Es geht nur um Bindung untereinander. Aufzuhören, den anderen als Gefahr einzustufen, damit sich der Mensch entspannen und sein Nervensystem in die Selbstheilung gehen kann.


Gopal Norbert Klein

TRE®-Provider, Entwickler der FLOATING-Methode, Heilpraktiker für Psychotherapie, spezialisiert in Trauma-Therapie und Beziehungsgestaltung

Schon unsere Großeltern wussten, das Wichtigste im Leben ist Gesundheit. In seiner Reihe „Mach’s weg“  interviewt Laurens Dillmann Menschen, die sich kümmern. Wieso sind sie ihrer Berufung gefolgt? Was sind ihre Werte?  Was macht uns krank, was lässt uns heilen? Ist unser Gesundheitswesen gesund? Und lässt sich Krankheit einfach “wegmachen”? 


Laurens Dillmann: Was sind die Inhalte deiner Arbeit? Was genau tust du?

Gopal Norbert Klein: Ich mache eigentlich nichts weiter, als Menschen zu helfen, in Verbindung und in Kontakt miteinander zu kommen. Das ist letztlich schon alles. Mein Anliegen ist es, die Menschen aufzuklären, was die Kernursache ihres Leidens ist. In ihrem persönlichen Leben aber auch was die Gesellschaft als Ganzes betrifft. Erst wenn wir begreifen, dass alle Probleme und alles Leiden in unserer Welt auf fehlende Geborgenheit durch tiefe Beziehungen basiert, können wir überhaupt etwas tun, was die Welt grundlegend zum Positiven wandelt. Dafür arbeite ich auf vielen verschiedenen Ebenen gleichzeitig: Kostenlose Wissensverbreitung über Youtube, das Selbsthilfeprojekt Lokale Gruppen, Abendveranstaltungen in europäischen Großstädten, Retreats, Energiearbeit, Bücher, uvm. 

Ich arbeite nicht an Symptomen. Ich versuche keine Dinge oder Umstände zu ändern. Das einzige was ich mache, wenn jemand Hilfe sucht, ist zu schauen: Wo und wie ist er oder sie nicht in Kontakt? In Kontakt mit anderen Menschen. Und dabei zu helfen, diesen Kontakt herzustellen. Wenn der Kontakt hergestellt ist, gibt es die Möglichkeit, dass das verschwindet, was zuvor als Symptom oder Leiden erscheint. Weil leidvolle Zustände immer Folgen von etwas sind, was seit der Kindheit nicht kommuniziert wurde. Wir schauen dann aber auf die Auswirkungen dieser Nicht-Kommunikation und wollen diese weghaben. Wir sehen nicht, dass es im Kern darum geht, eine noch nie dagewesene Verbindung herzustellen. 

In Wirklichkeit sehnt sich jeder Mensch im Wesentlichen nach Geborgenheit durch echten, ehrlichen Austausch, ein Leben in Gruppen und lange, tiefe Beziehungen. Da wir uns dessen aber immer weniger bewusst sind, sind wir gezwungen die Not, die durch fehlende Bindung entsteht zu kompensieren. Davon profitieren u.a. die Wirtschaft und Machtsysteme wie der Staat.

Warum beschäftigst du dich mit diesen Themen? 

Ich bin natürlich auch Betroffener. Es ist mein eigener Leidensweg gewesen. Die ersten 30 Jahre meines Lebens habe ich nur damit zugebracht, eine Lösung für mich selbst zu finden. Ich habe alle möglichen Therapien gemacht. Hat alles nicht gewirkt und funktioniert. Dann war ich bei spirituellen Lehrern, bei großen Heilern. Aber das Leiden, das ich in mir gespürt habe, hat sich nicht aufgelöst. Natürlich passieren auf diesem Weg auch erhebende Erfahrungen. Aber ehrlich gesagt wäre es mir lieber gewesen, wenn mir bereits in meiner Jugend jemand in kürzester Zeit aus diesem Albtraum hätte raushelfen können. Ich bin in der Welt herumgeirrt und habe unsäglich gelitten. Wenn ich nochmal die Wahl hätte, würde ich darauf verzichten.

MIt Ende 30 bin ich zu einer Trauma-Therapeutin gekommen, die verstanden hat, was mit mir los war. Das war nach dieser langen Zeit der erste Mensch, der das wirklich verstanden hat. Sie hat mir innerhalb eines Jahres dort raus geholfen. Seitdem ging es immer nur aufwärts und irgendwann habe ich mich selbst im Prozess der Trauma-Therapie ausbilden lassen. Und nun gebe ich mein eigenes Wissen weiter – und auch meine eigenen Methoden, die ich inzwischen entwickelt habe. Dadurch wird es sehr effizient.

Also, ich weiß, wie es sich anfühlt, wie es sich inmitten einer Krise anfühlt, ich weiß wie es ist, wenn die ersehnte Hilfe kommt und ich kenne den Punkt danach, wenn das Wesentliche gelöst ist. Wenn man die eigene Strategie, mit der man sich vor anderen Menschen und damit dem Kontakt schützt, durchschaut und aufgelöst hat.

Was ist Trauma und wie steht das in Verbindung mit unserer Gesundheit?

Kurz gesagt: Trauma ist das, was im Körper passiert, wenn der Körper unter Lebensgefahr ist, und nicht handeln kann. Und wenn dieser Eindruck/Zustand im Körper weiter anhält, obwohl die Gefahr verschwunden ist. Zum Beispiel, wenn man in einem brennenden Auto sitzt und nicht rauskann. Oder einem Gewalttäter ausgesetzt ist und nicht weg kann. Lebensgefahr und Ohnmacht, das nennt man die traumatische Zange. Im Organismus führt das zu einem bestimmten körperlichen Zustand. Daran ist erstmal nichts verkehrt. Das ist einfach so und lässt sich nicht ändern. Problematisch wird es eben, wenn dieser Zustand nicht mehr aufhört, obwohl man aus der Gefahrensituation raus ist.

Was ist das für ein Zustand? Wenn ich in Gefahr bin, fährt der Organismus hoch und stellt die maximale Energie für Kampf oder Flucht bereit. Die maximale Energie, die die Biologie liefern kann, und das ist sehr sehr viel. Kann man zum Beispiel sehen an Müttern, die Autos hochheben, um ihren Säugling zu retten. Da wird alles bereitgestellt. Das ist ja dafür gedacht, damit wir kämpfen oder fliehen können. Wenn das aber nicht geht, weil ich einer Situation vollkommen ausgeliefert bin, hängt diese immense Energie im Körper fest. Wie wenn du das Gaspedal bis zum Anschlag durchtrittst, und gleichzeitig die Bremse bis zum Anschlag.

Wenn wir nun aus der Situation gerettet werden, versteht der Organismus normalerweise, dass die Lebensgefahr vorüber ist. Ein Release-Prozess findet statt: Zittern, Weinen, Schreien – dann tritt irgendwann der normale Körperzustand wieder ein. Aber es gibt auch Situationen, in denen der Körper nicht mehr herausfindet und in der Starre weiterlebt. In der Folge kann das zu Symptomenen und später zu Krankheiten führen. Energie will fließen. Wir können sie nicht festhalten. Sie fließt somit in psychische Probleme, Krankheiten, Symptome, äußere Krisen, mit denen wir plötzlich konfrontiert sind.

Jetzt muss man noch unterscheiden zwischen Schock-und Entwicklungstrauma. Ich habe im wesentlichen Schock-Trauma beschrieben. Gesellschaftlich haben wir das Problem, dass viele Menschen Entwicklungstraumata erlitten haben. Entwicklungstrauma bedeutet, dass ein Kind in einem Elternhaus aufwächst, wo die Beziehungskonstellation destruktiv ist. Ich meine nicht punktuelles Leiden, das gibt es überall. Sondern das gesamte Beziehungsmuster ist destruktiv. Zum Beispiel, wenn das Kind nie seine Aggression zeigen kann. Oder für seine Bedürfnisse bestraft wird. Wenn die Bedrohung im Elternhaus so massiv ist, dass der Organismus dauerhaft in eine Dysregulation kommt.

Wenn nicht genügend Liebe und Entfaltungsmöglichkeiten für Kinder gegeben sind, wird der Körper dauerhaft in einen Notzustand gebracht. Das wird dann zum Fundament im Nervensystem und später für das ganze Leben. Als Erwachsene projizieren wir diesen physiologischen Zustand nach außen und nennen ihn das Leben. Wir kennen nur die Hölle der Kindheit. Dann kämpfen wir wieder mit den Symptomen und verstehen das dahinterliegende Problem überhaupt nicht. Letztlich führt das zu allen gesellschaftlichen Problemen, so radikal sage ich es. Ursächlich ist das Entwicklungstrauma.

Gibt es diesen einen Punkt, an dem man weiß, das Trauma ist nun geheilt?

An diesem Punkt habe ich völlig erfasst, dass mein Glück und Wohlergehen davon abhängt, wie sehr ich mit Menschen in Verbindung bin. Wie tief meine Beziehungen sind. Das ist der erste Schritt. Der zweite ist, dass ich weiß, dass es automatisierte Muster sind, die mich von anderen Menschen trennen. Trauma-Heilung geschieht, wenn ich das verstanden und dieses Muster überwunden habe. Wenn ich also nicht mehr Opfer dieses Trennungsmechanismus bin.

Dann kann ich mich so tief verbinden, wie ich nur möchte. Es gibt kein Hindernis mehr und das führt zu tiefer Erfüllung. Dieser Shift geschieht nicht nur psychisch, sondern im Wesentlichen durch eine Veränderung im Körper. Weil damit sehr viel Sicherheit verbunden ist. Der ganze Notzustand des Körpers hört auf. Das heißt, ich bekomme ein neues Leben. Oder man könnte sagen, das Leben fängt eigentlich erst ab diesem Punkt an. Das ist ganz klar zu spüren. Vorher und nachher. Man fühlt sich anders, man sieht die Welt anders, man ist ein anderer Mensch.

Wie hast du dich selbst verändert, seitdem du Menschen selbst hilfst, an diesen Punkt zu kommen?

Das hat unter anderem dazu geführt, dass ich viel Routine in menschlicher Interaktion bekommen habe. Dass ich viel schneller sehen kann, was mit Menschen los ist. An meinem Leben und Erleben hat es grundsätzlich nichts mehr geändert. Ich mache jetzt einfach, was mir Freude bereitet.

Warum kümmerst du dich um andere Menschen?

Das ist, als würde ich mir selbst helfen. Denn diese Trennung untereinander gibt es in Wirklichkeit nicht. Es ist die Erfüllung. Ich sehe das Leiden der Menschen und wenn ich helfen kann, es aufzulösen, geht es auch mir gut. Im Prinzip reiner Egoismus (lacht). Ich habe ein so tolles Gefühl, wenn es jemandem besser geht. 

Warum landen Menschen in Heilberufen im Burnout?

Das passiert dann, wenn mit dem Beruf etwas kompensiert wird. Wenn ich mir über den Beruf oder die Beziehung zum Klienten – oder großer Schülerschaft – wenn ich mir da etwas hole, was ich mir in intimen Beziehungen nicht traue anzusprechen Dann brauche ich davon immer mehr und brenne letztlich aus. Wenn man als Therapeut oder Lehrer auftritt, ist das nämlich auch “brutale Knochenarbeit”. Aber als Lehrer oder Therapeut aufzutreten ist total verlockend für unser Ego. Ich kann sehr viel scheinbare Intimität erfahren und gleichzeitig Macht haben. Das ist die Droge an diesen Berufen. Man sollte darüber auch in der Öffentlichkeit reden. Deswegen finde ich gut, dass du das ansprichst.

Wenn ich nicht kompensiere und weiß, in meinen privaten Beziehungen werde ich genug genährt, brauche ich den Job nicht für mein Wohlbefinden. Dann mach ich es, weil ich es gerne mache. Aber mehr auch nicht. Ich kann auch damit aufhören. Ich spreche wieder aus eigener Erfahrung, ich habe mein Pensum zeitweilig stark übertrieben und fahre es zur Zeit wieder runter.

Gibt es eine Hierarchie oder ein Machtgefälle zwischen Behandler und Klient?

Ja und Nein. Wenn jemand Hilfe möchte, muss er sich in eine unterlegene oder offene Position begeben. Sonst kann er nichts empfangen. Das bedingt auch das therapeutische Wissen des einen und das fehlende Wissen des Anderes. Auf menschlicher Ebene ist da aber kein Gefälle. Zwei Menschen begegnen sich. 

Wie entsteht Heilung in einer Therapie?

Der Klient kommt mit einem Beziehungsmuster. Als Therapeut habe ich das Problem: Wenn ich dieses Muster bediene, fühlt sich der Klient angenommen oder es fühlt sich zumindest vertraut an. Dann heilt aber nichts. Wenn ich zu sehr das Neue anbiete, passiert auch nichts, weil das zuviel ist und als bedrohlich erlebt wird. Ich muss als Therapeut also einen Mittelweg finden, damit derjenige sieht: Ich bin als Mensch erreichbar – aber helfe auch, in etwas Neues zu kommen. Heilung besteht darin, dass der Mensch wirklich zu seinen Mitmenschen in Kontakt kommt. Es gleicht sich an, die Rollen Therapeut und Klient treten in den Hintergrund, zwei Menschen begegnen sich. Das ist der eigentliche Punkt, an dem Therapie zu einem Ende kommt und abgeschlossen ist.

Was hältst du von der “Mach mein Symptom weg”-Mentalität vieler Menschen?

Wenn man Hilfe möchte, ist es gut, sich selbst zu informieren. Was passiert denn eigentlich mit mir? Worunter leide ich eigentlich? Wenn man das Verständnis hat, dass es immer um eine Dysregulation im autonomen Nervensystem geht – in der Folge mit Identitätsverzerrung – wenn ich das alles weiß, kann ich zu einem Therapeuten gehen und kann schauen, ob derjenige mir helfen kann. Ich kann fragen: Kennen Sie die Bindungstheorie? Kennen Sie die Neurophysiologie bei Trauma? Was tun Sie, wenn ich in einen Flashback gerate? Was stellen Sie sich unter Heilung vor? Kennen Sie die Polyvagal-Theorie? In meinen Büchern habe ich diese Fragen beschrieben. Diese Fragen lohnen sich, sonst sitzt man am Ende bei jemandem, der einem überhaupt nicht helfen kann.

Die Machsweg-Mentalität ist die Ebene eines Kindes, wo die Eltern Leid oder Dysregulation einfach wegmachen und wo das auch so sein muss. Ein Kind kann sich nicht selbst regulieren, es braucht das von Außen, von den Eltern. Über all das müssen die Menschen aufgeklärt werden. Aber es gibt auch einige, die nicht tiefer schauen wollen, die einfach nur Symptome weghaben wollen, diesen Menschen helfe ich nicht, bzw. kann ihnen nicht helfen.

Man braucht dieses Wissen. Weil die Ursache im eigenen Körper liegt. Im Zusammenspiel mit destruktiven Beziehungsmustern und Dysregulation im Körper.. Automatisierte Mechanismen, die mich von anderen Menschen trennen. Das muss ich als Gesamtpaket verstehen, anpacken und bearbeiten. Sonst rotiert man herum, macht jahrelang Therapie und letztlich ändert sich nichts.

Gibt es einen Wandel innerhalb der Psychotherapie-Szene? 

Meiner Meinung nach ist ein wichtiger Schlüssel die Polyvagal-Theorie von Stephen Porges. Sie ist das Fundament der modernen Trauma- und Psychotherapie. Sie erklärt, wie sich das autonome Nervensystem evolutionär entwickelt hat. Wie es sich bei Gefahr und Sicherheit verhält und bewegt. Das ist eine große komplexe wissenschaftliche Theorie, die aber in zugänglichen Büchern beschrieben ist.

Wenn man sich mit dieser Theorie beschäftigt, spürt man sofort: Da ist etwas dran. Es macht einfach Klick. Wenn ich dieses Wissen aber nicht habe, verstehe ich nicht, was mit einem Klienten los ist und ich kann auch nicht beurteilen, was ich mit ihm machen soll. Ich kann nicht verstehen, in welchen Hirnregionen derjenige unterwegs ist, in welchem Zustand sich das autonome Nervensystem befindet, wie es sich in der Beziehung zum Therapeuten auswirkt. Das Nervensystem braucht je nach Zustand eine andere Behandlung. 

Die Polyvagal-Theorie verbreitet sich explosionsartig. Die Menschen, die Hilfe durch eine gute Trauma-Therapie bekommen, sorgen dafür, dass es sich herumspricht. Und auch für Therapeuten ist es doch ein unsäglicher Krampf, wenn sie herumeiern und es nicht vorangeht. Was sie gelernt haben, funktioniert einfach nicht, der Klient sitzt Jahre und Jahre vor ihnen und es geht kaum voran. Wenn ich aber diese Instrumente habe, kann ich sie wie einen Laser auf die Probleme richten und konkret an der Ursache arbeiten. Es nützt allen Beteiligten. Allerdings gibt es immer noch zu wenig Therapeuten, die wirklich auf dieser tiefen Ebene ansetzen.

Warum dieser Unwille, die eigenen Methoden zu hinterfragen?

Man hat früher nicht gewusst, was das eigentliche Problem ist. Man hat es einfach nicht gewusst, und nicht verstanden. Man hat versucht, mit den Auswirkungen von Problemen klarzukommen. Heute versteht man die Ursache im Kern. Im Kern führt fehlende Bindung zu nahezu allen persönlichen und kollektiven Problemen. Wenn man das verstanden und erfahren hat, ändert sich alles. Ich sehe es ja fast täglich, wenn ich mit Menschen arbeite. Wenn man den Menschen in Kontakt bringt – auf einmal verschwinden die stärksten Symptome, mit denen jemand ansonsten jahrelang rumlief.

Das Gesundheitssystem ist nunmal auch ein riesen Wirtschaftskonglomerat. An sich hat es einfach nicht das größte Interesse, dass da wirklich etwas voran geht, und Menschen effektiv und schnell Heilung erfahren. Auf Dauer lässt es sich aber nicht verhindern. Wenn wir dahin kommen, zu begreifen: Es geht nur um Bindung untereinander. Aufzuhören, den anderen als Gefahr einzustufen. Damit sich der Mensch entspannen und sein Nervensystem in die Selbstheilung gehen kann. Wenn das klar ist und wir alle Energie darauf richten, diese Zustände herzustellen, ändert sich alles. Wir würden unsere gesamte Welt befrieden.

Das noch herrschende System hat nahezu kein Interesse daran. Wenn dann, geht dieser Schritt von den betroffenen Menschen aus, von unten. Die, die hinten das Geld abschöpfen, werden sich hüten. Es muss von denen kommen, die gelitten haben, die Transformationen erlebt haben, die anderen helfen. Ich will damit nicht die Schulmedizin schlechtreden. Die muss überhaupt nicht weg. Wir brauchen einfach einen neuen Ansatz. Einen neuen Ausgangspunkt. Der Punkt ist, dass wir begreifen, was die Biologie des Körpers braucht. Und dass wir uns der Folgen bewusst sind, wenn diese Bedürfnisse nicht erfüllt werden. Dann müssen wir nicht so viel an der Peripherie rumdoktern.

Wie hast du die letzten Monate unterm Zeichen des Corona-Virus erlebt? 

Hier läuft eine Katastrophe ab. Kinder werden traumatisiert und ihre Eltern stehen nicht auf. Es hätte nur eine Berufsgruppe gebraucht – Juristen, Lehrer, Gastronomie, was auch immer – die aufsteht und diesen Unsinn beendet. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass so etwas möglich ist. Es geht nicht um Gesundheit, sondern um Kontrolle und Macht. Das macht mir Angst, es macht mich wütend und betroffen.

Dieser Schritt, zu erkennen, dass das, was hier von Massenmedien und politischen Führungsgestalten ausgeht, nicht liebevoll, ja sogar kriminell ist, dieser Schritt ist für viele Menschen zu groß und zu bedrohlich. Das ist wie für ein Kind, das sich die Erkenntnis nicht leisten kann, dass seine Eltern nicht liebevoll sind. Es würde daran zugrunde gehen. Es muss also auf Biegen und Brechen – und wenn es zur eigenen Selbstzerstörung führt – das Bild von liebevollen Eltern oder von einem sinnvollen Kontext aufrechterhalten. 

Ich kann mir nur leisten, hinter die Fassade zu gucken, wenn ich ein genügendes Maß an Sicherheit verspüre. Besonders die älteren Generationen haben so schlimme Dinge erlebt, dass sie sich das nicht leisten können. Je mehr wir traumatisiert sind, desto obrigkeitshöriger sind wir. Desto weniger sind wir fähig, mit der Realität, und das heißt, mit anderen Menschen und ihren Lebensumständen, in Kontakt zu kommen. Das Gute ist natürlich, die Menschen werden zum Aufwachen gezwungen. Es ist aber schade, dass es immer zu einem bestimmten Leidensdruck kommen muss. Ich hätte es gerne ohne. Aus freier Erkenntnis.

Fühlst du dich für deinen Beruf angemessen gewürdigt?

Ich erhalte natürlich viel Anerkennung. Es wäre aber sinnvoll, wenn die Gesellschaft Menschen wie mich – und Anderen, die ihr Leben der Heilung widmen – wenn wir einfach mehr Unterstützung bekommen würden. Ich muss so viel Bürokratie erledigen, das hilft mir überhaupt nicht.

So wie es in anderen Kulturen auch passiert: Den Heilern und Therapeuten den Weg freiräumen, ihren Beruf möglichst gut auszuüben. Es wäre mehr möglich. Vor allem, was die Wissensverbreitung angeht. Der Schlüssel der ganzen Transformation, in der wir uns befinden, ist der Kontext. Dass die Menschen einen Kontext für ihre Situation bekommen. Dafür ist es notwendig, aufzuklären und das nötige Wissen zu verbreiten. Dafür könnten wir unsere Massenmedien auch nutzen. Innerhalb kürzester Zeit könnten wir die gesamte Gesellschaft updaten, worin ihr Problem liegt und wie es sich lösen lässt.

Fantasiespiel: Du bist König deines Landes und kannst dir ein eigenes Gesundheitswesen basteln:

Ich würde den größten Teil der Ressourcen und der Energie dahin lenken, dass überhaupt erst kein Trauma entsteht. Wenn wir an dem Punkt des Verständnisses sind, dass in den ersten Lebensjahren destruktive Beziehungsmuster auf unsere Kinder einwirken, und das der Grund für alle gesellschaftlichen Probleme ist – dann können wir dort ansetzen und die Wurzel abschneiden. Ich würde also den größten Teil der Energie dahin lenken, dass die Menschen harmonische Beziehungserfahrungen machen. Den Müttern und Familien in dieser entscheidenden Phase die größtmöglichste Unterstützung bieten.

Dann Wissensvermittlung in den Schulen. Dafür sorgen, dass Menschen in der Wachstumsphase Mechanismen lernen und automatisieren, wie sie Kontakt herstellen und Konflikte lösen. Dass diese Mechanismen Schablonen im Nervensystem und somit in der Gesellschaft werden. Im Moment läuft etwas ganz anderes, wir installieren Kriegs-Schablonen und keiner weiß mehr, wie man miteinander umgehen soll. Da wäre so viel möglich. Und dahin würde ich den Fokus richten. Erstmal keinen neuen Schaden entstehen lassen.

Dann würde ich dafür sorgen, dass in den öffentlichen Medien immer wieder das Thema Bindung adressiert wird. Dass darauf der Fokus liegt. Dass man sieht: Wie stelle ich Bindung wieder her – vor allem, wenn sie verloren gegangen ist. Menschliche Beziehungen. Dass es immer und immer wieder ins Bewusstsein sickert. So wie wir momentan ganz viel Werbung und geistigen Müll geliefert bekommen, kann man es auch positiv machen, ohne etwas zu erzwingen.

Dann hätte ich gerne Vertreter aus spirituellen und therapeutischen Bereichen als Kreise aus Experten und Spezialisten. Ein Ministerium für Trauma-Heilung und Spiritualität. Das wäre doch was. Dann noch einen Schritt weiter: Die Menschen, die sehr viel Kraft und Stabilität haben, die könnten in Gruppen zusammenkommen, und gezielt ihr Bewusstsein auf zu lösende Probleme richten. Nehmen wir an, dem Land geht es gut, aber in einer Stadt gibt es eine Krise. Tausende Leute, die sich gemeinsam auf die Lösung des Problems fokussieren. Nächstenliebe in dieser strukturierten Form. Das wäre eine völlig neue Welt.

Bildquelle: Gopal Norbert Klein & 123rf.com

4 Gedanken zu “Trauma, Nervensystem, Polyvagal-Theorie – der Schlüssel zu Beziehung & Kontakt – mit Trauma- und Beziehungstherapeut Gopal Norbert Klein”

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