„Ein positiver Aspekt der Pflege ist: Man sieht oft direkt, ob das was man tut, gut ist und hilft. Wenn es eben Gut tut und hilft, gibt es auch das entsprechende Feedback. Von daher ist es immer auch ein Miteinander in Beziehung gehen, wodurch ein Resonanzraum entsteht. Das ist der Unterschied zur Arbeit am PC mit leblosen Programmen oder in Bürostrukturen und all den anderen Berufen, wo das tägliche Tun noch viel wirtschaftlicher geprägt ist, als der Pflegeberuf. Man kriegt dort einfach nicht so eine direkte Rückmeldung ob man gute Arbeit geleistet hat oder nicht. Ein Excel-Programm bedankt sich nicht, wenn ich es ordnungsgemäß bedient habe.”


Roger Konrad

Examinierter Altenpfleger, seit 2002 im Pflegeberuf tätig, seit 2015 im psychiatrischen Bereich, anthroposophische Weiterbildung zum Konzept der “pflegerischen Gesten”, Weiterbildung zum “zertifizierten Ethikberater im Gesundheitswesen”, Mitbegründer und Vorsitzender vom Verein “Pflege in Bewegung e.V.”


Es ist 2020 und die Welt wird abgeriegelt. Innenschau und die ganz wichtigen Fragen nach dem Sinn stehen auf dem Programm. Ich  – Laurens Dillmann – entschließe mich, die Zeit zu nutzen und diese Fragen Menschen zu stellen, die sich um die Gesundheit anderer kümmern.

Für meine Reihe „Mach’s weg“ habe ich über 40 Interviews mit verschiedensten Perspektiven auf das Thema Gesundheit geführt. Schließlich wussten schon unsere Großeltern: Das wichtigste im Leben ist die Gesundheit. Aber was ist das überhaupt? Und lässt sich Krankheit einfach „wegmachen“? Ziel meiner Fragen ist es, die Essenz herauszufinden. Außerdem soll es praktisch sein. Was kann jeder selbstständig für das eigene Wohlbefinden tun? Und wie wird die Corona-Erfahrung unser Verständnis von Gesundheit und unser Gesundheitswesen verändern?


Laurens Dillmann: Warum bist du Pfleger geworden?

Roger Konrad: Das hat sich letztlich aus meiner eigenen Biographie heraus ergeben. Über meinen Opa hatte ich schon sehr früh Kontakt zu vielen älteren Menschen, denn er ist, als Heimatvertriebener, in Vereinsaktivitäten eingebunden, wo es um Kultur- und Brauchtumspflege geht. Darüber hinaus bin ich mit einer alleinerziehenden Mutter groß geworden, die sehr stark den Fokus auf sozialverträgliches Miteinander gelegt hat. Und so bin ich dann nach meinem Abitur im Zivildienst bei einem mobilen sozialen Hilfsdienst gewesen: damals ging es in erster Linie um Einkaufen, Spazierengehen und Putzen, aber auch ältere Menschen für die Tagespflege und Tagesbetreuung abholen oder nach Hause fahren. 

Das war mein Einstieg in die Krankenpflege und mittlerweile bin ich seit 2002 im Pflegeberuf tätig, wo ich die unterschiedlichen Felder der Pflege kennengelernt habe. Da ich von Anfang an aber auch einen kritischen Blick hatte, habe ich damals schon die verschiedensten Missstände gesehen und deswegen bin ich nicht nur im Beruf an sich aktiv, sondern auch berufspolitisch.

Was sind die unterschiedlichen Felder in der Pflege? Und worum geht es eigentlich in der Pflege?

Vor zwei Jahren hatten wir eine Salonlesung in Stuttgart mit unserer Streitschrift „Bewegt euch!“. Da sagte Rolf Heine vom „Verband für Anthroposophische Pflege“: „Pflege ist zuallererst Beziehungsgestaltung.” Ich denke, das ist eine gute Überschrift für das, was Pflege ist oder sein kann. Darüber hinaus hat mein Vorstandskollege Ulrich in derselben Streitschrift den „pflegerischen Blick“ sehr eindrücklich beschrieben, der kurz gefasst darauf abzielt, dass eine Pflegefachkraft bei der Versorgung viel mehr wahrnehmen muss, als man auf den ersten Blick so denkt.

Die unterschiedlichen Felder der Pflege sind häusliche und ambulante Altenpflege, häusliche Krankenpflege, ambulante Palliativpflege, aber auch Pflege im Hospiz. Darüber hinaus gibt es natürlich noch die klassische Krankenpflege im Krankenhaus, Altenpflege im Heim, die Kinderkrankenpflege, die psychiatrische Pflege, die Pflege von Menschen mit Behinderung, die Pflege auf Wachkoma-Stationen, die Intensiv-Pflege und die ambulante Intensivpflege zu Hause. Weitere Spezialisierungen z.B. für den Bereich der OP- und Anästhesie gibt es dann aber auch noch.

Und in allen diesen Feldern hat die Beziehungsgestaltung immer schon eine wesentliche Rolle gespielt. In den ganzen abrechnungsrelevanten Strukturen findet sie dennoch nicht die Berücksichtigung, die nötig wäre, um eine bedarfsgerechte und individuelle Pflege und Betreuung anzubieten. Und das ganz unabhängig vom erhöhten Personalbedarf und der zunehmenden Arbeitsverdichtung der letzten 15, 25 Jahre.

Was ist eine gesunde Beziehungsgestaltung? Was macht gute Pflege aus?

Ohne eine gesunde Beziehungsgestaltung schafft man nur schwer eine Vertrauensbasis, auf deren Grundlage die pflegerische Versorgung stattfindet. Meine Arbeit ist also erfolgreich, wenn ich mir situativ Zeit für die Bedürfnisse der zu Pflegenden nehmen kann, so wie sie es brauchen. Ich muss dafür natürlich eine gewisse Art der Ruhe ausstrahlen und brauche Empathiefähigkeit, um eben zu wissen, wann und wo ich ein offenes Ohr gezielt zum Einsatz bringen kann, um wirklich in Beziehung gehen zu können. 

Die Herausforderung ist hier, dass wir Pflegekräfte uns in jeder neuen Begegnung und Versorgungssituation ein ganzes Stück weit frei vom Erwartungs-, Leistungs- und Kostendruck machen müssen. Der Druck ist aber in allen pflegerischen Bereichen immer wieder und zunehmend deutlicher spürbar und mittlerweile landauf landab auch immer öfter sichtbar. Für die, die immer noch in der Pflege arbeiten, ist es dadurch zum einen wahnsinnig schwierig, Beziehungsgestaltung täglich aufs Neue so einzusetzen, wie es der tatsächliche Bedarf erfordert, aber auch die Selbstfürsorge bleibt dadurch immer wieder auf der Strecke! Denn selbst dafür braucht es nicht nur Zeit, sondern auch einen geeigneten Rahmen.

Warum kümmerst du dich um andere Menschen?

Das ist eine einfache, aber auch eine gute Frage und da hat meine eigene Geschichte mit Sicherheit eine wesentliche Rolle gespielt. Letztlich glaube ich, dass sich um andere Menschen zu kümmern, auch immer eine Möglichkeit ist, einen Beitrag zu einem besseren Ganzen zu leisten. Gegenseitige Unterstützung ist heute mehr denn je erforderlich und unter diesem Aspekt ist es eine doppelte Komponente. 

Einerseits kann ich heutzutage mein Geld mit einer helfenden Tätigkeit verdienen und gleichzeitig kann ich anderen Menschen etwas Gutes tun oder ihnen in besonderen und oftmals sehr schwierigen Lebenslagen beistehen und nicht selten entlastend behilflich sein. Manchmal gelingt es, den Pflegebedürftigen dabei behilflich zu sein die eigene Selbstständigkeit wiederzuerlangen, manchmal ist es aber auch erforderlich eine gewisse Form von Leiden erträglicher zu gestalten. Kurzgefasst geht es wohl darum, zu einer Form von Lebensqualität beitragen zu dürfen.

Wie schaffst du es, dass du nicht mitleidest? Oder tust du es?

Das ist vermutlich wirklich hohe Kunst in dem „eigentlich“ so schönen Beruf und hier kommt die oben genannte Empathiefähigkeit ins Spiel: Denn es geht in letzter Konsequenz darum, mit zu fühlen statt mit zu leiden. Das ist deshalb so wichtig, damit man selbst nicht am Leid der uns anvertrauten Menschen zerbricht, oder sich, als Schutzmechanismus, dagegen abschirmt und abstumpft. Es war, ist und bleibt (m)eine tägliche Übung, denn beides hat enormen Einfluss auf unser Denken, Fühlen und Handeln.

Wenn du siehst, dass deine Arbeit Gutes bewirkt – was macht das mit dir?

Ein positiver Aspekt der Pflege ist: Man sieht oft direkt, ob das was man tut, gut ist und hilft. Wenn es eben Gut tut und hilft, gibt es auch das entsprechende Feedback. Von daher ist es immer auch ein Miteinander in Beziehung gehen, wodurch ein Resonanzraum entsteht. Das ist der Unterschied zur Arbeit am PC mit leblosen Programmen oder in Bürostrukturen und all den anderen Berufen, wo das tägliche Tun noch viel wirtschaftlicher geprägt ist, als der Pflegeberuf. Man kriegt dort einfach nicht so eine direkte Rückmeldung ob man gute Arbeit geleistet hat oder nicht. Ein Excel-Programm bedankt sich nicht, wenn ich es ordnungsgemäß bedient habe. Und in vielen Betrieben läuft die Arbeit ja immer noch nach der typisch schwäbischen Aussage und Einstellung: „nicht geschimpft ist gelobt genug“!

Was hältst du von der „Mach mein Symptom weg“-Mentalität? Wie äußert sie sich in der Pflege?

Ich habe Verständnis, dass man heutzutage beim Arztbesuch möchte, dass das Problem beseitigt oder „repariert“ wird. Nehmen wir als pflegerisches Beispiel aber mal die Altenpflege: Da begegnest du Menschen, die ihre eigenen dementiellen Veränderungen erleben. Die hätten sicher auch und vor allem in der ersten Phase gerne, dass ich das „wegmache“, da sie anfangen zu bemerken, dass das Gedächtnis nicht mehr so gut arbeitet oder eine größere Vergesslichkeit einsetzt. Das erzeugt wiederum Gefühle, die in diesem Zusammenhang nicht wirklich positive sind. Neben Sorge, Angst, und Unsicherheit kommen dann aber nicht selten auch Verzweiflung, Ärger und Wut ins Spiel, was sich dann wiederum in dem sogenannten „herausfordernden Verhalten“ zum Ausdruck bringt und sowohl zu verbaler als auch körperlicher Aggression führen kann.

Eine Aussage, die meine Lebensphilosophie ganz gut auf den Punkt bringt, stammt von Goethe. Wenn ich mich richtig erinnere hat er einmal sinngemäß gesagt oder geschrieben: „Gesund ist, wer es schafft mit seiner Einschränkung zu leben“. Diese Aussage ergänzt sich bei meiner Sicht auf die Dinge durch das anthroposophische Menschenbild, das mir den Blick auf die sogenannte Dreigliederung und das Zusammenspiel von Leib – Seele – Geist geöffnet hat. Eine einfache Reparatur erscheint mir dadurch nahezu unmöglich, weil das Zusammenspiel von Leib – Seele – Geist den Allgemeinzustand jedes Menschen wechselseitig beeinflusst.

Welchen Stand hat die Pflege gesellschaftlich?

Heute, im Herbst 2020? Gefühlt den gleichen wie vor der Corona-Krise, weil sich nichts spürbar verbessert hat und immer zusätzliche Auflagen und Aufgaben von außen hinzukommen und auch die Erwartungshaltung an die pflegerische Versorgung nicht geringer wird.  Natürlich ist es so, dass Politik und Gesellschaft mehr über die Pflege und auf manchen Kanälen auch mehr mit der Pflege sprechen. Aber die wesentlichen Protagonisten der Politik fangen immer noch nicht an, gemeinsam mit der Pflege die Missstände umzugestalten.

Dafür steht, nicht nur in meinen Augen, stellvertretend die Diskussion um die sogenannten „Ehrenpflegas“. Da hatte das Bundesministerium für Familie, Soziales und Senioren um Frau Giffey eine Kampagne gestartet um den Pflegeberuf zu bewerben und für die auserkorene Zielgruppe ein paar Schauspieler*innen ins Boot geholt, um vor allem junge Menschen besser zu erreichen. Beauftragt wurden dafür die Macher, die für „Fuck ju Goethe“ verantwortlich sind und das Ganze sollte humorvoll und jugendlich platziert werden – kam in der Pflegeszene definitiv nicht gut an! Es hat das ganze Bild der benötigten Fachlichkeit und Professionalität ins falsche Licht gerückt, so dass man milde gesagt sagen kann: Das Gegenteil von gut gemacht ist gut gemeint.

Es ist also noch viel Luft nach oben. Zwischenzeitlich wurde auf Balkonen geklatscht. Dann hieß es, Pflege sei systemrelevant. Aber an der Pflegebasis ist davon immer noch nichts wirklich angekommen. Auch die Prämien, die zwischenzeitlich kreiert wurden. Prämien bis zu 1500 Euro, die sowohl in der Altenpflege als auch in akut belasteten Corona-Bereichen möglich waren, ändern daran nichts. Vor allem, weil nicht jede Pflegekraft die groß angekündigte Prämie auch bekommen hat, sondern nur besonders ausgewählte Bereiche. Gleichzeitig müssen die Einrichtungen gucken, wie sie das im Haus entsprechend unter den Mitarbeiten kommunizieren und verteilten. Das „Taschengeld für einige“ ist also ebenfalls eine gut gemeinte Geste, aber es hat nichts verbessert. 

Der Effekt dieser fragwürdigen Verteilungsstrategie hatte wieder einmal mehr Spaltungspotential als Nutzen! Fakt ist, dass alle Pflegekräfte und alle weiteren, an der Gesundheitsversorgung beteiligten, Berufsgruppen von Anfang an unzureichend geschützt waren und es zum Teil bis heute auch noch sind! Erst gab es einen eklatanten Mangel an Schutzausrüstung, vom Mund-Nasen-Schutz über Handschuhe bis hin zum Desinfektionsmittel, und dann hat man es während der Sommermonate definitiv versäumt eine bundesweite Strategie zur Bewältigung der Krise in den Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern zu erarbeiten. Das spiegelt sich ganz deutlich in den unterschiedlichen und zum Teil deutlich verkürzten Quarantäne-Regeln für Pflegekräfte und den Überlegungen positiv getestetes Personal weiterhin einzusetzen wider. Es zeigt sich aber auch in der Diskussion um Besuchsverbote in Pflegeeinrichtungen. Der zusätzliche Mehraufwand für eine Terminplanung und Besuchskoordination incl. Schnelltests ist eine deutliche Zumutung für das Personal, das sowieso schon jahrelang am Limit gearbeitet hat und dies alles jetzt noch zusätzlich Bewerkstelligen soll! Kurz gesagt: mittlerweile kommt man in der Politik schon von gut gemeinten Worten zu gut gemeinten Gesten, aber viel wichtiger wäre es, endlich zu sinnvollen Taten überzugehen, bevor noch mehr Pflegekräfte aus dem Beruf aussteigen! Das ist mein Wunsch: Der Appell an die Politik: Mach`s weg! Mach das Defizit in der Pflege weg!

Kannst du nochmal konkret benennen, was die Missstände in der Pflege sind?

Wir haben zu wenig Personal, zu wenig Zeit und keine angemessene Vergütung, die im Verhältnis zur Verantwortung steht, die in der Pflege gefordert wird. Aber wir haben auch zu wenig Gestaltungsfreiraum in der Pflegepraxis, um ganzheitliche Pflege umzusetzen.

Fühlst du dich für deine Arbeit wertgeschätzt?

Dies Antwort fällt differenziert aus. Patient*innen wissen unsere Arbeit zu sicherlich 95 % wertzuschätzen. Politisch fällt die Antwort aber anders aus. Ich sage es mal so: Vor ein paar Jahren habe ich noch darüber gesprochen, dass wir mehr Wertschätzung brauchen. Jetzt kommt diese zumindest in gut gemeinten Worten und Gesten. Aber die wirklichen Taten, die wirkliche Veränderung fehlt. Und so fühlt man sich doch das ein oder andere Mal verarscht.

Geht die Menschlichkeit in der Pflege verloren?

Etwas überspitzt und provokant könnte ich die Gegenfrage stellen: Wann hat die Menschlichkeit in diesem Pflegesystem denn eine Rolle gespielt? Ich habe 2002 in der Pflege angefangen und es war mir immer ein Bedürfnis und ein Teil meiner inneren Haltung, anderen ein offenes Ohr zu schenken. Schon damals hieß es aber, „für zwischenmenschliche Gespräche haben wir keine Zeit“. Vor allem im klassischen Krankenhaus steht ja bis heute, durch die sogenannten Fallpauschalen, die ärztliche Diagnose und somit vor allem das Körperliche stark im Vordergrund. Dann wird dein Blinddarm behandelt, aber niemand interessiert sich für deine Lebensgeschichte, für deine Ängste und Sorgen, weil sie nicht Teil des diagnostizierten Problems sind, das behoben werden soll. Das aber gerade die Gedanken und Gefühle eine große Rolle beim Genesungsprozess spielen und somit neben dem pflegerischen Blick eigentlich auch wieder die Beziehungsgestaltung gefragt ist, fällt hier unter den Tisch.

Man wird heutzutage als Patient im Krankenhaus nicht länger als nötig behandelt. Das hat in den letzten Jahren immer mehr dazu geführt, dass sich die durchschnittliche Verweildauer für eine Behandlung stark verkürzt hat. Und durch den Kostendruck des existierenden DRG-Systems, die Abrechnung mit Hilfe der sogenannten Fallpauschalen, erfolgt eine Entlassung in der Regel, sobald die minimal erforderliche Anzahl an Behandlungstagen erreicht ist. Nicht immer heißt das, dass man auch wirklich als geheilt entlassen wird.

Da zeigen sich also ganz andere Mängel in der Versorgungsrealität, die nur durch ein geeignetes Schnittstellenmanagement zu organisieren wären. Da hilft es bis heute auch nur bedingt, dass es zwar einen gesetzlichen Anspruch auf ein sogenanntes Entlass-Management gibt. Dieses Angebot wird ja überwiegend vom Sozialdienst angeboten und mit einem weiteren zusätzlichen Formular von Patient*innen auch unterschrieben. Aber der wirkliche Bedarf kann zum Teil gar nicht festgestellt werden, weil Patient*innen oftmals selbst nicht wissen und offen ansprechen, was sie brauchen oder was ihnen überhaupt zustehen könnte. Wenn das dann aber doch mal gelingt, dann gibt es zum Beispiel die absurde Situation, dass Patient*innen entlassen werden sollen, es aber keine Pflegedienste gibt, die diese Aufgaben übernehmen können, weil sie selbst bereits ausgelastet und überlastet sind. 

Und so kommt es hier dann auch schon einmal dazu, dass Patient*innen über die eigentlich rentable Liegezeit hinaus im Krankenhaus bleiben müssen und dort im Grunde nur verwahrt werden. Gleichzeitig hat es den unangenehmen Nebeneffekt, dass diese Betten dann nicht nahtlos mit neuen Patient*innen belegt werden können und das Krankenhaus ggf. der wirtschaftlichen Kalkulation nicht gerecht werden kann. Kurz gesagt: Wenn man in der Pflegepraxis an sich mehr Zeit hätte, um Pflege nach ganzheitlichen Aspekten umzusetzen und es vor allem im Krankenhaus nicht mehr nur um Diagnosen, Liegezeiten und Fallpauschalen geht, könnte die Menschlichkeit wieder Bestandteil der pflegerischen Versorgung werden. Denn es ist ein Widerspruch in sich, soziale Tätigkeiten mit Zeit- und Kostendruck zu verknüpfen.

Was bedeutet Gesundheit für dich?

Wenn man – wie weiter oben bereits erwähnt, nach Goethe – mit seinen Einschränkungen und Defiziten leben kann. Ich persönlich habe zum Beispiel in der anthroposophischen Pflege meine Heimat gefunden. Da liegt der Fokus stark auf der Dreierkomponente Leib-Seele-Geist. Das ist ein komplexes System, das es gilt, zu pflegen, denn im Grund genommen ist Gesundheit ein Zustand den man erst zu schätzen weiß, wenn man ihn gerade einmal nicht hat! Hier ist in meinen Augen die Salutogenese nach Antonovsky eine schöne Auslegung, da er Gesundheit und Krankheit nicht als Gegenspieler betrachtet hat, sondern der ein Kontinuum entwickelt hat, indem sich diese beiden Aspekte einander gegenüber stehen. Man hat demzufolge also Phasen der Gesundheit und Phasen der Krankheit, bleibt aber niemals nur auf einem Punkt stehen. Das gefällt mir ganz gut und verdeutlicht in meinen Augen, dass der Mensch nicht nur ganzheitlich betrachtet, sondern auch behandelt werden sollte, auch wenn es im Einzelfall immer auch eine große Zumutung sein kann, einen Krankheitszustand und die jeweiligen Folgen daraus aushalten und bewältigen zu müssen.

Entgegen der heutzutage weitläufig verbreiteten Hoffnung oder Vorstellung auch solche Zustände möglichst schnell „weg gemacht zu bekommen“ hat jeder Einzelne nämlich immer auch die grundsätzliche Möglichkeit, Hilfsangebote zu nutzen. Genauso wie er aber auch eine Eigenverantwortung hat, die eigenen Ressourcen zum Genesungsprozess zu re-aktivieren. Gesundheit ist für mich deshalb darauf zu achten, Leib, Seele und Geist möglichst in Einklang zu bringen und selbst zu schauen, was ich dazu beitragen kann. Gerade die heutige Zeit – im Hinblick auf Corona – verdeutlicht das ganz gut. Es gibt ganz viele Unsicherheiten und Ängste. Viele Menschen, die nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Wie sich selbst oder andere gut schützen können. Auf der anderen Seite gibt es dann wieder die Leute, die es gar nicht ernst nehmen, wegreden oder ignorieren wollen und gegen die politischen Maßnahmen aktiv vorgehen. Da kommen wir in ethische Fragestellungen. Es geht darum, sich selbst zu schützen. Aber es geht auch darum, anderen nicht zu schaden.

Wie empfindest du unseren gesellschaftlichen Umgang mit Corona?

In einem Satz ausgedrückt: Es sind merkwürdige Zeiten und wir befinden uns in einem ethischen Dilemma. 

Die Situation in der Pflegelandschaft ist durch die Krise auch nicht besser geworden, sie hat sich verschlimmert. Der gesamte organisatorische Aufwand ist deutlich größer geworden. Nicht nur, weil am Anfang Schutzmaterialien gefehlt haben, sondern weil bei diversen Pflegeeinrichtungen auch die Schutzisolation eine größere Rolle gespielt hat. Und gleichzeitig das Kontaktmanagement. Zu dem eh schon wenig vorhandenen Personal muss ich jetzt auch noch Leute abstellen, die sich damit auseinandersetzen, Besucherlisten zu führen, Räume zu Verfügung zu stellen, wo wir die Leute hin und zurück begleiten, diesen Raum entsprechend aufzubereiten, damit die nächste Besuchergruppe kommen kann.

Das ist das Dilemma der beruflich Pflegenden. Dann gibt es das Dilemma der Bewohner der Einrichtungen. Sie sind in Isolationssituationen, die sie kognitiv teilweise gar nicht mehr begreifen und verstehen können. Weil da plötzlich Veränderungsprozesse stattgefunden haben, die das Verstehen unmöglich machen. Dann haben wir auch die Angehörigen. Da hört man von einem Ehepaar, bei dem einer einen Unfall erleidet und die Person letztlich über das Wochenende im Krankenhaus verstirbt, ohne dass sie besucht werden darf. Das ist ganz schrecklich, es erinnert vor allem alte Menschen an Zeiten, wo auch Leute einfach verschwanden, abtransportiert wurden und man nicht wusste, was passiert da, wo führt das alles hin? Da kommen also auch Traumata aus früheren Zeiten wieder hoch. All das in der Gesamtsituation der Pflege, die sowieso schon angespannt war, ist und vorerst auch bleibt. Das macht es nicht einfacher. 

Es gibt durchaus Einrichtungen, die es zur Zeit gut hinkriegen, Angehörige und Bedürftige mit ins Boot zu holen und nach gemeinsamen Lösungen und Versorgungen zu schauen. Aber es gibt auch genug Einrichtungen, wo es vor Corona nicht funktioniert hat und wo es auch jetzt nicht funktioniert.

Link zur Streitschrift

Was glaubst du, in welche Richtung wird sich das Gesundheitswesen entwickeln und welche Rolle spielt die Politik?

Es ist kein neues Phänomen, dass wir Menschen in politischen Funktionen haben, die mit der eigentlichen Materie ihres Ressorts keine direkten Verknüpfungspunkte haben. Vor Herrn Spahn waren es Herr Laumann und Herr Gröhe. Beide ohne Bezug zur Pflege. Obwohl man Herrn Laumann bis heute zu Gute halten darf, dass er sich als Gesundheitsminister in NRW wie kaum ein anderer für eine Professionalisierung und Selbstverwaltung der Profession Pflege einsetzt. Philipp Rösler hatte als Mediziner zumindest einen Bezug zum Gesundheitswesen und punktuell gibt es auch Politiker*innen, die mit dem Thema Pflege durchaus verbunden sind, weil sie selbst in diesen Bereichen gearbeitet haben oder wie Frau Dreyer (in Rheinland-Pfalz) aus gesundheitlichen Gründen mit dem Thema konfrontiert sind.

Wünschenswert wäre es, dass man in der Politik für bestimmte Ressorts wie Pflege und Gesundheit Menschen wählt, die sich für die Menschen einsetzen und nicht für finanzielle Interessen von größeren Trägern, Konzernen oder Pharmaunternehmen. Darüber hinaus ist es unabdingbar, dass sie zumindest die Experten der Pflegepraxis vor ihren Entscheidungen mit ins Boot zu holen – sich mit ihnen zusammenzusetzen und auseinandersetzen, um Hinweise zu bekommen, was denn aktuell und zukünftig endlich verbessert werden könnte und wie. 

Passiert das in angemessener Weise?

Bislang leider nicht! Dass sieht man auch wieder ganz deutlich in den oben beschriebenen Maßnahmen und Entscheidungen, die den Pflegebereich betroffen haben und betreffen. Wenn das von sich aus nicht stattfindet, kommen wir zu dem Punkt, an dem jeder Bürger und jede Bürgerin eine gewisse Eigenverantwortung entwickeln darf. Deswegen habe ich im September 2016 mit einigen Mitstreiter*innen für eine würdevolle Zukunft der Pflege den Verein “Pflege in Bewegung” gegründet. Denn obwohl wir Gewerkschaften und Berufsverbände haben, konnten diese in den letzten zehn bis zwanzig Jahren nicht wirklich für Verbesserungen sorgen. Also füllen wir selbst dieses Vakuum, erheben unsere Stimme und sagen, wir wollen das Pflegesystem endlich ganzheitlich betrachten. Da orientieren wir uns an der skandinavische Highroad, die wir auch für Deutschland fordern. 

Wir haben 12 pflegerelevante Punkte benannt, um die Fragen aufzuwerfen, welche Pflegequalität wir in diesem Land eigentlich haben wollen. Wenn wir diese Qualität definiert haben, müssen wir schauen, wie viele und welche Personen man braucht, um diese Qualität zu gewährleisten. Dann gilt es zu fragen, welchen Stellenschlüssel und welche Gehaltsstruktur braucht man? Damit eben die benötigten Menschen in den Beruf kommen, auch die bislang Unentschlossenen. Nicht mit fragwürdigen Image-Kampagnen, sondern mit guten Argumenten: Mit guten Arbeitsbedingungen und gutem Gehalt.

Warum ist Corona in eine Art Glaubenskrieg ausgeartet? 

Auch das ist eine Aufgabe der jetzigen Zeit: Wir haben ganz viel Wettbewerb in allen Bereichen. Einer muss gewinnen, im übertragenen Sinne: Einer muss Recht haben. Man ist gefühlt ständig in einem Zwang, den anderen von seiner Position überzeugen zu müssen. Die sozialen Schwierigkeiten, mit denen wir zur Zeit konfrontiert sind, sind tief menschliche und ethische Themen. 

Virchow war es glaube ich, der gesagt hat: Er hat so und so viele Köpfe geöffnet und hat noch keine Seele gefunden. Die Seele ist mit Sicherheit nichts, was man direkt sehen und betasten kann. Aber der Sitz der Seele – im anthroposophischen Sinne – das rhythmische System, Atmung, Herzkreislauf hängen sehr stark mit der Seele und mit Emotionen zusammen. Fühle ich mich wohl und gut, dann ist meine Atmung ausgeglichen. Ist mein Herzkreislaufsystem ausgeglichen? Bin ich ängstlich, angespannt oder verärgert? Dann verändern sich nicht nur meine Gefühle, sondern auch die Wahrnehmung und die Gedanken. 

In Gesprächen gibt es diesen Resonanzraum, er kann auf einen Konsens herauslaufen oder auf gegensätzliche Positionen, wo dann die Emotionen ins Spiel kommen. Und heutzutage sind es vor allem Unsicherheiten, Sorgen und Ängste, die unseren Alltag bestimmen und dadurch kommt eben auch eine negative Grundstimmung zum Tragen und eben diese Aufgebrachtheit erleben wir gerade. Denn es sieht so aus, als kämen immer mehr Menschen nicht mehr mit dem permanenten Abstand halten und dem permanenten Tragen der Masken zurecht, sie leiden darunter. Ich denke, die Aggressivität rührt auch daher und ich glaube, die seelische Gesundheit kommt in dieser Hinsicht für viele Menschen definitiv zu kurz. Vor allem, weil sie sich nie damit beschäftigt haben und weil die Seele in der Schulmedizin ihren angemessenen Platz nicht bekommt. Samy Deluxe hat einmal gerappt: “Virtuelle Nähe, virtuelles Leben – virtueller Krebs für eine spirituelle Seele”.

Für mich steckt darin die Aussage: zu viel Digitales kann auch den zwischen-menschlichen Resonanzraum kaputt machen, der maßgeblich durch seelische Empfindungen beeinflusst wird. Denn ein wirklicher Resonanzraum zwischen Menschen entsteht in den sozialen Medien einfach schwerer als in einem analogen Gespräch. Da kommen wir auf das Anfangszitat zurück: Beziehungsgestaltung ohne Begegnung ist möglich, aber schwierig. Virtuelle Konferenzen und virtueller Austausch sind möglich, aber nicht das gleiche wie in der physischen Welt. Wir sind und bleiben soziale Wesen, wir brauchen Begegnung, Gemeinschaft und Nähe. Obwohl ich persönlich glaube, dass diese Maßnahmen uns in erster Linie vor allem vor einer Überlastung unseres Gesundheitssystems bewahren und wir noch eine Weile mit ihnen leben müssen. 

Manchmal heißt es eben, dass man durch die Krise gehen muss, um das Leid zu überwinden. Entwicklung im Leben findet von Krise zu Krise statt. Und Entwicklung geht bis zum Ende des Lebens. Fest steht für jeden von uns, dass er es mit sich selbst bis zum Ende seines Lebens aushalten darf, muss, und auf jeden Fall wird. 

Auf welchen Werten würdest du ein Gesundheitswesen aufbauen?

Ich würde es nach menschlichen und ethischen Gesichtspunkten ausrichten und ich würde der Pflege eine zentrale Rolle ermöglichen! Ich denke schon, dass es in dieser Republik Pflege- und Gesundheitseinrichtungen, Krankenhäuser und Arztpraxen gibt, die nach genau diesen Gesichtspunkten arbeiten, aber mit Sicherheit bräuchten alle Heilberufe insgesamt mehr Zeit. Zeit für einen Dialog zwischen Ärzt*innen und Patienten*innen, Zeit für gute Pflege, Zeit für Beziehungsgestaltung, aber eben auch das Personal um das Ganze möglich zu machen. 

Statt zunehmend mehr auf Digitalisierungsprozesse zu setzen, denke ich, dass wir mehr Mitmenschlichkeit brauchen. Um mit individueller und bedarfsgerechter Beratung, Anleitung und fachlicher Begleitung auch wirkliche Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Und nicht um, wie es in diesem System aktuell der Fall ist, teilweise mit Krankenkassen Operationen und teure Therapien zu verkaufen, anstatt auf alternative Methoden zurückzugreifen, die unter Umständen sogar günstiger und nachhaltiger sein können. 

Abschließend noch ein schönes Zitat von Watzlav Havel zur Sinnfrage: “Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn macht, egal wie es ausgeht.” Das Drumherum kann man sich nur zu einem gewissen Grad aussuchen. Positiv beeinflussen kann man es auf jeden Fall.

Foto-Credit: Anette Geißler, Franka Milani

2 Gedanken zu “Pflege als Beziehungsgestaltung und ein ethisches Dilemma – mit Roger Konrad (Verein “Pflege in Bewegung e.V.”)”

  • Jede Frage/ Antwort in diesem Interview ist klar, eindrucksvoll und qualifiziert beantwortet worden. Ich wünsche von Herzen, dass die Entwicklung zu einer möglichen qualifizierten Pflege auch WIRKLICH mal von der Politik (speziell von der regierenden CHRISTLICH-demokratischen Partei) nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern auch praktisch ermöglicht wird. Ich habe mehrere Jahrzehnte in der Kranken- und Altenpflege praktisch und später theoretisch als Lehrerin für Altenpflege inclusive Leiterin einer pflegerischen Bildungseinrichtung gearbeitet: voller Enthusiasmus, Engagement und Kraft. Mit 58 Jahren gab ich auf, hörte ich auf. Ich wollte keine Bewerbungsgespräche mehr machen und jungen Menschen zumuten, dass sie sich in miserablen Arbeitsbedingungen körperlich, geistig, seelisch verschleissen und am Ende ihres Lebens nicht genug Rente haben, um selbst im Alter qualifizierte Pflege beanspruchen zu können. Es hat sich in den letzten 20 Jahren nichts verbessert für die AltenpflegerInnen und die Pflegesituationen.

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