Heilung ist in jedem Menschen angelegt. Jeden Moment fallen Probleme im Organismus an, zigtausende von Krebszellen, die der gesunde Organismus eliminieren kann. Das kann er aus sich selbst heraus, dazu braucht er keinen Arzt. Wenn sie sich ein Bein brechen, heilt es auch ohne ärztliche Handlung. Ärztliche Kunst ist, diesen Prozess zu unterstützen, so gut es geht.” – „Seit den 50er Jahren existiert die Placebo-Forschung. In den letzten Jahren gibt es jedes Jahr hunderte von Studien darüber. Placebo-Forschung ist die Forschung, die erforscht: Wie wirkt Bewusstsein im Heilungsprozess? Bewusstsein bedeutet: Meine innere Einstellung zu meiner Gesundheit und zu meiner Krankheit. Wir wissen, dass wenn ich negativ über den Verlauf einer Krankheit denke, dass sich das wie selbst prophezeiend auswirkt auf das gesamte System. Und umgekehrt genauso.“


Klaus-Dieter Platsch

Arzt für Innere Medizin, Chinesische Medizin, Psychotherapie und Naturheilverfahren. Der Leiter des Instituts für Integrale Medizin hat die Ausbildung “Heilende Medizin – ein integraler Entwicklungsweg für Menschen im Heilberuf“ und das Medizinbegleitstudium “Caring & Healing – Entwicklung ärztlicher Kernkompetenz” entwickelt und ist Autor mehrerer Bücher zu den Themen einer heilenden und heilsamen Medizin.
https://www.drplatsch.de/


Für meine Interviewreihe „Mach’s weghabe ich rund 50 Interviews mit verschiedensten Perspektiven auf das Thema Gesundheit geführt. Schließlich wussten schon unsere Großeltern: Das Wichtigste im Leben ist die Gesundheit. Aber was ist das überhaupt? Lässt sich Krankheit einfach „wegmachen“? Und wieso kümmern sich Menschen umeinander?


Laurens Dillmann: Warum sind Sie Arzt geworden?

Klaus-Dieter Platsch: Ich bin da eher ein Außenseiter, denn ich komme nicht aus einer Arztfamilie. Auf dem Gymnasium war es mir in meiner Liebe zum Biologieunterricht klar geworden. Die physiologischen Zusammenhänge, die wir gelernt haben, haben mich fasziniert. Dann bin ich auch relativ schnell in die Krankenhäuser und habe Nachtdienste gemacht, noch während der Schulzeit. Da war kein Plan dahinter. Ich habe einfach gespürt, das ist es, was ich machen will. 

Wird man mit dem Talent zum Heilen geboren?

Heilen hat viele Dimensionen – und das Talent dazu liegt in jedem Menschen. Ich denke, eine Voraussetzung zum Heilen ist, dass man die Menschen liebt und ihnen gegenüber offen ist. Ob dieses Talent angeboren ist, kann ich nicht beurteilen. Ich sehe nur, dass Menschen, die diese Fähigkeit haben und sie auch an andere weitergeben, sehr hingegeben sind an das, was sie tun. Und ich denke, Hingabe und das innere Bild – nicht ich heile, sondern etwas, das größer ist als ich selbst, geht durch mich hindurch – ist Voraussetzung für diese Art von Heilung. Wie als die eigene Alchemie kann das im Menschen selbst schon angelegt sein. Aber es kann durchaus auch erworben werden.

Können Sie die Perspektive des Arztes beschreiben, wenn die Heilung gelingt?

Freude! Und gleichzeitig unterscheiden zu können: Was ist durch meine gelernte Perspektive geschehen? Und was ist einfach geschehen, weil es im Menschen selbst angelegt ist? Denn ich habe immer die Erfahrung gemacht, dass wir Ärzte eher Vermittler oder Begleiter der Heilungsprozesse sind. Jedoch nicht ihre Macher.

Heilung ist in jedem Menschen angelegt. Jeden Moment fallen Probleme im Organismus an, zigtausende von Krebszellen, die der gesunde Organismus eliminieren kann. Das kann er aus sich selbst heraus, dazu braucht er keinen Arzt. Wenn sie sich ein Bein brechen, heilt es auch ohne ärztliche Handlung. Ärztliche Kunst ist, diesen Prozess zu unterstützen, so gut es geht.

Was halten Sie vom Begriff „Der innere Arzt“? Welche Rolle spielt der Arzt, wenn ich die Möglichkeit zur Heilung eigentlich schon in mir trage?

Es ist auch ärztliche Aufgabe, zu ermuntern und aufmerksam zu machen, dass Heilung in jedem Menschen möglich ist. Diese Fragestellung sollte nicht an den Arzt im Sinne von „Mach`s weg“ abgegeben werden. Ich als Arzt kann sagen: Du wirst es gut machen. Und ich begleite dich darin.

Es gibt zwei Arten von medizinischer Kompetenz. Die ärztlich-professionelle: Ein großer medizinischer Hintergrund, der auch wirklich exzellent ist. Wir haben eine medizinische Wissenschaft in großartigem Standard. Und auf der anderen Seite haben wir die Kompetenz im Menschen selbst. Der kranke Mensch hat die größte Kompetenz für sich selbst, für sein eigenes Leben und den Weg, den er Richtung Heilung beschreiten möchte. Diese beiden Kompetenzen sind nicht hierarchisch darüber oder darunter. Sie können sich ergänzen und befruchten.

Ein Mensch, der kein medizinische Wissen hat, ist natürlich davon abhängig, dass er Informationen bekommt. Was ist medizinisch eigentlich möglich? Welchen Weg kann er gehen? Aber die Entscheidung liegt beim Patienten. Dazu kommt, dass sich ärztliche Kompetenzen natürlich unterscheiden. Es gibt Ärzte, die sich auf der rein organischen Ebene bestens auskennen und exzellent sind. Und es gibt Ärzte, die vom Stellenwert der Intuition und der Energetik wissen, vom Stellenwert des Bewusstseins und welchen Einfluss es auf die Heilungsprozesse nimmt. Da machen wir schon ein viel größeres Thema auf. In der Medizin ist es fast immer so, dass viele weitergehende Erkenntnisse diskutiert werden. Aber auch bestuntersuchtes Wissen braucht lange Zeit, um in die Medizin Eingang zu finden, denn die Medizin ist immer nur ein Spiegelbild unserer Gesellschaft und folgt deren Prämissen und  Überzeugungen. Ich spreche hier insbesondere vom Thema des Bewusstseins.

Was bedeutet Bewusstsein im Bezug auf die Medizin?

Seit den 50er Jahren existiert die Placebo-Forschung. In den letzten Jahren gibt es jedes Jahr hunderte von Studien darüber. Placebo-Forschung ist die Forschung, die erforscht: Wie wirkt Bewusstsein im Heilungsprozess? Bewusstsein bedeutet: Meine innere Einstellung zu meiner Gesundheit und zu meiner Krankheit. Wir wissen, dass wenn ich negativ über den Verlauf einer Krankheit denke, dass sich das wie selbst prophezeiend auswirkt auf das gesamte System. Und umgekehrt genauso. Da gibt es unendlich viele Studien, die aber kaum Eingang in die Medizin gefunden haben.

Wir haben auch schon seit vielen Jahren die Wissenschaft der Psychoneuroimmunologie. Wir wissen, wie stark die Psyche, unser Denken und unser Fühlen, die organischen Strukturen und damit unsere Gesundheit und unser Kranksein beeinflusst. Je weiter man sich in diesen Dimensionen auskennt, desto mehr Möglichkeiten hat man in der Begleitung eines Menschen. Ich kann den Bogen dann einfach weiter spannen.

Sie schreiben von einem sich anbahnenden Paradigmenwechsel in der Medizin. Wie hat sich Ihr Verständnis von Medizin im Laufe Ihrer Berufslaufbahn verändert?

Das geht mit dem Thema der Spiritualität einher. Als Kind war das für mich ein offenes Buch. Schon mit vier oder fünf Jahren habe ich durch die Kinderbibeln geblättert, war mit acht mit buddhistischen Mönchen befreundet, und mit zehn saß ich in ihren Meditationsräumen. Auch in der christlichen Jugend war ich aktiv. Mit Beginn des Medizinstudiums ist das alles weggefallen. Da war mein spiritueller Bezug plötzlich beendet, weil ich im Studium in eine rationale Wissenschaft hereinkam und damit sehr ausgelastet war.

Mit dem Studium kam dann auch meine politische Aktivität. Ich war aktiv in der alternativen Liste in Berlin und Gründungsmitglied der Grünen. Das war der Versuch einer Antwort auf die drängenden Fragen unserer Weltsituation. Andererseits war ich glühender und hochmotivierter Arzt der konventionellen Medizin. Ich war bestens ausgebildet. Ich hatte mich niedergelassen, ich merkte jedoch rasch, dass ich eigentlich mehr Zeit für die kranken Menschen brauchte. Ich wollte nicht 100 Patientinnen und Patienten am Tag sehen. Und habe mir diese Zeit also einfach genommen. Mein Praxispartner war nicht gerade begeistert, für ihn ging das gar nicht. Das war die erste Scheidung meines Lebens (lacht). Parallel dazu eine Scheidung von meiner ersten Frau. Also eine ziemliche Umbruchsituation. 

Währenddessen habe ich meine erste Akupunkturlehrerin und damit ein ganz anderes Weltbild kennengelernt. In der chinesischen Medizin habe ich mich dann sehr verankert. Ich habe mehrere Lehrbücher darüber geschrieben und war auch Dozent in diesem Bereich. Zeitgleich zur Akupunkturausbildung habe ich eine Psychoanalyse angefangen und eine Lehranalyse gemacht und dabei viel über das Gespräch als solches gelernt. Sie können sich denken, dass sich mir allmählich ganz neue Perspektiven für mich selbst, für die Medizin und die Fragestellung des Heilens eröffneten.

Später bemerkte ich, dass die Methoden gar nicht so wichtig sind. Ich habe ja viel akupunktiert und irgendwann realisiert: Ob ich jetzt die Nadel wirklich setze, oder den Punkt einfach berühre, spielt keine große Rolle. Die Methoden sind zwar eine schöne Eingangspforte und sind wichtig. Allerdings habe ich schnell gemerkt, dass jenseits der Methode noch etwas anderes ist, das heilt. Und das war vor allem die Begegnung zwischen dem Menschen, der krank ist, und mir. Eine Herzensbegegnung mit großer Offenheit. Und das hat zu tun mit einer immer stärker werdenden Wahrnehmungsfähigkeit zum anderen hin. Es war mir immer mehr möglich, wahrzunehmen oder zu spüren, was im anderen vorgeht, was seine Themen sind, und damit angemessen umzugehen. Diese Art von Offenheit und Verwurzelung im Herzen, die Wahrnehmung, dass da noch mehr möglich ist als das Handwerk, das hat meine Arbeit einfach sehr verändert.

Und so bin ich dann dazu übergegangen, heilende Qualitäten als solche zu vermitteln. So habe ich unter anderem eine zweijährige Ausbildung „“Heilende Medizin für Ärzte und Menschen in Heilberufen“ entwickelt. Die ging von 2006 bis jetzt. Und daraus ist „Caring and Healing“ als Begleitstudium für Medizinstudierende entstanden. 2016 haben wir das erste Studienjahr gemacht. Mein Antrieb war: Wenn wir wollen, dass sich die Medizin aus der Tradition des rein Molekular-Atomistischen verändert, dann können die Adressaten nur die Jungen sein, die Medizinstudierenden sollen etwas davon schon in ihrer Ausbildung schmecken können.

Manchmal habe ich den Eindruck, manche Menschen wollen gar nicht gesund werden. An welchem Punkt beginnt ein Mensch zu realisieren, dass er sich verändern muss? Beginnt damit die Heilung?

So viele Wege, so viele Menschen. Auf der einen Seite sind die tieferen Gesetzmäßigkeiten des Heilens einfach. Und gleichzeitig ist der Prozess, sich dem ganz zur Verfügung stellen zu können, nicht unbedingt einfach. Es bedeutet auch Arbeit. Arbeit an sich selbst. Für mich spielt die Meditation eine große Rolle. Warum Meditation? Ich sage es sehr häufig zu den Ärzten und Studierenden: Wir versuchen, die Fähigkeit zu entwickeln, mit unserem Ich zurückzutreten. Ich mache meinen innersten Raum leer. Warum? Was ist denn mein Ich? Unsere ganzen Vorstellungen, unsere Prägungen und Konditionierungen. Sie wirken und weben in mir eine Art inneres Programm.

Allem, was ich draußen in der Welt begegne, einem Menschen, der Natur, einer Sache, wird in mir wahrgenommen und durch mein inneres Programm verarbeitet. So bekomme ich mein entsprechendes Bild, meine Einschätzung der Situation. Alles, was ich gelernt, erfahren und erlitten habe, beeinflusst letztendlich das, was ich sehe. Und damit auch mein Denken und damit mein Handeln.

Angenommen, sie haben eine Prägung, die eher pessimistisch ist. Wenn sie mit dieser pessimistischen Prägung versuchen, einen Menschen heilen zu wollen, haben sie von Hause aus schlechte Karten. Weil das, was ich als Haltung habe, sich unmittelbar auf mein Gegenüber überträgt. Und das ist das Geheimnisvolle. Wir kennen das aus der Quantenphysik und aus den Feldtheorien. Jenseits der materiellen Ausformung des Menschen existiert ein Energie- und Informationsfeld. Sprich, das was auch in mir als Haltung oder als meine innere Atmosphäre oder Befindlichkeit unausgesprochen da ist, ist transpersonal im Energiefeld. Ihr Feld überlappt das Feld des anderen, und andersherum.

Auf einer Ebene, die nicht mal erkannt werden muss, die aber trotzdem immer existiert, spüren wir einander. Und das hat einen großen Einfluss. Wenn sich jemand wirklich auf den Weg macht, einen anderen auf einer tiefen Ebene begleiten zu wollen, ist es wichtig, dass wir uns über uns selbst immer mehr im Klaren werden. Dass also ein Erkenntnisprozess unserer Selbst stattfinden kann. Damit ich den Raum frei machen und meine innere Programmierung, meine innere Befindlichkeit immer mehr zurückstellen kann. Erst dann kann ich ohne mein eigenes Programm das Gegenüber wirklich wahrnehmen. Wirklich wahrnehmen.

Zum Beispiel: Wie fühlt sich der andere? Wie denkt der andere? Was für innere Überzeugungen hat dieser Mensch? Wo sind Blockaden und Stolpersteine, die er sich selbst oder andere ihm in den Weg legen? Das sind Dinge, die wir dann spürend erfahren können. In dieser Art von Aufeinandertreffen ist ein vorheriger Prozess der Selbsterkenntnis einfach zentral.

Nun können Sie sich vorstellen: Alles, was durch bestimmte Filter und Programme von uns selbst läuft, bekommt eine Fixierung oder eine bestimmte Statik. „Das ist so! Du wirst gesund oder nicht gesund!“ Ein Statement – daher auch das Wort statisch. Und diese Statements beeinflussen – auch unausgesprochen – den Menschen. Unsere eigenen, aber auch die des Arztes. Die Stagnation im Lebensprozess jedoch hat das Potenzial, krank zu machen. Lebensprozesse fließen, sie bewegen sich. Jenseits unserer Materie sind wir Energie. Und das Prinzip von Energie ist, dass sie fließt.

Welche Statements in uns sind das größte Hindernis für die Heilung?

Eines der größten emotionalen Statements ist die Angst. Angst macht uns statisch. Wir erstarren geradezu, oder laufen davon, je nachdem. Dann fließt unsere Lebensenergie nicht mehr. Die Prozesse kommen zum Erliegen. Meine Aufgabe als Arzt ist es, diese Stagnation von Lebensenergie wieder aufzulösen. Den Menschen darin zu begleiten, dass diese Blockaden aufgelöst werden. Das heißt eben nicht, wegmachen und weggehen. Im Gegenteil: Hingehen! Zuwenden!

Ein ganz einfaches Beispiel kennt jeder von uns: Jemand sagt irgendwas und ich verfalle plötzlich in Schockstarre. Irgendeine belanglose Bemerkung und ich bin getriggert. „Du hast einen Fehler gemacht. Das ist wirklich verrückt, was du dir da geleistet hast.“ Und ich knicke völlig ein. Dann ist dahinter wahrscheinlich eine alte Verletzung aus der Kindheit: “Ich habe es noch nie richtig gemacht.” Jedes mal wenn jemand, der eine solche Wunde trägt, kritisiert wird, knickt er ein und verliert seine Energie. Da geht es nicht nur um die Worte des Anderen, sondern auch um meine alte Verwundung. Die einzige Möglichkeit, das zu lösen ist, mich dieser alten Verwundung zuzuwenden. 

Als Kind hätte mich dieser Satz umgebracht. Wir brauchen schließlich die Unterstützung unserer Eltern. Und um damit umgehen zu können, haben wir diesen Schmerz einfach weggesteckt, neutralisiert, ins Tiefkühlfach verfrachtet. Und da bleibt er auch. Mit dem Preis, dass, wann immer wir im Leben an dieser Stelle berührt werden, gar nicht wissen, warum wir so stark reagieren. Die Lösung ist, das Eisfach zu öffnen und sich diese Wunde anzuschauen. Als Erwachsener kann ich das, ich werde daran nicht zugrunde gehen. Aber ich muss diese Trauer, dieses Entsetzen, was mir widerfahren ist, einmal wirklich in mir spüren dürfen. Denn dann erst kann es sich lösen, die Energie kann wieder fließen und das Thema kommt zu einem Ende.

Das ist ein Beispiel auf mental-emotionaler Ebene. Aber es gilt genauso für die physische Ebene, für den Körper. Körperliche Verletzungen können erst dann heilen, wenn wir uns diesen Zuständen zuwenden. Energetisch heißt das einfach, dass ich Energie hinein gebe. Meine Aufmerksamkeit ist Schenkung von Energie. Und dann kann ich es fühlen, etwas kann passieren und in Bewegung kommen. Viel der Heilarbeit besteht also darin, aus der Stagnation von Energie herausführen. Auch das ist Aufgabe eines heilenden Menschen: Schauen, wo ist im anderen etwas unbeachtet? Wo braucht es mehr Zuwendung?

Wenn wir uns das energetisch vorstellen, heißt dass, dass unsere Energieachse in Kohärenz schwingt. Energieachse meint den energetischen Hintergrund des Körpers, unserer Emotionen, des Denkens und unserer Seele. Alles sollte in einer Schwingung miteinander schwingen können. Angenommen, wir erleben jemanden, der uns nette Worte sagt, aber sein ganzer Körper spricht eine andere Sprache. Dann sind Körper, Emotionen und Sprache nicht in Kohärenz miteinander. Wenn jemand etwas Nettes sagt und ich das auch in jeder Geste und in der Wahrnehmung des anderen spüren kann, dann ist die Kohärenz gegeben. Diese Kohärenzfähigkeit, dass wir wirklich in Resonanz mit all unseren Ebenen sind, mit unserem ganzen Sein, das ist eine ideale Möglichkeit für Heilungsprozesse. Da ist nichts abgespalten, sondern alles miteinander in Verbindung. Heilung bedeutet, alles miteinander in die Verbindung zu bringen.

Sie engagieren sich dafür, dass diese Inhalte auch Einzug ins Curriculum des regulären Medizinstudiums finden. Haben Sie damit Erfolg?

An diesem Verständnis von Heilung ist die konventionelle Medizin noch lange nicht. Aber bestimmte Dinge wie die Frage des Mitgefühls, der offene dialogische Raum, gleichrangige Kompetenz zwischen Arzt und Patient, mich so ausdrücken zu können, dass auch ein Laie mich versteht, diese Dinge konnten wir jetzt im neuen Lernzielkatalog des Medizinstudiums verankern. Das bedeutet, dass die Fragen nach Mitgefühl, Energie, Liebe und dass die Frage der heilsamen medizinischen Persönlichkeit endlich gelehrt werden. Das ist das erste Mal, dass die Worte „heilsame ärztliche Persönlichkeit“ in der medizinischen Ausbildung vorhanden sind. Das gab es vorher überhaupt nicht. Diese Inhalte müssen nun von den medizinischen Fakultäten verpflichtend gelehrt und geprüft werden. Und zwar zu unterschiedlichen Abschnitten der ärztlichen Ausbildung. Also das ist schon eine schöne Entwicklung. Doch sie ist noch immer sehr am Anfang von dem, wie ich und andere Medizin verstehen. Meditation fehlt zum Beispiel völlig. 

Ist der Paradigmenwechsel also angestoßen?

Ja. Meine Arbeit mit Ärztinnen, Ärzten und Medizinstudierenden ist eine Facette einer Bewegung, die an vielen Orten in der Medizin stattfindet. Die Bewegungen sind klein und es sind noch wenige, aber es gibt sie. Und ich denke, die Vernetzung dieser Initiativen ist der Schlüssel. Was wir mit Caring and Healing erstmalig geschafft haben, ist, dass wir über die Hochschulanbindung direkt einen akademischen Hintergrund haben, mit dem wir tatsächlich auch ins Medizinsystem hineingekommen sind. Viele andere Initiativen sind eher privat, von Lehrern oder Ärzten, die ihre Praxen und Kliniken auf diese Weise ausrichten. Mit Caring and Healing haben wir endlich eine Initiative, die tatsächlich im System angekommen ist.

Wann steht Menschlichkeit in der Medizin wieder an erster Stelle?

Letztendlich ist es natürlich eine Frage des Bewusstseinszustands der Gesellschaft. Und Bewusstsein kann man nicht verordnen. Bewusstsein entwickelt sich und kann sich natürlich unter günstigen Vorraussetzungen gut entwickeln. Ich beziehe mich hier auf das Bewusstseinsmodell der Spiral Dynamics. Verkürzt gesagt: Schätzungsweise leben heute etwa 30 – 50 Prozent der Weltbevölkerung nach einem rationalen Bewusstsein, in dem das Individuum und das Leistungsprinzip sehr betont ist. Wir können durchaus in Analogie zu den Entwicklungsstufen eines Individuums sagen, ein Großteil der Gesellschaft befindet sich noch im Teenageralter. Der rationalen Entwicklung folgt dann ein Bewusstseinszustand, in dem es mehr um Beziehung und Sensitivität, um Teilhabe geht. Das heißt, wir sehen nicht mehr nur uns selbst wie im rein intellektuellen Bewusstsein. Wir sehen uns als Netz innerhalb von anderen, mit anderen gemeinsam. Etwa 10 – 15 Prozent innerhalb der westlichen Gesellschaften leben in diesem Bewusstsein. Unser Sozialsystem ist ein Ausdruck davon.

Das alles ist auf der Ebene des personales Bewusstseins. Es gibt einen darüber hinausgehenden Bewusstseinszustand, der transpersonal ist. Da gibt es etwas, das größer ist als ich. Dieses Bewusstsein ist in der Gesellschaft noch nicht weit verbreitet, eventuell fünf Prozent. Natürlich hat dieses Bewusstsein noch nicht viel Einfluss. Gleichsam, wenn sich der einzelne Mensch in die Erfahrung seiner größeren seelischen Gestalt entwickelt, wird es sich sukzessive auch in der Gesellschaft zeigen. Jeder Mensch kann und wird hoffentlich diese inneren Schritte eines Tages vollziehen. Ich denke, das ist ein Wachstumsprozess, in dem wir keinen Schritt überspringen können und sollten.

Wie erleben Sie das Jahr 2020? Was macht die Corona-Situation mit unserem Verständnis von Gesundheit?

Unter meinen Kollegen und Kolleginnen ist das im Augenblick eine sehr brisante Frage. Gerade bei denen, die mit den Erkrankten konfrontiert sind. Eine Anästhesistin, die auf der Intensivstation Covid-19-Patienten beatmen muss, fragt mich: Was soll ich denn tun, wenn wir nicht genug Beatmungsplätze mehr haben, und ich muss eine Triage vornehmen? Wir haben bestimmte Vorgaben von seiten der Klinik, aber das kann ich ja mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Wie soll ich mich da verhalten?

Die Fragestellung, die dahinter steht, ist, wie kann ich all das mit meinem Menschsein vereinbaren? Das Gegenüber ist ein Mensch, keine Nummer. Ein Lebewesen, das sich mir anvertraut. Mir, der ich auch ein Lebewesen bin. Und ich fühle mich so verbunden und verantwortlich. Wie kann ich mich dann überhaupt hinstellen und sagen: Ich muss auswählen. Ich denke, darin gibt es mehrere Aspekte. Der eine ist, natürlich alles Menschenmögliche zu tun, um die Situation der Triage generell zu vermeiden. Also brauchen wir die medizinischen Kapazitäten und auf der anderen Seite sollten wir die Ausbreitung von Covid19 so klein wie möglich halten.

Der persönlichen Fragestellung der Anästhesistin hilft das aber nicht. Die lautet nämlich simpel und doch tief philosophisch: Was ist richtig, was ist falsch? Da kann ich nur sagen: Es gibt hier kein Richtig und kein Falsch. Ich stehe wie fast überall im Leben – für mich ist das eine Wirklichkeit – im Zentrum eines Nichtwissens. Ich kann es nicht beantworten und schon gar nicht für jemand anderen. Ich bin auch meinen Patienten gegenüber immer in diesem Nichtwissen. In dem Moment, wo ich wüsste, wo es lang geht, fühlt sich der Patient schon in eine ganz bestimmte Richtung gedrängt. Und das ist oft nicht mehr seine eigene Richtung.

In der Menschlichkeit und im Nichtwissen zu bleiben, finde ich sehr zentral. Es ist eine große Herausforderung für die Menschen, die diese Covid-19-Patienten und Patientinnen behandeln. Ich habe der Anästhesistin geantwortet, sie solle entscheiden, was für sie persönlich am stimmigsten ist. Was mit ihr in Resonanz geht. Kannst du das? Möchtest du das? Ist es möglich? Oder nicht? Überprüfe: Wenn du gezwungen bist, aufgrund des Systems, das du erfüllen musst, aber du kannst es nicht vor dir selbst verantworten – welchen Ort findest du dann? Vielleicht musst du den Dienst quittieren und woanders hingehen. Oder du bleibst, weil die Hilfe so dringend notwendig ist, und du handelst trotzdem, aber bewusst, gegen eine deiner tiefsten Überzeugungen.

Alle Pauschalitäten, all das „Das muss doch so gemacht werden!“, „So geht das doch nicht!,“ kommt aus einem Raum, wo wir denken, wir wüssten. Und wir wissen nicht. Aber wir können versuchen, das Leid dort zu sehen und zu lindern, wo wir etwas über die Möglichkeit wissen, wie es gehen könnte. Das ist möglich, das sollten wir tun und das liegt auch in unserer Verantwortung. Gesellschaftlich wie auch ärztlich. Damit diese Entwicklung geschieht, gehört es natürlich auch dazu, dass wir den Ängsten der Menschen angemessen begegnen. Ich kann es nachvollziehen, wenn Menschen Angst vor einer Infektion haben, die sich pandemisch seit Monaten äußert. Ich kann es verstehen, wenn Menschen Angst haben, dass ein Risiko besteht, wenn sie ihr Haus verlassen. Ich kann es verstehen, dass manche Menschen Angst haben, überhaupt noch in Kontakt mit anderen zu gehen. Ich kann die verstehen, die Angst vor der vielleicht nicht genug erprobten Impfung haben, oder die sich an den Einschränkungen stören und darunter leiden.

Zu unserer Menschlichkeit gehört auch das. Sich auf die Ängste der anderen einzulassen. Es ist eine Angelegenheit, das mit in mein Mitgefühl zu nehmen. Eine mitmenschliche Form von Solidarität zu haben, das denjenigen hilft, die an solchen Ängsten besonders leiden. Das ist auch ein Sinnbild der Globalisierung. Wir sind vernetzt miteinander, und so teilen wir auch unsere Erkrankungen, und ihre Risiken. Ich denke, da zeigt sich das Wesen einer Gemeinschaft. Einfach nur, weil ich anderer Meinung bin, diese Meinung über die Solidarität und die Menschlichkeit an sich zu stellen, das ist für mich nicht möglich.

Haben sie eine Idee für eine Diskussions- und Kommunikationskultur, die uns geistig freier macht?

Ich bin der Überzeugung, dass die Allermeisten in unserer Gesellschaft total offen wären für einen guten Austausch über die Fragen von Corona und all das, was es mit sich bringt. Wir müssen wirklich überlegen, wie wir alle Teile der Gesellschaft miteinander in Verbindung bringen. Unversöhnliche Meinungen sind nicht hilfreich. Eine Spaltung ist niemals hilfreich. Medizinisch betrachtet macht Spaltung krank, im Heilungsprozess versuchen wir, die Dinge zusammenzubringen. Spaltung macht uns persönlich krank, und damit auch die Gesellschaft.

Wir brauchen eine Möglichkeit, unversöhnliche Meinungen wieder in ein fließendes Miteinander und in einen Austausch zu bringen. Das ist eine große Herausforderung und sicher ein Appell an alle beteiligten Seiten.

Corona-Befürworter oder Corona-Leugner. Warum stecken Menschen sich gegenseitig so schnell in Schubladen?

Jede Festlegung ist untauglich. Sie ist statisch und damit lebensfremd. Sie sprechen das Thema von Fundamentalismus und Dogmatismus an. Wir haben eine Diskurs- und Diskussionskultur, die zur Debatte neigt. Und Debatte heißt eigentlich, man zieht das Schwert. Wir haben keine dialogische Kultur des offenen Austausches. Ich bin für offene Dialoge, das praktiziere und übe ich schon sehr lange. Was auch immer du sagst, es ist das, was du denkst, und das höre ich mit allem Respekt an. Es ist für dich richtig und es muss für mich nicht richtig sein. Ich kann dazu Stellung beziehen und ich möchte, dass du meine Position, die ich dazu habe, genauso anhörst.

Wenn wir das zusammen machen, haben wir einen Austausch, in dem wir alle Beteiligten in dieser Fragestellung anhören und uns gegenseitig zuhören. Darum geht es: anhören und zuhören. Und wenn wir uns wirklich anhören, können wir unsere Wurzeln dran lassen. Nicht direkt das Schwert ziehen und sagen: „So ist es richtig und so muss man es machen!“ – sondern: „Ich empfinde das als richtig, weil ich mich mit diesem und jenem beschäftigt habe, weil ich das dabei herausgefunden habe, diese und jene Erfahrung gemacht habe, weil mir das und das wichtig ist.“

Dann kann ich dich hören und verstehen. Wenn das jeder im Kreis tut, kommt plötzlich eine ganz andere Art des Austausches und ein Wohlwollen miteinander zustande. Wo es auch die Möglichkeit gibt, Gegensätze stehen zu lassen. Wo man nicht in Fundamentalismus abgleitet. Und wie durch ein kleines Wunder bildet sich über eine höhere Intelligenz eine neue Ebene miteinander, eine neue Art von Lösung, über die wir noch gar nicht nachgedacht haben. Das ist für mich ein wirklich kreativer und offener Dialog. Darin müssten wir schon unsere Kinder schulen. Ansonsten haben wir weiterhin den ganzen Fundamentalismus – auf welcher Ebene auch immer. Verhärtete Fronten bringen niemanden weiter. Und eines der Prinzipien eines solchen offenen Dialoges ist im Hintergrund immer das Nichtwissen. Ich lade jede Art von Position ein, sich zu äußern. Ich kann nämlich auch nicht alle Quellen lesen und prüfen, kann nur ein gewisses Maß an Informationen aufnehmen. Ich habe auch meine inneren Prägungen und Erfahrungen meines Lebens, meine eigenen Filter, meine eigenen Überzeugungen. Ich will das niemandem überstülpen. Ich will einen offenen Raum.

Woran kann ich erkennen, ob ein Mensch in einem Heilberuf es gut mit mir meint?

Frag dein Herz. Das Herz weiß. Es spürt, ob man Vertrauen fassen kann oder nicht. Ich kann mich da einlassen. Ich spüre das sehr genau in einer Begegnung, ob ich mich öffnen will oder nicht. Und ich spüre, ob mein Gegenüber an mir Anteil nimmt. Da ist jemand, dem kann ich vertrauen. Das geht nicht kognitiv, nicht über den Kopf. Es ist eine Resonanz, ich komme mit der anderen Person in eine Schwingung. Das Herz spürt diesen Moment.

In diesem Moment, wo jemand dieses Vertrauen fasst und er den offenen Raum bemerkt – die Qualität von Mitgefühl und Liebe, die diesen Raum durchzieht – da offenbaren diese Menschen plötzlich Dinge, die sie sonst noch mit niemandem geteilt haben. Das ist so eine Entlastung für viele Menschen. Viele Menschen sind sehr belastet mit Fragestellungen, Problemen, Alltagsschwierigkeiten, und haben nie mit jemandem darüber sprechen können. Wenn dieser offene Vertrauensraum da ist, verschafft sich dieses tiefe innere Bedürfnis Raum. Wir brauchen Bezeugnis. Wir brauchen einen Zeugen unserer Selbst. Ein Gegenüber, dem wir vertrauen. Bei dem wir wissen, das, was wir sagen, ist wirklich bewahrt, geachtet und respektiert. Bei dem wir nicht als Menschen disqualifiziert werden. Wir werden füreinander immer Mensch sein und bleiben.

 

Foto-Credit: Klaus-Dieter Platsch

Online: https://www.drplatsch.de/

4 Gedanken zu “Heilung – ein innerer, schöpferischer Prozess im Menschen selbst – mit Dr. med. Klaus-Dieter Platsch (Gründer des Medizinbegleitstudiums „Caring and Healing“)”

  • Ein wunderbarer Mensch und schöne Gedanken
    zum Thema MENSch-Sein, was es bedeutet und
    wie ich die eigene Wahrheit finden kann:
    – Frage Dein Herz und sei beweglich im Geist –
    nehme ich als Essenz für mich mit aus diesem Artikel.

    In Lak’ech

    maria

  • Sehr inspirierend. Danke! „…Darum geht es: anhören und zuhören. Und wenn wir uns wirklich anhören, können wir unsere Wurzeln dran lassen. Nicht direkt das Schwert ziehen und sagen: „So ist es richtig und so muss man es machen!“…“

    Sehr wertvoll für mich, dieser Ansatz, danke. Und wenn wir echtes gegenseitiges Verstehen aufbringen, dann sind wir beieinander und können mit all unserem „Sein“ in Erscheinung treten. Somit können wir im Vertrauen, ohne Angst – sondern mit gegenseitigem Respekt und Verständnis – eine Lösung anstreben.

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