All das, an dem wir früher unser Leben festgemacht haben, zerrinnt wie Sand in der Sanduhr. Man dachte, man baut auf festem Fundament. „Auf diese Steine können Sie bauen“ – so damals die Bausparkassenwerbung. Diese Werte lösen sich gerade auf. Und was bleibt übrig? Die Natur! Die Natur war immer und wird immer sein. Dort können wir jetzt zur Ruhe kommen. Unsere schöne Sprache sagt: Wir müssen die Ruhe gar nicht suchen. Wir müssen hingehen, zu ihr kommen, weil sie immer da war. Das finde ich zum Beispiel im Wald. Dort kann ich zur Ruhe kommen. Und dort merke ich: Ich bin ja auch Natur. Und nach einiger Zeit dort kann in mir das hochkommen, was meine eigene Natur ist. Diese wilden Kräfte in uns.


Markus Strauß

Studium in Heidelberg: Geographie (Diplom) mit den Nebenfächern Biologie und Geologie, Feldforschungen im Nepal-Himalaya, Stipendien des DAAD sowie der Konrad-Adenauer-Stiftung, Promotion zum Dr. rer. nat. an der Universität Mainz, zahlreiche Veröffentlichungen: Bücher, Zeitschriften, Beiträge in Radio und TV, Kooperation mit der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU): Zertifikatslehrgang zum „Fachberater/-in für Selbstversorgung mit essbaren Wildpflanzen“, Gründer der Stiftung EssbareWildpflanzenParks: http://ewilpa.net/


Es ist 2020 und die Welt wird abgeriegelt. Innenschau und die ganz wichtigen Fragen nach dem Sinn stehen auf dem Programm. Ich  – Laurens Dillmann – entschließe mich, die Zeit zu nutzen und diese Fragen Menschen zu stellen, die sich um die Gesundheit anderer kümmern.

Für meine Reihe „Mach’s weg“ habe ich über 40 Interviews mit verschiedensten Perspektiven auf das Thema Gesundheit geführt. Schließlich wussten schon unsere Großeltern: Das wichtigste im Leben ist die Gesundheit. Aber was ist das überhaupt? Und lässt sich Krankheit einfach „wegmachen“? Ziel meiner Fragen ist es, die Essenz herauszufinden. Außerdem soll es praktisch sein. Was kann jeder selbstständig für das eigene Wohlbefinden tun? Und wie wird die Corona-Erfahrung unser Verständnis von Gesundheit und unser Gesundheitswesen verändern?


Laurens Dillmann: Wie verlief Ihr beruflicher Werdegang? Was fasziniert Sie?

Markus Strauß: Wo fängt man da an? Ich bin in der Nähe des Bodensees in einer sehr landwirtschaftlich geprägten Gegend mit sehr schöner Natur aufgewachsen. Im Nachhinein gesehen ein Riesengeschenk. Als Kind ist es ja selbstverständlich. Der Kontakt zum Hochgebirge, die Alpen vor Augen, der große See, eine kraftvolle Natur. Mein Uropa hatte eine Baumschule, die auf Obst- und Rosengehölze spezialisiert war. Auf diesem Grundstück bin ich aufgewachsen. Das hat mich schon früh in Richtung Pflanzen geprägt. Wir haben dort beschnitten, geerntet und verarbeitet.

Das ganze Selbstversorgerthema hat mich also früh geprägt. Ich bin Jahrgang 66. Bis in die 70er rein hat sich das noch gehalten. Da hatte man große Gemüsegärten, eigene Hühner, es gab Landwirte im Ort, wo man Milch holen konnte. Auch Hausschlachtungen gab es. Alles war nah am Tier, am Produkt, am Erzeuger, kleine kurze Wege, wenig Verpackungen. Riesige Aktionen, in denen Gemüse eingeweckt, eingefroren oder gedörrt wurde. Vieles wurde milchsauer eingelegt. Wir hatten riesige Vorratsregale in den Kellern, Kartoffelhorden. Man musste kontrollieren: Ist eine Maus hineingeraten? Schimmelt oder fault etwas? Opa hat die Äpfel immer durchsortiert. Die angefaulten wurde alle zwei Tage zu Apfelmus verarbeitet. Das gab es immer frisch, Zwetschgenkompott auch. Ich kann mich an einige Szenen als Kind erinnern: Wenn ich mit meiner Mutter einkaufen gefahren bin, hat mein Opa immer gesagt: „Was fahrt ihr schon wieder weg? Wir haben doch alles da.“ Das Auto war ihm schon zu modern. Mittlerweile leben wir aus seiner Sicht sicher in einer sehr künstlichen Welt.

Damals wurde also etwas in mir angelegt. Ich habe dann Geographie studiert. Ich wollte die Natur als Ganzheit begreifen. Das war mir wirklich ein inneres Anliegen. Schon in der Kindheit war mein Hobby, die Natur zu beobachten und zu gärtnern. Doch weder an der Uni noch in der Entwicklungshilfe ging es für mich weiter, ich habe gemerkt, das ist es eigentlich nicht. Nach dem Studium bin ich für fünf Jahre in die freie Wirtschaft. Das war es auch nicht. Ich war überall erfolgreich und fleißig, eingegliedert. Und habe gemerkt, auch das passt nicht zu mir.

Ich bin auf einen Selbstversorgerbauernhof in eine ganz kleine Lebensgemeinschaft gezogen. Das hört sich romantisch an, war aber damals, 2001, eine tiefe Lebenskrise. Ich war Mitte 30, in der vollen Blüte, aber sehr orientierungslos. Ich wusste eher, was ich nicht will und nicht, was ich will. Damals kristallisierte sich dann genau das heraus. Und das ist auch eine wichtige Botschaft für die heutige Krise. Sehr viele Menschen kommen jetzt in diese Situation. Man merkt, man ist erschöpft von all den Erwartungen, denen man entsprechen soll. Es hat sich erschöpft – in dem Brunnen ist nichts mehr. Rien ne va plus. Das Spiel ist vorbei, hier geht’s nicht mehr weiter. Im Nachhinein kann ich sagen: Das fühlt sich zwar nicht gut an, ist aber ein sehr gesunder, heilsamer Zustand. Dann weiß man wenigstens, was man nicht mehr will und was nicht mehr gut tut.

Dann braucht es eine Pause und eine Zäsur. Tief durchatmen, in die Natur, in den Wald gehen. Da wird man nicht verurteilt. Mit der Zeit setzt sich der Staub der aufgewühlten, turbulenten Situation. Gefühlschaos, Ängste, Ohnmacht, Wut. Wenn dann die Ruhe eintritt, kommt mit ihr das Wissen, was mir eigentlich Spaß macht. Da fühle ich Freude, da fühle ich mich lebendig. Bei mir war das die Selbstversorgung, in der ich vollkommen aufging.

Ich habe dann begonnen, mich mit essbaren Wildpflanzen zu beschäftigen. Die Selbstversorgung rechnete sich nicht, wie hätte ich davon leben können? Das Bemühen um die Kartoffel oder andere Kulturgemüse…da kommen mal die Läuse, die Schnecken, der Spätfrost. Was aber immer wächst, sind Brennesseln, Giersch, Löwenzahn, Vogelmiere etc. In das Wissen über die Wildpflanzen habe ich mich dann sehr vertieft. Auf einmal griffen alle Zahnrädchen meines Studiums und meiner Interessen zusammen: Botanik, Ökologie, Bodenkunde, Ernährung, Yoga. Und so wurde mir auch klar: Meine Güte, wir sind ja als Gesamtgesellschaft in einem völlig falschen Film. Wir müssen uns wirklich anders orientieren. Das Wahre, Nährende, Schöne, Gute liegt ganz woanders. Wir haben an der falschen Stelle gesucht. Die essbaren Wildpflanzen sind in dieser Situation ein gutes Symbol und eine Chance für die gesamte Gesellschaft.

Diesem Weg bin ich treu geblieben. Es fühlte sich lebendig und sinnhaft an. Ich habe meine Bücher geschrieben, Seminare gegeben, unterrichtet. Alles wurde professioneller, 2013 wurde ich mit meinem Zertifikatslehrgang über „Unkraut“ an der Hochschule angenommen. Inzwischen haben wir über 600 Leute über die Weiterbildungsakademie ausgebildet. In vielfältigster Weise setzen diese Menschen das Wissen in ihren jeweiligen Berufen um. Das ist toll, was für ein Netzwerk da entstanden ist. Es gibt so viele Initiativen, um die essbaren Wildpflanzenparks anzulegen. Und heute hat dieses Wissen schon einen ganz anderen Stand. Alles wurde größer mit der Zeit, mehr Fernseh- und Radioauftritte, Webinare. Ich erreiche mit diesem Thema nun einfach viel mehr Leute. Und es macht Spaß zu sehen, dass es auf fruchtbaren Boden fällt. Ich kann Menschen wirklich helfen. Und es gibt jetzt wirklich viel zu tun! Das ist positiver Stress für mich. Wenn ich dieses Pensum in einer Firma leisten müsste, wo es gar nicht um mein Herzensanliegen ginge, wäre ich längst krank. Aber man ist doch sehr leistungsfähig, wenn man gefunden hat, was einen erfüllt.

Wie ist der modernen Welt der Zugang zur Selbstversorgung verloren gegangen? Und wieso kommt dieses Thema jetzt so drängend zurück?

Wir sind alle Teil der Gesellschaft. Und dieses Gefühl von Teilhabe ist sehr lebendig und sehr schön. Man kann sich aber auch abgeschnitten und getrennt fühlen. Trennung ist in unserer jetzigen Situation das Grundthema, Trennung vom Lebenssinn und vom Lebensfluss. Wenn wir uns nur als Teil eines künstlichen, von uns selbst erbauten Systems erleben, sind unsere Hauptrollen die des abhängigen Patienten, das Konsumenten, oder des Produzenten. Aber immer getrennt von der eigentlichen Quelle. Der Quelle der Gesundheit, der Eigenständigkeit, der Selbstversorgung. 

Aus Sicht des Systems ist das auch gut so. So kann man die dicksten Geschäfte mit uns machen. Aus Sicht eines Pharmakonzerns, eines Staatsgebildes, einer hierarchisch organisierten Firma ist das eine ganz logische Vorgehensweise. Ich brauche Menschen, die im System ihre Aufgaben erledigen. Bitte nicht aufmucken, das stört die Abläufe im Gesamtapparat! Nahezu all unsere gesellschaftlichen Systeme sind in diesen pyramidalen Machtstrukturen organisiert. Und diese Pyramiden finden wir überall. Ein aktuelles Beispiel ist das Kommunikationssystem. Früher haben die Menschen direkt miteinander kommuniziert. Heute überantworten wir die gesamte Kommunikation der gesamten Gesellschaft an Big-Tech-Firmen wie Google, Twitter, Microsoft, Apple. Etc. Das sind private Firmen mit „Ein-Chef-Politik“, wo dann ganz oben entschieden wird, was gesagt werden darf oder nicht. Das sind künstliche Systeme, die nicht natürlich sind. Das entspricht nicht unserer Natur und es besteht immer die Gefahr, dass sie uns krank machen, wenn sie unsere Lebendigkeit nicht wirklich zulassen.

Wir können auch von Grund auf fragen: Wo kommt diese Trennung denn eigentlich her? Wo hat das begonnen? Das habe ich mich lange gefragt. Bei der Recherche kommt man immer weiter zurück – ehrlich gesagt bin ich in der Steinzeit gelandet. Das Thema essbare Wildpflanzen führt nämlich genauso dahin. Wenn man sich anschaut, wie die gesamte Wirtschaft in der Menschheitsgeschichte organisiert war: Uns gibt es wohl seit etwa zweieinhalb Millionen Jahren. Was war das Fundament der wirtschaftlichen Aktivitäten? Im größten Abschnitt der Menschheitsgeschichte war es das Sammeln und das Jagen. Das wurde erst etwa 5800 Jahre vor Christi Geburt durch die Landwirtschaft abgelöst. Seit 7800 Jahren betreiben wir Landwirtschaft in Ackerbau und Viehzucht, davor waren es zweieinhalb Millionen Jahren Sammeln und Jagen.

Das war die sogenannte neolithische Revolution. Danach kam die industrielle Revolution. Alles wurde weiter mechanisiert und das, was aus der Landwirtschaft erzeugt wurde, weiter stark verarbeitet. Heute kommt die digitale Revolution dazu, die alles auf den Kopf stellt und weiter verkünstlicht. Convenience Food, Fast Food, to go. Als Gegenbewegung gibt es Bio. Leider mittlerweile auch convenience Food und oft stark verarbeitet, wenn man es ein wenig hinterfragt.

An den Lebensmitteln lässt sich der Trend wirklich gut darstellen. Zweieinhalb Millionen Jahre haben wir wilde Lebensmittel gegessen. 7700 Jahre eine Ur-Bio-Qualität aus der Landwirtschaft vor der industriellen Revolution. Dann gab es Dünger und Spritzmittel. Nun seit etwa 100 Jahren eingedostes Obst und ausgesiebtes Mehl. Seit 30 Jahren das Fast Food. Eine Exponentialkurve. Je mehr wir uns technisch entwickelt haben, verschnellert sich das Leben. Nun macht es BUFF und alles funktioniert hinten und vorne nicht mehr. Jeder exponentielle Vorgang stürzt irgendwann in sich zusammen. Das erleben wir gerade. Eine Situation, die die Menschheit so zuvor noch nie erlebt hat. Deswegen ist sie auch so stressig.

Ich plädiere dafür: Die Trennung von den Prinzipien der Natur und artgerecher Ernährung zu überwinden. Beides wieder ins Heute zu integrieren. Essbare Wildpflanzen und Fleisch in Urqualität. Ich spreche vom Reintegrieren. Zweieinhalb Millionen Jahre haben wir schließlich genau das gegessen. Es geht nicht zurück in die Steinzeit! Ich will nicht in einer Höhle leben und ich trage Klamotten, kein Fell. Ich bin dankbar, dass wir hier über Internet und Zoom miteinander sprechen können. Aber ich denke, allen wird allmählich klar, wir müssen uns neu orientieren. Das Leben bewegt sich nämlich weiter.

Wir müssen also altbewährte Kulturtechniken von früher sinnvoll verknüpfen mit den tollen Erfindungen und Errungenschaften seit der industriellen und digitalen Revolution. Strom, Internet. Das muss für alle zugänglich sein, fair, gleichberechtigt, offen. Dann können wir damit – verknüpft mit den altbewährten Kulturtechniken – Zum Beispiel Sammeln, Fermentieren, das Wissen um die Kreisläufe der Natur – einen großen Sprung in unserer Lebensqualität schaffen. Und da soll es hingehen. Wir wünschen uns schließlich eine gute Zukunft, nicht dass wir im Chaos versinken, wie es sich an mancher Stelle schon andeutet. Ich denke aber, das sind nur Phänomene von kurzer Dauer. Ich denke, wir werden 4-5 Jahre durch eine Umstrukturierung gehen. Das wird Angst, Chaos, Hunger und leider auch Gewalt mit sich bringen. Das sind die traurigen Begleiterscheinungen, aber so ist es.

Also keine Panik auf der Titanic?

Es ist kein Weltuntergang. Es ist eine Neugeburt. Wir sind im Geburtskanal des Neuen. Das fühlt sich nicht prickelnd an. Es ist eng, man muss vorsichtig sein, wem man was sagt. Viele haben Angst, die einen vor dem Virus, die andern vorm Ruin, die nächsten vor der Diktatur. Es ist anstrengend. Das Bild der Geburt passt wohl am besten. Das Baby war gut geborgen, gedämpfte Geräusche, gut genährt, immer 37 Grad, immer im Wasser, alles sicher und geschützt. Jetzt ändert sich alles. Es wird eng, ich muss da durch, ich kriege keine Luft. Und draußen ist es erstmal unbekannt. Das ist schon eine Art Zwang. Es gibt kein Zurück mehr. Es ist einfach vorbei.

Wann hat es denn bei Ihnen persönlich Klick macht und Sie haben realisiert, dass Sie sich selbst versorgen wollen?

Einerseits natürlich die Erfahrungen meiner Kindheit. Später war ich leider auch akademisch verbildet. Ich war in der Entwicklungshilfe unterwegs, habe meine Doktorarbeit über den ökologischen Teeanbau im Nepal-Himalaya geschrieben. Ich musste eruieren, ob es sinnvoll ist, die Teepflanze als Cash-Crop in dem Gebiet einzuführen, also als Pflanze, mit der man dort auch Geld verdienen kann. So dass die Ansässigen nicht nur in der Subsistenz, also in der Selbstversorger-Landwirtschaft stecken bleiben.

Ich war fast ein Jahr in Nepal, habe viele Bauernhöfe besucht, Umfragen gemacht, das Land kartiert, geguckt: Wie und was bauen sie an? Das war ein Gebiet, wo es keine Straßen und Strom gab, ich habe also mit den Leuten dort mitgegessen. Da gab es meist einen Klecks Spinat, der hatte von Tag zu Tag eine unterschiedliche Grünfärbung und einen etwas anderen Geschmack. Ich habe mich dann gewundert: Welche Pflanzen von diesen Terrassenfeldern sind denn das? Ich habe das nicht einordnen können, wo es eigentlich herkam. Als ich gefragt habe, haben sie auf die Schlucht, das Gebüsch, den Wald gezeigt – “Von da hinten“. Bis mir klar wurde, sie sammeln das in der freien Natur. Es ist gar nicht angebaut. Von meinem akademischen Turm runter habe ich das damals belächelt. Na gut, schmeckt ja gar nicht schlecht.

Erst viele Jahre später mit meinem Interesse an Wildkräutern und dem Schreiben meiner Bücher dämmerte mir erst: Das ist ja der Hammer! Das können wir ja hier auch gebrauchen. Wir sind ja genauso Entwicklungsland. Nur in der Polarität ganz anders. Die Nepalis auf der einen Polarität. Selbstversorgerwirtschaft, kaum eine Rupie Geld verdient. Wir auf der anderen Polarität. Nur Geld verdienen, und vielleicht mal ein bisschen Schnittlauch auf dem Balkon anbauen. Wir sind nur zu 0,1 Prozent Selbstversorger. Am besten ist, man befindet sich auf dem Weg der Mitte. Die Mitte machts. Deswegen ist es für uns hier in Mitteleuropa jetzt wichtig, dass wir wieder Kontakt zu den alten Traditionen der Selbstversorgung aufnehmen. In anderen Weltgegenden ist es jetzt angesagt, dass sie dort ins Geldverdienen hineinkommen. Natürlich nicht auf diese krankhafte Weise, auf die die westliche Welt es zugespitzt hat. Dann können wir uns in der Mitte treffen. Für mich war das ein erhellender Moment. Jetzt bin ich eine Art Entwicklungshelfer für Selbstversorgung im deutschen Sprachraum (lacht).

Was hat Wildheit mit unserer Gesundheit zu tun?

Es gibt nichts Direkteres als Wildheit. Deswegen ist die Natur auch so heilsam. Ich kann mich an meine katholisch geprägte Kindheit erinnern. Da hat man die Machtträger auf der Straße ganz ehrfurchtsvoll gegrüßt. Der Pfarrer, der Baron, der Bürgermeister und der Lehrer, das waren die Respektspersonen im Dorf. Da merkt man jetzt auch schon, was in dieser relativ kurzen Zeit passiert ist. Das Adelsgeschlecht ist ausgestorben, das kleine Dorf eingemeindet, den Bürgermeister gibt es nicht mehr, die Pfarrstelle ist längst nicht mehr besetzt, es geht auch kaum noch jemand hin. Sogar Sicherheit in der Währung und im Besitz zerbröselt allmählich.

Was unsere prägenden Religionen nie wahrhaben wollten: Es leben archaische Kräfte in uns. Wir sind heute sehr oben im Kopf, fast ausschließlich. Es geht jetzt darum, auch wieder Anderes zuzulassen. Aus dem Osten kommt die Lehre der Energiezentren, der Chakren. Sieben an der Zahl, vom Wurzel- bis zum Kronenchakra. In dieser ganzheitlichen Lehre sind alle unsere Lebensbereiche enthalten, auch die Sexualität als Sakralchakra ist integriert. Da ist nichts abgespalten und weggedrückt als Sünde, sondern alles ist Teil von uns. So macht alles auch viel mehr Freude, mehr Lebendigkeit, mehr Gesundheit.

Immer wenn ich etwas trenne, geschieht das Gegenteil. Für einen Steinzeitmenschen hätte sich diese Frage gar nicht gestellt. Durch die 2000 Jahre Christentum sind wir durch und durch von dieser Kultur geprägt. Das gilt es jetzt anzugucken, und zu reflektieren: Was hat das mit mir persönlich gemacht? Welches Leid hat es erzeugt, dass ich von dieser Wildheit wie getrennt bin? Wie gehe ich jetzt damit um? Und wie kann ich zu mehr Natürlichkeit kommen?

All das, an dem wir früher unser Leben festgemacht haben, zerrinnt wie Sand in der Sanduhr. Man dachte, man baut auf festem Fundament. „Auf diese Steine können Sie bauen“ – so damals die Bausparkassenwerbung. Diese Werte lösen sich gerade auf. Und was bleibt übrig? Die Natur! Die Natur war immer und wird immer sein. Dort können wir jetzt zur Ruhe kommen. Unsere schöne Sprache sagt: Wir müssen die Ruhe gar nicht suchen. Wir müssen hingehen, zu ihr kommen, weil sie immer da war. Das finde ich zum Beispiel im Wald. Dort kann ich zur Ruhe kommen. Und dort merke ich: Ich bin ja auch Natur. Und nach einiger Zeit dort kann in mir das hochkommen, was meine eigene Natur ist. Diese wilden Kräfte in uns, die Sexualität, die Körperlichkeit, die Lust an Bewegung, die uns so oft abhanden gekommen ist, weil wir ständig sitzen. Das Sitzen ist das neue Rauchen, heißt es. Eine wirkliche Volksseuche. Das Gehen wäre eigentlich das Normale. Plus Klettern, Recken, Bücken, Springen, Schwimmen, Sprinten, wenn wir uns eben in der Natur bewegen. Das machen wir alles viel zu wenig.

Unser Körper ist noch der Alte. Wir haben seit 30 Jahren digitaler Revolution nicht plötzlich andere Zellen, einen anderen Stoffwechsel, einen anderen Darm, ein anderes Knochengerüst. Das ist alles noch aus der Steinzeit. Und ist die Bewegung gewohnt. Und eben auch diese ehrlichen Lebensmittel, in denen diese Stofflichkeit und Kraft aus der Natur drinsteckt. Da kann ich wirklich nur dazu ermuntern, sich dem Thema essbare Wildpflanzen zu nähern.

Ein ganz einfaches Beispiel: Brennnesseln kann jeder erkennen. Wenn es Aua macht, ist man da richtig. Da ist so viel Vitamin C drin. Es gibt nur einen Punktwert, da es aus fehlendem wirtschaftlichen Interesse nie richtig untersucht wird. Aber schon dieser Punktwert von 333 Milligramm pro 100 Gramm ist astronomisch hoch. Im Gegensatz zu anderen Lebensmitteln, die wir kaufen müssten, die in Plastik eingepackt sind und schon dreimal um den Globus gingen, durch fünf Maschinen durchgepresst, geplättet, Konservierungsstoffe, Farbstoffe, bedampft und sonstwas. Wir wissen doch genau, mit einer solchen Form der Landwirtschaft zerstören wir die Erde und uns selbst. Denn diesen Müll müssen wir auch noch verdauen. Das ist sehr zugespitzt formuliert, aber so ist es.

Und im Gegensatz dazu die wilde Brennessel. Die sich gegen Schnecken, Läuse, Spätfrost, viel Sonne, Dürre, durchgesetzt hat. Die Natur hat sie gedüngt, mit ihrem Laubfall. Sie gedeiht mit einer unglaublichen Kraft aus sich selbst heraus. Bitte im Wald sammeln, nicht am Ackerrand, wo der Kunstdünger und das Glyphosat noch hinkommen. Ab März geht das Sammeln wieder los. Daraus kann man grüne Smoothies machen. Oder eine Quiche. Oder ins Rührei. Man kann sie zu Pulver trocknen, zu Tee aufgießen, sie walzen und in den Salat machen – dann brennt sie nicht mehr. Bitte nicht überfordern, unsere Darmflora ist wie unser Körper oft degeneriert und muss sich erst daran gewöhnen, wenn da plötzlich wieder lebendige Nahrung hineinkommt. Und dann einfach mal hinspüren: Was macht das mit mir?

Das Tolle dazu: Ich bin dann draußen an der frischen Luft. Ich höre die Vögel des Waldes, den Wind, ich kriege Sonne und produziere Vitamin D. Ich muss mich bücken, über Stock und Stein laufen, bewege mich. Und ich nehme die Jahreszeiten war. Ich merke im März, wie es noch winterlich frisch sein kann, aber die Sonne schon stark ist. Wie es überall von unten im Waldboden heraus zu knospen und zu grünen beginnt. Ich bin dann eng angeschlossen an die Natur. Auch das haben wir völlig verloren, bei uns gibt es ja zwölf Monate am Stück lang essbare Tomaten.

Wenn ich mit essbaren Wildpflanzen lebe, habe ich Dauerbrenner wie die Brennessel. Sie begleitet mich von März bis Oktober/November. Aber es gibt auch Jahreszeitenfestivitäten, richtige Festivals. Da gibt es das Bärlauch-Festival, das Knoblauchsrauken-Festival, die Partys der Lindenblätter, der Holunderblüten, Rosenblüten, Labkräuter, alles was toll duftet und sinnlich ist. Für Limonaden und Sirupe, für aromatisierte Essige, Oxymels und Gelees. Aus den Blüten werden später Früchte, Beeren und Nüsse, da geht es in die hochkalorische, süße Erlebnisvielfalt des Herbstes . Gleichzeitig kommt der zweite Frühling im Herbst, in der das Grüne nochmal sprießt und ich mich mit Chlorophyll vollpumpen kann. Bei all dem habe ich tolle Ballaststoffe, viel Pektin, was die Darmflora wieder nach vorne bringt. Wenn ich nicht immer alles abwasche, impfe ich mich damit auch. Das wäre die natürliche Impfung, dass ich immer wieder Milchsäurebakterien aus der Natur zu mir nähme, die mich innerlich stark machen, indem sie die Darmflora bereichern. 

Wie kommt dieses Wissen unter die Leute? Warum findet es teilweise gar nicht statt? In der Corona-Berichterstattung fällt mir zum Beispiel auf, dass das menschliche Immunsystem kaum erwähnt wird.

Das hat einfach damit zu tun, dass wir uns als Menschen offensichtlich noch nicht genügend von diesen pyramidalen Machtstrukturen emanzipiert haben. Wer erkannt hat, dass er einen direkten Zugang zur Natur hat, der weiß, wie einfach man all ihre Geschenke mit einem kleinen Naturspaziergang in den Alltag integrieren kann.

Offensichtlich haben das viele Menschen eben noch nicht erkannt. Aber es nimmt ganz stark zu. Vor zehn Jahren galt man ja als Spinner und hexenhafter Superexot (lacht). Das wandelt sich total. Es kommen Anfragen von großen Verlagen und Zeitschriften für Texte. Es wird jetzt Mode, es ist einfach dran. Da hat sich wahnsinnig viel bewegt. Letztes Jahr war Arte in meiner Küche und hat gedreht. Mit welchem Interesse und ehrlicher Faszination Journalisten kommen und es wirklich wissen und dokumentieren wollen, begeistert mich auch. Sie berichten nicht reißerisch und schlecht darüber, sondern machen eine tolle Dokumentation.

Da merkt man, wir befinden uns in einem kulturellen Wandlungsprozess. Aber es ist schon so, dass die Mehrheit der Bevölkerung noch davon abgeschnitten ist. Da sind wir wieder beim Thema Trennung. Abgeschnitten von der äußeren Natur, und von der inneren Natur. Damit gibt man denen Macht, die von außen in unsere Souveränität reinregieren. Das kann jemand im weißen Kittel sein, der dir Medikamente und eine Impfung verordnet, die du vielleicht gar nicht wirklich  brauchst. Oder nicht unabhängige Medien, die uns abends um acht Botschaften vermitteln, wo Särge und zweifelhafte Statistiken gezeigt werden, und damit ein Klima der Angst und Unsicherheit erzeugt wird. Jeden Abend aufs neue. Und mit keiner Silbe wird unser Immunsystem erwähnt.

Der Staat bestellt für Unsummen Impfstoffe und sagt, das ist die einzige Hoffnung, damit kriegen wir die Krise gelöst. Aber wir haben auch inländische Sanddornplantagen, Aroniaplantagen, man hätte die Leute auch einfach an die Hagebuttenbüsche schicken können, um sich mit Vitamin C zu versorgen. Man hätte sie auf die Wiesen und in die freie Natur schicken können, im Wissen darum, dass das unserer Gesundheit gut tut. Man hätte Volkshochschulkurse anbieten können, wie man eine Tinktur mit Wermut ansetzt, um die Entgiftung anzukurbeln und das Immunsystem nach vorne zu bringen. Das Wissen ist da. In großer, großer Vielfalt. Es gibt so viele Leute, die all das bereits wissen. Nur diese wissen es in ihrer Nische. Ich ja auch. Im Vergleich zur Macht um acht haben wir ein kleineres Publikum. Aber ein sehr treues und dankbares.

Also geht es bei unserer Gesundheit auch um Macht?

So ist das Weltenspiel. Man muss sich selbst ermächtigen. Es kommen nicht Mama und Papa von außen. Und das ist auch gut so. Erst dann ist es ein eigener Weg, auf den man stolz sein kann. Alle Kräfte von außen sind im Prinzip erweiterte Vater- und Mutterfiguren, die uns vorschreiben, wie wir zu leben haben, damit es uns gut geht. Und damit müssen sie nicht immer recht haben, auch wenn diese Erkenntnis für Kinder oft nicht machbar ist. Deswegen sollten wir erwachsen werden, sonst verbleibt man in der Abhängigkeit. Wenn ich immer auf Politiker, Institutionen etc. höre und mein Leben ausschließlich nach ihren Anweisungen gestalte, gebe ich auch meine Macht an diese ab. Es geht aber darum, sich selbst zu ermächtigen. Zu erkennen: ICH bin der Souverän. Auch im politischen Sinne. Aber erst recht für mein eigenes Leben. WIR sind Herr oder Frau im Haus. Wir müssen unsere Macht und unsere Lebendigkeit für uns in Anspruch nehmen. Das holt uns aus der Abhängigkeit. Das muss jetzt von jedem einzelnen erkannt werden. Das wird von außen keiner machen. Wir können hier auch nur eine Anregung liefern.

Aber das ist ein sehr gesunder Prozess, auf den ich sehr vertraue. Ich habe mittlerweile meinen Frieden damit. Früher dachte ich auch: das Wissen muss jetzt an alle gehen, alle müssen so und so handeln – nein, niemand muss. Wer bin ich, das jemandem vorzuschreiben? Man muss lediglich die Folgen und Konsequenzen des eigenen Handelns ertragen. Diese große Eigenverantwortlichkeit ist auch mit Freiheit verknüpft. Wenn ich meine Lebendigkeit und meine Macht auf diese Weise erkenne, wenn ich merke: Ich bin ein lebendiger Mensch und nicht nur eine tote Steuernummer. Wenn ich mich als lebendigen Menschen erkenne, der ein Menschenrecht hat, lebendig leben zu dürfen – dann nehme ich mir diese Sachen einfach. Dann gehe ich die Verbindung ein mit mir und meiner Natur, in mir drinnen und draußen. Dann gestalten sich auch ganz andere menschliche Kontakte, und mein Leben verändert sich von Grund auf. Die Geburt vollzieht sich, um beim obigen Bild zu bleiben.

Nach welchem Menschenbild würden Sie ein neues Gesundheitswesen entwerfen?

Wir haben Darwin falsch verstanden. Er sagte „Survival of the fittest“ – das wurde für die Ellenbogengesellschaft interpretiert. Nur der Stärkste überlebt, weil er alle anderen platt macht. Das englische Wort „fit“ kann aber auch als „to fit in“ verstanden werden, im ökologischen Sinne: Sich einfügen in das Netz des Lebens. Wenn der Mensch sich neu begreift. Eben nicht als Herrscher und Raubtier, der das Gold, die Kohle, das Öl oder auch den Weizen mit aller Gewalt der Erde entreißt. Sondern wenn wir uns begreifen als Bewahrer und Hüter der Erde. Oder für die Christen: Als Teil der Schöpfung.

Wir haben das Recht auf gute Nahrung und ein gutes Leben. Wir können ganz locker alle Menschen satt machen. Wenn wir es schaffen, abermilliarden Nutztiere zu füttern, dann werden wir auch sieben Milliarden Menschen satt kriegen. Das ist wirklich ein großer Witz. Und wenn wir mehr gärtnern, permakulturell, oder mit essbaren Wildpflanzenparks, dann wächst da so viel auf kleiner Fläche, das kann ein einzelner gar nicht essen. Gleichzeitig haben die Insekten, Vögel und alle anderen ihre Nahrung. So kämen wir in eine wirklich friedvolle Natur, wie sie sich die allermeisten Menschen wünschen.

In den Kampf gehen ist Quatsch und völlig sinnlos. Es bringt einfach nichts, gegen Krankheitserreger oder auch gegen sogenanntes „Unkraut“ in den Krieg zu ziehen. Dieses Verhalten gehört der Vergangenheit an und wird sich erschöpfen. Man muss einfach leben, was man in sich spürt. Dann ist man in seiner Kraft und wird automatisch ein Vorbild für andere. Man muss niemanden überreden, sich für ein gutes Leben und ein gutes Menschenbild einzubringen. Ich sage zu meinen Schülern in der Ausbildung: Nehmt das, was bei euch resoniert. Schöpft aus der Schnittmenge. Und vermittelt diesen Zugang an Andere. Denn Zugänge sind so vielfältig wie die Menschen es sind.

Foto-Credit: Micha Brem

Ein Gedanke zu “Eine wilde und mächtige Geschichte – mit Dr. Markus Strauß (Gründer „EssbareWildpflanzenParks – Ewipla“)”

  • Lassen Sie sich persönlich impfen?
    Ich bin so verängstigt und weiß nicht ob ich mich impfen lassen soll oder ob ich meinem Immunsystem vertrauen kann .
    Würde mich sehr über Info freuen .
    Vielen Dank
    Silvia Kraus

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