“Für meine Arbeit als Physiotherapeutin fühlte ich mich nicht immer wertgeschätzt. Deswegen habe ich mich selbstständig gemacht. Weil mir Wertschätzung wichtig ist. Und ich mich nicht unter Wert verkaufe.” – oder – „Die Füße sind das Fundament, auf dem wir jeden Tag stehen. Unsere Basis, die von vielen vergessen wird, die einfach nicht in unserer Wahrnehmung ist. Weil wir schon als Kleinkinder Schuhe tragen müssen und dadurch den Kontakt zu unseren Füßen verlieren.


Vivian Gläsel

Arbeit beim Steinmetz und Bildhauer, Kinderbetreuung, Demeter-Landwirtschaft, Physiotherapie-Praxis. Natural Running Coach, seit 2019 selbstständig als „Vivi Barfuß“ und freiberufliche Physiotherapeutin: https://vivibarfuss.com/

Schon unsere Großeltern wussten, das Wichtigste im Leben ist die Gesundheit. In seiner Reihe „Mach’s weg“  interviewt Laurens Dillmann Menschen aus dem Gesundheitswesen. Wieso sind sie ihrer Berufung gefolgt? Auf welche Werte berufen sie sich? Warum kümmern sie sich um ihre Mitmenschen? Welche Rolle spielen Geben & Nehmen in diesem Prozess? Was lässt uns heilen? Und lässt sich Krankheit einfach “wegmachen”? Was denkst du?


Laurens Dillmann: Was ist der Inhalt deiner Arbeit?

Vivian Gläsel: Ich möchte dazu beitragen, dass Menschen sich für sich selbst und ihre Gesundheit kompetent fühlen. Damit sie nicht immer die Verantwortung abgeben müssen. Das mache ich hauptsächlich im Bereich Füße. In meinem Barfuß-Powerkurs werden aber noch einige andere Bereiche abgedeckt. Gesundheit heißt ja nicht nur, dass man keine Schmerzen hat. Als Physiotherapeutin konnte ich diese Facetten im 20- oder 40-Minuten-Takt nie wirklich adressieren. Deswegen bin ich nun selbstständig und kann meine eigenen Regeln schreiben.

Letztlich versuche ich Menschen anzuleiten, sich ganzheitlich wohl zu fühlen und sich um sich selbst zu kümmern. Ich möchte, dass Menschen verstehen, was meiner Meinung nach zu Gesundheit und was zu Krankheit führt.

Wieso bist du Physiotherapeutin geworden und wieso hast du dich selbstständig gemacht?

Ich bin auf die Walddorfschule gegangen. Da gab es viele alternative Menschen. Meine Mutter hat mich immer bestärkt zu tun, was ich wirklich möchte. So habe ich eine ganzheitliche Weltsicht erlebt. Nicht nur angelesen, sondern erlebt.

Ich hatte in meiner Schulzeit oft Probleme mit dem Kiefer. Ich habe einen Ausgleichsport gesucht, um meine aufgestaute Kraft zu kanalisieren. Ich wollte joggen, aber habe schnell gemerkt, dass viele Menschen sich damit die Knie kaputt machen. Meine Alternative hieß Natural Running. Ich habe „Born to run“ von Christopher McDougall gelesen, das hat mich sehr inspiriert. Ich habe ein Coaching und eine Laufstilanalyse gemacht. Und habe dabei gemerkt, dass ich Bewegungen nicht mehr konnte, die als Kind völlig selbstverständlich waren, zum Beispiel die tiefe Hocke ohne nach hinten umzufallen. Weil ich zu enge Schuhe getragen und zu viel gegessen habe – wie ein normaler Westler. So habe ich auch verstanden, wie wichtig der Fuß für unsere Gesundheit ist.

Die Physiotherapie-Ausbildung fiel mir sehr schwer, Intuition hat dort überhaupt keine Rolle gespielt. Im Dezember 2019 habe ich meinen Job in der Physio-Praxis an den Nagel gehängt, was sich als sehr gute Idee herausgestellt hat. Nun habe ich ein kleines Team, das mit mir die Barfuß-Revolution voranträgt. Ich habe mich mit meinem Barfuß-Powerkurs selbstständig gemacht. Der ist schon 14 mal gelaufen, mit ca. 260 Menschen, deren Leben ich maßgeblich beeinflusst habe. Es erfüllt mich sehr, was ich dort für Verwandlungen sehe. Ich bin froh, dass ich mit Menschen arbeiten kann, die – anders als in der Praxis – nicht nur ein Rezept bekommen: „Geh mal da hin und lass dich massieren“, sondern die Geld in die Hand nehmen, motiviert sind täglich zu trainieren und selbst etwas an ihrer Situation ändern wollen.

Wie hängen unsere Füße und das Barfußlaufen mit unserer Gesundheit zusammen?

Darüber kann ich lange sprechen. Die Füße sind das Fundament, auf dem wir jeden Tag stehen. Unsere Basis, die von vielen vergessen wird, die einfach nicht in unserer Wahrnehmung ist. Weil wir schon als Kleinkinder Schuhe tragen müssen und dadurch den Kontakt zu unseren Füßen verlieren. Kinder nehmen ihre Füße noch sehr intensiv wahr, sie haben noch verschiedene Reflexe, die sie mit der Zeit verlieren. Man sagt uns „Zieh Schuhe an, sonst kriegst du eine Blasenentzündung.“ Damit wir uns nicht verletzen. „Nur arme Leute laufen Barfuß“, auch so ein Satz. Und viele empfinden Füße als eklig, „Käsefüße“. Wir nehmen Füße anders wahr, als das, was sie eigentlich sind: Nämlich unsere starke Basis.

Biomechanisch betrachtet haben wir einen ganz anderen Stand, wenn wir einen Absatz unter der Ferse tragen. Die gesamte Statik des Körpers verändert sich, selbst wenn der Absatz nur klein ist. Die Veränderung findet im Sprung-, im Knie- im Hüftgelenk statt, geht über die Wirbelsäule bis zum Kopf, und auch unsere Schultern werden vom Winkel unseres Sprunggelenkes beeinflusst. Natürlich gibt es auch noch andere biomechanische Auswirkungen, wenn wir Schuhe tragen (Abrollverhalten, Durchblutung wird schlechter, venöser Rückfluss wird schlechter, Zehen können nicht mehr richtig liegen und arbeiten).

Es gibt unzählige Vorzüge des Barfußlaufens. Die Durchblutung wird besser, der venöse Rückfluss wird besser, weil die Waden-Muskel-Pumpe mehr arbeitet, die Reflexzonen werden massiert. Die Füße haben Muskeln, so wie die Hände. Der Fuß braucht Training, durch Barfußlaufen, durch unterschiedliche Untergründe und Belastungen. Belastung ist nichts Schlechtes für den Körper. Es ist Training. Wenn der Fuß dieses Training nicht hat, muss unsere Stabilität woanders herkommen. Und so kommt sie meistens nur aus dem Schuh – wenn der Schuh darauf ausgelegt ist. Wenn er es nicht ist, zum Beispiel bei einem billigen Flip-Flop, läuft und geht man nicht in anatomisch korrekter Form. Und so haben unglaublich viele Menschen Fußprobleme, obwohl sie mit gesunden Füßen auf die Welt gekommen sind.

Kannst du den Begriff „Erdung“ erklären?

Für mich ist das ein Lebensgefühl. Mit baren Füßen in direktem Kontakt mit der Erde sein. Mich bringt das mehr zurück zu mir. Es zentriert mich und bringt Ruhe und Konzentration. Das ist auch neurologisch bzw. physikalisch zu erklären. Es ist wissenschaftlich nachgewiesen (Kannst du hier eine Studie verlinken?), dass man sich durch den Kontakt mit natürlichen Elementen mit negativen Elektronen austauscht und diese sich an die freien Radikale im Körper setzen und man Stress und somit Potential für Krankheit abbaut. Manche nennen diesen Gedanken esoterisch. Es gibt Wissenschaft dazu, der kann man glauben oder nicht…Fakt ist, dass ich mich dadurch besser fühle und es gerne tue. Deswegen lege ich das Barfußlaufen jedem ans Herz.

Wieso sprichst du von einer Barfuß-Revolution?

Es soll eine Bewegungs-Bewegung sein. Im kleinen wie im Großen. Ich will die Welt verändern! Ich arbeite dafür, Menschen für Gesundheit zu begeistern, für ein gutes Körpergefühl, für Lebensfreude. Ich wünsche mir, dass jede*r sich wohlfühlt und in der vollen Kraft ist und sich dann natürlich auch wiederum gut um Andere kümmern kann. Ich will unser „Gesundheitssystem“ revolutionieren und zu etwas machen, wo wir Menschen Kompetenz für unsere eigene, individuelle Gesundheit bekommen.

Was für Rückmeldungen bekommst du von den Menschen, die mit dir arbeiten?

Im jetzigen Kurs ist zum Beispiel eine 70-Jährige Frau. Normalerweise sind die Menschen zwischen 20 und 40. Auch diese Frau macht jetzt Fortschritte, im Alltag. Sie kann sich in den Autositz setzen, ohne ihre Beine extra reinholen zu müssen. Im Gewächshaus kommt sie ganz hinten an die Tomaten, ohne dass sie sich irgendwo abstützen muss. Da kriege ich Gänsehaut, weil das so schön ist. Wenn das Leben durch Bewegung plötzlich besser und lebenswerter wird. Ich bin extrem froh, dass ich ein so positives Feedback von vielen Menschen bekomme. Das ist sehr erfüllend.

Warum kümmerst du dich um Andere?

Kennst du die fünf Sprachen der Liebe? Eine meiner starken Sprachen ist Hilfsbereitschaft (lacht). Als Physiotherapeutin habe ich die Erfahrung gemacht, wie es ist das erste Geld zu verdienen, und ich weiß, wie es jetzt im Online-Business ist. Ich weiß, es macht mich nicht glücklich, viel Geld zu verdienen. Was mich glücklich macht, ist wenn mir Menschen ins Gesicht sagen: „Du hast mir geholfen. Vielen Dank.“ oder „Es geht mir so viel besser als vor acht Wochen. Danke, dass du mein Leben verändert hast.“ Das gibt mir so viel mehr. Es ist kein Geheimnis, dass Helfen glücklich macht. Ich habe extrem viel Motivation, neue Wege zu finden, um ein Problem zu lösen. Ich lese, bis ich alles zu diesem Thema gefunden habe und gebe den Tipp weiter. Weil ich einfach gerne helfe.

Was sagst du zur Mentalität „Mach mein Symptom weg“? Was für Erfahrungen damit hast du als Physiotherapeutin gemacht?

Ich bin ein emotionaler Mensch. Und diese “Mach`s weg”-Einstellung hat mich die größte Zeit meines Lebens sehr wütend gemacht. Da kann ich in der richtigen Umgebung auch mal rumschreien. Ich finde es unfassbar, wie Menschen antrainiert bekommen, dass sie die Verantwortung für ihre Gesundheit nicht tragen müssen. Wie Menschen unwissend gehalten werden über Themen, die extrem wichtig sind: Zum Beispiel Ernährung. Chips sind zwar aus Kartoffeln, aber kein Gemüse! Ich finde es so schade, dass viele Menschen gar nicht das Interesse haben, tatsächlich gesund zu sein. Unser Bequemsein, alles einfach so haben wollen, das halte ich für eine große Tücke. Man kann in den Laden gehen und geschälte Karotten kaufen. Es gibt Pfannkuchenteig aus der Flasche! Es ist nicht sonderlich schwierig, diese Dinge selbst zu machen. Warum gibt es Menschen, die das kaufen? Ich weiß es nicht. Comfort is a silent killer.

Es gibt vielschichtige Gründe für Leiden. Aber dieses Leiden kann ich nicht immer nachvollziehen. Ich kann nicht verstehen, wie man sich so wenig für Gesundheit interessiert, bis man dann mit 40, 50 Herzinsuffizienz, geschwollene Beine, Krampfadern hat, und dann lediglich die verordneten Medikamente schluckt, anstatt etwas am eigenen Leben zu ändern. Diese Diagnosen sind keine Überraschung! Vor 20 Jahren hätte man diese Entwicklung umkehren können.

Vorhin sagte ich schon: Belastung ist nicht schlecht für den Körper. In meiner Küche sind die Teller und Gläser im Schrank ganz unten. Damit ich in die Hocke gehen muss, um sie zu holen. Das mache ich jeden Tag. Man kann sich das Leben gut mit mehr Bewegung gestalten und es hält gesund. Diese Tipps gebe ich gerne: Eine Haltestelle vorher aussteigen und den Rest laufen. Denn man weiß doch, dass Bewegung gesund ist. Aber dass das Gesundheitssystem sich nicht dafür einsetzt, dass Menschen tatsächlich gesund sind und bleiben, ärgert mich. Gesundheit sollte mehr in der Hand der Allgemeinheit liegen. Es scheint, als wäre es ein Privileg, weil wesentliche Informationen darüber zurückgehalten werden. 

Was bedeutet Gesundheit für dich und was tust du, um selbst gesund zu sein?

Ich habe schon immer Interesse an Gesundheit gehabt und mich als „Gesundheits-Nerd“ bezeichnet. Mittlerweile gibt es ja die Biohacking-Szene. Gesundheit bedeutet für mich, dass ich Lebenskraft habe. Kraft, die Dinge zu tun, die mir Spaß machen und Freiheit verschaffen. Ich tue jeden Tag etwas dafür. Ein paar Stichworte: Ölziehen am Morgen, meine Gelenke bewegen, Tanzen, einen Smoothie mit Grün aus dem Garten, Barfuß-Laufen, in der Natur sein, mich erden, Dinge machen, die mir Spaß machen und mich interessieren, mich mit Menschen austauschen, Verbundenheit, abends kein Blaulicht, sondern Kerzen. 

Aber an manchen Tagen darf es auch die kalte Pizza zum Frühstück sein (lacht). Ich schaffe es immer besser, mir kleinere Ziele zu setzen, anstatt an großen Zielen zu verzweifeln. Ich muss nicht perfekt sein, und mit Heiligenschein täglich stundenlang meditierend unter einem Baum sitzen.

Welche Schlüsse hast du für dich aus der Corona-Zeit gezogen?

Ich persönlich verfolge nicht viel von den Diskussionen, und auch beruflich wurde ich nicht eingeschränkt. Ich versuche jetzt erst recht, den Menschen mitzugeben, dass der Moment lebenswert ist. Alles verändert sich, sicher ist nur die stetige Veränderung. Jetzt passiert jetzt. Sicherheit ist für mich eine Illusion. Gibt es für mich nicht. Sicherheit ist für mich, dass ich mir selbst treu bleibe. Dafür bin nur ich verantwortlich.

Fühlst du dich angemessen für deinen Beruf wertgeschätzt?

Für das, was ich jetzt tue: Ja. Für meine Arbeit als Physiotherapeutin fühlte ich mich nicht immer wertgeschätzt. Deswegen habe ich mich selbstständig gemacht. Weil mir Wertschätzung wichtig ist. Und ich mich nicht unter Wert verkaufe. Weil ich es mir wert bin. 

Als Physiotherapeutin ist man den ganzen Tag beschäftigt, sich auf neue Personen einzulassen und hat eigentlich überhaupt nicht genug Zeit dafür. PatientInnen sind beschäftigt, sich an- und auszuziehen und erklärt währenddessen, wo es weh tut. In 90 % der Fällen hat er die Übungen nicht gemacht, die man ihm das letzte Mal empfohlen hat. Für mich ist das keine wertschätzende Arbeit. Natürlich gab es PatientInnen, die das genaue Gegenteil sind. Aber die sind eher die Nadel im Heuhaufen.

Fantasiespiel: Du bist Königin deines eigenen Landes und kannst dir ein Gesundheitswesen basteln:

Im Jahr 2020 würde ich hauptsächlich dafür sorgen, dass die Menschen sich bei validen Quellen über Gesundheit informieren können. Menschen sollen die Möglichkeit haben, sich auf vielfältigste Weise mit Gesundheit zu befassen. So lernen sie, kompetent zu werden, und sich selbst zu helfen. Aber so eine Aufgabe gehört nicht wirklich zu meinen Stärken. Ich würde jemanden organisieren, der das für mich organisiert (lacht). Ich würde noch eine Aufforderung hinzufügen wollen. Fang jetzt an, einfach nur ein kleiner Schritt. Probiers mal aus barfuß zu gehen, nur zwei Minuten über weiches Gras.

Foto-Credit: Vivian Gläsel

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