Meine Arbeit mit Qigong richtet sich an die Eigenverantwortung der Menschen. Ich möchte Menschen ermächtigen, sich selbst zu verstehen und sich selbst zu gestalten.“ – oder – “Manche behandeln Ihren Körper wie eine Müllhalde, aber in Wirklichkeit ist es ein Tempel!”


Konstantin Rekk

Geboren in Moskau, Studium Physik, Mathematik, Philosophie – Mathematik-Diplom, Studienaufenthalte in China, Nepal, Indien, Japan, Ausbildung in traditioneller chinesische Medizin und Akupunktur, Heilpraktiker, Coach, Zertifizierter Lehrer der Deutschen Qigong Gesellschaft, Aikido-Lehrer (5. Dan Aikikai), eigenes Dojo in Berlin-Prenzlauer Berg: https://www.tanden-aikido.de/

Schon unsere Großeltern wussten, das Wichtigste im Leben ist Gesundheit. In seiner Reihe „Mach’s weg“  interviewt Laurens Dillmann Menschen, die sich kümmern. Wieso sind sie ihrer Berufung gefolgt? Was sind ihre Werte?  Was macht uns krank, was lässt uns heilen? Ist unser Gesundheitswesen gesund? Und lässt sich Krankheit einfach “wegmachen”? 


Laurens Dillmann: Was ist Qigong?

Konstantin Rekk: Qigong ist eine alte chinesische Form der Lebenspflege und Selbstentwicklung. Durch Qigong kann man den Zustand seines Körpers und Geistes, die eigene Befindlichkeit, die verschiedenen Energien, die in einem wirken, in ihren Qualitäten erfahren und ansprechen. Das heißt, man ist nicht nur in seinem Körper „eingesperrt“ und den körperlichen und mentalen Prozessen ausgeliefert, sondern kann immer mehr Kontakt mit ihnen aufnehmen und sie beeinflussen. Über die Regulation der drei Schätze bzw. unserer Ressourcen – das sind Körper, Energie und Bewusstsein – lassen sich die Lebens- und Seinsqualität nachhaltig verbessern.

Die Methoden des Qigong basieren in Ihrer Essenz auf universellen Prinzipien, die aus der Erfahrung von mehreren Tausend Jahren gewonnen wurden. Die konkrete Übungsform lässt sich flexibel auf die Bedürfnisse des jeweiligen Menschen anpassen. Im Qigong wird der Mensch mit seiner Einbindung im Kosmos als ein dynamisches System verstanden, das durch das Wirken polarer Kräfte und Qualitäten bestimmt wird.

Wie verlief dein Weg zum Qigong-Lehrer?

Ursprünglich von der Naturwissenschaft. Du musst verstehen, in den sozialistischen Staaten war die Naturwissenschaft der Anker für Philosophie, Lebenssinn und Erkenntnis, eine Variante der Aufklärung auf Basis der naturwissenschaftlichen Erkenntnis. Mir hat das Studium – Physik/Mathe/Philosophie – sehr viel Spaß gemacht, ich habe es mit dem Mathematik-Diplom abgeschlossen. 

Als sich 1989 die Grenzen öffneten, kam man an die ganze spirituelle Literatur heran. Es gab zwar in der DDR einige Quellen zum Buddhismus und Taoismus, aber nicht in der Breite und nicht als konkrete Beschreibung der Methoden. Asiatische Philosophie, Meditation, Aikido, Zen, Qigong, Buddhismus, Taoismus. Ich habe also seit 1990, parallel zu meinem Studium, in den ersten Dojos in Ost-Berlin Karate, Aikido und Zen-Meditation geübt. Dann, Ende der 90er Jahre, wurden die Budgets der Universitäten und Forschungseinrichtungen in Deutschland immer mehr zusammengestrichen. Gleichzeitig erschien mir unter dem Einfluss meiner Praxis der Meditation und Inneren Künste die Welt der akademischen Forschung als zu begrenzt. Ich bin dann nach Nepal gegangen, wo ich zwei Jahre von 1999 bis 2001 tibetischen Buddhismus studiert und praktiziert habe. 

Danach habe ich in Deutschland intensiv weiter praktiziert und mich weitergebildet. Mir wurde immer klarer, ich möchte keinen Bürojob machen, auch nicht gut verdienender IT-Leiter werden. 2010 habe ich mich dann selbstständig gemacht und eine Schule für Qigong, Aikido und Meditation in Berlin eröffnet. Als ich der Meinung war, das Unterrichten im Hauptberuf vor mir selbst vertreten zu können. Es gibt ja Leute, die nach drei Seminaren eine eigene Schule eröffnen und zum Lehrer werden. Ich bewundere deren Selbstvertrauen (lacht). Ich habe dafür 20 Jahre gebraucht. Die Selbstständigkeit hat für mich erstaunlich gut funktioniert. Ich mache 24/7 das, was mir Spaß macht. Allerdings – der Unterricht im Dojo umfasst vielleicht 4 Stunden am Tag. Das ist nur die Spitze des Eisbergs. Ich bin Webmaster, erstelle meinen eigenen Content, mache Videos, Emails, Buchhaltung, Steuererklärungen und nicht zu vergessen das eigene Üben – dann ist der Tag rum (lacht).

Wie verändert sich die eigene Praxis, wenn man sie zum Beruf macht?

Wenn ich mir mein Qigong anschaue – vor drei Jahren konnte ich nicht so viel wie heute. In Fünf Jahren werde ich mein heutiges Ich zurückschauend wieder als Anfänger empfinden. Aber das Schöne ist, man fühlt sich ja nicht so. “Der Weg ist gut am Anfang, in der Mitte und am Ende“. Ich bin optimistisch und fühle mich gut mit den Übungen, die mein Leben mit guten Erfahrungen und spannenden Erkenntnissen bereichern. Irgendwann ist man einfach gelassen und vertraut dem Weg, Der Motor ist nicht mehr dieser Ehrgeiz vom Kopf, sondern das ruhige Streben vom Herzen. 100% zufrieden bin ich selbst jedoch nie. Und bin doch zufrieden. Man muss mit dem Zweifel leben können. Dieser produktive Zweifel ist eine große Triebkraft. Jemand, der in seiner Praxis nur Sicherheit und Komfort sucht, wird nicht weit kommen. Mit dieser Art Zweifel leben zu können, ist nicht jedermanns Sache.

Kannst du mir genauer erklären, wie dein Qigong-Unterricht abläuft und wie du dein Wissen vermittelst?

Eigentlich entwickelt sich das Verständnis meiner Teilnehmer von alleine durch die Übungen. Ich führe die Übungen vor und zeige auch die Fehler. Oft begleite ich die Übungen mit meiner Stimme und lenke dabei die Aufmerksamkeit auf körperliche und geistige Aspekte in den Übungen. Manchmal erzähle ich auch 45 Minuten am Stück, gebe alle Hintergrundinformationen. Interessanterweise sind die Teilnehmer danach auch voller Energie. Durch Worte wird scheinbar auch Qi aktiviert und übertragen…(lacht). Ansonsten viel Üben. Feedback und Korrekturen. In den Kampfkünsten wie Aikido und Tai-Chi geht es um die Geschicklichkeit im Umgang mit den äußeren Kräften. Im Qi-Gong ist das zum Teil auch wichtig. Die äußeren Kräfte sind die Schwerkraft. Himmel und Erde. Und unsere Ausrichtung. Wie wir uns im Alltag bewegen. Sei es: Wie mache ich eine Tür auf? Wie stehe ich? Wie gehe ich? Wie atme ich? Und weiter: Wie denke ich? Was bin ich?

Diese Reflektion gibt den Menschen etwas, ein Feedback über den eigenen Zustand. Sie kriegen mit, wie sie sich bewegen. Indem ich die Übungen demonstriere und die inneren Wirkprinzipien erläutere, biete ich eine Schablone, einen Referenzrahmen für das eigene Üben und Bewusstwerden. Wenn jemand eine Bewegungsform nachmachen soll und es nicht kann, dann wird eine produktive Feedbackschleife gestartet, die einen anregt sich weiterzuentwickeln und Ressourcen zu aktivieren. Dadurch erfährt man unter anderem, dass wir im Prinzip das verkörpern, was wir auch geistig sind. 

Der Körper speichert die Muster. Und die gerinnen, oder gefrieren, kristallisieren sich als oft nicht förderlicher Dauerzustand. Für mich ist Üben auch ein positiver Feedbackprozess, bei dem ungünstige festgesetzte Muster aufgelöst werden. Das Gesamtsystem von Körper, Energie und Bewusstsein wird in eine qualitativ höhere Konfiguration gebracht. Ist diese Konfiguration gut und stabil genug, dann kann es auch unter Einfluss ungünstiger Faktoren sein Gleichgewicht bewahren, seine Funktionen aufrecht erhalten – das würde ich „Gesundheit“ nennen. Wenn ein harmonisches Gleichgewicht besteht und alles gut funktioniert, wird das Leben als sinn- und freudvoll erfahren.

Was hat es mit Verspannungen auf sich und wie behandelt man sie mit Qi-Gong?

Spannung frisst sehr viel Energie. Wenn du sie die ganze Zeit hältst, hast du die Energie nicht für anderes zur Verfügung. Ein Beispiel: Wenn ich zu einem verspannten Menschen sage „Heb’ mal den Arm“, hebt sich seine ganze Schulter mit. Da gibt es eine ganz einfache Übung: Senke die Schulter, lass den Arm steigen. Das können viele gar nicht. Erstmal. Um das umzusetzen müssen wir nicht so sehr eine Technik oder Form einstudieren, sondern lernen, uns und unseren Körper mehr wahrzunehmen. Was ist die Schulter, was ist der Arm, wie hängen diese mit anderen Körperbereichen zusammen, wie geht die Bewegung überhaupt? Und was hindert mich daran, die Bewegung natürlich und mit optimalem Krafteinsatz auszuführen? Physiologisch, anatomisch ist es erklärbar: Ich sollte die rumpfnahe Muskulatur nutzen, statt der peripheren. Aber das hilft uns wenig, um das richtige Bewegungsgefühl zu entdecken. Und so gibt es ganz viele Bewegungen und Haltungen, die im Qigong den Menschen die Möglichkeit geben, wie in einen Spiegel zu schauen, so dass sie ihre Verspannungen aufdecken können.

Noch eine elementare Übung: Beweg dich mal aus dem Zentrum. Auch das können viele nicht. Einerseits kann ich theoretisch erklären: Dein Zentrum, dein Dantian ist dort unten. Beweg dich von dort. Was viele dann machen ist: Kopf und Schultern bewegen. Weil sie ihren Körper zwar sehen, aber nicht ansteuern können, nicht mit ihrem Körper und ihrer Energie verbunden sind. So gibt es die verschiedensten Übungen, bei denen ich mein Zentrum finden und einsetzen kann. Wenn ich mich von unten zentriert bewege, sammelt sich meine Energie und zieht sich von den Spannungen ab. Ich kann effektiv handeln. Aus dem Zentrum die Tür öffnen. Aus dem Zentrum Geschirr abwaschen. Luft holen aus dem Zentrum, nicht aus den Schultern oder der Brust. Aus der Mitte sein und gleichzeitig mit allem verbunden.

Wenn man sich aus der Mitte bewegen möchte, es aber nicht kann, sondern aus den Schultern, dann bemerkt man seine eigene, ungünstige Programmierung. Interessanterweise reicht es oft aus, diese Programmierungen aufzugeben. Dann kann sich das Natürliche in uns von selbst entfalten. Denn der Körper würde gerne aus dem Zentrum handeln. Das ist sein angeborenes Programm, seine angeborene Weisheit. Die Weisheit unzähliger Jahre der Evolution ist in uns. Jedes Tier macht das. Das Tier hat einfach nicht diese künstlich auferlegten Muster. Im Qigong werden diese Muster „das Späthimmlische“, das Erworbene, genannt.

Wieso entstehen diese Verhaltens- und Bewegungsmuster, die man eher loswerden müsste?

Jeder hat ja eine Landkarte seines Körpers und glaubt: Das ist mein Körper. Die meisten Menschen sitzen in einem hochkomplexen Auto – aber auf der Rückbank. Sie werden gefahren. Manche sitzen zwar vorne. Aber wissen nicht, wie ihr Auto fährt. Haben ein verzerrtes Bild, das sie über Traumata, Erziehung, und von äußeren Vorlagen übernommen haben. Viele halten ihren Körper und gehen mit ihm um als wäre es ein Trabi, in Wirklichkeit ist es ein Ferrari. Manche behandeln ihn sogar wie eine Müllhalde, aber in Wirklichkeit ist es ein Tempel.

Es beginnt bei den einfachsten alltäglichen Handlungen, wie dem Stehen. Die meisten stellen sich hin und haben eine Eisenhüfte, das heißt Hüftgelenke und Lendenwirbel sind extrem fest. Das ist die Manifestation der Fallangst. Sie haben Angst zu fallen und dann fixieren sie sich. Müssen sie gar nicht! Im Qigong werden wir uns bewusst: Ich stehe nie. Ich falle immer. Ich falle in die Knochen und in die Struktur, statt daneben. Ich kann loslassen, mein Körper trägt mich. Und in den Gelenkzwischenräumen ist immer Flüssigkeit. Ich schwimme ja. Also kann ich eigentlich loslassen. Und wenn ich weiß, dass ich eine gute Basis habe – auch ein Qigong-Prinzip: Unten stabil, oben frei – kann ich mir auch sagen: hey, ich kann ja die Schultern loslassen. Die gehören gar nicht zu meinem Kopf.

Häufig sehen wir dieses Muster: Kopf und Arme werden als eine Einheit empfunden. Die Nerven, die die Schultern anknipsen, sind immer an. Das muss aber gar nicht sein! Im Qigong gehören die Schultern in den Bauch und zum Becken. Erst wenn du das realisierst, kannst du sie loslassen, dich mit der Erde verbinden, dich tragen lassen. Ansonsten hast du natürlich Angst: Wo sollst du sie ablegen? Dann musst Du sie ja halten. Erst wenn Du Dich mit der Erde verbindest und mit der Schwerkraft statt gegen sie arbeitest, kannst du auch den Kopf loslassen. Der kann dann frei werden. Die Arme gehören zum Rumpf, zur Wirbelsäule, nicht zum Kopf. Diese scheinbar kleine Veränderung des Körperbildes kann zu erstaunlichen positiven Effekten auf psychischer Ebene führen. Und so ist das mit vielen anderen Aspekten der Körper- und Energiearbeit. Körper- und Energiearbeit ist immer auch Arbeit mit der Psyche, mit dem gesamten Menschen.

Der Mensch ist halt sehr intelligent und diese Intelligenz hat Vor- und Nachteile. Sie kann sich das Richtige erwerben, aber sich auch Sachen zurechtbasteln und an ihnen festhalten. Sie fixieren, obwohl sie überhaupt nicht funktional sind. Der Körper ist ein Resonanzsystem. Er verkörpert deinen inneren Zustand. Aber umgekehrt prägt er auch deinen Geist. Der Körper bestimmt auch deinen psychischen Zustand mit. Erst warst du ängstlich und angespannt und ziehst die Schultern zu den Ohren, und irgendwann wird das zu deiner Normalität. Und dann bist du so und fühlst dich permanent ängstlich. Ständig diese subtile Spannung im Hintergrund. Eine negative Feedback-Schleife, ein Teufelskreis entsteht. Als Übender, der sich um Entwicklung und Selbstheilung bemüht, solltest Du die positiven Feedbackschleifen aktivieren. Die befreiend sind und dich in den energetisch optimalen, ökonomischen Zustand bringen, deine Ressourcen freisetzen für mehr gute Gefühle, Inspiration, Begeisterung. Ich als Lehrer und Therapeut bin für meine Schüler ein Teil ihres positiven Feedbacksystems. Und sie ebenso für mich. So unterstützen wir uns gegenseitig.

Warum ist Loslassen so schwer?

Ich denke, dass das auch viel mit dem erworbenen Selbstbild zu tun hat. Warum lassen wir etwas nicht los? Oft weil wir einfach denken, wir sind das. Weil es zu uns gehört. So fühle ich mich, das bin ich also. Das wird ein begrenztes und begrenzendes Konstrukt von sich selbst, ein negativer Anker von einem selbst. Aber damit ist man nicht in seinem Potential. Das Bewusstsein ist gefangen in verbogenen, verfremdeten – späthimmlischen – Mustern und Konzepten, die den Blick auf andere Möglichkeiten verstellen. Unser ursprüngliches Potential, das umfasst die natürlichen Möglichkeiten, die schon vor unserer Geburt in uns angelegt waren. Das wird in der taoistischen Philosophie und Medizin als das Ursprüngliche, Vorgeburtliche oder Frühhimmlische bezeichnet. 

Das Loslassen der ungünstigen, Konditionierungen ist nicht einfach. Viele sagen zum Beispiel: So bin ich halt, ich rauche halt. Wieso soll ich atmen lernen, ich atme doch? Und dann entwickelt man Lungen- und Atemprobleme. Weil das Lungengewebe nicht regelmäßig richtig durchblutet wird. Zum Beispiel werden aufgrund eines physiologischen Mechanismus die Teile der Lunge nicht gut durchblutet, die nicht belüftet sind. Für den Körper wäre das nicht ökonomisch, Blut dorthin pumpen, wo keine Oxygenierung stattfindet. Das heißt, tiefes Atmen, bei dem die ganze Lunge durchlüftet wird, fördert die Durchblutung. Dann kommen auch mehr Immunzellen und Nährstoffe dort an. Wer regelmäßig tief und gut atmet, verringert sein Risiko für schwerwiegende Verläufe von Lungeninfektionen.

Diese begrenzenden Muster loszulassen heißt gleichzeitig, dich selbst loszulassen. Weil du zu jemand Anderem werden musst, wenn Heilung nachhaltig sein soll. Das ist ein Prozess, ein Weg. Was Du jetzt bist, bist Du ja auch im Laufe eines Prozesses geworden. Es gibt Menschen, die suchen nach Sicherheit in einer vermeintlich festen Identität. Selbst mit einer Krankheit können sie sich identifizieren. Auch das Negative hat einen Magnetismus für uns, nicht nur das Positive. Eine wunderbar konkrete und sehr real erscheinende Möglichkeit, das eigene Sein zu bestätigen und zu fixieren. Ich bin das, ich bin dies, ich bin da. Ihnen ist nicht bewusst, dass es ein Sein gibt, ohne dies oder jenes sein zu müssen. Und diese Art des Seins ist so viel wunderbarer und umfassender.

Was hältst du von der “Mach mein Symptom weg”-Mentalität? Und mit welchen Wünschen an dich kommen die Leute in dein Dojo?

Qigong ist ein Selbstübeweg. Jeder hat dafür natürlich seine konkrete Motivation. Es gibt Menschen, die sehen Qigong nur als kurzfristige Lösung für ihre Symptome, die sie vom Arzt empfohlen bekommen. Sie kommen dann hauptsächlich aus äußerer Motivation heraus. Das kann dann schwierig werden, wenn die Menschen keinen eigenen Wind in ihren Segeln haben. Qigong ist immer eine Investition. Du musst zuerst Energie investieren, um mehr zu bekommen. 

Es gibt aber auch Menschen, die zum Qigong mit der Frage kommen: Was ist mein Leben, wie kann ich mich entwickeln, wie kann ich selbst meine Lebensqualität verbessern? Sie bringen Selbstverantwortung und Inspiration bereits mit. Zum Beispiel wollen viele ihre Mitte und Gleichgewicht wiederfinden und auch im Alltag bewahren. Dafür ist Qigong genau die richtige Methode. Ein wichtiger Spruch des Qigong ist „Shou Zhong“ – „bewahre die Mitte“. 

Menschen, die mit so einer Motivation üben, können mit Qigong unglaublich viel erreichen. Was das praktische Üben angeht, gibt es zwei unterschiedliche Arten von Übenden. Einerseits Teilnehmer, die selber wollen und auch zuhause üben. Aber auch Teilnehmer, die einmal die Woche beim Kurs üben. Ihnen genügt es, sich gute Energie und Stimmung im Kurs zu holen und in den Alltag mitzunehmen. Vielleicht inspiriert es sie, sich am Arbeitsplatz mal anders hinzusetzen, sich mal durchzuräkeln, mal auf ihre Atmung zu achten. Was ja auch sehr wichtig ist und positive Auswirkungen auf ihr Leben hat.

Unsere Fähigkeit zur Selbstheilung ist immens, aber die Frage ist: Will derjenige das? Ist er entschlossen? Heilung bedeutet Transformation, ein Anderer zu werden. Das klingt einfacher als es ist. Es gibt Menschen, die in Wirklichkeit überhaupt nicht wollen, auch wenn sie sich selber das Gegenteil vormachen. Sie wollen, dass man sie repariert, wollen aber gleichzeitig nichts an sich verändern, dieselben bleiben. „Ich will so bleiben wie ich bin.“ – Nein, Du darfst nicht so bleiben, wie du bist! Du kannst gar nicht so bleiben wie Du bist, alles verändert sich und Du auch. Die Frage ist, wohin, und inwieweit Du diesen Prozess gestalten kannst und willst. Bei einigen muss der Leidensdruck erst so groß werden, dass sie in die Krise kommen, wo ihnen keine Wahl bleibt. Zum Glück gibt es auch die positive Motivation. Zum Beispiel das Vorbild eines Menschen, der besser funktioniert. Der strahlender ist, optimistischer, mehr in seiner Mitte. Das inspiriert, das wünscht man sich auch für sich. Und wer ein gesundes Selbstbewusstsein hat, traut sich zu, diese Qualitäten bei sich mit Hilfe bewährter Methoden und eigener Achtsamkeit freizulegen.

Was sagst du zum Thema des Gurus?

Als Lehrer bin ich erstmal selber ein Übender, allerdings einer der länger dabei ist. Der gewisse Fähigkeiten bereits entwickelt hat, gewisse Qualitäten klar abbilden und manifestieren kann. Auch einer der natürlich auch Fehler gemacht und Herausforderungen gemeistert hat. Ob man Lehrer ist, entscheidet der Schüler. Wenn jemand etwas von Dir lernen möchte, dann bist Du Lehrer. Als Übender mit langjähriger Erfahrung bin ich in der Lage, die Prozesse anderer Übender besser zu verstehen und ihnen zu helfen, gewisse Klippen zu umschiffen. So werde ich zum Lehrer. Die Schüler können sich dadurch schneller und direkter entwickeln. Aber ich kann Ihnen ihren Prozess nicht abnehmen, auch sie müssen ihre eigenen Fehler und Entdeckungen machen. Ich kann Ihnen das nötige Feedback dabei geben. Die ganze Idee ist doch, dass der Schüler immer mehr zum Übungspartner wird, dass man miteinander lernt. Ich teile auch meine Energie, besonders mit denen, die am Anfang noch nicht viel eigene Kraft mitbringen und Hilfe von außen brauchen, um in den Prozess reinzukommen. Manchmal habe ich beim Üben so viel Energie, die kann ich gar nicht nur für mich behalten. Ich muss sogar aufpassen, dass ich die Schüler nicht überfordere mit zu viel Energie (lacht).

Wie lässt sich diese Energie, von der du sprichst, nachweisen?

Erstmal sind das alles Modelle. Es gibt naturwissenschaftliche Modelle, die die Wirklichkeit beschreiben und es gibt die Erfahrungsmodelle aus alten Zeiten. Das Wissen der Menschen, die auf anderen Wegen waren. Auch die Naturwissenschaft ist eine Erfahrungswissenschaft und ein Elektron hat noch keiner direkt gesehen. Alles, was wir sehen oder beschreiben, sind immer Interpretationen. Ein Elektron ist nur ein Modell, eine Abstraktion, über die wir reden. Was wir im Elektronenmikroskop sehen, bedarf einer Theorie zur Interpretation. Also sind es Modelle von Modellen von Modellen. Je nachdem welchem Modell wir anhängen, können wir auch nur gewisse Fragen stellen, die aus dem Modell kommen. Eine große Kunst ist ja, Fragen zu stellen, die noch keiner gestellt hat. Denn eine Messung ist eine auf einem Modell und Vorannahmen beruhende Frage, denn sie wird mit einem Messgerät durchgeführt, das aufgrund gewisser Annahmen und Modelle von der Wirklichkeit entwickelt wurde. Um diese Messergebnisse zu interpretieren, bedarf es dann wieder eines Vorwissens, eines Modells.

Ähnlich ist es mit der Beschreibung des Qi. Es ist ein Begriff, ein Modell, eine Abstraktion, eine Zusammenfassung von gewissen Erfahrungen, die Menschen über Jahrtausende gemacht haben. Chinesische Medizin und Kräutermedizin sind auch Erfahrungswissenschaften. Die Menschen haben es ausprobiert. Man kann ja jetzt erst feststellen, dass zum Beispiel in Kräuterrezepturen ein hochkomplexes Zusammenspiel pflanzlicher Moleküle wirkt. So sieht man zum Beispiel, dass ein gewisser Bestandteil einer Pflanze nicht den erwünschten Effekt hätte, wenn nicht genau die richtigen Bestandteile anderer Pflanzen in dem Rezept mit dabei wären. Mit modernen wissenschaftlichen Methoden kann man nachweisen: Wow, das sind ja hochkomplexe, stimmige, uralte pharmazeutische Rezepturen. Aus der Erfahrung geschrieben, kein Aberglaube.

Wie kann ich nachprüfen, ob das, was ich spüre, Realität ist?

Wenn du sensibel bist, kannst du im Körper die Reaktion spüren auf das, was du einnimmst. Auf welchen Leitbahnen, wie der Körper sich verändert. Das ist mit Qigong-Übungen genauso der Fall wie mit Kräutern. Das ist wie mit Verspannungen: Wenn du lange genug traurig bist, merkst du, wie dein Körper sich dieser Emotion anpasst. Das merkst du doch. Oder wenn du eine Droge nimmst, oder Alkohol. Ah, mein Muskeltonus geht runter, meine Sprache wird verwaschen und so weiter.

So ist es eigentlich mit allem. Dieses Gefühl kann man sehr fein justieren. Wenn du eben nicht im Körper-Geist-Dualismus verhaftet bist, sondern verstehst, dass Bewusstsein, Körper und Energie viel vernetzter, viel verbundener sind. Neuere Forschungen finden auch zunehmend Hinweise auf anatomischer Ebene dafür. Diese doppelte Nervenschicht um den Darm zum Beispiel, die das Denken und das Gehirn mit beeinflusst und auch wichtig für das Immunsystem ist. Erst hat man dieses „Gehirn im Bauch“ ja auch abgelehnt und heute macht man Konferenzen darüber. Der Körper in seiner Vernetzung ist einfach viel komplexer als man dachte. Und in der chinesischen Tradition sind Bauch und Nieren, also das Untere Dantian im weitesten Sinne, als Zentrum der Lebenskraft beschrieben. Die wussten es schon viel länger, während die heutige Wissenschaft es auf anatomisch-analytischer Ebene jetzt erst bestätigt. Und sie haben ihr Wissen überprüft, indem sie es praktisch angewendet haben. Qigong ist so eine Anwendung.

Was genau bedeutet Qi?

Qi ist Funktion. Qi ist auch eine Erfahrung. Qi erlebst du, oder besser gesagt dessen Wirkungen. Die alten Daoisten hatten natürlich keine analytischen, sondern eher synthetische Modelle. Ganz klar, du kannst die Augen öffnen, du fühlst dich gut: Das ist Qi. Deine Leber funktioniert, du kannst hören, du kannst gehen, du bist reaktiv, lebendig, also hast du gutes Qi. Gute Funktion. Dein Körper ist warm, du frierst nicht. Das sind ganz normale Erfahrungswerte in der Medizin. Etwas erfüllt seine Funktion. Die Funktion ist ja oft nicht auf einzelne Teile zurückzuführen, sondern das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.

Qi ist ganz elementar und empirisch nachvollziehbar. Es ist eine Funktion. Lebensprozesse funktionieren gut. Und das kannst du wahrnehmen. Genauso wie Physik. Du hebst dein Glas hoch. Aha, es ist schwer, es ist leicht. Was ist denn die Definition von Kraft? Unsere ganzen physikalischen Begriffe: Leistung, Kraft, Widerstand. Ich schiebe etwas, ich habe die Erfahrung von Widerstand. Ohne die Erfahrung von Widerstand hätten wir ja gar keinen Kraftbegriff entwickelt. Das sind primär alles physiologische Erscheinungen, auf deren Grundlage wir Theorien über die Welt entwickeln.

So kannst du Qi ganz einfach erklären. Aber dabei bleibt es nicht. Weil es ganz andere Erfahrungen gibt, die über deine elementaren Erfahrungen hinausführen. Um das zu erklären, was du da erfährst, kann es auch wieder unterschiedliche Modelle geben. Man könnte hingehen: Ok, welche Gehirnmuster, welche Neurotransmitter sind aktiv, wenn du meditierst und eventuell einen Zustand erreichst, wo Du die Energie als Licht wahrnimmst. Nicht nur im Körper, sondern du hast das Gefühl, dass es auch außerhalb von dir ist. Du hast das Gefühl, du kannst dich mit dem Universum verbinden und wenn du den richtigen Bewusstseinszustand findest, hast du plötzlich ganz viel Kraft in dir. Und wie merkst du diese Kraft, woher kommt sie? Dieses Wow-Gefühl. Ich bin fit, voll da! Ich könnte durch Wände gehen, Bäume ausreißen. Der Geist ist wach, der Körper strahlt, wow! Eine Glückseligkeit breitet sich in dir aus.

Aha. Welches Bild hast du angewendet? Du hast dich mit dem Universum verbunden. Dein drittes Auge – also deinen erkennenden Geist – geöffnet. Du hast dich erst verbunden, also das Gefühl gehabt, Bewusstsein ist nicht nur an einem Ort begrenzt. Sondern viel weiter, überall. Und jetzt kannst du etwas aufnehmen. Und plötzlich passiert etwas mit dir. Das ist eine Erfahrung, eine konkrete Erfahrung. Das Gesicht, die ganze Erscheinung und Ausstrahlung eines Menschen können sich dabei schlagartig verändern. Ich bin mir sicher, wenn man das messen würde: Der Hormonhaushalt, die Neurotransmitter-Situation, Gewebe, Blutdruck, alles würde sich verändern. Aber wichtig ist ja, dass derjenige es als konkrete Wirkung erlebt.

Und jetzt kommt das analytische Modell und sagt: Ok. Wir könnten es auf molekularer Ebene versuchen nachzumodellieren, aber dadurch würden wir es ja nicht erreichen. Dadurch würden wir diesen Zustand nicht zur Wirksamkeit bringen und diese Erfahrungen würden nicht entstehen. Wichtig ist: Durch welche Bilder entstehen diese Erfahrungen? Durch welche Größe oder welchen Begriff kann ich das zusammenfassen? Führt mich dieser Begriff in diese Qualitäten hinein? Welche Methoden lassen sich daraus ableiten?

Muss man also bloß daran glauben, dass man vital, fit und gesund werden und bleiben kann?

Die wichtigste Frage beim Qigong: Funktioniert das? Funktionieren diese Übungen, machen sie, was sie versprechen? Für mich: Ja. In diesem Sinne kannst du sagen: Die Erfahrungen sind offensichtlich reproduzierbar. Und das energetische Modell dahinter ist funktional. Es erfüllt seinen Zweck.

Im Nachhinein muss ich dir sagen: Ich war ja naturwissenschaftlich orientiert. Zwar spirituell interessiert, aber philosophisch-naturwissenschaftlich. Abstrakt-mathematisch. Ich habe zum Beispiel nicht an die Lichterfahrung geglaubt. Ich dachte, es ist eine Metapher. Nach dem Üben hatte ich viel Kraftgefühl im Dantian. Auch geistige Klarheit und  transpersonale Bewusstseinszustände. Aber ans Licht habe ich nicht geglaubt. Dann nach 5-10 Jahren Übung kam es. Heute weiß ich, es ist eine hohe, aber nicht die höchste Stufe der Entwicklung. Man muss weitergehen. Du bist immer Anfänger. Es ist unglaublich, hinter jeder Tür befinden sich zehn neue. Dabei ist mir wichtig, dass die naturwissenschaftliche Methode und die spirituelle Erfahrungsmethode nicht im Widerspruch zueinander stehen. Beide beleuchten auf ihre Art unterschiedliche Aspekte unseres Seins. Für mich ist es ein Sowohl-Als-Auch.

Was ist der tiefere Sinn von Krankheit?

Der Sinn ist, dich auf ein Problem hinzuweisen. Emotionen sind Möglichkeiten, Energie hochzufahren. Emotionen sind das Medium, die Schmierflüssigkeit, um alle deine körperlichen Ressourcen für etwas zu rekrutieren. Schmerz sagt, da ist ein Problem. Schmerz ist der Schrei des Körpers nach freiem Fluss. Wenn es fließt, bist du einfach happy. Nur weil du bist. Du musst gar nichts sagen, kannst einfach sitzen und bist happy. Weil es fließt. Wenn Energie blockiert ist – im Modell des Qi – entsteht Schmerz. Deshalb sind unangenehme Gefühle wichtig, sie weisen uns auf Probleme hin.

Du bist ja ein Wesen, das mit der Umwelt interagiert. Angst ist Warnung vor Gefahr. Zorn sagt, du willst etwas erreichen und ein Hindernis ist im Weg. Und er hilft Dir Kraft zu rekrutieren, um dieses Hindernis zu überwinden. Oder um dich oder jemanden vor einer Bedrohung zu verteidigen. Oder deine Werte, deine soziale Gruppe. Das sind Prozesse, die sich im Laufe der Evolution ausgebildet haben, die damit zusammenhängen, dass du Hindernisse oder Probleme loswerden willst. Da der Mensch so komplex und intelligent ist, dass er zum Großteil in einer eigenen Kunstwelt leben kann, können sich diese Prozesse allerdings auch verselbständigen. Sind dann unter Umständen nicht mehr adäquat, haben wenig mit einem Kontakt zur Realität zu tun. Sie färben dann die innere Welt völlig ein, machen auch krank.

Warum unterscheiden wir eigentlich so klar in gut und böse? Nach dem Motto Gesundheit ist gut und Krankheit ist schlecht.

Tun wir das? Gut und Böse sind ja bekanntlich relativ. Wenn du über die Straße sprintest, um ein Kind vor einem fahrenden LKW zu retten und dabei ein paar Ameisen auf der Straße zertrittst…ist es gut für das Kind und auch so in der menschlichen Gesellschaft anerkannt. Aus Sicht der Ameisen bist du der Böse. Das Gut in Bezug auf Böse ist ja ein moralisches Gut. Das ist ein weites Feld…

Aber lass uns über das Gut im Sinne von heil oder Heilung aus Sicht des Menschen sprechen. In diesem Sinne wissen wir ja alle, was es für einen persönlich bedeutet, sich gut zu fühlen. Und sich gut fühlen ist eben: Gut! (lacht) Und auch der freie Fluss ist gut. Bei Kleinkindern ist es noch ganz normal. Die heulen und drei Sekunden später lachen sie wieder. Und das ist okay. In der chinesischen Medizin wird es durch die fünf Elemente beschrieben, der freie Fluss und Wandel der Energie durch unterschiedliche Qualitäten. Es ist okay, mal zornig und entschlossen zu sein, und dann wieder liebevoll. Es ist die Frage, ob du hängenbleibst. Dann entsteht Stagnation, und die merkst du ja im Körper, weil du dich nicht gut fühlst. Die Verwandlung, die Transformation findet nicht statt. Ein gestresster Hund schüttelt sich – und du siehst, er geht weiter als wäre nichts gewesen. Als hätte er es vergessen. Klar, wenn er ständig von seinem Herrchen geprügelt wird, wird er traumatisiert. Aber kleinere Sachen regen ihn nicht weiter auf. Er bellt, irgendwas hat ihm nicht gefallen und dann geht er weiter und schnüffelt wieder. Kleine Kinder sind auch so. Irgendwas tut weh, du lenkst sie ab, alles okay.

Das ist der freie Fluss. Und bei uns Erwachsenen, mit unserem Kopf und Körper und unserer Komplexität, ist dieser Fluss manchmal blockiert. Das ist der Nachteil der Komplexität – die kann sehr viel, aber sie kann auch genauso in die Gegenrichtung wirken. Und dann bleiben die Leute in einer Emotion stecken. Zum Beispiel Trauer. Wenn du in der Trauer stecken bleibst, dann werden Deine Organe und Leitbahnen in Mitleidenschaft gezogen. Besonders die Lunge und die Lungenleitbahn. Die Lunge steht für Lebensmut, aber auch für Trauer. Das kann man auch beobachten, zum Beispiel am Punkt Lunge-1. In diesem Bereich kommt es zu einem starken Schließen, einer Stagnation der Energie und am Ende entsteht der sogenannte Witwenbuckel als physische Manifestation dieser emotionalen und energetischen Stagnation. Der Witwenbuckel heißt ja nicht umsonst so! Früher, die Frauen in Schwarz, die Witwen – konnten oder wollten eventuell nicht neu heiraten, da hing sozial noch viel mehr dran. Dann bist du diese Person. Diese trauernde Witwe. Du könntest aber auch etwas anderes sein. Sogar sehr schnell! Alle möglichen Welten sind neben dir. Du könntest dich entscheiden. Machst du aber nicht. Weil du denkst, du bist die trauernde Witwe. Vielleicht weil du keine Fantasie hast oder keine übergeordnete Erkenntnisebene, oder vielleicht weil die Gesellschaft dir diese Rolle auferlegt.

Trauer ist ein wichtiger Prozess. Klar, es ist ein Loslassen, der Körper muss sich umstellen, etwas passiert mit dir. Du ziehst dich auf dich selbst zurück. Etwas, das dir wertvoll war, mit dem du dich identifiziert hast, ist jetzt weg. Vielleicht dein Partner. Du musst dich zurückziehen. Und klären: Was ist das jetzt nun? Und das ist die Chance auf etwas Wesentliches in dir zu kommen. Was ist die Essenz, die bleibt? Daraus kann dann ein neuer, lebendiger Impuls entstehen, ein neues Leben. Wir wissen nicht genau, ob es eine Wiedergeburt für den Verstorbenen gibt. Aber für den Verbliebenen kann und sollte es eine geben. Jegliches lebendige System muss das ständig machen, sich verwandeln und erneuern, auch in der Spanne zwischen physischer Geburt und Tod. 

Konfrontiert Krankheit uns mit der eigenen Sterblichkeit? Was macht das mit uns?

Stell dir mal vor, du würdest mit diesem Körper unendlich leben. In diesen festgefahrenen Gleisen. Da würde sich ja überhaupt nichts bewegen. Stell dir mal vor, alle Menschen würden überleben. Wir würden immer mehr werden. Das wären ja völlig überholte Typen, die da überall herumhängen (lacht). Da muss ein „Reboot“ erfolgen. In anderen Ländern ist auch heute noch ganz klar – der Tod gehört zum Leben. In einigen Regionen Afrikas zum Beispiel sterben Menschen, besonders Kinder unter 5 Jahren, ständig. Eine Wissenschaftlerin, die in Afrika gearbeitet hat, hat mir berichtet, dass Kinder dort teilweise keine Namen bekommen bis sie ein gewisses Alter erreicht haben, da es sich bis dahin nicht lohnt eine emotionale Bindung aufzubauen. Ähnliche Verhältnisse herrschten früher auch in anderen Teilen der Welt. Wenn man jetzt im Westen Buddhas Zitate übers Leiden liest, könnte man denken: Der war ja ein Miesmacher, der Buddha. Uns geht es glücklicherweise schon sehr gut hier. Unser Lebensstandard erlaubt es uns die Vergänglichkeit wegzublenden.

Ein Beispiel: In China: Eine alte Frau wird auf dem Rücken ihres Sohnes zum Krankenhaus getragen – Diagnose: Schlaganfall. Und sie wird wieder zurückgetragen. Sie lässt sich nicht behandeln, weil die Kosten die gesamte Familie in Schulden stürzen würde. Das würde sie ihrer Familie nicht antun. Es ist klar: So wie sie ist, trägt ihr Sohn sie jetzt nach Hause und dort wird sie wahrscheinlich sterben. Im Tibetischen Buddhismus gibt es die Praxis des Phowa, des bewussten Sterbens. Eine fortgeschrittene Meditationsübung. Als viele Mönche aus der tibetischen Himalayaregion nach Indien flohen, bekamen etliche aufgrund des völlig anderen Klimas und der schlechten Lebensbedingungen als Flüchtlinge Tuberkulose und andere Krankheiten. Da es wenig Platz und Ressourcen gab und wenig Hoffnung auf ein langfristiges Überleben für diese Kranken, haben diese Mönche durch die Praxis des Phowa ihr Bewusstsein in ein sogenanntes Reines Land übertragen, sind also aus unserer Sicht in der Meditation bewusst und zielgerichtet gestorben.

Wir haben heute eine Illusion vom ewigen Leben. Gerade im Westen. Aber wie Leben will auch Sterben gelernt sein.

Die Symbolik von Corona ist doch interessant. Der Mensch betrachtet sich immer mechanistischer, – da gibt es die Strömung des Transhumanismus – und jetzt kommt ein Virus und legt uns völlig lahm.

Ja, der Übermensch als synergetische Einheit von Mensch und Technologie, wie der Mensch ein Überaffe in Bezug zum Affen geworden ist. Vielleicht…Das Problem der eigenen Endlichkeit werden wir damit wohl kaum los…und auch nicht unsere Angst. Ob die Angst vor dem Virus berechtigt ist oder nicht, und inwiefern die Maßnahmen und die Panik, die von den Medien verbreitet wird, angemessen sind…die Antwort darauf sei der weiteren Datenanalyse überlassen. Aber auf jeden Fall zwingt uns das Virus, wie auch andere Herausforderungen, zur Auseinandersetzung und philosophischen Durchdringung unserer endlichen menschlichen Existenz. Viele bleiben dabei leider in der Sackgasse der Angst stecken oder im Gegenteil: blenden die Frage einfach aus.

Angst entzieht sich der Logik und ist oft selektiv. Menschen gehen täglich viele Risiken ein, zum Beispiel im Straßenverkehr oder wenn sie rauchen. Meistens denken wir nicht groß darüber nach. Der Mensch lebt von der Illusion, dass gerade man selbst verschont wird, ohne ginge es vermutlich gar nicht. In vielen Filmen und Geschichten wird diese Illusion gepflegt. Der Held überlebt. So zogen manche in dieser Illusion auch begeistert in den Krieg. Wenn Du den Menschen diese Illusion nimmst, entsteht Panik. Ich bin für einen wissensbasierten, aufgeklärten Ansatz im Umgang mit Krankheit und Sterblichkeit. Es gibt auch spirituelle Methoden aus dem Taoismus und tibetischen Buddhismus, um nicht nur sein Leben, sondern auch seinen Tod und den Umgang damit zu gestalten.

Der Psychologe Philipp Alsleben, den ich interviewte, erzählte mir vom heutzutage herrschenden Problem des fehlenden Realitätskontaktes.

Wir können es uns leisten, einen großen Teil der Wirklichkeit auszublenden. Und auch den Tod. Den sehen wir ja gar nicht. Den gibt es irgendwo in Syrien oder sonstwo…die Leute müssen sich mal klarmachen: Du kannst an jeder lächerlichen Kleinigkeit sterben, wenn die Umstände ungünstig sind. Es liegt nur an unseren guten Lebensbedingungen, dass du es nicht tust. Das ist aber überhaupt nicht selbstverständlich. In anderen Gegenden gibt es das nicht. Wenn du da nicht auf dich aufpasst – wenn du nicht achtsam und sorgsam über einen Bergpfad läufst – wenn du irgendwo in Gedanken und abgelenkt bist – rutschst du aus, in den Abgrund und bist weg. Hier ist es möglich, dass du mit dem Handy oder unter Kopfhörern – nicht im Kontakt mit dem eigenen Körper und der Umwelt – durch die Gegend stolperst, auf glatten Asphalt und regulierten Kreuzungen. Was wäre, wenn das alles wegfällt?

Wir leben zum großen Teil in einer künstlichen Welt. Warum können wir uns das leisten? Wer hat denn noch Kontakt zur Realität? Wer muss denn wirklich ran? Wie in der Kampfkunst: Am Material sein und Feedback kriegen: Aua, wenn ich mich stoße, tut es weh. Das mache ich lieber nicht, ich passe auf. Ich lasse mich lieber nicht von meinen Gedanken ablenken, sonst rutsche ich auf diesem Brückenbalken aus. Und wenn ich Holz hacke, halte ich die Finger richtig, damit nichts passiert. Wer macht denn das noch? Bauern und Handwerker vielleicht. Aber auch da arbeiten sie mit Maschinen. Ansonsten? Menschen aus anderen Ländern, die uns zuliefern. Kinder in Afrika in irgendwelchen Bergstollen. Menschen auf Plantagen. Menschen, die mit der Nähmaschine unsere Kleidung in Bangladesch nähen. Spargelpflücker. Diese Menschen haben Kontakt mit der Realität! Und sie haben auch andere Körper! Und eine ganz andere Geschichte. Die müssen nicht Achtsamkeit üben wie Mitarbeiter in unseren Unternehmen. Wenn diese Menschen nicht achtsam wären, wären sie schon verletzt oder tot.

Wir sitzen ganz oben. In unserer eigenen Welt unter der Glasglocke. Wir können uns leisten, in irgendwelchen Kunstwelten aus Informationen herumzutreiben und bauen Welten auf Welten auf Welten. Ist ja auch okay, es sind komplexe Hierarchien aus Informationen, die wir verwalten. Aber es geht eben nur, weil am Ende Leute stehen, die sich wirklich mit der Realität messen, zum Beispiel auch Ärzte und Chirurgen. Weil diese Menschen ein echtes Feedback bekommen.

Was ist ein guter Umgang mit solchen existenziellen Krisen?

Die Wirklichkeit hat viele Ebenen. Sie entsteht aus der Interaktion zwischen dir und deiner Umgebung. Zwischen Himmel und Erde. Du bist dazwischen. Im Inneren, auf Deiner Seite hast Du Freiräume, diese Feedbackschleifen zu gestalten – das ist deine Aufgabe, das hängt von dir ab. Es gibt viele Realitäten und Welten und gerade in einer Stadt wie Berlin kannst du es wie nirgendwo anders erleben. Du entscheidest. Das Qi ist eine innere Kraft und der kannst du vertrauen. Traurigkeit ist eine Kraft. Und Kraft ist eine Kraft. Frag dich doch: Bin ich davon betroffen? Ist das jetzt meine Realität? Und was ist Suggestion von außen? Qi ist auch Verbundenheit mit dem eigenen Lebensweg und der eigenen Situation.

Viele Menschen in Heilberufen brennen mit der Zeit aus. Wie schaffst du es, dass am Ende deines Unterrichts beide mit mehr Energie aus dem Unterricht gehen?

Weil ich offensichtlich Energie generieren kann. Deswegen kommen die Menschen ja zu mir. Es gibt diese Möglichkeiten und irgendwas mache ich richtig (lacht). Man braucht die Fähigkeit, für sich zu sorgen. Meine Haltung ist eher…wie ein Baum. Guck mal, der wächst und wächst. Und so viele Lebewesen leben in ihm, ganz nebenbei. Vögel, Insekten. Der Baum macht sich auch keine Gedanken, der wächst einfach. Und je mehr Überschuss er hat, desto nützlicher ist er nebenbei auch für andere. Das heißt für mich, nachhaltig für andere da sein und seine Qualitäten teilen.

Manche Menschen brauchen sich völlig auf und verlieren dabei ihre Mitte. Mir scheint es, dass dahinter ein tiefes Schuldgefühl steckt. Die Rechtfertigung der eigenen Existenz. Ich habe eine Schuld und ein schlechtes Gewissen. Auch irgendwie abendländisch. Ich muss mein Dasein rechtfertigen, da ich „in Sünde geboren“ bin. Das kann auch zu einem Helferkomplex führen und dazu, dass Menschen nicht mehr auf sich selbst achten. Für mich gibt es einen Unterschied zwischen Mitleid und Mitgefühl. Mitgefühl heißt ja nicht, dass Leiden des Anderen zu übernehmen. Das wird manchmal verwechselt. Deswegen gibt es zum Beispiel Weiterbildungen für Krankenschwestern, damit sie diesen Unterschied lernen und so den Burnout vermeiden. Empathie ist eigentlich gar nicht so gut. Empathie bezogen auf Leiden, ist Mitleiden. Du gehst auf die Leidensebene. Mitgefühl heißt, das Problem des Anderen zu verstehen. Aber du musst nicht mitmachen. Was nützt es, wenn es dem einen schlecht geht und dir auch? Dann geht es beiden schlecht. Wo soll dann die Lösung herkommen?

Die Lösung bezeichnet man im Qi-Gong als „Mitte“. Du brauchst eine gesunde Persönlichkeit. Und auch eine gewisse Zufriedenheit mit dem, was du bist. Dich so annehmen wie du bist. Auch für dich sorgen, einfache Dinge – dir etwas Leckeres kochen, dir etwas gönnen. Dich nähren und Freude an einfachen Dingen finden. Das alles ist ein Aspekt der Erdqualität in uns. Und Du brauchst Erde! Der Mensch zwischen Himmel und Erde. Die höhere Erkenntnis ist nicht: Himmel oder Erde. Sondern die Integration mit beiden. Das Leben ist zumindest zum überwiegenden Teil für die meisten kein Leiden, wenn du kein Leiden draus machst. Sonst würde ja keiner leben wollen. Das Leben ist eigentlich: Gute, fließende Lebenskraft. Freude. Lebensfreude ist Lebenskraft. Wenn die Lebenskraft fließt und gut ist, ist da ruhige Freude. Wenn jeder Mensch sich einfach nur freut, weil er hier und jetzt auf seinem Hintern sitzt und gesund ist. Ich bin hier, ich bin lebendig, es fühlt sich gut an. Ich könnte hier noch eine Stunde sitzen oder stehen, gehen oder liegen. Und in diesem Gut-Sein lade ich mich auf. Das ist das ganze Qigong. Aber pass auf, das könnte ganz unbeabsichtigt zur Erleuchtung führen (lacht)!

Auf welchen Werten sollte deiner Meinung nach ein Gesundheitswesen aufbauen?

Für mich ist ganz wichtig: Eigenverantwortung und Mitgefühl. Wir funktionieren nur als Gemeinschaft. Andererseits, der Staat fördert die Gesundheit nicht nur aus Mitgefühl. Das staatliche Gesundheitssystem entstand in einer Zeit, in der Staaten wirtschaftlich und militärisch im Zuge der Industrialisierung zunehmend miteinander konkurrierten. Die Gesundheit der Bevölkerung hat einen klaren ökonomischen Wert und ist wichtig für den sozialen Frieden. Eine kranke Bevölkerung kostet und ist nicht produktiv, kann auch nicht in den Krieg ziehen, um Ressourcen und Märkte zu erobern.

Aber es ist nicht nur ein ökonomischer Wert, dass wir gesund sind, sondern ein menschlicher und zivilisatorischer. Man muss verstehen: Dass wir hier gemeinsam sitzen, wie viele Menschen haben da Einfluss drauf genommen? Der Straßenbahnfahrer, der U-Bahn-Fahrer, derjenige, der vielleicht dein Frühstück hergestellt hat, derjenige, der die U-Bahn-Waggons sauber hält oder baut, derjenige, der dafür sorgt, dass hier Wasser aus der Leitung kommt und Strom fließt…Da sind ja unendlich viele Menschen direkt involviert, damit du hier sorglos sitzen kannst.

Das realisieren die meisten Leute nicht. Wenn es dieses Netz nicht gäbe, würdest du nicht mal etwas zu essen finden. Wer bestückt das Regal, wer liefert da an, wer macht das alles? Jeden Augenblick. Es ist sowas von nicht trivial, dass wir hier in diesem Komfort sitzen und uns unterhalten können. Stell dir mal vor, wir würden im Wald leben, da hätten wir schon einen halben Tag suchen müssen, um ein paar Beeren zu finden. Und dann wären wir wieder beschäftigt, unsere Kleidung herzustellen und Holz zu sammeln. Wir sind ja mittlerweile in einem riesigen Komfort, der die geistigen Energien erst freisetzt. Und deswegen sind Mitgefühl und Solidarität sehr wichtig. Dass wir uns gegenseitig auffangen und tragen. Mir geht es besser, wenn es den anderen besser geht. Aber auch die Eigenverantwortung ist wichtig. Dass du für dich und deine Gesundheit selbst sorgst. Wenn es mir selbst gut geht, dann strahlt das auch auf meine Umgebung aus Zum Beispiel, wenn ich, so gut es mir eben möglich ist, mich bis ins Alter fit halte, müssen später meine Kinder weniger von ihrer Zeit opfern, um mich zu pflegen.

Dann natürlich Freiheit im Rahmen von Verantwortungsbewusstsein, Kompetenz und notwendiger Sorgfalt. Wer heilt, hat Recht. Denn: Heilung ist nicht nur ein Wirtschaftsfaktor. Heilung umfasst körperliche, psychische und soziale Aspekte. Da passiert ja sehr viel im geistigen Bereich. Dass man eine Person als ganz und heilig sieht, nicht nur als Absatzkunde für pharmazeutische Produkte. Die Person heilt, wenn sie auf ganzheitliche Weise behandelt wird. Man bevormundet sie nicht, sondern erinnert an die Eigenverantwortung. In Deutschland haben wir ein vielschichtiges System, das Ärzte, Heilpraktiker und Prävention umfasst und unterschiedliche Aspekte abdeckt. Es ist wenig förderlich, die unterschiedlichen Bereiche in Konkurrenz zu sehen und gegeneinander auszuspielen, wie das leider immer wieder versucht wird.

Welche politische Bestrebungen erkennst du in Richtung eines gesunden Gesundheitswesens?

Ich weiß nicht, ob es Bestrebungen sind oder es schon immer so war. Das Gesundheitssystem wird schon fast zwanghaft dem Diktat monetär-wirtschaftlicher Anforderungen unterstellt. Als Beispiel: Die Krankenkassen fördern die Gesundheitsprävention. Sie bezuschussen Kurse von zehn Mal Qigong. In zehn Stunden lernst du aber noch kein Qigong, sorry. Vor allem bildest du keine Gewohnheit aus, die nachhaltig trägt. Nach zehn Kursstunden hast du einfach nur einen Kurs absolviert. Fortlaufende Kurse werden aber nicht gefördert. Veranstalter, die solche Kurse trotzdem fördern lassen, riskieren Strafen ím 5-stelligen Bereich. Kollegen von mir und auch ich melden deshalb ihre Kurse nicht mehr zur Förderung an. Das ist absurd. Man versucht die Eigeninitiative der Menschen für Ihre Gesundheit zu fördern, aber die Art wie man es versucht, macht wenig Sinn und kommt aus einem sehr engen Bewusstsein, aus einem Mangeldenken. Die Ausbildungskriterien für Qigong-Lehrer werden ebenfalls immer mehr hochgeschraubt. Es scheint fast so, dass sich irgendwelche Technokraten, die selber wenig Erfahrungen mit den Methoden haben, ihre Daseinsberechtigung beweisen müssen, indem sie sich immer weitere Anforderungen und Einschränkungen ausdenken. Was ein Qigong-Lehrer alles für Inhalte können muss. Nur kein Qigong! Es soll wohl auf eine Art Physio-Gymnastik runtergekocht werden, aber gerade dadurch geht die ganzheitliche Qualität der Methode verloren.

Dahinter steckt eine Kosten-Nutzen-Überlegung, die noch nicht einmal korrekt ist. Bei solchen Sachen denkt man: da sitzen Leute, die Heilung als ganzheitliche systemische Erscheinung nicht verstanden haben. Und Gesundheit beginnt ja schon vorher. Die beginnt in den Massenmedien: In dem, was die Leute sehen und konsumieren. Mit welchen Angst- und Bedrohungssuggestionen sie täglich überschüttet werden. In den Nachrichten. Mit dem schlechten Gewissen: Ihr müsst immer mehr arbeiten zu immer schlechteren Bedingungen. Dann gehen die Leute in Hartz 4 und verarmen, obwohl in der Wirtschaft und vom Staat ständig Geld für viel Unnützeres zum Fenster rausgeworfen wird. Aber zu gesunde Leute kannst du auch nicht gut manipulieren. Die sind fit, nicht apathisch, denken mit, wollen mitgestalten, haben Überschuss, fangen an sich mit eigenen Ideen zu betätigen.

Und was gibt dir Hoffnung für eine gesunde Zukunft?

Ich denke, es ist wichtig, dass wir ein humanistisches Ideal pflegen und inspiriert bleiben. Allerdings ohne einer Illusion zu verfallen. Unser Gesundheitssystem lässt sich nicht trennen von den Paradigmen der Gesellschaftsordnung, in der wir leben. Und diese ist nunmal primär durch das Höher, Schneller, Weiter, Effektiver im Sinne von Kapital- und Wirtschaftsinteressen bestimmt. In Zukunft kommt vielleicht noch die stärkere Mikrokontrolle, Überwachung und Lenkung der Menschen als global disponibles Humankapital hinzu. Wir müssen uns als Gesellschaft dringend überlegen, wo wir hin möchten. Sind die Wirtschaft und der Fortschritt für den Menschen da oder umgekehrt?

Und das zieht sich durch alle Ebenen. Zum Beispiel in der Bildung: Wollen wir humanistische, ermächtigte und freie Persönlichkeiten oder Leute, die lediglich ihre Aufgaben im System erfüllen, damit die Renditen steigen? Trainiert, um allein ihre spezialisierte Funktion in 8- und mehr Stunden-Jobs zu erfüllen und sonst gute Konsumenten zu sein. Und die sich mit Yoga oder einer oberflächlichen Präventionsmaßnahme fit halten, damit sie noch effektiver Gewinn für die Kapitalgeber erwirtschaften und um ihren Arbeitsplatz konkurrieren können. Die Wirtschaft braucht gesunde Leute. Aber dann dürfen sie auch nicht zu gesund sein. Denn dann kannst du sie nicht mit Angst manipulieren, ausbeuten und in Zeitarbeitsjobs stecken. Ein weites Feld…Auch sollte sich jeder selbst fragen: Was mache ich mit meiner Gesundheit, meiner Kraft? Verkaufe ich diese sofort auf dem Markt, um einen kleinen Prozentsatz dieser Energie als „Optionsschein“ für mehr Konsum auf meinem Konto wiederzufinden, oder nutze ich sie, um gut zu leben und mich als erkennender und schöpferischer Mensch weiterzuentwickeln?

Menschen, die ein Ideal haben, oder sowas wie einen humanistischen Anspruch, sind dann eher die Lückenfüller, die in den Freiräumen dieses Systems ihre Existenz haben, aber nicht die relevanten Entscheidungsträger sind. Meine Arbeit mit Qigong richtet sich an die Eigenverantwortung der Menschen. Sie wirklich zu ermächtigen, sich selbst zu verstehen und selbst zu gestalten. Das geht erst über den Körper und dann über die Geistesebene. Bis du wirklich wieder Herr in deinem eigenen Hause bist. Bis du verstehst, was wie zustande kommt und deinen Zustand selbst gestaltest. Und du verstehst, dass deine gute oder schlechte Laune keine unabänderlichen Größen sind, sondern dass eine Kompetenz in dir ist und du dich entscheiden kannst, mit und nach welchen Gefühlen du lebst. So übernimmst du wieder die Hoheit in dir. Im Notfall kannst du diese natürlich einem Arzt übergeben. Aber erstmal sitzt du hinterm Lenkrad und kannst verstehen, was du da tust. Es geht um die Verantwortung für den eigenen Zustand. Natürlich im Rahmen der Möglichkeiten. Wir sind nicht außerhalb der Welt und haben nicht die Allmacht. Dennoch bin ich überzeugt – es ist viel mehr möglich als wir glauben.

Foto-Credit: Konstantin Rekk

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