Mich faszinieren die drei Säulen der Gesundheit. Im Folgenden erkläre ich, weshalb. Dieser Text enthält lediglich meine Ansichten und befindet sich wie mein Weltbild in permanenter Überarbeitung.

In einer tiefen Krise traf ich die Entscheidung, mit mir Frieden zu schließen. Ich lebte alleine in einem kleinen Holzhaus am Rande des 2000-Seelen-Dorfes Miehlen, und war nach einmonatiger Euphorie frisch von meiner Freundin verlassen. Wieder war eine Beziehung gescheitert und mir dämmerte, dass es an meiner Beziehung zu mir selbst lag. Vor mir brannte das Kaminfeuer und ich starrte neidisch auf seine Vitalität. In meinem Bauch nagte die Einsamkeit und in meiner Schädeldecke duellierten sich die ewig selben, selbstzerfleischenden Gedanken. Ich befand mich mein halbes Leben in Therapie, war so oft an mir selbst gescheitert, so oft hingefallen und wieder aufgestanden, dass sich nun ein zartes Pflänzchen der Veränderung regte. So begann mein Weg zu den drei Säulen der Gesundheit, die mich von meiner Depression befreiten. 

Bewegung

Ich kann mich gut erinnern, wie ich das erste Mal die Yoga-Matte ausbreitete und versuchte, mich in die Warrior-Pose zu versetzen. Es wurde ein Worrier. Wie halte ich das Gleichgewicht? Warum fühlen sich meine Gelenke an wie eingerostete Scharniere? Wie sieht das wohl von außen aus? Auf die ersten wackeligen Gehersuche, mich 20 Jahre nach meiner Kindheit wieder in meinem Körper zurechtzufinden, folgte ein Schweige-Meditations-Retreat im Yoga-Vidya-Zentrum in Bad Meinberg. Dort lernte ich über den Atem als Brückenfunktion zwischen Bewussten und Unbewusstem. Der moderne, gehetzte Mensch ist meist in eine lache Brustatmung verfallen, die zur Hyperventilation führt. Er sitzt zu viel und stirbt an generellen Bewegungsmangel und Stress. Die tiefe Bauchatmung ist das Gegenstück, in ihr lässt sich das Entspannen üben. Außerdem ist der Atem die meiner Ansicht subtilste Bewegung des Körpers. Wir können uns nicht nicht bewegen. Wir sind das pure Leben und drücken uns über unsere Leiber aus. Auf der Rückfahrt des Retreats saß ich das erste Mal seit Jahren in einem Zug, ohne dass mein unterer Rücken bald zu schmerzen begann. Noch viel besser: Ich spürte meinen Körper, ich fühlte mich wohl und friedlich. Ich kannte nun das Gefühl, wenn sich körperlicher Schmerz durch achtsames Atmen auflösen lässt.

„Breathe, Motherfucker! It‘s for free!“
– Wim Hof

Der nächste Bewegungsimpuls war eine Doku über den israelischen Sportler Ido Portal. Ein Mann, der sich wie ein Gebirgsbach bewegt. Jemand, der ein “Das will ich auch können!” in mir weckte. Ich spüre. Manche würden ihn einen Bewegungs-Guru nennen. Ido Portal empfiehlt die grundlegendsten Bewegungen, zu denen der menschliche Körper im Stande ist. Hocken, Hängen, Barfußlaufen, Mobilisation der Wirbelsäule. Ihm geht es nicht um Fitness, sondern um Spielen und Improvisieren im Austausch mit anderen, in der von ihm getauften Movement Culture. Heute bin ich Mitglied des Berliner Sportvereines Movision, um nach dieser Philosophie mehrmals die Woche in Gemeinschaft zu trainieren und zu spielen. Ich war schon immer ein sportliches Kind, habe mir aber mit dem Konkurrenzdruck der Vereinskultur schwer getan. Als Kind hatte ich keinen Anspruch, die Sandburg möglichst perfekt zu bauen, um eine gute Note zu bekommen. Bewegung ist für mich der Schlüssel zu kindlicher Freude und Begeisterungsfähigkeit. 

“Fitness is a small, small world within a universe of movement.”
– Ido Portal

Der Körper ist mein Eintritt in die Welt. Mein Fahrzeug, um mich zu bewegen. Das einzige Reich, das ich wirklich ausfüllen, beherrschen und leiten kann. Ich dem ich tun und lassen kann, was ich will. Wenn mir kein Schmerz dazwischenfunkt. Aber was führt eigentlich dazu, dass so viele Menschen verspannt sind? Schmerz ist ein Hilfeschrei, die körperliche Warnung, dass unser Lebensstil im Ungleichgewicht ist. Denn ich BIN der Körper, nicht meine Knie tun mir etwas Böses, wenn sie schmerzen und nicht „funktionieren“. Mich interessieren psychosomatische Zusammenhänge und ich forsche ihnen jeden Morgen mit dem ersten Recken und Strecken meiner Gliedmaßen nach. Meine prägendsten Einflüsse sind die Theorie des Körper- und Charakterpanzers von Wilhelm Reich, die Bioenergetik von Alexander Lowen, sowie die Leibarbeit von Karlfried Graf Dürkheim. Und ich bin wieder bei meinem Atem angelangt.

Ernährung

Zur Zeit befinde ich mich in Ausbildung zum veganen Ernährungsberater über die Fachfernschule Ecodemy. Im Laufe dieser Ausbildung und im Erforschen all der Für und Wider für verschiedene Ernährungsweisen, kam ich zum Schluss: Es gibt keine richtige Ernährungsweise, solange wir so wenig über Ernährung wissen. Hinterfrage dich ehrlich: Weißt du, was sich in deinem Körper abspielt, wenn du isst? Was all die Begriffe bedeuten? Kalorien, Kohlenhydrate, Proteine, Fette, Ballaststoffe, Mineralstoffe, Zink, Eisen, Jod, Phosphor und und und. Keine Sorge, nicht einmal die Gesundheitsexperten wissen Bescheid. Ernährung spielt in der schulmedizinischen Ausbildung nur eine Nebenrolle.

Was macht der Gedanke mit dir, dass all das Übergewicht und all die Herzkreislauferkrankungen der reichen Industrienationen vermeidbar wären? Ein großer Augenöffner in dieser Hinsicht waren für mich die Bücher China Study von Colin Campbell und Wir fressen uns zu Tode der russischen Ärztin Galina Schatalova, die unsere Kalorienlehre radikal in Frage stellt. Ich glaube, wir übersehen generell, dass das Gefühl des Genährtseins nicht ausschließlich mit Nahrungsaufnahme zu tun hat. Um die Verwirrung perfekt zu machen: Konträr zum Verständnis, Energiezufuhr sei nur durch Nahrungsaufnahme möglich, ist bewusstes und gut geplantes Fasten eine der gesündesten und billigsten Methoden, unsere Gesundheit zu erhalten. Wenn wir unseren Magen-Darm-Trakt probiotisch mit fermentierten Lebensmitteln unterstützen und auf die schnellen Energiespritzen durch industriell verarbeitete Lebensmittel (die diesen Namen eigentlich nicht mehr verdienen, weil sie uns nicht auf zellulärer Ebene nähren) verzichten, können wir ein völlig anderes Lebensgefühl intiieren. Das ist eine sehr rationale Herangehensweise an Ernährung. Für mich fühlt sie sich richtig an.

„Eure Nahrungsmittel sollen eure Heilmittel
Und eure Heilmittel eure Nahrungsmittel sein.

– Paracelsus

„In Gut We Trust“. Das Wort Bauchgefühl stammt nicht von ungefähr. Der Zustand unserer Darmflora hängt wesentlich mit unserem Gemütszustand zusammen. Das Binom in unserem Darm hat mehr synaptische Verbindungen zum Nervensystem als unser Gehirn. Unser Hirn kann nicht transplatiert werden, unseren Darm können wir sanieren. Einfach mal über längere Zeit gesund essen. Aber das ist bei der Masse an duftenden Verlockungen nicht einfach. Doch es lohnt sich, denn es gibt einen feinen Unterschied zwischen Lebensmittel und Nahrungsmittel. Der regelmäßige Konsum von gesellschaftlichen akzeptierten Rauschmitteln wie raffiniertem Zucker, Koffein, Nikotin, nährstoffarmen Weißmehl schlägt auf den Magen, und dieser ist eng mit unserem Gemüt verknüpft. Gesunde Ernährung ist damit bei nahezu allen mentalen Krankheiten der Schlüssel, tiefgreifende Veränderungen einzuleiten. Probiotische Lebensmittel wie Sauerkraut können als natürliches Antidepressivum bezeichnet werden.

Wer mit seinem Bauchgefühl in Kontakt steht, spürt allerdings auch, dass Ernährung wesentlich mehr ist als bloße Nährstoffzufuhr. Beim Essen sitzen Traditionen mit am Tisch, soziale Normen, Kindheitserinnerungen. Deswegen ist es meist vergebene Mühe, Menschen zu einer Ernährungsumstellung zu bewegen. Wir müssen uns selbst dazu entscheiden und meist braucht es einen hohen Leidensdruck, bis wir umdenken. Wenn wir uns über innere, psychologische Zusammenhänge bewusst werden und neben dem Bedürfnis nach Nährstoffen auch unsere emotionalen Bedürfnisse befriedigen, müssen wir nicht mehr der perfekten Ernährungsweise nachjagen. Stellen wir uns statt dem Druck der Selbstoptimierung lieber eine Welt vor, in der wir unsere Lebensmittel selbst anbauen. Eine Welt, in der ein Tier in Würde leben und sterben darf, bevor sein Körper weiter verwertet wird. Träumen wir von großen Tafeln, an denen wir in Gemeinschaft Lebensmittel verspeisen, die durch unsere eigenen Hände wanderten. Wo wir jeden Bissen in Dankbarkeit kauen und uns verbunden fühlen mit Mutter Natur, die uns so reich beschenkt. Ganz schön esoterisch, oder?

Entspannung

Nach einigen Jahren Beschäftigung mit dem Begriff Esoterik wage ich die Behauptung, es lohnt sich, ihm nachzugehen. Esoterik bedeutet soviel wie Die Lehre des Inneren, und ist damit eigentlich prädestiniert als wichtigstes Schulfach der Kinder von Morgen. Als ich beschloss, mein Leben zu verändern, beschloss ich ebenfalls, dass dieser Weg über die Meditation führen musste. Ich wusste, wenn es mir gelingt, konzentriert zu sein, Körper, Emotionen und Bedürfnisse zu fühlen und authentisch auszudrücken, nehme ich den Druck heraus, der in die Depression hineinführt. Meditation und achtsame Innenschau sind seit Jahrtausenden Kulturgut der spirituellen Weisheitslehren, und in ihrer heilsamen Wirkung wissenschaftlich hinreichend erforscht. Nachprüfen lässt sich das allerdings nur über den Weg der Selbsterfahrung und Innenschau, die sich naturgemäß nur schwer in Worte fassen lässt.

Wenn du mal fünf Minuten Zeit hast, weißt du, was du dann machen mußt: Mal nachdenken! Mal für Ruhe sorgen um dich herum. Radio und Recorder abstellen, Fernseher ausmachen, Zeitung weglegen. Ruhe schaffen, still werden, das Innen mit Schweigen füllen, den Puls des eigenen Herzens fühlen.
– Phil Bosmans

Unser Herz ist keine mechanische Pumpe, wir finden dort eine Kraft, die uns den Weg weist. Einen introvertierten Umgang mit uns selbst. Also setzte ich mich dreimal täglich vor das Kaminfeuer, beobachtete meinen Atem und meinen Herzschlag und übte, entspannt zu sein. Ich fand heraus, dass ich nicht entspannt war. Ich trug Eisenstangen in meinem Rücken und litt am Stimmengewirr in meinem Kopf. Ich musste perfekt auf den Atem achten, ich musste noch immer. Ich musste also das Müssen verlernen. Wenige Fahrradminuten von meiner Holzhütte entfernt, befand sich die Altbäckersmühle, das Zen-Meditationszentrum eines buddhistischen Ehepaares. Deren öffentlich zugängliche Zeremonien fanden im Dojo statt und sind im Geiste des Zen klar strukturiert. Man betritt das Dojo zuerst mit dem linken Fuß, verbeugt sich vor dem Meditationskissen, dann vor den Mitmeditierenden. Es gibt Niederwerfungen, Mantra-Singen, Geh-Meditationen, Za-Zen, genannt, und das morgendliche Schlagen der großen Hofglocke. Als mich Altmeister Kurt Österle ins Dojo einführte, sagte er:

“Ich erkläre dir die Regeln des Dojo bloß, damit du prüfen kannst, wie du bei ihrer Missachtung mit dir selbst umgehst. Du kannst im Dojo keine Fehler machen.”

Ich war nie religiös, doch habe mich immer nach einem Sinn gesehnt. Besonders in meinen depressiven Episoden. Was , wenn der moderne Gottesdienst ein Dienst an uns selbst wäre. Wenn Meditation nicht nur stillsitzen und sich an sich selbst ergötzen ist. Wenn man gesunde Ernährung, regelmäßige Bewegung und Entspannung als Dienst an der eigenen Lebendigkeit betrachtet. Dann würde man plötzlich ausreichend Zeit für sich selbst haben. Und bekommt das Gefühl, gegen den Strom zu schwimmen. Ich habe mir durch meine langjährige Depression die Zeit genommen, meinen Geist zu erforschen. Denn irgendwo unter all der Angst, verrückt zu gelten, den sozialen Normen, selbstverurteilenden Gedanken und unterdrückten Gefühlen, lag meine Intuition begraben.

Unsere tiefste Angst ist nicht,
dass wir unzulänglich sind,
Unsere tiefste Angst ist,
dass wir unermesslich machtvoll sind.
Es ist unser Licht, das wir fürchten,
nicht unsere Dunkelheit.
– Marianne Williamson

Intuition ist eine Sprache, die ohne Worte auskommt, doch uns zielsicherer durchs Leben führt als verkopfte Analyse. Der Großteil der Menschheit ist auf Rationalität gepolt. Wir leben im Irrglauben, die Außenwelt bestimme die Wahrnehmung ihrer Innenwelt. Paradoxerweise ist es andersherum. Das erscheint erst logisch, wenn man es selbst erfahren und nachvollzogen hat. Dann ist es eine Einsicht, die das Potential trägt, ein Leben auf den Kopf zu stellen. Ich bin romantisch genug, um von einem gesünderem Lebensentwurf zu träumen. Wenn wir in einem anti-biotischem Zwang- und Pflichtbewusstsein leben, können wir nicht gesund werden. Lösungen finden wir, indem wir nicht vorverurteilen, offen bleiben, einander Fragen stellen.

Werde es üben.

„Einsamkeit ist ein Gefängnis, dessen Tür sich nur von Innen aufschließen lässt“
– Unbekannt