Perspektive von Ganzheitlichkeit die ich zuvor beschrieben habe, wird man feststellen, dass es in den meisten Therapieschulen um etwas anderes als Heilung geht. Nämlich um Schmerzvermeidung. Man könnte die meisten Therapiepieschulen – vor allem die großen, bekannten – definieren und unterscheiden durch ihre spezifischen Vorlieben und Strategien, wie sie Schmerz vermeiden.

Die Gesprächspsychotherapie nach Rogers tut das zum Beispiel, indem sie gewisse fast religiös anmutende Dogmen aufstellt. Ein Dogma der Gesprächstherapie, so wie ich es verstanden habe, ist: „Beziehung heilt.“ Etwas überspitzt ausgedrückt: die Liebe des Therapeuten heilt den Klienten. Ich sage es bewusst etwas plakativ, aber darauf läuft es hinaus. Die unbedingte Wertschätzung, von der Rogers immer spricht, ist menschlich nicht möglich und auch nicht entscheidend. Sicherlich sind Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Akzeptanz wichtige Grundlagen, um in Kontakt zu kommen. Aber das ist kein Schlüssel für Heilung. Heilung bedeutet, den alten Schutzmechanismus gegen den Schmerz aufzulösen, sodass der originale, natürliche Impuls wieder zum Vorschein treten kann.

Jede Therapieschule hat ihre eigene Philosophie, worum es in der Therapie im Kern geht und was ein „Therapieerfolg“ ist. Nach meiner Einschätzung ist es fast immer die erfolgreiche oder bessere Unterdrückung von Schmerz. Der Klient fühlt sich subjektiv deshalb häufig auch besser, aber die Wunde wurde nur noch besser zugeklebt und schwelt weiter unter dem Pflaster. Wenn ich mich in der Küche mit einem Messer schneide, tut nicht der Schnitt weh und auch nicht die ersten fünf Minuten nach dem Schneiden, da habe ich mich nur erschreckt. Weh tut es in dem Moment, wenn die Haut heilt. Wenn sich die Kruste bildet. Das ist die Zeit, in der es ständig sau weh tut. Der Schmerz ist ein Zeichen für Heilung.

Die Psychoanalyse zum Beispiel vermeidet Schmerz, indem sie alles intellektualisiert. Indem sie versucht, aus allem eine Interpretations- und Intellektualisierungsaufgabe zu machen. Klar, die moderne „psychodynamische“ Analyse hat alle möglichen theoretischen Beziehungskonzepte mit eingebaut. Aber die Grunddynamik bleibt die gleiche, es ist ein Reden über die Dinge. Die Gesprächspsychotherapie ist als Gegenbewegung zur Analyse entstanden, sie sagte: Schluss mit dem ganzen autoritären Zeug! Keine Verhaltenstherapie und Psychoanalyse mehr! Wir machen jetzt was Neues, gehen auf die Beziehungsebene ein und begegnen uns jetzt auf Augenhöhe! Was nicht möglich ist. Der Therapeut ist eben nicht auf Augenhöhe. Er wird angesprochen, weil er eine Kompetenz hat, die der Klient nicht hat. Der Therapeut soll doch für etwas Profi sein.

Was viele nicht wissen: Carl Rogers ist nach Anwenden seiner eigenen Methode im Burnout gelandet und war arbeitsunfähig. Seine Idealvorstellungen – also auch eine Verkopftheit – haben ihn so sehr weggebracht von dem, was tatsächlich real möglich ist und wie es funktioniert. Das muss man bedenken. Erfolg ist für diese modernen Therapieschulen, wenn die Menschen wieder funktionieren und den Schmerz nicht mehr spüren. Aber das wird dann schnell nur noch „Problem-Management“ und führt bloß zur Symptomverschiebung. Den Schmerz nicht mehr zu spüren, heißt überhaupt nichts. Da kann man auch Drogen nehmen oder Schmerzblocker. Das ist noch keine Heilung.

Meine Definition von Heilung beruht auf der Erfahrung von Schmerz. Es gibt nur wenige Therapeuten, die wirklich bereit sind, mit ihren Klienten in den Schmerz zu gehen. Und den Schmerz als die eigentliche Grunderfahrung zu sehen. Dort im Schmerz zu bleiben und nichts zu tun! Sondern von dort auf die Heilungskräfte im Klienten zu vertrauen. Die Lösung liegt im Klienten. Darum geht es! Aber das ist schwierig, weil man das Leiden und die Ungewissheit aushalten muss – auch als Begleiter. Die meisten Therapeuten haben viel zu viel Angst davor. Wenn jemand lange solche handelsüblichen Therapien mitgemacht hat, kann es sehr schwer sein, in die Heilung zu kommen, weil so viele verdammt intelligente Blockierungsmechanismen durch therapeutische „Interventionen“ eingebaut wurden. Es ist oft viel schwieriger mit so jemandem zu arbeiten als mit jemandem, der es zum ersten Mal macht.

Ich habe häufig Klienten, die jahre- oder jahrzehntelang in Therapie waren und nach der ersten oder zweiten Sitzung sagen, sie können gar nicht fassen, dass sich bereits mehr in ihrem Leben verändert hat als durch die Therapieerfahrungen davor. Meine Arbeit fällt einfach nicht in den üblichen Kanon von Therapie.

In welchem psychischen Zustand siehst du die Gesellschaft und Kultur, in der wir leben?

Ich glaube in unserer heutigen Zeit ist kognitive Dissonanz ein großes, schweres, wichtiges Symptom. Das liegt daran, dass wir in einer Zeit leben, in der die Menschen ihre Identität in Meinungen suchen. In der Zugehörigkeit zu Glaubenssystemen. Das war in früheren Zeiten anders. In früheren Zeiten haben die Menschen ihre Identität mehr in Erfahrungen verwurzelt – z.B. in der beruflichen Rolle, also ihrem Können und ihren Kompetenzen, in der gesellschaftlichen Stellung, in ihrer Abstammung, in ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe usw.

Grundsätzlich war also die Identität mehr im Körper und konkreten, realen, sozialen Bezügen oder Aufgaben verankert. All diese konkreten Bezugsmöglichkeiten wurden in der Postmoderne suksessive weg-ideologisiert und weg-trainiert unter Stichworten wie „Selbstbestimmung“, „Emanzipation“, „Liberalismus“ und wie sie alle heißen. Man versucht sogar schon länger, die Verbindung von Identität und biologischem Geschlecht zu kappen, was fast schon die ultimative Abkopplung von der eigenen physischen Realität ist. Der Konstruktivismus, der behauptet, jeder könne sich selbst „frei erfinden“ und „definieren“ beruht auf völliger Ignoranz von Realität und Naturgesetzen. Also einer Abspaltung vom Körper. Also auf einer schweren geistigen Störung.

Wenn wir Identität suchen, suchen wir eigentlich ein Ich-Gefühl in etwas, das uns Sicherheit gibt. Ich kann meine Identität in meinem Körper suchen. Ich kann sagen, was ich denke und meine ist eigentlich wurscht, ich bin einfach mein Körper und das ist meine feste, reale Identitätsgrundlage. Das gibt Sicherheit und Verlässlichkeit. Dafür muss ich meinen Körper aber so spüren, dass ich mich darin sicher fühle! Das tun viele Menschen nicht. In der heutigen Zeit fühlen die meisten Menschen sich in ihrem Körper so unsicher, dass sie lieber in den Kopf und ihre Gedanken auswandern. Das heißt, sie halten an Gedanken fest und suchen Konstanz und Identität in Gedanken, Glaubenssystemen und Ideologien.

Wenn jemand diese Dinge nun hinterfragt, hinterfragt er nicht nur eben Gedanken und Philosophien, sondern die Identität von sich selbst oder anderen, also das einzige, was dem Menschen eine Selbst-Sicherheit gibt. Und das ist der Grund, warum Menschen darauf häufig mit Trauma-Reaktionen reagieren: Aggressionen, Vermeidung, Tabuisierung, Dissoziation – die klassischen Trauma-Reaktionen eben. Das liegt aber nicht direkt an der kognitiven Dissonanz! Das liegt daran, dass die kognitive Dissonanz an einer Stelle auftritt, wo Menschen ihr einziges Sicherheits- und Stablilitätsgefühl herholen wollen.

Die Krankheit, in der wir leben, ist, dass uns unsere Kultur zu weit vom Körper und vom Fühlen abspaltet. Wir sind in so einem heftigen Grad neurotisch. Neurotisch sein ist so Standard geworden, dass die ganze Kultur der Menschen nur noch auf Konzepten, Ideen und Ideologien beruht und wir gar kein Fundament mehr im Körper haben. Das heißt, wir verlieren die Erdung. Wir verlieren den Realitätskontakt. Das geht eine Zeit lang gut und dann wird die Gesellschaft psychotisch. Die Definition der Psychose ist, dass man den Realitätsbezug völlig verliert. Und wenn wir als Gesellschaft so psychotisch werden, funktionieren wir nicht mehr, das Ganze zerfällt und wir müssen von vorne anfangen. Was gerade im großen Maßstab auch passiert.

Ich bin vor kurzem in einem Artikel über Covid-19 auf den Begriff Wetiko gestoßen: “Wetiko – oft als mentales Virus verstanden – verbreitet die tiefsitzende Illusion, als Mensch hoffnungslos im Käfig eines von der Welt getrennten Egos gefangen zu sein.”

Also verschlossenes Herz und fehlende Naturverbindung. Das nehme ich bei vielen Menschen wahr. Warum ist das so?

Das trifft es ziemlich gut. Nur würde ich nicht sagen, dass das Herz verschlossen ist. Ich würde eher vermuten, es ist kollabiert. Wir haben nicht ein starkes Herz mit einer Schicht darum. Das gibt es auch, ist aber gerade nicht unser Hauptproblem. Hauptproblem ist, wir haben unterbelichtete Herzen, die zu wenig gefördert wurden. Die nicht genug Kraft haben, um in die Welt zu kommen. Alles ist irgendwie halb- oder viertelherzig. Was die Naturverbundenheit angeht, so fehlt uns Körperverbundenheit. Die Naturverbundenheit kommt dann von selbst. Die Leute, die für Klima und Umweltschutz auf der Straße demonstrieren, haben von der Idee her schon recht. Der Archetyp des „Zurück zur Natur“ ist schon richtig, aber dermaßen neurotisch verdreht bei denen, die dann nach Klimaschutz schreien. Was ja an sich schon ein absurder Begriff ist. Weil diese Menschen überhaupt keine Orientierung haben, was genau ihr Problem ist, wie und mit welchen Kräften sie es lösen könnten. Diese Leute können nur gerettet werden, wenn sich eine gesündere Kraft ihrer annimmt.

Wie meinst du das? Welche gesündere Kraft ist das?

Ich meine damit zunächst einmal nur eine Kraft, die eine höhere, gesündere Schwingung hat. Die durch Therapeuten und Coach vermittelt werden oder durch einen Mentor und Lehrer, durch Eltern oder auch durch bestimmte Erlebnisse – das hängt von der Empfänglichkeit dessen ab, der sie braucht. Je größer die Empfänglichkeit, desto feiner und unscheinbarer kann die Form sein, in der sich eine helfende Kraft äußert. Manche Menschen können verändernde Impulse durch einen Traum bekommen oder durch ein Buch, durch einen Film, durch Musik. Die Kraft und höhere Schwingung, die ich meine, ist von der Form unabhängig und in kann unendlich vielen Formen auftreten und wirken.

Siehst du Grund zur Hoffnung, dass es zunehmendes Interesse an Nachhaltigkeit und Gesundheitsthemen gibt?

Mag sein, dass es diesen Zulauf gibt. Für mich sind alle kollektiven Prozesse mechanisch. Kollektivprozesse laufen ohne Bewusstsein ab, wie automatisch. Das ist nicht mein Business. Mein Business ist Bewusstseinsentwicklung. Da geht es um das Individuum: dass der Einzelne sich von diesen kollektiven Prozessen löst und etwas inneres, eigenes, einzigartiges findet, was sein Leitstern und Kompass wird. Das findet natürlich innerhalb eines Kollektivs statt und der Mensch muss sich damit auseinandersetzen, aber er wird nicht mehr durch das Kollektiv gesteuert.

Deswegen: Ob die Leute jetzt mehr Yoga oder Qi-Gong machen oder lieber BioJoghurt kaufen, ist für den Entwicklungsprozess, um den es mir geht, vollkommen irrelevant. Ich vermute mal, dass ein einfacher Ziegenhirte irgendwo in den Alpen sehr viel näher an wirklicher Bewusstseinsentwicklung dran ist als viele Leute, die seit 20 Jahren Yoga machen und es in ihr neurotisches Lebenssystem einbauen. Ich kann das ganz absichtlich so sagen, weil ich schon eine Reihe Yoga-Lehrer in meiner Praxis hatte und erschrocken war, wie wenig sie ihren Körper spüren!

Yoga gehört nicht in unser Gesellschaftssystem und unsere Kultur. Yoga ist ein Balancierungssystem aus Indien. Eine vollkommen andere Kultur, Gesellschaft und Ethnie. Die brauchen Yoga, um gewisse Tendenzen dieses Kulturraumes auszubalancieren. Wir haben andere Tendenzen und brauchen andere Balancierungssysteme. Wir neigen dazu, zu verkopft zu sein, zu intellektuell, zu zerebral, zu sehr Kontrolle anzustreben und deshalb ins Technokratische und damit Anti-Persönliche und Anti–Individuelle abzurutschen. Also brauchen wir dafür Mechanismen der Gegensteuerung. Wir brauchen Rituale und Bräuche, die uns wieder ins Spontane, Körperliche, Rhythmische, in ästhetische Gesinnung und Spiel bringen – das hat Schiller in Zusammenarbeit mit Goethe sehr präzise ausgetüftelt. Wir müssen uns auf unsere Kultur und unsere Tradition konzentrieren. Was genau brauchen wir, um uns zu balancieren und ins Gleichgewicht zu kommen? Und dann müssen wir unseren eigenen Weg finden.

Wir können nicht ein bisschen Buddhismus, Yoga, Taoismus und ein bisschen New-Age mixen und dann jeder selbstgestrickt seine eigene Variante anwenden. Meine Vermutung ist, dass es dann wieder nur Schmerzvermeidung und Bequemlichkeit bleibt. Die Fortsetzung der kollektiven Neurose als Lifestyle. Daran ist nichts falsch, so soll es nicht klingen. Das ist einfach ein kollektiver Prozess, der seinen eigenen Entwicklungsdynamiken folgt – der Massengeist, der sich in solchen Strömungen äußert. Um den geht es mir nicht. Mir geht es um Bewusstseinsentwicklung und das geht nur im Einzelnen, für den Einzelnen. Individuation ist kein Massenprozess.

Ich halte nicht viel von der Idee eines „Massenerwachens“, ein Wort, das zur Zeit viel im Umlauf ist. Menschen werden durch äußere Umstände einfach gezwungen, Dinge zu sehen, die sie bisher nicht sehen konnten oder wollten. Aber das als „Erwachen“ zu bezeichnen, ist eine starke Inflation des Wortes. Für mich ist das Wort reserviert für geistiges Erwachsenwerden. Das ist die erste Stufe des Erwachens. Wirklich die Pubertät durchlaufen und wirklich durchkommen. Das ist schon außerordentlich selten in der westlichen Welt. Unter 10.000 Leuten gibt es vielleicht einen, der erwachsen geworden ist.

Wenn wir die Sehnsucht nach Verbesserung haben, aber noch keine Führung, dann neigen wir dazu, unsere Bedürfnisse auf ein Kollektiv, auf irgendein „wir“ zu projizieren und sie so von uns selbst weg zu projizieren. Das ist ein Schutzmechanismus, den es zu durchschauen gilt. Er sorgt dafür, dass wir „nach außen gedreht“ bleiben, unbedingt den Regenwald retten „müssen“ oder andere Menschen erziehen, damit sie gefälligst unseren besseren Vorstellungen von der Welt entsprechen. In der geistigen Entwicklung lässt man diese Projektionen schnell hinter sich und bemerkt, dass es nur eine einzige Baustelle gibt: man selbst und das eigene Bewusstsein. Dann wandelt sich plötzlich die ganze Welt und wird etwas ganz anderes.

Frühere Kulturen kannten die Initiation ins Erwachsenenalter. Könnte man die Geschehnisse um das Corona-Virus als Initiation bezeichnen?

Das ist eine interessante Frage. Ich würde sagen, es ist eine Chance dafür. Initiation ist für mich auch ein Begriff, der eigentlich auf den individuellen Geist gemünzt ist. Initiatische Erfahrungen sind Schwellenerfahrungen, die dafür sorgen dass deine Identität sich ändert. Dass du dich nicht mehr mit dem identifizierst, mit dem du dich zuvor identifiziert hast, sondern mit etwas anderem, Größerem.

In der Masse und globalen Veränderung wird das nicht passieren. Die Leute werden genauso weitermachen wie bisher auch. Nur das System, in dem sie funktionieren, wird sich ändern, weil die Menschen auf den entscheidenden Steuerpositionen des Systems sich gerade ändern bzw. schon geändert haben. Und nicht mehr aus Gier, Selbstbereicherung und Angst heraus entscheiden, sondern aus Verantwortungsbewusstsein. Das hat es schon seit über 100 Jahren nicht mehr gegeben in der westlichen Welt.

Ich denke, wir haben in Zukunft Chancen, weniger neurotisch zu sein. Ursprüngliches wird sich wieder mehr entfalten können. Ich denke, wir werden über die nächsten Jahrzehnte wieder mehr Natürlichkeit und Verbundenheit entwickeln. Aber das ist keine geistige Entwicklung, nur eine mechanische Reaktion auf Impulse, die wirksam werden. Wir sind jetzt in der Kehrtwende von einer Fast-Psychose der globalen Welt zur Heilungskrise und dann geht es wieder mehr in die Natürlichkeit, in die Zugehörigkeit zu konkreten, real wahrnehmbaren Gruppen und Strukturen und in die Verbindung von Körper und Geist.

Auf was können wir uns in Lebenskrisen besinnen? Was können wir konkret im Alltag tun?

In meiner Arbeit arbeite ich mit drei Grundfähigkeiten. Die nennen sich Zentrierung, Erdung und Abgrenzung. Es gibt noch mehr, aber das sind die allerwichtigsten. Grundsätzlich würde ich jedem Menschen, in jeder Situation, in jeder Epoche empfehlen, möglichst viel davon zu entwickeln.

Zentrierung heißt Selbstgespür. Sich selbst möglichst gut wahrnehmen zu können. Erdung heißt Realitätskontakt. Möglichst im Körper sein, den Körper wahrnehmen und die Realität von Ideen und Wunschvorstellungen unterscheiden können. Abgrenzung heißt: Klare psychische Grenzen haben. Was gehört zu mir, was gehört nicht zu mir? Wer bin ich, wer bin ich nicht? Wo beginnt der andere, wo beginne ich? Was kann ich, was kann ich nicht? Das nenne ich gesunde Ego-Entwicklung. In meinem Verständnis ist das Ego nichts schlechtes, sondern etwas sehr gutes. Wir brauchen möglichst souveräne, starke und bewegliche Egos und dürfen sie auf keinen Fall abschaffen! Das wäre furchtbar. Ego-Entwicklung beruht auf Abgrenzung. Dass man sich selbst möglichst gut definieren und sich gut abgegrenzt spüren kann.

Und wenn ich diese drei Grundfähigkeiten habe, habe ich eine super Basis, um in jeglicher Lebenssituation mit hoher Intelligenz zu agieren. Ich würde jedem empfehlen, sich damit auseinanderzusetzen: Körperliche, emotionale und geistige Zentrierung. Das gleiche für Erdung und Abgrenzung. Wer sich darum kümmert, hat sicherlich ein Projekt für ein paar Jahre, wird aber auch sehr schnell Effekte merken.

Fantasiespiel: Du bist König deines eigenen Landes. Wie sieht dein Gesundheitswesen aus?

Mit dieser Frage habe ich mich bislang nicht viel beschäftigt. Weil ich in politischen, institutionellen Angelegenheiten bislang nicht engagiert bin. Wenn ich mal so frei drauflos fantasiere: Erstmal würde ich so viel System wie möglich abschaffen. Gerade dieses Denken in festen Systemen und Institutionen ist die Krux, die uns gesunde Entwicklung verbaut. Weil alle Systeme und Institutionen dazu neigen, zu verhärten und zu verkrusten, Menschen feste Rollen zuzuordnen und ihnen die Bewegungsfreiheit und geistige Entfaltung zu nehmen. Jedes System tendiert dazu, sich in seinen Strukturen zu stabilisieren, bis es sich überhaupt nicht mehr bewegen kann.

Ich würde eher auf Prinzipien aufbauen und eines der wichtigsten Prinzipien wäre Verantwortung. Nicht nur im Gesundheitswesen, überall wo es um gesellschaftliche Prozesse geht, muss Verantwortung ganz oben stehen. Jeder, der in irgendeiner Weise eine Funktion übernimmt, muss entsprechend seiner Funktion und Macht Verantwortung übernehmen. Und Verantwortung ist etwas persönliches. Jeder muss persönlich für das einstehen, was er entscheidet, sagt, tut und wirkt. Das ist ein großer Unterschied zu unserem jetzigen System, wo die Leute sich hinter ihren Rollen, Vorgesetzten, Vorschriften und Regeln verstecken. Das muss alles weg. Wir müssen wieder dahin zurückkehren, dass kompetente, reife, gebildete Menschen an die Positionen kommen, an denen sie persönlich verantwortete Entscheidungen treffen.

Außerdem würde ich dafür sorgen, dass die Ausbildung der Mediziner, Psychologen und Therapeuten sich völlig verändert. Ich würde wieder zur alten Idee der Universität zurückkehren, zur freigeistigen Entwicklung. Ich würde Medizin und Psychologie mehr an die Geisteswissenschaften als an die Naturwissenschaften anbinden. Die Ausbildung muss so sein, dass die Menschen von der Angst befreit werden. Nicht so, dass ihnen noch mehr Angst gemacht wird. Irgendwo habe ich vor einiger Zeit gelesen, dass Mediziner der angsterfüllteste Berufszweig ist. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Meine Erfahrung ist aber: ein Krankenhaus riecht komplett nach Angst. Und je höher ich in der dortigen Hierarchie gehe, desto mehr Angst spüre ich. Die Putzfrau und der Hausmeister agieren am wenigsten aus Angst. Wir müssen die Angst aus den Systemen nehmen. Wir müssen Studierende sich wieder frei entscheiden lassen, was sie lernen wollen. Wie sie ihrer Motivation folgen können, statt Angst vor dem Durchfallen zu haben, vor schlechten Noten oder davor, keinen Job zu kriegen. All das ist Angst, Angst, Angst – und muss weg.

Und ich glaube, dann kann man die Menschen so ziemlich sich selbst überlassen. Wer Medizin studiert, wird eine Motivation haben. Der wird den Menschen helfen wollen. Sicherlich muss es ein paar Filter geben. Man muss schauen, dass man keine Psychopathen hineinlässt, die einfach nur an Menschen herummanipulieren wollen. Schauen, ob die Menschen wirklich reif genug sind, um sie verantwortlich sein zu lassen. Ich glaube, ein System funktioniert am besten, wenn Menschen in ihrer Verantwortung gelassen werden. Wenn du einen Fehler machst, ist es okay, aber dann übernimm Verantwortung und lerne daraus. Lerne aus dem Fehler und such dir Wege, dass du möglichst wenige Fehler machst. Gesunde Menschen wollen das. Die wollen nicht unterdrückt und kontrolliert werden von Punkte- und Approbationssystemen.

Ansonsten würde ich das System völlig freistellen von zu viel Regulation. Jeder Patient soll sich seinen Arzt und Therapeuten selber suchen. Es spricht sich von alleine herum, was funktioniert und wer warum gerne zu wem geht. Das entwickelt sich von selbst. Und das Versicherungssystem… ich würde darüber nachdenken, ein System zu bauen, das Therapeuten so bezahlt, dass sie festes Gehalt für eine bestimmte Menge von aufgenommenen Patienten bekommen. Dann könnten Menschen einfach kostenlos zu schon bezahlten Therapeuten gehen. Falls sie selber dafür kein Geld haben sollten. Therapeuten müssen dann nicht umständliche Anträge bei Versicherungen stellen, begründen, warum dieser Klient nochmal 50 Sitzungen braucht usw. Dieses ganze Verwaltungszeug würde ich extrem reduzieren, was enorm Kosten spart und Ressourcen freisetzt. Ein Therapeut steht dann einfach zur Verfügung– und ist verantwortlich dafür, möglichst gute Therapie zu machen.

Bildquelle: Philipp Alsleben & 123rf.com

Ein Gedanke zu “Der Therapeut als Waffenträger, Realitätskontakt und die Verbindung von Körper und Psyche – mit Diplom-Psychologe Philipp Alsleben”

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