“Dieses tolle Bild der TCM: 365 Akupunkturpunkte ineinander so vernetzt und verwoben mit ihren psychosomatischen Reaktionen, dass es so viele Wirkungen gibt wie Sterne am Himmel.” – “Eine meiner ersten Initiationen war etwas, das eigentlich ganz bekannt ist, weil es viele Väter mit ihren Kindern machen. Sie pflanzen einen Baum, pflegen und hegen ihn. So könnte das auch mit unserer Seele vonstatten gehen. In Kontakt mit ihr sein, mit allem um uns herum und in uns selbst. Mit den Pflanzen und den Bäumen, den Wind auf der Haut spüren.”


Alexander von Hausen 

Oberleutnant in der Bundeswehr a.D., ehemaliger Leistungssportler, Studium Sportwissenschaften, Krankengymnastik, diverse Aus- und Weiterbildungen in applied Kinesiologie, Chiropraktik & Osteopathie, chinesischer Medizin, Familienstellen, asiatischen Bewegungsformen und 5 Elemente Ernährung, 2017 NEOS-AWARD-Preisträger Personal-Trainer des Jahres, Ausbildungskonzeption „Peacemakerschmiede“ wohnhaft und arbeitet in Berlin.


Für meine Interviewreihe „Mach’s weghabe ich rund 50 Interviews mit verschiedensten Perspektiven auf das Thema Gesundheit geführt. Schließlich wussten schon unsere Großeltern: Das Wichtigste im Leben ist die Gesundheit. Aber was ist das überhaupt? Lässt sich Krankheit einfach „wegmachen“? Und wieso kümmern sich Menschen umeinander?


Laurens Dillmann: Wie verlief dein beruflicher Werdegang?

Alexander von Hausen: Das begann nach der Schule mit der Bundeswehr. Oberleutnant Jägerlehrbataillon 353, Ausbildung für Orts- und Häuserkampf in Hammelburg. Das war auch meiner Familienhistorie geschuldet. Die verschiedenen Stammbäume der von Hausens gehen bis ins 8. Jahrhundert zurück. Da gibt es eine alte Militärtradition, für die mich mein Opa sensibilisiert hat. Damals habe ich aber schon gemerkt, dass sich Regeln und Normen zu unterziehen für mich etwas schwierig gestaltet. Ich bin als Oberleutnant der Reserve ausgeschieden. Durch das Hobby meiner Kindheit, Karate und Ausdauersport, das ich auf nationalen und internationalem Niveau betrieben habe, lag es nahe, irgendwas mit Sport zu machen. Deswegen 99 das Studium der Sportwissenschaften.

In diesem Jahr habe ich mich dann auch gleich als Personal-Trainer selbstständig gemacht. Über die nächsten fünf Jahre war mein Steckenpferd die Diagnostik. Spiroergometrie, Atemgasanalysen und die große Welt der Messung des Stresses über die Herz-Raten-Variabilität. Damit kann man Parasympathikus und Sympathikus testen und analysieren. Zusätzlich bin ich noch auf Shiatsu gestoßen. Der Papa meiner ersten Freundin war Qigong-Meister, Meditationslehrer und Kampfsportler. Der hat damals das Pilotenzentrum der Bundeswehr in Masserberg geführt. Er hat mich zur Meditation gebracht. Meine erste Ausbildung dahingehend war in Transzendentaler Meditation. Das hat schon relativ früh aufgezeigt, bei mir entwickelt sich das Thema Gesundheit in eine andere Richtung als die klassische. 

Über meine Auseinandersetzung mit Schmerz bin ich frühzeitig 2004 mit der applied Kinesiologie in Berührung gekommen. Das ist eine Diagnostik – und Behandlungsform, wo man über Muskeltests Reaktionen des Klienten testen kann. Wenn ich zum Beispiel einen Schmerz suche, nutze ich spezifische Muskeltests und sehe, wie der Körper darauf reagiert. Kinesiologie war der nächste Meilenstein zu einem ganzheitlichen Ansatz. Mindblowing. Ich habe mich da richtig hineinbegeben, in die ganzen Zusammenhänge aus Muskeln, Organen und deren emotionale Zusammenhänge, Meridianpunkte und Behandlungstechniken. Das war für mich überwältigend!

Damals hat mich der Journalist Clemens Kuby inspiriert, der zu den Heilern dieser Welt gefahren ist und darüber das Buch „Unterwegs in eine andere Dimension“ geschrieben hat. So habe ich dann auch begonnen die Welt zu bereisen und mir auf den unterschiedlichen Kontinenten die Behandlungs-und Therapiemethoden, Bewegungs- und Meditationsformen anzuschauen und zu erlernen. Nach dem Studium begann also eigentlich erst die große Ausbildungsreise: In Japan Shiatsu, in China an der Medical Universität in Hangzhou/China chinesische Medizin, in den laotischen Bergen Osteo-Thaimassage, in Griechenland Craniosacraltherapie, in Schweden die strukturelle Osteopathie und Chiropraktik, in Frankreich und Deutschland Psycho-Kinesiologie, in der Schweiz eine Traumausbildung auf der Basis der chinesischen Medizin und noch EINIGE andere mehr. Ich wollte die Werkzeuge in ihren Heimatländern erlernen: Wissen, was man dort isst. Mit den Menschen reden. Ihren Geschichten zuhören. Ich wollte dieses Wissen in mich aufsaugen. 

Und wie ich es immer mache: Wenn ich etwas wirklich verstehen will, lehre ich. So habe ich über die Jahre meine eigene Ausbildungskonzeption entwickelt. Darin wird das Spektrum an diagnostischen Tests der Kinesiologie, die drei großen Ebenen Psyche-Struktur-Biochemie in die Perspektive der 5 Wandlungsphasen eingebunden. Ich denke, bis zum Lebensende wird die TCM mich beschäftigen. Dieses tolle Bild: 365 Akupunkturpunkte ineinander so vernetzt und verwoben mit ihren psychosomatischen Reaktionen, dass es so viele Verbindungen gibt wie Sterne am Himmel. Da lernt man wirklich nie aus.

Was fasziniert dich? Wonach forschst du?

Mich hat schon immer der Wirkmechanismus von Psyche und Körper interessiert. Das Thema der Seele war aber noch nicht richtig griffig. Ich wusste für mich immer nicht: Was ist damit eigentlich gemeint? Ich habe also gesucht und bin in den schamanischen Traditionen fündig geworden. Das ist in den letzten Jahren passiert, wo ich tolle Lehrer im sibirischen, nord-und südamerikanischen Schamanismus gefunden habe, die mich verschiedene Initiationen durchleben lassen haben. Die indianische Visionssuche zum Beispiel: 4,5 Tage ohne essen und trinken alleine im Wald an einer Stelle. Das lässt einen Stück für Stück mit tieferen Ebenen in Kontakt treten. Das krempelt die Erfahrung des Fühlens und Verstehens des großen Ganzen nochmal komplett um. Als ich damals diese Wolfspfote in der Hand hatte, und die Initiation mit meiner Wolfsnatur erfuhr, hat es mich durchzuckt, wie ich noch nie durchzuckt wurde. So viel hatte ich schon unterschiedlich gesehen und verschieden gefühlt, doch hier gab es etwas neu zu spüren, was ich so noch nicht erfahren hatte. Dann bricht etwas aus dir heraus, ein Geräusch, eine Kraft, die verändert.

Ich hatte davor ja schon so viele rationale Ausbildungen hinter mir. Diese alten Ritualwerkzeuge bringen dich mit etwas im Innen in Kontakt, wie ich es zuvor noch nie erlebt habe. Ein Beispiel mit einer 70-Jährigen Klientin, die als Thema mitbrachte: Sie hat noch nie wirklich Freude aus der Tiefe gespürt. Sie erzählte mir, diesbezüglich auch schon viele Ausbildungen gemacht zu haben, sie hat Kinder…wir haben einen Feuerritualprozess über zwei Stunden durchgeführt. Sie hatte die Aufgabe das Feuer zu hüten, die Flamme mit ihrem Atem zu nähren… Dann sitzt diese Frau da. Du siehst, etwas passiert in ihrem Inneren. Die Tränen laufen, sie schaut mich verwundert an und sagt: „Das ist Freude.“ Und das macht meine Arbeit so reich. Ein buntes Potpourri an Dingen, die die Seele, den Körper und den Geist berühren. Körper folgt Geist folgt Seele.

Woher dein Wissensdrang?

Das war schon immer in mir. Ich weiß es noch nicht. Wahrscheinlich hat es mit meiner Bestimmung zu tun, diesen Weg so zu gehen. Auf jeden Fall eine große Triebfeder für mich: Die Dinge zu verstehen und zu durchdringen.

Mit all diesen Erfahrungsschätzen: Was tust du heute, wenn ein Mensch zu dir in die Behandlung kommt?

Meine Leidenschaft ist die Psychosomatik. Das Verständnis, wie Körper, Geist und Seele ineinandergreifen. Es gilt die Wurzel des Schmerzes bzw. der Verletzung zu finden, den Moment in dem man mit der überwältigenden Emotion alleine war, diesen noch mal zu spüren und ihn durch das Bewusstsein und die Perspektive des geschützten Erwachsenen zu heilen. Dabei sind die verschieden Behandlungswerkzeuge nur als Brücken zu verstehen. Wirkliche Heilung geschieht im Innen durch sich selbst. Der Mensch sollte dazu befähigt werden, einen liebevollen fühlenden Kontakt nach innen, zum Körper und zum Schmerz aufbauen zu lernen. Und das Spannende ist: Wenn ich diesen rational mit dem Klient erarbeitet habe und er die Wurzel erkennt, durchfährt mich ein Schauer am Rücken.

Dann weiß ich, wir habe es gefunden. Die Wurzel. Die alte Verletzung. Wo niemand da war und geholfen hat, wo es so schwer war, wo wir richtig erschüttert wurden. Worauf all die einschränkenden Glaubenssätze und Verhaltensweisen aufbauen. Wenn das geheilt wird, kann das Wesen sich wieder entfalten. Die Prozessarbeit der inneren Kindarbeit ist so fruchtbar. Der erwachsene Anteil unterstützt den Prozess und heilt die alten Verletzung mit Bewusstseinslenkung. Ich begleite und halte den sicheren Raum. Vielleicht setze ich eine Stimmgabel auf einen Akupunkturpunkt, vielleicht trommele ich, vielleicht mache ich eine craniale Technik, damit sich der Körper öffnen und entspannen kann.

Was ich wirklich jedem meiner Auszubildenden, meinen Klienten und Patienten mitgebe: Das Werkzeug der meditativen Innenschau. Ein guter Lehrer ist der, der die Werkzeuge vermittelt, um sich mit sich selbst zu verbinden. Meditation ist für mich einer der stärkste Wirkhebel überhaupt. Eine der wichtigsten Qualitäten die es anfangs zu lernen gilt, ist, über eine gewisse Zeit ein stabile Aufmerksamkeit auf einem Meditationsobjekt halten zu können. ohne dass dich die Ablenkungen deines Verstandes, des Körpers, der Geräusche und Geschehnisse in der Außenwelt hinwegnehmen. Erst wenn wir mit Gelassenheit den Fokus oder auch die entspannte Konzentration über eine längere Zeitspanne halten können stellt sich Shamatha ein: Mühelose stabile Aufmerksamkeit, Gestilltheit, Gleichmut. Und dann erfährt man, dass von innen Freude aufsteigt, ohne dass man etwas bewusst dazu tun muss. Welch Erfahrung in einer Welt, in der die Menschen sich in sich selbst nicht mehr zu Hause fühlen.

Wie gelingt das, bei sich selbst anzukommen? Was hat das mit der Wurzel zu tun?

Ich habe mir über die Jahre einen Platz im Wald gebaut. Jedes Mal, wenn ich hingegangen bin, habe ich einen Stein mitgenommen. So ist dort eine große Pyramide entstanden. 5 Säulen für die 5 Wandlungsphasen und in der Mitte das Zentrum, das die verschiedenen Chakren symbolisiert. An einer anderen Stelle habe ich in einem 6x6m großen Feld die unterschiedlichen inneren/äußeren Qualitäten (Wasser, Erde, Donner, Wind etc.) aus dem I Ging nachgebildet. Dort gilt es, sich mit diesen Qualitäten zu verbinden. Dann gibt es dort noch die Wutgrube und die ein oder andere merkwürdige Begebenheit. Wenn du so viele Stunden und Tage im Wald verbringst und schläfst, ver_rückt man sich für sich selbst und Außenstehende schon ein bisschen. Darüber kann ich wohlwollend lächeln. Wie in einem der alten chinesischen Klassiker steht: die alten Schamanen wandelten schon immer an der Schwelle von Erkenntnis und Wahnsinn. Dieser ganze Weg ist wahnsinnig bereichernd. Dann redest du mit den Tieren und Bäumen. Das ist nichts anderes als über die verschiedenen Sinneswerkzeuge Kontakt und Verbindung mit deiner Umgebung herzustellen.

Ich arbeite an diesem Platz auch mit meinen Klienten. Wenn die Menschen zu sehr im Kopf sind – was ja gerade passiert: die diffuse Angst, die unsichere Krisensituation – passiert das, was die Chinesen eine „obere Fülle“ nennen. Da ist das Bewusstsein nur noch zwischen den Ohren, kreist um sich selbst, sucht Auswege und Lösungen. Die Chinesen sagen: Dann gilt es als Ausgleich eine untere Fülle kreieren. Die Verbindung zum Boden und zur Erde fehlt den Menschen, die nur noch auf Beton wandeln. Da grabe ich denjenigen auch schon mal in den Boden im Wald knietief ein und gieße ihn dort wie einen Baum, lasse ihn dort über eine gewisse Zeit stehen. Da beginnt es zu greifen, was mit dem rationalen Verstand nicht zu greifen ist. 

Es ist so schwer zu sagen: Sind wir Natur? Gehören wir zur Natur? Oder sind wir vielleicht etwas anderes, weil wir uns so atypisch zu allen anderen Lebewesen verhalten? Auf jeden Fall ist es so: Wenn wir uns respektvoll der Natur gegenüber verhalten, wird sie sich auch mit uns verbinden. Dieses Verbinden mit der Erde, dem Himmel, den Pflanzen und Tieren ist ein großer Aspekt, um wirklich bei sich selbst anzukommen. Vielfach kreist der Verstand so sehr um sich und sein Drama, dass der Fokus nach außen in Verbindung mit der Natur ein Ausweg aus diesem Gedankenkarussell sein kann.

Was für Kritik an deiner Arbeit erfährst du? 

Neulich traf ich eine Biologin, die sagte mir: Ich finde deine Arbeit ja sehr spannend. Aber ist das überhaupt belegbar? Ich glaube nicht so richtig dran. Ich sagte ihr: Du, ich habe sechs Jahre Sportwissenschaften studiert und eine Ahnung davon, dass Studien und Wisschenschaftlichkeit zu großen Teilen etwas Gedankliches sind. Ich möchte durch apparative Diagnostik dem rationalen Geist verstehbar machen, was ich tue. Mein nächstes Buch wird wahrscheinlich „Brücke zwischen den Welten“ heißen, wo ich die alten Rituale und Werkzeuge mit den diagnostischen Tools belegbar und sichtbar machen möchte. Wenn man Meditation zum Beispiel mit EEG (Messung der elektrischen Aktivität des Gehirns) aufnimmt, lässt sich sehen, wie sich die Beta- und Teta-Wellen verändern. Dazu kommen die Herzratenvariabilität-Untersuchungen mittels EKG. Hierüber kann man aufzeigen, ob der Vagusnerv aktiviert werden kann. Deswegen sage ich: Wenn du an das Feuer-Ritual nicht glaubst, kein Problem. Lass uns parallel Blutdruck messen, ein EEG aufsetzen, und eine HRV-Analyse machen. Dann kann ich dir aufzeigen, was sich dabei in dir verändert.

Studien sind ja schön und gut. Aber gerade durch TCM und die Kinesiologie – durch das viele Testen und Testen – ist mir bewusst geworden: Die Symptomatik und die Ursache eines Krankheitsthemas sind sooo variabel und höchst individuell. Kein Blatt an einem Baum gleicht dem anderen. Und so ist es auch mit den Themen der Menschen. Jeder Fingerabdruck ist verschieden und Zeichen seiner individuellen Besonderheit. Wie ist diese unendliche Vielfalt an tausenden Variationen überhaupt mit etwas zu vergleichen? Und das machen Studien, sie wollen es vergleichbar machen. Geht nicht. Nur mit einem Denken, in dem Menschen in Schablonen gepresst werden.

Du nennst dich Peacemaker. Was hat Frieden mit Gesundheit zu tun? 

Krankheit ist an sich nicht schlecht. Nur der Fingerzeig, dass im großen Zusammenspiel der Systeme ein weak link ist: Spür da mal hin. Da hast du lange nicht hingeschaut, dich nicht mit beschäftigt. Da will was an die Oberfläche des Bewusstseins. Also kreiert sich dieses Krankheitsthema als Chance, geheilt zu werden. Da ist keine „Liebe“. Da ist kein Frieden. Die Polarität der Dinge: Frieden passiert nicht von alleine. Und Frieden gilt es zu schützen und zu kreieren. Für Frieden muss man auch kämpfen. Wir müssen etwas dafür tun. Der Frieden ist ein Form des Fliessens und der Verbindung mit allem um und in uns. Und dieser Frieden ist brüchig. 

Gerade auf die jetzige Situation bezogen: Was können wir tun, wo so viel Trennung und Abgrenzung um uns herrscht? Wenn wir da nicht in uns Frieden schaffen, einander spüren lassen, dass jeder seine eigene Perspektive hat, wenn wir das nicht tun, werden die Trennung, Kluft und der Konflikt immer größer. Der Frieden in uns ist ein großer Beitrag, den wir für den Frieden im außen leisten können.

Ich mag deine kritische Überschrift „Mach’s weg“. Jeder Therapeut, der sich tiefer mit Ursache und Wirkung beschäftigt, kommt zur Erkenntnis: Solange wir die Symbolik hinter dem Konflikt und dem Schmerz nicht wirklich verstanden haben, wird sich nichts verändern. Also müssen wir das erst mal verstehen. Mit dem Konflikt in Kontakt treten, von allen Seiten fühlend betrachten und ihn wertschätzen. Damit sich dann der Frieden und die Entspannung einstellen können. Die Chinesen sagen: Krieg – gleichbedeutend mit Schmerz – ist der Schrei nach frei fließender Energie. Also gilt es, etwas ins Fließen zu bringen.

Wird sich durch Corona unser Gesundheitswesen und unser Umgang mit Gesundheit verändern?

Ich habe überlegt: Warum passiert, was gerade passiert? Weil seit den 50/60er Jahren durch die bewusstseinserweiternden Möglichkeiten immer mehr Menschen zu Bewusstsein kommen. Und dadurch kann es sein, dass in einer polaren Welt sich eine gleichgerichtete Kraft der Trennung als Gegenpol ausprägt. Weißt du wie ich das meine? Auch mit dem Trennenden gilt es seinen Frieden zu machen. 

Spannend ist: Bei vielen Leuten kommt momentan unglaublich viel hoch. Das ist auch so eine Sache. Ich habe recht früh erkannt: Um als Therapeut gut zu sein, muss ich selbst aufarbeiten. Wir Jüngeren sind die erste Nachkriegsgeneration, die in der Lage ist, die alten Traumen zu konfrontieren und zu lösen. Die Pein und die Scham, der ganze alte Ballast unserer Vorfahren. wir haben die Chance das jetzt besser aufzulösen und hinter uns zu lassen. In einer Welt wo es immer mehr Menschen auf immer weniger Platz gibt, heißt es. friedlich mit allem zu koagieren.

Viele merken in diesem Jetzt: Es kommen Themen hoch, die gilt es zu heilen. Wichtig: Wut und Entrüstung sind in einer gewissen Balance mit Entspannung und Gelassenheit. Aber wer die Wut immer weiter wachsen lässt, der wird davon zerfressen und hinweggerissen werden. Bei den Chinesen steht die Leber für Entrüstung und Wut, aber auch für Gelassenheit, wenn Organ, Meridian und Wandlungsphase Holz ausgeglichen ist. Wenn wir zu sehr diese Yang-Seite betonen – Wut und Entrüstung – trocknet alles in uns aus und wird brüchig und zerbricht. Wir brauchen die Qualität der inneren Ruhe und des Rückzugs des Wasserelements von Niere und Blase, um das Holzelement zu nähren. Damit sich im Frühling alles in seiner naturgemäßen Kraft entfalten kann. Es geht darum, beweglich und flexibel wie ein Bambus im Wind zu sein. Und so lehren uns diese alten Traditionen der Chinesen und aller alten Traditionen tolle Wirkprinzipien des großen Ganzen, dem wir als Mensch unterliegen.

Es gilt jetzt, gut anzuschauen. Gut zu spüren, was da ist. Das ist eine wichtige Aufgabe. Das Wunderbare ist, dass die Maschinerie der Ablenkungen nun nahezu angehalten ist. Wir müssen uns jetzt mehr mit uns selbst beschäftigen, mit unseren eigenen Themen, der Familie, dem nahen Umfeld, der Natur. Das ist gut. Ich habe meinen Platz im Wald seit so vielen Jahren. Auch mit dem Förster abgesprochen, der seinen Segen gegeben hat. 2020 habe ich so viele Familien mit ihren Kindern gesehen, die im Wald gespielt haben. Wie geil! Das habe ich in all den Jahren nie gesehen.

Wie kommt die Seele zurück in die Medizin?

Die Seele ist etwas, das jenseits des Verstandes ist. Tja, wie kommt man dahin? Durch das fühlende Jetzt. Das Tor zur Seele ist das fühlende Jetzt. Die Annahme des jetzigen Moments. Und das dürfte doch eigentlich ganz einfach sein. Wir haben das Jetzt und wir haben Fühlen. Dabei hilft uns die Natur und indirekt auch der Schamanismus. Ich bin immer wieder erstaunt, wie neu ich fühlen und spüren kann, wenn ich in Kontakt mit der Natur komme. So ist die große Chance und die große Aufgabe des Schamanismus, Hüter und Beschützer der Natur zu sein. Übersetzer und Überlieferer der Gesetzmäßigkeiten des großen Ganzen auf diesem Erdplaneten.

Eine meiner ersten Initiationen war etwas, das eigentlich ganz bekannt ist, weil es viele Väter mit ihren Kindern machen. Sie pflanzen einen Baum, pflegen und hegen ihn. So könnte das auch mit unserer Seele vonstatten gehen. In Kontakt mit ihr sein, mit allem um uns herum und in uns selbst. Mit den Pflanzen und den Bäumen, den Wind auf der Haut spüren. Jenseits des Geistes ist die Seele. Wir brauchen den Verstand, um das begreifen zu können. Um die Seele dann wirklich zu erfahren, müssen wir uns wieder vom Verstand lösen.

Ein Beispiel: Du guckst drei Stunden in einem Prozess ins Feuer. Und du merkst, wie die Gedanken immer ruhiger werden während du ins Feuer schaust. Ich hatte mit einer Freundin einen Konflikt, der mich in einer gewissen Weise in trennendes Denken geführt hat. Ich schaute lange, lange ins Feuer – und aus meinem Inneren kommt der Satz: “Du musst mit ihr eine Lösung finden.” Da bröckelte mein ganzes egozentriertes Denken. Ob es das Feuer war, das mit mir gesprochen war oder ein Teil meines Unterbewusstseins. Es spielt keine Rolle.

Fühlst du dich für deine Arbeit angemessen wertgeschätzt?

Oh ja. Ich bin ein Peacemaker und versuche das als Leitlinie meiner Arbeit zu leben. Ich habe so einen tollen Kollegenkreis um mich herum, in dem ich sehr wertgeschätzt werde. Von meinen Klienten kriege ich dasselbe. Geschenke, Dankbarkeit, Wertschätzung.

Wenn du ein Gesundheitswesen nach deinen Werten, Wünschen und deinem Menschenbild erschaffen könntest:

Hier gilt auch wieder, das Alte zu ehren und das Neue willkommen zu heißen. Als ich in China war und dort früh morgens um 6:00 Uhr mit meinem Lehrer Qi Gong geübt habe…da gab es Tanzgruppen, Kung-Fu-Gruppen, Tai-Chi-Gruppen, Gymnastikgruppen. Eine unglaubliche Vielzahl an Menschen, die sich frühmorgens in den Parks getroffen haben. Dieses kontinuierliche freudvolle Tun mit dem Körper und mit den Menschen zusammen gemeinsam, das geht gerade jetzt verloren.

Alter Verwalter. Ich ärgere mich etwas, dass im Namen der Gesundheit Bewegung gerade sanktioniert wird. Unser vorderer Vagusnerv lebt natürlich von Kontakt und Kommunikation. Angst lähmt ihn. Die alten Traditionen haben uns schon immer die Bewegung und das soziale Miteinander gelehrt. Auch in der DDR gab es den gemeinsamen Morgensport. Die Asiaten trinken nicht nur den Tee, die machen eine schöne Zeremonie daraus. Sie legen mehr Bewusstsein in das bewusste Essen. Sie zelebrieren es gemeinsam. Sie essen nicht aus Funktion, sondern aus Ritual und Wertschätzung. Also: Raus aus der Maschinerie des Tuns, Machens und Funktionierens durch Wertschätzung und Bewusstsein, durch das bewusste Erleben des Momentes. Bewegung und Bewusstheit. Rückführung zu den Dingen, die um uns herum sind. 

Schau dich mal um. Was für Dinge existieren eigentlich um dich und was kannst du damit anfangen? Ich hole meine Kräuter aus dem Wald. Wenn ich ein Feuer mache, nutze ich keinen Anzünder, sondern Birkenrinde. Palo-Santo, das heilige Holz, eine riesige Industrie dahinter. Aber warum wird das Holz heiliger gemacht als alle anderen? Wir haben alles hier. Wir brauchen den ganzheitlichen Blick auf die große Natur und die Gesetzmäßigkeiten des Wandels. Die Gesetzmäßigkeiten der Polarität. Und das Akzeptieren dessen. Also auch das Akzeptieren der Meinungsverschiedenheit. Körper folgt Geist folgt Seele.

 

Foto-Credit: Alexander von Hausen

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