Uns sind so viele Sinne gegeben, um die Welt zu erfahren. Um sie interessant zu machen und über sie zu staunen. Als Kind nutzen wir sie im Überfluss. Und dann kommt die Erziehung.” – “Alles verändert sich, wenn ich meine Sinne trainiere. Ich brauche dafür nur den Raum um mich und meinen Körper. Das hat viel mit Gesundheit zu tun. Wahrnehmung von allem, was ich habe und was um mich herum ist. Der Körper hat die Fähigkeit zur Selbstheilung und vieles hier wird über Sinnesinformationen eingeleitet. Wenn alles funktioniert, reguliert sich das System meist von selbst selbst. Auf erstaunliche Weise!”


Lars Lienhard

Sportwissenschaftler, ehemaliger Leistungssportler, Trainer, Ausbilder und Berater im Spitzensport, bei den Fußballweltmeisterschaften 2014 Teil des Betreuerteams der deutschen Nationalmannschaft, 2016 begleitete er die deutschen Leichtathleten zu den olympischen Sommerspielen nach Rio de Janeiro, seit 2010 arbeitet er mit seinem neurozentrierten Ansatz unter dem Namen “Neuroathletik”, Autor der Bücher “Training beginnt im Gehirn”, “Neuronale Heilung”, und “Kraft beginnt im Gehirn”


Es ist 2020 und die Welt wird abgeriegelt. Innenschau und die ganz wichtigen Fragen nach dem Sinn stehen auf dem Programm. Ich  – Laurens Dillmann – entschließe mich, die Zeit zu nutzen und diese Fragen den Menschen zu stellen, die sich um die Gesundheit anderer kümmern.

Für meine Reihe „Mach’s weg“ habe ich Interviews mit über 30 Menschen aus verschiedensten Gesundheitsdisziplinen geführt. Warum kümmerst du dich um andere? Und wie genau machst du das eigentlich? Schließlich wussten schon unsere Großeltern: Das wichtigste im Leben ist die Gesundheit. Aber was ist das überhaupt? Und lässt sich Krankheit einfach „wegmachen“? Ziel meiner Fragen ist es, die Essenz von Krankheit und Gesundheit herauszufinden. Praktische Alltagstipps gibt es gratis dazu. Was kann jeder selbstständig tun, um das eigene Wohlbefinden zu steigern und sein Immunsystem zu stärken? Und wie wird Corona unser Verständnis von Gesundheit und unser Gesundheitswesen verändern?


Laurens Dillmann: Wie verlief ihr beruflicher Werdegang?

Lars Lienhard: Ich war selber aktiver Leichtathlet. Ich hatte immer sehr gute Trainer. So fing eigentlich alles an und so bin ich irgendwann selbst zum Sportstudium gekommen. Ich habe aber vorher begonnen, mich für Philosophie und für Religion zu interessieren, das ich auch beides studiert habe. Im Sport war ich aber besser (lacht).

Meine eigentliche Karriere als Trainer begann so: Jemand hat sich in meinem Training verletzt. Und war richtig sauer. Weil ich wusste, ich habe die Verantwortung. Wenn sich ein Athlet während meines Trainings verletzt, bin zuerst ich als Trainer schuld. Was ich damals nicht wusste: Ich habe nicht überprüft, ob das System des Sportlers die Anforderungen, die ich durch meine Trainingsinhalte an ihn stelle, auch an diesem Tag optimal umsetzen  kann. Es dauerte lange, bis diese Verletzung heilte und ich war sehr unzufrieden mit meiner Arbeit als Trainer.

So habe mich immer tiefer damit beschäftigt: Wie funktioniert Bewegung eigentlich? Mitte der 2000er habe ich mich mit funktionellem Training auseinandergesetzt, wo Bewegungsmuster in den Fokus gesetzt werden. Das war schon ein besserer Rahmen. Wenn man sich allerdings immer tiefer mit Bewegung beschäftigt, landet man irgendwann beim Gehirn. Und dabei bin ich geblieben. Wie steuert unser Gehirn den Organismus und bestimmt dadurch unsere Leistungsfähigkeit? Das war die Frage die seitdem meine Arbeit leitet.

Ich habe mich mit der Arbeit von Dr. Eric Cobb auseinandergesetzt und bin regelmäßig auf seine Seminare nach Amerika geflogen. Beim Paradigmenwechsel von biomechanisch-physiologischen Betrachtungen zu neurozentrischen Betrachtungen ist das sicherlich der führende Kopf. Mit diesen Fragen habe ich mich also tief beschäftigt: Wie werden wir reguliert? Was braucht das Gehirn, um den Organismus optimal am Leben zu erhalten, zu steuern und Leistung zu erbringen? So habe ich meiner neuen Tätigkeit den Namen Neuroathletiktrainiung gegeben und damit die Neuroathletik begründet. 

Was bedeutet Neuroathletik?

Im Athletiktraining geht es um die Vorbereitung der physischen Komponenten eines Sportlers auf die Anforderungen, die der Wettkampf an ihn stellt. Neuroathletik beschäftigt sich nun mit den neuronalen Anforderungen, die eine Bewegung im Sport an das zentrale Nervensystem des Athleten stellt. Es geht also darum, welche Anforderungen die jeweils gestellte Bewegungsaufgabe an die bewegungssteuernden Systeme unseres Gehirns stellt. Was müssen die wichtigsten Sinnessysteme wie das visuelle System, das Gleichgewichtssystem oder unser Lage- und Stellungssinn denn eigentlich leisten, um die anstehende Aufgabe bestmöglich zu lösen? Unser Gehirn lenkt unseren Körper über die Interpretation sensorischer Informationen. Gibt es in der Aufnahme, Weiterleitung oder Verarbeitung dieser Informationen Defizite, kann die jeweilige Bewegungsaufgabe nur unzureichend gemeistert werden. Die Neuroathletik beschäftigt sich also mit den Prozessen im Hintergrund bevor die sicht-, und messbare Bewegung in Erscheinung tritt.

Was fasziniert Sie?

Ich habe eine unglaubliche Faszination an Bewegung. Wenn ein Sportler eine Meisterschaft erlangt hat und sich eine Exzellenz zeigt. Wenn ich mir Balletttänzer angucke, Usain Bolt oder Ronaldo…Menschen, die etwas in Perfektion tun…dann löst das unglaubliche Faszination und Staunen in mir aus. Das fesselt mich, ich habe dieses Staunen eines Kindes wohl noch immer in mir. 

Und all das geht vom Gehirn aus. Es ist sehr faszinierend, was dieses Organ in Kombination mit dem Körper imstande ist, zu leisten. Wie schnell sich etwas in uns verändert, wenn wir uns auf das Gehirn konzentrieren, auf seinen Einfluss, den es auf den Körper hat. So lassen sich oft Schmerzen sehr schnell beseitigen, wenn das Gehirn durch gute Informationen wieder Sicherheit bekommt, zum Beispiel über die Augen und das visuelle System. Schmerzen, bei denen wir, wenn wir sie rein symptomatisch-biomechanisch betrachten, oft keine Ursache finden. Um es flapsig zu sagen: Der Schmerz ist eine Aufforderung, etwas zu ändern. Dein Gehirn liebt dich und fordert eine Handlung von dir. Es will dir helfen.

Welche Rolle spielt das Gehirn in Bezug auf unsere Gesundheit?

Wir wissen nicht genau, was Gesundheit eigentlich ist. Es gibt die verschiedensten Definitionen. Ich denke nicht, dass der Zustand der Gesundheit immer und kontinuierlich gegeben sein kann. Aber wenn etwas im Gleichgewicht ist, scheint es deutlich „gesünder“ in uns zuzugehen, als wenn etwas im Ungleichgewicht ist. Das lässt sich auf fast alle Prozesse in uns beziehen.

Das Gehirn reguliert alle Prozesse im Körper. Entweder direkt, oder über Umwege. Blutdruck, Verdauung, unsere Emotionen und Gedanken. Wenn die Rahmenbedingungen dieser Regelprozesse nicht ordentlich laufen, führt es letztlich zu Krankheit. Das Gehirn nimmt Informationen aus der Umwelt auf, aus dem Körper, und unserer Bewegung. Es analysiert und integriert diese Informationen und trifft aufgrund dieser sensorischen Informationen Entscheidungen, wie der Organismus zu regulieren ist.

Gesundheit ist also auch geknüpft an die Fähigkeit der Sinnesorgane, gute Informationen zu liefern. Als auch an die Fähigkeit des Gehirns, diese adäquat aufzunehmen, zu analysieren und zu integrieren. Das Gehirn braucht Informationen, um zum Beispiel das vegetative Nervensystem zu regulieren, um adäquat zwischen Leistung und Erholung zu wechseln. Krankheit und Gesundheit sind natürlich sehr stark davon abhängig – wie gut funktioniert diese Regulation? Zum Beispiel hat mein Gleichgewichtssinn die Aufgabe, mich an der Schwerkraft zu orientieren. Wenn es in diesem Sinn eine Dysfunktion gibt oder es unpräzise arbeitet, kann sich das Gehirn nicht mehr richtig gegen die Schwerkraft ausrichten. Es muss die Atmung ändern, den Blutdruck, die muskuläre Spannung usw. Wenn die Spannung hoch ist, wie sieht es dann mit dem Lymphfluss aus? Können Schadstoffe noch abtransportiert werden? All das hängt miteinander zusammen und darf nicht nur symptomatisch und strukturell betrachtet werden.

Wie haben Sie sich selbst verändert, seit Sie sich mit Neurologie befassen?

Ich habe den Blickwinkel auf alles geändert. Vor allem in Bezug auf Sport und Bewegung. In den Sportwissenschaften ist man ziemlich symptom- und strukturorientiert. Ein Knie tut weh – tendenziell sucht man am Knie. Man orientiert sich meist an einem soll-ist-vergleich. Das Phänomen hat man ja auch in der Medizin: Man hat Blutwerte und vergleicht sie mit „normalen“ Werten usw. Von diesem Vergleich bin ich weg. Ich bin mir nicht mehr sicher, was man mit Diagnosen überhaupt für Aussagen in Bezug zu einer Ursache treffen kann.

Bei einem Muskel ist diese Form von Diagnose oft nicht helfend. Zum Beispiel ein geschwächter Hüftbeuger bei einem Sprinter. Der Sprinter benutzt diesen Muskel täglich mitunter hoch intensiv und er müsste eigentlich gut funktionieren. Es liegt nicht zwingend am Muskel. Wir müssen nicht feststellen, dass ein Muskel schwach ist, sondern warum er, obwohl er ständig arbeitet, nicht gut funktioniert. Das Gehirn unterdrückt die Funktion des Muskels aus irgendeinem Grund. 

Kraft, Schnelligkeit, Blutdruck, Emotionen, all das sind Endresultate von vielen neurologischen Prozessen. Auch die biomechanischen Gegebenheiten werden durch unser Gehirn reguliert und verändert. Wenn wir nur diese Endresultate eines so komplexen Systems messen und beurteilen, können wir leider nur unzureichende Rückschlüsse auf deren Zustandekommen ziehen. Aktiviere ich nämlich über die Augen das Mittelhirn des Sprinters, welches für die Spannungsmuster der Beugemuskulatur verantwortlich ist, funktioniert der Hüftbeuger eventuell auf einmal wieder. Ist es nun ein schwacher Hüftbeuger oder eine unzureichende Funktion im Mittelhirn? Bringe ich bei einem Krafttest meine Zunge, meine Augen, meinen Kopf in eine andere Position, ändern sich auch die Kraftwerte. Deswegen zweifle ich an der allgemeingültigen Aussagekräftigkeit von Diagnosen.

Das hat wirklich etwas verändert bei mir. Ich habe wieder das Staunen. Das hatte ich in der biomechanischen Welt nicht. Da war es reines Analysieren. Jetzt verstehe ich Menschen besser. Je mehr man sich mit dem Gehirn beschäftigt und um seine Aufgaben weiß, desto mehr entspannt man sich auch. Wenn ich zum Beispiel einen Choleriker treffe, denke ich nicht „Was für ein unangenehmer Mensch“, sondern „Sein Frontallappen schafft es nicht, seine Impulse zu unterdrücken. Der Arme!“ 

Aus „Neuronale Heilung“

Warum ist es gut, wenn wir unsere Impulse unterdrücken können?

Die Aufgaben der neueren, evolutionär zuletzt entwickelten Gehirnareale ist es, die alten Areale zu “kontrollieren”, man nennt es: zu inhibieren. Denken wir nur an die ganzen Suchtkranken, oder Menschen die an Essstörungen leiden. Die können ihre Impulse nicht unterdrücken. Wenn das Gehirn jedem Impuls, jedem Trieb nachgeben würde, hätten wir Chaos. Diese Fähigkeit, Impulse zu unterdrücken, steht in Bezug zu anatomischen Strukturen im Gehirn. Und diese kann ich aktivieren. So verändert sich die Fähigkeit, zu inhibieren. Da haben wir tolle Erfahrungen mit Leuten gemacht, die alkoholkrank waren. Über ein spezifisches Training mit den Augen wurden in den Kortex-Bereichen Aktivierungen erzeugt, die dazu führten, dass die Person immer besser und besser seine Impulse kontrollieren und sein Verhalten ändern konnte. Natürlich gehört meist mehr dazu, aber es ist oft leichter über die Wirkungen von sensorischen Informationen etwas zu verändern, so dass sich die Perspektive der Menschen verändert und neue Hoffnung und Motivation entstehen.

Warum kümmern Sie sich um andere?

Aus Interesse. Ich habe kein ausgeprägtes Helfersyndrom, obwohl es natürlich schön ist helfen zu können. Ich habe einfach Freude daran, Fähigkeiten zu fördern und das Endresultat zu sehen. Menschen zu unterstützen, ihre für sich entschiedene Bestimmung zu erfüllen. Sicherlich ist es auch etwas von primitiver Eitelkeit. Teilzuhaben an dem Erfolg eines anderen. Ich war selbst Hochleistungssportler, ich kenne das gut. Ich war wohl schon immer Trainer. Meine Mutter erzählt anekdotisch gerne, ich habe schon mit vier, fünf Jahren die Kinder bei uns auf dem Hof im Weitsprung trainiert (lacht).

Und ich bin neugierig, ich will wissen, wie Sachen funktionieren. Warum ist da ein technischer Fehler? Oft kommen Athleten zu mir mit Schmerzen, aber man hat weder im MRT oder in den Blutwerten etwas gefunden. Ich will wissen: Warum tut es weh? Warum lässt das Gehirn ein Schmerzsignal zu? 

Und mir hilft auch die Philosophie: Wer bin ich, wie funktioniere ich? Wie weit kann ein Mensch denken? Was kann er wahrnehmen, was nicht? Wo sind Grenzen? Wo ist die Freiheit und Offenheit? Das hilft mir immens, um ein guter Trainer zu sein. Wenn man sich mit Menschen beschäftigt und nicht mit einem Knie. Die Resultate sind andere. Jeder Athlet spürt das, ob man wirkliches Interesse an der Person hat, oder ob mir da „ein Spieler von Bayern München“ gegenübersteht. Man muss nicht nur „fit“ für etwas sein, deswegen mag ich den Begriff Fitness nicht besonders. Aber das ist wiederum das Schöne am Sport: Man arbeitet jahrelang an einer Entwicklung – und diese vollzieht sich nicht nur körperlich. Die größten der größten, Olympiasieger, Weltmeister, sind so interessante Menschen, unglaublich spannende Persönlichkeiten, die sich permanent weiterentwickeln.

Welche Qualitäten braucht ein Mensch, der sich um andere kümmert?

Ich denke, Empathie ist hier ein ganz wichtiger Punkt. Ich spüre körperlich die Bewegungsdefizite der Menschen vor mir. Ich kann das wahrnehmen. Und mein eigenes Gefühl wird auch besser, wenn ich das Problem löse. Wenn jemand nicht mehr tun kann, was er eigentlich möchte, dann geht mir das auch nahe.

Ich habe selbst viele Gesprächstherapien gemacht. Da wurde ich aber nie auf meinen Körper, geschweige denn auf mein Gehirn hingewiesen.

Heilung passiert nur, wenn man es selbst macht. Davor sammelt man nur Informationen. Heilung ist deutlich effizienter, wenn es einen aktiven Prozess gibt. Wir sind leider so konditioniert, dass wir denken: Gesundheit muss jemand für uns machen. Mach’s weg. Gib mir ein Medikament. Aber so funktioniert es nicht, schon von Natur aus nicht. All das gab es früher nicht, beziehungsweise nur eingeschränkt, und wir haben trotzdem überlebt.

Es ist ein Phänomen, wie wir den Körper aus Therapieprozessen raushalten. Die Aktivität des Gehirns basiert aufgrund der Informationen aus unserem Körper. Signale werden noch oben gesendet und diese lösen Aktivierungsprozesse in neuronalen Netzwerken aus. Das heißt: Wenn wir über Motivation, Depression, mentale Verstimmung reden, haben diese ihren Ursprung mehr oder weniger im Frontalkortex. Der wird aktiviert, indem wir die alten Hirnbereiche aktivieren, die die Energie nach hinten vorne und oben zum Frontalkortex weiterleiten. Wie motiviert ich bin, wie ich mich fühle, hat viel damit zu tun: Wie ist die Funktionalität der alten Hirnareale? Wieder hängt es zusammen.

Wie können wir etwas so runterbrechen, dass es keinen Zusammenhang mehr mit allem anderen hat? Das ist leider oft Realität in der Therapie und der Medizin. Es fing wohl an mit der Aufklärung. Da wurde alles in kleinste Häppchen zerteilt und aus einem größeren Zusammenhang entfernt. Wir haben so viel Wissen um Teilstrukturen. Zum Beispiel das Fasziensystem. Damit kann man Jahrzehnte verbringen. Und es hört nicht auf, wir entdecken immer noch neue Strukturen im Körper. Aber ein Kniearzt weiß teilweise nicht, wie das Sprunggelenk aussieht. Dabei ist es derselbe Knochen, nur das andere Ende. So kommt man nicht auf die bestmöglichen Ergebnisse. In den 70er Jahren hatte Silke von Polenz davon genug und hat das Buch „Und er bewegt sich doch“ geschrieben. Sie meinte den Patienten. Wir können Körper und Geist nicht trennen. Wir können und müssen manchmal natürlich fokussiert einen Teilbereich das Symptom isoliert angehen, um ein sehr schwerwiegendes Problem zu behandeln, um das Überleben zu sichern. Da habe ich nichts gegen und das ist dann auch wichtig. Heilung und Gesundheit sehen aber langfristig anders aus. 

Natürlich sind wir auch soziale Wesen. Wir können die Hilfe und Weisheit anderer Menschen in verschiedenen Therapieformen nutzen. Auch das ist Teil des menschlichen Daseins und funktioniert wirklich gut. Aber das aktive Selbermachen, da sind die meisten von ihrem Verständnis noch nicht annähernd. Wenn die Augen nicht mehr funktionieren, wird eine Brille getragen. Wenn der Fuß schief steht, kommt die Einlage. Wenn die Ohren nicht mehr richtig hören können, das Hörgerät. Man findet sich damit ab, dass die Sinne schlechter werden. Das ist für mich unverständlich. Dass einfach so hingenommen wird, dass die Kommunikation mit der Umwelt schlechter wird, anstatt die Sinne wieder zu benutzen und zu trainieren. Letztlich mache ich in meiner Arbeit nichts anderes, als Menschen diese Sinnesinformationen wieder zu vermitteln.

Aus „Neuronale Heilung“

Ich vermisse in der Corona-Berichterstattung den Hinweis auf die Abwehrkräfte unseres Immunsystems, also dass wir auch selbst für unsere Gesundheit verantwortlich sind und etwas dafür tun können. Wie geht es Ihnen damit?

Es gibt diese Stimmen, nur haben sie nicht die mediale Macht. Man muss nach ihnen suchen, sie sind meist nicht auf Seite Eins. Es geht nach Klickzahlen und eine Katastrophe löst viel mehr Interesse aus. Das erste, was ich zu Pandemie-Beginn gemacht habe, war, Videos über den Vagusnerv zu posten. Entgegen der vielen „Home-Workout“-Empfehlungen. Intensives Training kann das Immunsystem auch schwächen. Seid jetzt vorsichtig! Fitness ist optional, Bewegung essentiell. Die Arbeit mit dem vegetativen Nervensystem über den Vagusnerv hilft uns, uns auch in stressigen Situationen mehr zu entspannen. Und darum ging es mir. Weil ich wusste, in dieser Zeit in der wir uns gerade befinden, wird etwas aus dem Gleichgewicht kommen.

Und leider ist dieser Ausgleich in der Berichterstattung nicht gegeben. Viele dieser Maßnahmen führen nicht dazu, dass wir wirklich ein stärkeres Immunsystem bekommen. Wir wissen, wie wichtig soziale Kontakte sind, Handlungsfreiheit, Körperkontakt. Damit will ich das Problem einer Pandemie nicht kleinreden. Aber Aufklärung von den großen Einflussmedien wäre schön: Was können wir abseits der Vorsicht noch tun? Wie können wir uns selbst helfen? Da nehme ich eine Diskrepanz wahr, ja. Das sollte nicht mehr allzu lange so laufen. Aber daran ist auch etwas Gutes. Jetzt ist jeder empfänglich für das Thema Gesundheit. Für Bewegung. Für den Körper. Nimm all das weg, schließe die Sportvereine, und plötzlich steigt das Interesse an diesen Themen. Wie stark wirken Isolation und Einsamkeit auf unsere Psyche? Hier fällt allmählich der Smalltalk weg und das finde ich gut.

Wie macht man jemandem das Thema Gesundheit schmackhaft, ohne etwas aufzuzwingen oder zu missionieren?

Tja, wir haben alle einen freien Willen. Es muss einfach starten. Jeder macht es in seinem kleinen Kreis. Darum haben ich und meine Frau angefangen, Bücher zu schreiben. Es war uns so wichtig, das Thema öffentlich zu machen. Wir können nicht einfach unser Gehirn und seine unglaublichen Einfluss ignorieren. Das Buch „Neuronale Heilung“ ist ein populärwissenschaftlicher Ratgeber für einen ganzheitlichen Blickwinkel. Wir haben nicht „nur“ Beckenbodenprobleme, Verdauungsschwierigkeiten oder Probleme mit der Atmung. Wir haben ein ganzheitliches Problem. Alles wirkt auf alles. Es gibt kein isoliert in Erscheinung tretendes Symptom. Jedes System ist beteiligt. Das Fasziale, das Muskuläre, das Kardiovaskuläre, das Neuronale. Jedes System ist beteiligt, sie funktionieren nicht ohne einander.

Sie haben Ihre Interviewreihe gestartet, weil Sie selbst auf der Suche sind. Viele Menschen suchen nicht. Bislang. Ich glaube, hier tun sich durch die Pandemie auch Lösungsmöglichkeiten auf. Die ganze Welt denkt neu nach: Was ist wichtig, was nicht? Isolation hilft auch manchmal beim Denken und Wahrnehmen, was richtig und falsch läuft. Natürlich kann man sich auch vor Netflix zerstreuen, ist ja auch manchmal ganz schön. Aber im Grunde tut sich Gutes, das glaube ich schon.

Unser ganzes Gesundheitssystem ist symptomorientiert und handwerklich aufgebaut, und sehr stark verbunden mit der Pharmakologie und ihren Unternehmen. Solange das die Basis ist, ist es schwer, alternative Möglichkeiten zu etablieren. Egal, wie gut sie wissenschaftlich auch erforscht und bewiesen sind. Bevor es in die “offizielle” Lehre kommt, vergehen manchmal über 20 Jahre. Das Internet hat in dieser Dynamik aber eine beschleunigende Wirkung. Es zeigt uns, was Leute wirklich denken. Wie sie in den verschiedensten Richtungen ihr eigenes Wissen publizieren – konstruktiv wie destruktiv. 

Ich sehe eine Tendenz, Sachen in Frage zu stellen und selbstverantwortlicher zu werden. Aber diese Tendenz ist noch nicht groß genug. Weil wir es mit einem Bollwerk zu tun haben: Safety first. Das habe ich auch verstanden, seit ich mich mit dem Gehirn beschäftige. Die Welt ist nicht mehr klar vorhersehbar, wenn ich die Perspektive ändere. Von einem klaren Handlungsablauf – Schritt 1, Schritt 2 – zu einem ganzheitlichen Blick, der manchmal nicht leicht zu fassen ist. Diese Veränderung kann noch nicht jeder leisten. Das Gehirn ist noch nicht reif. Aber vielleicht in fünf oder zehn Jahren, wer weiß.

Lassen Sie uns ein bisschen philosophieren. Glauben Sie an eine Seele? Oder ist das Gehirn unsere Schaltzentrale?

Der Begriff Seele wird in verschiedensten Kulturbereichen anders definiert. Im chinesischen Bereich gibt es, glaube ich, bis zu sechs Seelen, von denen Anteile auch den Körper verlassen können, wieder zurückkehren etc. Im Christentum tendenziell nur eine (lacht). Wir müssen globaler schauen: Sobald spirituelle, religiöse Erlebnisse geschehen, verändert sich das Verantwortungsgefühl für den eigenen Körper und die Zielaufgaben im Leben. Es gibt viel mehr Freiheit und gleichzeitig viel mehr Verantwortung. Es ist doch interessant, dass alle Religionen da meist zu ganz ähnlichen Antworten kommen..

Man kann es auch buddhistisch betrachten: Da hat die Seele noch Altlasten, die sie erfüllen muss. So steht Krankheit eventuell auch in einem ganz anderen Kontext als wenn wir es rein körperlich oder neurozentriert betrachten. Also: Mit der Erkenntnis und Anerkennung von Seele ändert sich tatsächlich alles und bekommt einen neuen Bezugsrahmen. Dann könnte Krankheit eher als Weg gesehen werden und wir haben eine Aufgabe, die wir erfüllen müssen, die größer und sinnvoller ist als unser rein biologisches Überleben in all seinen Facetten.  

Unser Gehirn ist immer in die Zukunft gerichtet. Die Vorhersehbarkeit, die wir im Körper im Hier und Jetzt über Sinnesinformationen haben wollen, wird mit Erfahrungen abgeglichen und mit Erwartungen verbunden. Habe ich jetzt spirituelle oder religiöse Glaubenssätze, sind die Erwartung und das Ziel, mit dem ich alles vergleiche, bereits beeinflusst und gegebenenfalls determiniert. Dabei spielt eine große Rolle, wie das Gehirn den Körper reguliert. Da bin ich mir ganz sicher. Wie viel Stress ich mir mache oder wie leicht ich einer Schwierigkeit begegnen kann. Wie fanatisch oder gelassen ich bin, hängt immer auch mit meiner Erwartungshaltung zusammen  Aber ich merke, obwohl ich selbst ein religiöser Mensch bin, habe ich mir über die Seele schon lange keine Gedanken mehr gemacht. Unter Stress ist man eher im Daily Living, anstatt zusätzlich noch in einem religiösen Raum.

Aus „Neuronale Heilung“

Ein Arzt, den ich interviewt habe, erzählte mir von seiner Erfahrung mit dem schamanischen Trank Ayuahuasca im brasilianischen Urwald. Die Erfahrung wird als spirituell und sehr eindrücklich beschrieben. Was ist da in seinem Gehirn passiert?

Das alles können wir wieder auf die Sinneswahrnehmung runterbrechen. Ein Erlebnis, und selbst das Zauberhafteste, passiert über Sinneswahrnehmungen. Neue Eindrücke sind wie Abenteuer. In anderen Ländern, anderen Verhältnissen, anderen Blickrichtungen können wir etwas Neues wahrnehmen. Aber das können wir auch im Kleinen, in unseren vier Wänden tun, wenn wir unsere Sinne schärfen, unsere Wahrnehmung optimieren, mit all ihren Facetten. Das ist ein sehr großes Feld. Wir haben Informationsrezeptoren für so vieles! Aber wir nutzen sie nicht in all ihren Möglichkeiten. 

Das heißt, wir müssen gar nicht in den Urwald, sondern können im Hier und Jetzt schon ganz andere Eindrücke kriegen. Indem wir zum Beispiel mit unseren Augen, der Zunge, dem Geruch, der Akustik arbeiten. Ich gelange dadurch zwar nicht in eine andere Welt, wie sie vielleicht die Schamanen bereisen, wenn sie ihre psychedelischen Reisen machen. Aber auch diese anderen Welten beziehen sich immer auf sensorische Informationen. Um mehr und spannendere Sachen über sich zu erfahren und größere Erlebnisse zu bekommen, müssen wir nicht immer weg sein. Uns sind so viele Sinne gegeben, um die Welt zu erfahren. Um sie interessant zu machen und über sie zu staunen. Als Kind nutzen wir sie im Überfluss. Und dann kommt die Erziehung. 

Deshalb mag ich den Sport so. Weil wir darin die Sinne bündeln und kontrollieren können. Da passiert so Großes auf einmal! Weltrekorde. Ästhetische Formen wie zum Beispiel im Tanz. Da sage ich: Wow! Ich staune über die Welt! Menschen wissen gar nicht, was sich verändert, wenn sie zum Beispiel das Riechen üben oder ihren Gleichgewichtssinn trainieren. Wenn sie stärker differenzieren können. Früher sind wir zum Beispiel instinktiv zur Seite gesprungen, wenn wir ein lautes Geräusch gehört haben. Heute rauschen die Autos an uns vorbei. Wir komprimieren Sinneseindrücke und kategorisieren sie, sodass alles eine Gleichgültigkeit bekommt. Und wir somit nicht mehr ins Staunen.

Alles verändert sich, wenn ich meine Sinne trainiere. Ich brauche dafür nur den Raum um mich und meinen Körper. Das hat viel mit Gesundheit zu tun. Wahrnehmung von allem, was ich habe und was um mich herum ist. Der Körper hat die Fähigkeit zur Selbstheilung und vieles hier wird über Sinnesinformationen eingeleitet. Wenn alles funktioniert, reguliert sich das System meist von selbst selbst. Auf erstaunliche Weise!

 

Foto-Credit: Nils Schwarz

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