Einstellung bzw. Haltung ist extrem tief in uns verankert. Dieser Ansatz kommt aus der Tiefenpsychologie. Bei Jung wäre es ein Archetyp: Krieger, König, Magier oder Liebhaber zu sein, ist eine bestimmte Haltung, die ich einnehme. Ich muss mich darin trainieren, über meinen Körper diesen Ton wahrzunehmen. Wie gehe ich durchs Leben? Stehe ich mit beiden Beinen im Leben? Habe ich ein Ziel? Bin ich ausgerichtet? Habe ich Fokus? Oder schlurfe und schleiche ich, lasse mich treiben, bin gehetzt? Das geht noch weiter: Wie sitze ich? Wie liege ich? Wie schlafe ich? In all diesen absolut basalen Bewegungsformen drückt sich meine Haltung zur Welt aus.


Oliver Dreber

Studium Wirtschaftswissenschaften (Abschluss Diplom-Ökonom), Arbeit in Telekommunikationskonzernen, Produktmanagement, Gastronomie-Unternehmensberatung, 2008 Leeman-Brothers-Krise, Not-OP, danach Arbeit bei UPS & Lieferando, später Gründung „Hara Do“, Arbeit als Experte für Haltung, Speaker, Autor, Berater

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https://hara-do.de/


Für meine Interviewreihe „Mach’s weghabe ich rund 50 Interviews mit verschiedensten Perspektiven auf das Thema Gesundheit geführt. Schließlich wussten schon unsere Großeltern: Das wichtigste im Leben ist die Gesundheit. Aber was ist das überhaupt? Und lässt sich Krankheit einfach „wegmachen“?


Laurens Dillmann: Was war der Punkt, an dem du dich entschieden hast, dich selbstständig zu machen?

Oliver Dreber: Der Punkt war ein desaströses Erlebnis. 2008 kam die Lehman-Brothers-Krise und zusätzlich hatte ich eine Not-OP. Bei mir gab es eine extreme Entzündungsverengung des Dickdarm/Dünndarm-Bereiches. Da war kurz vor Schicht. Das lag unmittelbar am Hara. Du musst dir vorstellen: Meine Lebensgefährtin. Weg. Meine Gastronomiebetriebe. Weg. Alles, was ich aufgebaut hatte, war weg. Mein gesamter finanzieller, unternehmerischer Background. Meine Gesundheit war völlig zerstört. Ich stand im Grunde vor der Privatinsolvenz. 

Dem folgten zwei sehr harte Jahre. Ich musste mich über Wasser halten und Geld verdienen. Fast ein Jahr lang war ich Paketbote bei UPS. Ich will mich nicht über die Leute erheben, die diese Arbeit machen, aber wenn du aus einer ganz anderen beruflichen Welt kommst und einen Anspruch an dich hast und dann fährst du auf einmal Pakete aus…Ich habe wirklich oft in diesem braunen Wagen gesessen und geheult.

2009/10 kam die Phase meiner wirklichen Findung. Mir war klar, ich will auf jeden Fall weiterhin beratend tätig sein. Mit Menschen arbeiten, Veränderung anregen, meine Leidenschaft für Karate einweben. Und dann kam Karlfried Graf Dürckheim zu mir mit seinem Buch über das Hara. So ist “Hara Do” entstanden, ungefähr 2014/15 habe ich es realisiert.

Diese Krankheit, die du im Wirtschaftsleben entwickelt hast – geht das vielen so in dieser Branche?

Das hat viele Einflüsse und ist nur individuell zu beantworten. Wie bin ich gestrickt? Wie schaue ich in die Welt? Was nehme ich wahr? Wodurch bin ich geprägt? Diese individuelle Konstitution trifft auf das Außen. Wenn beides nicht im Gleichgewicht ist, wirst du krank. Aber die noch interessantere Frage ist: Wer bist du? 

Bei mir war es so: Mir schlagen Dinge schnell auf den Magen und den Verdauungstrakt. Ich kriege schnell großes Unwohlsein in diesem Bereich, sobald Ungerechtigkeit hochkommt. Ich habe ein ganz starkes Gefühl für Ungerechtigkeit bzw. Gerechtigkeit, das bedeutet auch Unwahrheit und Lüge. Ich bin als Säugling mit neun Tagen in ein Nonnenheim gegeben worden und habe dort über drei Jahre gelebt. Davon bin ich zutiefst geprägt. Meine Tiefpunkt-Erfahrung 2008 hat mich genau zu diesem Punkt zurückgeführt und mich realisieren lassen, was dort in mir angelegt wurde. Zusätzlich zum chirurgischen Schnitt wurde mir klar: Hara ist mein Thema.

Was ist das Hara? Wovon sprichst du?

Das Hara hat mehrere Ebenen und ist Teil des Körpers. Die mehreren Ebenen bedeuten: Es ist dein Körperschwerpunkt, die körperliche Mitte. Hara übersetzt heißt: Bauch oder Mitte. Darüber hinaus ist es auch ein energetisches Zentrum, mit dem du – so die Philosophie der Asiaten – dein Chi, dein Ki, deine Lebensenergie lenken kannst. Dadurch, dass ich ja auch schon lange Kampfkunst (Karate) betreibe, war mir schon immer bekannt, dass es das gibt. Aber ich würde behaupten, viele Jahre war mir überhaupt nicht bewusst, was es bedeutet.

Nämlich etwas sehr Zentrales: Es ist ein energetisches Zentrum, mit dem wir arbeiten sollten, weil es uns mit uns verbindet. Wir haben auch das Herz als energetisches Zentrum für den emotionalen Raum. Wir haben das Stirnzentrum für den mentalen Raum. Und eben das Hara. Das Zentrum, in dem ich mich erde, wo ich die Gedankenströme loslasse und in die Verbundenheit mit der Materie und der Erde komme. Diese Verbindung ist dann ganzheitlich. Nur wenn ich die Verbindung mit dem Hara herstelle, öffnet sich das, was Dürckheim als Überweltliches und Numinoses bezeichnet. In mir öffnet sich eine Tür, in die ich eintreten und Erfahrungen machen kann.

Was passiert, wenn wir von dieser Verbundenheit abgeschnitten sind? Die Trauma-Therapeutin Dami Charf hat im Interview mit mir von der „Glasscheibe zwischen sich und der Welt“ gesprochen.

Ich bin ein Stück weit damit gesegnet, dass ich immer in meinem Körper war. Das ist eine ganz wichtige Voraussetzung für die Verbindung mit sich selbst, der Ich-Identität und dem, was darüber hinausgeht. Ich habe 20 Jahre Fußball gespielt und 20 Jahre Karate gemacht. Mir war immer bewusst, dass ich Körper bin, dass mein ICH Teil des Körpers ist, dass der Körper mein Werkzeug ist, das mir zur Verfügung steht, um mich in der Welt auszudrücken. In den Neurowissenschaften nennen sie das Embodiment. Die Einbettung des Geistes in den Körper.

Wenn mir dieser körperliche Zugang fehlt, dann ist auch der Zugang zum ICH extrem schwer. Dann fehlt die Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Auch ein Künstler, der malt oder ein Bildhauer, beide arbeiten physisch. Wenn ich nur im Kopf bin, von Kindheitstagen an, wo nehme ich dann die Welt und die Wirkung meiner Person in der Welt wahr? Eigentlich gar nicht.

Wie vermittelst du das an Menschen? Was tust du in deinen Beratungen?

Die Intention von mir und meiner Frau ist es, die Wirtschaft als einen Ausschnitt der Welt zu verändern. In diesem Ausschnitt wenden wir uns an Unternehmen und deren Organisationen. Um Unternehmen und die dort arbeitenden Menschen in Veränderung zu führen, Stichwort Transformation, bedarf es anderer Mittel als nur das rein kognitiv-rationale. Veränderung wird im Menschen initiiert, wenn dieser Mensch von etwas berührt wird. In der Phänomenologie spricht man von affektiver Betroffenheit. Etwas berührt – erfasst! – mich. Ich kann es vielleicht gar nicht genau definieren, ich merke nur, dass ich angerührt und angefasst bin. Das ist die Ebene, die wirkt und die dazu führt, dass ich mich selbst und die Organisation, in der ich arbeite, hinterfrage. Und vielleicht bemerke ich dabei, dass ich nicht nach meinem eigentlichen Auftrag lebe und arbeite, wegen dem ich hier auf Erden bin.

Diesen Keim der Wahrnehmung setzen wir. Dann ist er da und sein Wachstum und damit das personale Wachstum, die Entwicklung zur gereiften Persönlichkeit, lässt sich nicht mehr verhindern. Das verfolgen wir, indem wir eben mit dem Körper arbeiten. Neurowissenschaftlich nennt sich die von uns eingesetzte Methode Embodiment. Embodiment beschreibt die multikausale Wechselwirkung von innerer, mentaler Haltung und äußerer Körperhaltung. Für die Initiierung und Begleitung von transformativen Veränderungsprozessen in Unternehmen kombinieren wir das Embodiment mit bestimmten Methoden aus der Agilität und verbinden so Kognition mit Körper.

Was hältst du ausgehend von dieser Philosophie von der Mentalität, Symptome „weg zu machen“?

Nehmen wir Knieschmerzen als Beispiel: Wenn ich mein Knie lediglich aus dem Kopf betrachte, und nicht realisiere, dass ich auch mein Knie bin, wird das Knie zum Objekt. Ich bin Subjekt und mein Knie ist Objekt, es ist außerhalb von mir. Nur deswegen gehe ich zum Arzt und lasse mir von außen etwas für das Objekt verschreiben. Das ist meine nicht bewusste Vorstellung von mir als Körper. Mir ist nicht bewusst, dass ich mein Ich unbewusst vom Körper trenne. Der Körper trägt mich wie eine Maschine durch die Gegend. Diese Maschine tut weh und der Arzt nimmt einen Ölwechsel vor. Vielen Menschen ist nicht klar, dass wir auf einer zutiefst unbewussten Ebene so von uns und vom Menschsein denken.

Der Philosoph Jochen Kirchhoff sagt, wir sind ins große Ganze, in den Kosmos eingebunden – allerdings über den Körper. Wir sind eingebettet in diesen Körper. Er ist mit uns. Das ist das Leibhaftige, von dem Dürckheim spricht.

Was braucht ein Mensch, um gesund zu sein? Und was macht krank?

Ich glaube, wir werden krank, wenn wir nicht leben, wie es uns bestimmt ist. Wenn wir nicht nach unserem inneren Auftrag leben. Der Controller ist ein Controller, weil er dahin gerutscht ist, aber eigentlich ist er ein Töpfer oder Maler oder Maurer. Aber er weiß es nicht und lebt ein Leben gegen seine Berufung. Dabei werden wir gerufen, sind be-rufen. Handelst du dagegen, handelst du gegen dich. Der Körper zeigt dir das mittels Symptomen. Aber wir kommen selten zu der Frage: Was ist dahinter? Das Dumme ist, wir leben in einer Gesellschaft, die uns nicht hilft, solche Erkenntnisschritte zu machen.

Aber gehört es nicht auch dazu, dass ich erst über Krankheiten solche Erkenntnisse gewinne? Muss ich dafür nicht sogar leiden?

Spannende Frage. Ich würde sagen: Je nach deinem Reifegrad. Je nachdem, wie viel Weisheit du bereits in dir trägst. Hast du wenig Weisheit, leidest du viel. Gibt es einen Erfahrungsraum in dir, der groß ist, weißt du eben intuitiv, bestimmte Erlebnisse anders wahrzunehmen und einzuordnen. Hast du diesen Raum nicht, ist es schwer. Dann brauchst du mehr Leid, mehr Energie, die dir zeigt: Das, was du machst, ist nicht richtig.

Im deutschen Idealismus sprechen sie alle vom Schönen, Wahren, Guten. Die Grundidee ist, dass der Mensch weiß, was das ist. Er weiß es – auf der höchsten Instanz! Nur, wir hören nicht drauf. Wir können sagen, der Körper ist deine Stimmgabel, die anzeigt, ob du in der richtigen Schwingung bist oder nicht. Tönt sie wohl- oder missklingend? 

Nun stehen wir zum Beispiel vor einer Entscheidung und nehmen A statt B. Wir wissen intuitiv, A ist falsch, und handeln gegen die intuitive Stimme in unserem Körper, die das bereits weiß. Wir müssen trainieren, diese Misstöne wahrzunehmen und richtig einzuordnen. Damit du dein Leben nach deinem Ruf gestaltest.

Wo und wie kommt dabei die Haltung ins Spiel?

Haltung ist das Bindeglied. Für meine Stimmgabel brauche ich Gehör. Die Haltung meint das Gleiche: Wenn ich meine körperliche Haltung wahrnehmen kann, bekomme ich auch mit, was meine mentale Haltung ist. Haltung ist ein anderes Wort für Einstellung. Was ist meine Einstellung zu mir selbst? Meine Überzeugung von mir selbst, von der Welt, vom Menschsein. Wie sehe ich all das? Ist mir das überhaupt bewusst oder nicht? Und was lässt sich daraus ableiten?

Einstellung bzw. Haltung ist extrem tief in uns verankert. Dieser Ansatz kommt aus der Tiefenpsychologie. Bei Jung wäre es ein Archetyp: Krieger, König, Magier oder Liebhaber zu sein, ist eine bestimmte Haltung, die ich einnehme. Ich muss mich darin trainieren, über meinen Körper diesen Ton wahrzunehmen. Wie gehe ich durchs Leben? Stehe ich mit beiden Beinen im Leben? Habe ich ein Ziel? Bin ich ausgerichtet? Habe ich Fokus? Oder schlurfe und schleiche ich, lasse mich treiben, bin gehetzt? Das geht noch weiter: Wie sitze ich? Wie liege ich? Wie schlafe ich? In all diesen absolut basalen Bewegungsformen drückt sich meine Haltung zur Welt aus.

Und für jemanden, der darin trainiert ist, lässt sich das von außen leicht beobachten. Wir geben Hilfestellungen, damit Menschen das überhaupt wahrnehmen. Indem ich meine Körperhaltung ändere, kann ich auch meine mentale Haltung ändern. Stück für Stück für Stück ändert sich die Ausrichtung der Stimmgabel.

Wie gehst du mit den Krisen der aktuellen Zeit um?

Ich denke, es ist sehr wichtig, wenn wir Erfahrungen von Veränderungen gemacht haben und sie langsam neu in unserem Leben wirken, dass wir dann bei uns bleiben. Gerade in dieser Phase der Krisen, die für alle schwierig sind. Am schwierigsten für die Menschen, die über eine gewisse Sensibilität verfügen. Die deutsche Sprache ist sehr bildhaft und wörtlich zu nehmen: Zu sich stehen. Ich kann nur dann zu mir stehen, wenn ich mit beiden Beinen – breitbeinig und schulterbreiter Stand, der gesamte Fuß tritt auf und hat Bodenkontakt – im Leben stehe. Das heißt: Zu mir stehen.

An was für einem Punkt stehen wir als Menschheit und mit unserem Gesundheitswesen?

Das ist eine schwere Frage. Ich war lange Zeit deprimiert und enttäuscht, auch frustriert von unserer Gesellschaft und von den Menschen. Weil so wenig an Erkenntnis sichtbar ist. Es gibt so wenige Menschen, die sich berufen fühlen, die ausbrechen und einen anderen Weg wählen. Ich habe lange Zeit das Gefühl gehabt, das geht nicht gut aus. Und trotzdem habe ich in mir auch eine tiefe Überzeugung an das Schöne, Wahre und Gute. Das ist da, es ist in jedem Menschen angelegt.

Ich glaube, wir leben und gehen in eine Zeit, in der sich dieser Funke nicht mehr unterdrücken lässt. Das System probiert es auf allen Ebenen und allen erdenklichen Arten und führt sich damit selbst ad absurdum. Und doch sehe ich mehr und mehr dieser Funken, die zu leuchten beginnen, sich verbinden und Veränderung in die Welt bringen. Die Frage ist nur, wie lange diese Verwandlung dauert.

Fantasiespiel: Du bist König deines eigenen Reiches. Wie sähe dein Gesundheitswesen aus?

Erstmal gefällt es mir, König zu sein (lacht). Punkt 1 wäre es Menschen zu helfen, nicht krank zu werden. Selbststärkung und Selbstverantwortung, das was man Salutogenese nennt. Tue, was dir gut tut. Gute Nahrung, wertvoll und nährstoffreich. Dazu gehört gutes, echtes Wasser und gutes Wissen. Brainfood & Soulfood, dass ich das Richtige und Wertvolle lese und lerne, auch auf spiritueller Ebene. Dabei würde ich Menschen unterstützen.

Wenn wir das hätten, nicht gegen Krankheit, sondern für (!) Gesundheit eingestellt wären, bräuchten wir vermutlich sehr wenig tun, wenn doch mal jemand krank werden würde. Dann könnten wir auf die Selbstheilungskräfte und Heilungskräfte der Natur setzen, was mich sehr interessiert. Hildegard von Bingen sagte, gegen alles ist ein Kraut gewachsen. Ich habe aber auch nichts gegen moderne Medizin. Wenn man einen Armbruch chirurgisch reparieren kann – super! Meine Not-OP hat mir ja auch geholfen. Aber wir sollten schauen, dass wir Menschen helfen, nicht mehr in ein Ungleichgewicht reinzukommen, in dem wir nur noch gegen Symptome ankämpfen.

 

Foto-Credit: Oliver Dreber

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