„Ein grundlegendes Missverständnis der Wissenschaft ist die Aussage: „Das kann man nicht nachweisen. Deswegen existiert es nicht.“ Da wird die eigene Wissenschaftstheorie nicht richtig verstanden. Wenn ich etwas nicht nachweisen kann, heißt es nicht, dass es nicht existiert. Ich kann es lediglich mit meiner Methode nicht nachweisen.“ – „Die Menschen müssen lernen, aus den vielen Informationen die für sie selbst relevanten auszusortieren. Ich kann nicht alles schaffen, nicht jedes Medium verfolgen und alle Quellen prüfen. Das heißt, ich muss selbst entscheiden können, was ich wissen und wie ich damit umgehen möchte. Es braucht einen gehörigen Grad an Reife, um auf diese Weise leben zu können. Und dies bedarf anderer Erziehung.“


Wolfgang Schöllhorn

Studium Diplomsportlehrer, 1. Staatsexamen Physik, Sport und Pädagogik, Neurophysiologie, Nichtlineare Dynamik, Promotion Biomechanik in Frankfurt, Habilitation Bewegungs- und Trainingswissenschaft in Köln, in der Ausbildung und Beratung von Lehrern, Trainern, Krankengymnasten und Physiotherapeuten tätig, ehemaliger Handballer und Zehnkämpfer, Deutscher Meister im 4er Bob und 2.Kyu im Karate, er trainierte Leichtathleten nationaler und internationaler Spitzenklasse, Beratung von Trainern und Athleten in- und ausländischer Nationalmannschaften in den Disziplinen Karate, Ringen, Sprint-, Wurf, und Mehrkampf, Fußball, Basketball, Volleyball, Handball, Schwimmen, Golf, Tennis, Arbeiten und Veröffentlichungen in Biomechanik, Trainings- und Bewegungswissenschaft, seit 2007 Lehrstuhl für Trainings- und Bewegungswissenschaft in Mainz


Für meine Interviewreihe „Mach’s weghabe ich rund 50 Interviews mit verschiedensten Perspektiven auf das Thema Gesundheit geführt. Schließlich wussten schon unsere Großeltern: Das Wichtigste im Leben ist die Gesundheit. Aber was ist das überhaupt? Lässt sich Krankheit einfach „wegmachen“? Und wieso kümmern sich Menschen umeinander?


Laurens Dillmann: Was sind die Werte Ihrer Arbeit?

Wolfgang Schöllhorn: Es gab mal einen Spruch aus der Gestaltpsychologie, da wurden Leute mit der Frage interviewt: „Was empfinden Sie bei dem Satz: Manchmal fällt mir das Denken so schwer, dass ich es vorziehe zu urteilen?“ Auch ohne den Kontext der Psychologie gilt dieser Satz für viele Bereiche des Lebens. Wann hast du aufgehört zu denken, damit jetzt das Urteil fällt?

Ich würde sagen, von Anfang an war es meine Einstellung, stets beide Seiten anzuhören, immer nachzufragen und weiter zu forschen. Und das ist auch meine pädagogische Einstellung bei meinen Studierenden und AthletInnen: Ich kann nicht nur in Lippenbekenntnissen predigen, ich kann nicht Toleranz durch intolerante Methoden lehren. Im Prinzip geht es um eine didaktische Ausarbeitung. Dann kommt man in die Neurophysik, in die Physik der Selbstorganisation, und in der Folge entstehen ganz andere Lehrkonzepte.

Was fasziniert Sie und woran arbeiten Sie zur Zeit?

Allgemein ließe sich das wohl mit den Worten von Schopenhauer beschreiben: Anderen versuchen beizubringen, etwas zu sehen, was nicht jeder sieht und etwas zu denken, was nicht jeder denkt.

Wenn ich Bücher lese, lese ich immer fünf, sechs Bücher parallel, aus verschiedenen Gebieten. Da ist Energiemedizin, Physik, Philosophie, Theologie und auch Astrologie, weil aus den Verknüpfungen der Gebiete meist schon Neues entsteht. Ein primäres Forschungsgebiet von mir ist dabei schon seit über 30 Jahren: Die Individualität und Situativität von Bewegung und vor allem von Lernen. Es gibt zum Beispiel abseits vom Mainstream individuelle Typen, die im Sinne des Action-Type-Systems eher horizontal veranlagt sind, die anderen sind eher vertikal strukturiert. Das sieht man schon am Gangstil, an der Haltung, an vielem. Leute, die eine horizontale Grundstruktur von der Gehirnverarbeitung her haben, brauchen erst einmal viel Informationen, damit sie sich selbst ihre Schlüsse ziehen und Strukturen ableiten können. Die Vertikalen hingegen brauchen die Information von Beginn an eher klar strukturiert, nacheinander. Leider muss man feststellen, dass die Mehrzahl der Lehrbücher für Vertikale geschrieben ist. Und dies ist nur eine von über 150 verschiedenen Gruppierungen für Individuen, die sich auf die Bedingungen optimalen Lernens auswirken. Und wenn wir uns die Stabilität von Bewegungsmustern und ihren Veränderungen biomechanisch anschauen, stellen wir fest, dass diese Individuen sogar noch starken Veränderungen innerhalb und an verschiedenen Tagen unterliegen.

Mich interessiert all das im Hinblick auf die Trainer-Athlet-Beziehung und auf die Schüler-Lehrer-Beziehung. Ein horizontaler Schüler, hat die Ellbogen zur Seite, Kopf schief; man könnte denken, seine innere Haltung wäre Desinteresse. Nein, genau nicht. Er braucht diese Haltung, um seine Konzentration zu wahren! Wenn sie den zwingen, aufrecht vertikal zu sitzen, kommt er in Stress und nicht mehr hinterher. Das ist im Augenblick eines meiner Hauptthemen: Die Vielfalt zu akzeptieren und zu tolerieren. Und das den Lehrern und Trainern beizubringen, um zum Einen mehr Toleranz in die Erziehung zu bringen und zum anderen den Athleten und Schülern ein breiteres Spektrum anzubieten, das mehr auf Individualität und Selbstbestimmtheit angelegt ist.

Ist Wissenschaft frei von Dogmen?

Nein. Aber das dabei latent mitschwingende Problem ist mehrschichtiger. Wissenschaft wurde uns vordergründig immer als das höchste Gut gelehrt. Auch von der Schule. Das ist verkürzt dem Experimentalismus geschuldet und geht bis auf Bacon zurück. Was dabei vernachlässigt wird, ähnlich wie im Kommunismus, ist das Menschenbild.

Man beobachtet häufig in der Wissenschaft, dass menschliche Persönlichkeitsmerkmale der Forscher wissenschaftlich verschlüsselt werden. Es sind wenige Wissenschaftler, die das voneinander trennen können. Sie nutzen Wissenschaft regelrecht, um die eigene Machtgeilheit zu befriedigen. Sie lassen dann nur bestimmte Leute hochkommen und lassen auch nur ganz bestimmte Ideen zu, ähnlich wie in Parteien. Da unterscheidet sich die Wissenschaft von keinem anderen Bereich unserer Gesellschaft. Das gleiche mit der wissenschaftlichen Methodik. Es kam gerade ein bisschen an die Oberfläche: Seit 2015 ist es unter der sogenannte Replikationskrise bekannt. Man stellt jetzt plötzlich fest, dass sich nur grob 20-30 % der Studien vorwiegend im Bereich der Pharmazie, der Medizin und der Psychologie wiederholen, replizieren lassen. Und darin steckt bereits das Problem: Dass im Sinne einer willkürlich festgelegten Definition, Wissenschaft replizierbar sein muss.

Okay, kann man so definieren. Aber wenn man etwas tiefer in die Wissenschaftphilosophie und die Geschichte der Wissenschaft schaut, kennt man auch den Satz der Taoisten: Das einzig Konstante ist der Wandel. Heraklit meinte, du steigst niemals zweimal in denselben Fluss. Das heißt, wir haben beim Menschen nichts Wiederholbares. Die Situation ändert sich ständig. Die Replizierbarkeit ist ein Relikt aus einer Zeit, als die Mechanik noch als das Höchste in der Wissenschaft galt. Dass sich beim Menschen jedoch alles ständig ändert wurde schon vor grob 100 Jahren umfangreich diskutiert, noch sehr verschlüsselt und klausuliert. Die dahinterliegende Situativität, damit hat Heidegger sich schon beschäftigt. Dewey machte Ähnliches. Der ganze Pragmatismus hat die Idee aufgenommen. Das wurde lange Zeit ignoriert, jetzt kommt es ganz allmählich wieder in Erinnerung.

Es kommen jetzt auch verstärkt Ideen auf, dass die klassische Statistik Grenzen hat. Das heißt, dass sie wohl nicht das Nonplusultra in der Beschreibung von Phänomenen ist. Da gibt es auch eine Trennung innerhalb der sogenannten „harten“ Wissenschaften. Die eine Seite wird sehr stark von den statistischen Methoden der Psychologie und der Medizin dominiert, sie nennt sich evidenzbasiert. Auf der anderen Seite sind es die Physiker, die auf eine ganz andere Weise experimentieren und die auch von Einzelfällen leben. Im Sport haben wir ein ähnliches Problem. Da die klassische Statistik auf großen Datenmengen basiert, können wir einen Weltrekord oder eine Bestleistung niemals statistisch nachweisen, obwohl sie nachweisbar erbracht wurde. Im Grunde ist die verwendete Statistik nur ein Versuch, das Unkontrollierbare kontrollierbar zu machen. Was die Wahrscheinlichkeit über Reaktorkatastrophen aussagt, haben wir jüngst schmerzlich erlebt.

Mein Vorteil ist, dass ich sowohl aus dem naturwissenschaftlichen als auch dem geisteswissenschaftlichen Bereich komme. Hier an der Universität nutzen wir die neuesten elektronischen Messverfahren für die Analyse von Sportlern und können damit weit differenziertere Modelle erstellen, die für Individualdiagnostik notwendig sind. Das Zählen von Kniebeugen und Liegestütz wird eigentlich nur noch als methodische Fingerübung genutzt. Mit den biophysikalischen Messverfahren wie EEG, FNIRS, oder Infrarotkamera und Gas-Discharge-Visualisation haben wir mittlerweile andere und viel sensiblere Zugänge, die sich bis auf das Messen geistiger Zustände auswirken. Wir nutzen seit über 20 Jahren Neuronale Netze und mittlerweile auch Deep-Learning-Algorithmen in Verbindung mit KI-Instituten aus Berlin und Wien zur Aufklärung der damit anfallenden Datenflut.

Ich habe für diese Reihe mit vielen Menschen im Bereich der sogenannten „Alternativmedizin“ gesprochen. Warum gibt es so eine große Skepsis gegenüber alternativen Methoden?

Ein grundlegendes Missverständnis der Wissenschaft ist die Aussage: „Das kann man nicht nachweisen. Deswegen existiert es nicht.“ Da wird die eigene Wissenschaftstheorie nicht richtig verstanden. Wenn ich etwas nicht nachweisen kann, heißt es nicht, dass es nicht existiert. Ich kann es lediglich mit meiner Methode nicht nachweisen. Das ist wie in der Geschichte, in der jemand etwas sucht und einen riesen Lärm macht. Kommt jemand und hilft ihm, fragt „Wo hast du es denn verloren?“ – „Da drüben im Dunkeln.“ – „Warum suchst du nicht da?“ – „Weil da kein Licht ist.“

Da wird man zum Beispiel bei der Kritik an der Homöopathie in die Irre geführt. Jemand schmeißt D6 und D200 Kügelchen zusammen und sagt: „Kein Verfahren der Welt kann nachweisen, was jetzt welche Kugel ist. Deswegen kann es nicht funktionieren.“ Dabei beweist das einfach nur, dass er Polemik macht und dass unsere wissenschaftlichen Methoden nicht sensibel genug sind, einige der Grundaussagen der Homöopathie nachzuprüfen.

Historisch kann man beobachten: Immer wenn es eng wird, fangen die Kämpfe an. Wenn jetzt gerade wieder vermehrt gegen die Homöopathie geschossen wird, hat das für mich eher damit zu tun, dass die klassische Medizin mal wieder Angst hat, dass ihr Kuchen zu klein wird. Wenn jährlich 19000 Menschen durch Behandlungsfehler der klassischen Medizin sterben, hört man kaum etwas. Wenn allerdings ein medizinisch Austherapierter dann in seiner letzten Hoffnung bei einem Heilpraktiker stirbt, ist großes Getöse. Da wird für mich einfach mit zweierlei Maß gemessen. Anstatt dass man sich gemeinsam Gedanken macht und sich überlegt, wie man die vorhandenen Phänomene trotzdem erklären kann. Wenn man Globuli einem Tier gibt und die Wirkung eintritt, fällt die Placebo-Erklärung raus. Wenn ich sie einem kleinen Kind gebe und die Wirkung eintritt, fällt Placebo auch raus. Ich kenne viele Mediziner von der Uni-Klinik hier, die ihre Kinder mit Homöopathie behandeln, die genau wissen, dass es funktioniert, und in der Öffentlichkeit verschweigen sie es.

Ich kenne auch Leute, die in eine TCM-Klinik (traditionelle chinesische Medizin) gehen und der Chefin dort sagen, sie dürfe es niemandem mitteilen. In der Psychologie war es ganz ähnlich, dass man dort lange über Psychoanalyse geschimpft hat und fast jedesmal wenn Psychologen Probleme hatten, gingen sie zur Psychoanalyse. Ich habe mir das lange genug angeschaut. Für mich gilt: Wenn jemand bekämpft wird, muss es interessant sein. Ähnlich ist es mit der Astrologie. Warum bekämpft man sie so? Wenn sie nichts wert wäre, müsste ich nicht dagegen kämpfen. Was dann schon rauskommt ist, dass die vehementesten Kritiker sich eigentlich nie tiefergehend damit beschäftigt haben und recht früh aufgehört haben darüber nachzudenken. Unser Gehirn hat sich mindestens die letzen 15000 Jahre nicht sehr verändert. Wir können also davon ausgehen, und die jüngere Archäologie bestätigt es zunehmend, dass die Menschen damals auch schon recht intelligent waren, und sie hatten mangels sozialer Medien ein bisschen mehr Zeit zum Nachdenken über das Leben und seine Wechselwirkungen mit der Natur. 

Da muss ich schon einen Vorwurf an viele Schulen machen, dass dort in erster Linie auf Wissen wert gelegt wird, und die Abiturienten dann tatsächlich glauben, sie hätten genügend Wissen angesammelt, um alles negieren zu können, was sie nicht auf Anhieb verstehen. Auf diesem Niveau zu argumentieren, spiele ich fast jedes Semester mit meinen Studierenden durch, wenn wir sogenannte alternative Trainingsmethoden untersuchen. Zum Beispiel den Einfluss von Gedankenübertragung bei Lehr- oder Trainingsprozessen, die Abhängigkeit des Trainings von Mondphase, Astrologie und Sport, anfangs auch differenzielles Lernen beim Krafttraining. Am Anfang sind alle dagegen oder sehr skeptisch. Aber sie dürfen sich die Themen und Literatur frei auswählen oder sogar vorschlagen (also denken was nicht jeder denkt). Sie sollen es nur mit pro und contra darstellen. Im Anschluss wird es wissenschaftlich diskutiert. Dabei ist es mir in den letzten zehn Jahren nicht passiert, dass nicht irgendeiner der Studierenden eine neue Publikation zu einem der Themen gefunden und sich zum Befürworter gewandelt hat. Nach acht bis zehn Wochen reflektieren wir: Zu den Themen, die am Anfang abgelehnt bis bekämpft wurden, bekomme ich plötzlich eine wesentlich differenzierte Darstellung. Und dieser Satz ist meist die schlussendliche Erkenntnis meiner Studierenden: „Sollten wir dann nicht in der Schule mehr Offenheit und Neugier lernen?“

Es wird mittlerweile immer extremer. Das Wissen ändert sich dermaßen schnell und rasant. Wenn ich nicht flexibel bleibe und meine Offenheit behalte, rutsche ich aus dem sozialen System raus, das auf Bildung, Planung, Sicherheit und Information setzt. Und das geht schneller als ich denke. Die Corona-Zeit hat immerhin einiges ausgelöst. Endlich gab es mal einen Impuls, eine Änderung im Schulsystem. Ob gut oder schlecht, wird sich rausstellen. Aber endlich mal ein kleiner Anschub. Erzwungen, weil es freiwillig nicht gemacht wurde. 2001 haben wir in Münster schon mit diesen elektronischen Lehrmedien angefangen, den Umgang damit allen angehenden Lehrern beigebracht. Nichts davon ist in den Schulen angekommen. Ich erinnere mich auch noch, als ich damals mit einer anderen Methode im Sportbereich ans Ministerium in Düsseldorf ging und von meinen Experimenten erzählte, mich die Dame anschaute und sagte: „Was wollen sie eigentlich? Unser Sportunterricht funktioniert doch gut.“ Als unsere Studierenden dann als Referendare an die Schule gingen und die andere Methode erfolgreich unterrichteten, kam das Ministerium plötzlich auf mich zu und fragte: „Können wir nicht für unsere Referendarsleiter mal eine Fortbildung machen?“ Das bestätigt einen Satz von Freud: “Wenn du es nicht schaffst, den Kopf zu überzeugen, fang bei den Füßen an.“ Deshalb glaube ich auch, dass Veränderung von unten kommen muss. Und das passiert in meinen Augen auch gerade.

Was halten Sie vom Begriff „Informationszeitalter“? Wie wird sich unser Umgang mit Wissen und Informationen in nächster Zeit verändern?

Die Trends sieht man bereits. Das Wissen verändert sich ständig und immer schneller. Im Wesentlichen geht es um Information. Es geht aber auch um die Menschen, die wieder mehr Selbstverantwortung übernehmen müssen. Sie müssen lernen, aus den vielen Informationen die für sie selbst relevanten auszusortieren. Ich kann nicht alles schaffen, nicht jedes Medium verfolgen und alle Quellen prüfen. Das heißt, ich muss selbst entscheiden können, was ich wissen und wie ich damit umgehen möchte. Es braucht einen gehörigen Grad an Reife, um auf diese Weise leben zu können. Und dies bedarf anderer Erziehung. Wenn ich meinen Schülern oder Studierenden ständig exakt vorschreibe, was für eine Prüfung zu lernen ist, wie kann ich dann erwarten, dass diese Menschen selbstständige Entscheidungen treffen werden und eigenverantwortlich handeln?

Wie gehen wir mit den Glaubenskriegen der momentanen Zeit um?

Viele Menschen nutzen übergeordnete Ideologien als Vorwand, um persönliche Probleme dahinter zu verstecken. Darunter fällt auch die rechts/links-Problematik: Ich urteile und ich muss abgrenzen, um mich selbst zu definieren. Die asiatische Philosophie sagt: Ich werde im anderen immer nur meine eigenen Probleme erkennen. Der schönste Spruch ist dabei: Ich begegne immer nur Menschen, die mir helfen, mein eigenes Karma zu leben. Ich glaube, es wäre schon viel getan, wenn Menschen sich grundsätzlich fragen: Was soll ich daraus lernen, dass ich jetzt mit diesem Problem konfrontiert werde? Ideologien zu folgen, die von außen oktroyiert sind, führen weg von der eigenen Mitte, die notwendig ist, um eigenverantwortlich entscheiden zu können. Sie können fast als das Gegenteil von Meditation betrachtet werden.

Was sagt die Corona-Krise über unser Verständnis von Gesundheit aus? Wie lässt sich vereinbaren, dass die Maßnahmen im Dienste der Gesundheit stehen, aber eine große psychische Belastung sind?

Die Äußerungen hierzu wurden schon lange gemacht. Eigentlich zeigt die Krise im Augenblick mal wieder, dass wir nicht alles Fremde von uns fern halten können. Wir können weiter Symptome bekämpfen und behandeln oder wir können unser eigenes Immunsystem trainieren und heilen. Auch das Immunsystem lässt sich trainieren, ähnlich wie ein Muskel, ähnlich wie das Gehirn. Es ist ein adaptives also anpassungsfähiges System. Dabei hilft es schon, Krankheiten einfach mal zu durchleben und nicht ständig alles antibiotisch oder chirurgisch zu entfernen. Das ist eine der Grundlagen der traditionellen chinesischen und indischen Medizin seit Jahrtausenden. Man hat schon länger vor einem solchen Ereignis – wie jetzt eingetreten – gewarnt, leider in Verbindung mit starkem Eigeninteresse. Impfen kann dabei eine Lösung sein, aber sicher nicht die einzige. Wenn man jedoch trotz Warnungen in der Philosophie von Besitzstandswahrung verharrt und wartet, reduzieren sich auch die Möglichkeiten. Mit Verletzungen und Krankheiten haben wir im Sport auch ständig zu tun, sie kommen immer im falschen Moment.

Deswegen haben wir ein Studienprofil gegründet, in dem es nicht explizit um Gesundheit geht, sondern um Wohlbefinden: Movement and Wellbeing. Im Rahmen dieses Studiums können unsere Studierenden zwei Monate nach Indien gehen, um dort Grundlagen der Yoga- und Ayurveda-Philosophie zu lernen. Und sie können zwei Monate nach China gehen, um dort die Grundlagen der TCM und Qi-Gong Philosophien zu lernen. Dort auftretende Fragestellungen können sie dann hier mit biophysikalischen Messverfahren untersuchen. Einer der Sätze, die wir in die Bewerbung des Studiengangs geschrieben hatten: Bist du noch gesund, oder lebst du schon?

Ein Grundproblem der überwiegend in der westlichen Welt vertretenen Gesundheitsphilosophie ist, dass man die Dualität „gesund oder krank“ aufmacht und in hohem Maße Ängste schürt. Die Einheit fällt damit weg. Für mich ist Gesundheit immer eine relative Geschichte. Nachdenkenswert ist: In der westlichen Medizin wird ein Arzt bezahlt, wenn die Leute krank sind. Der Ursprung der chinesischen Medizin war, dass die Ärzte bezahlt wurden, solange die Kunden gesund waren. Wenn ein Kunde krank wurde, wurde die Bezahlung eingestellt. In unserem Gesundheitssystem bin ich als Arzt mit meinem Einkommen abhängig von der Krankheit meines Gegenübers. Im juristischen Sinne würde man das als Befangenheit bezeichnen. Wenn ich mein Gegenüber nachhaltig gesund mache, trage ich selbst einen (finanziellen) Schaden davon. Das ist ein grundsätzliches Problem. Massiv verstärkt wurde das mit der Abhängigkeit der Medizin von der Pharmazie nach dem zweiten Weltkrieg. Das System driftete zu stark in eine Richtung, weil dort das meiste Geld verdient wurde. Ganzheitliche Ansätze wurden einfach vernachlässigt. Wenn ich das Leben ganzheitlich betrachte, ist Gesundheit eigentlich ein Nebenprodukt, aber nicht das primäre Ziel.

In der chinesischen, indischen und auch südamerikanischen Naturmedizin steht immer an erster Stelle: Achte auf deine Ausgeglichenheit, damit dein Immunsystem gestärkt ist. Ich war gerade in Indien als die Corona-Zeit losging. Sie haben mir dort an der Klinik einfach nur gesagt: Schau, dass dein Immunsystem in Ordnung ist. Wie soll ich mich denn gegen alle Feinde von außen wehren? Ich muss mich von innen entsprechend stark machen – was im übrigen auch ein schönes politisches Modell wäre. Ich muss keine Zäune und Mauern um mich errichten, wenn ich in mir selbst stabil bin.

Ist die im Laufe der Krise zunehmende Kritik und das Misstrauen gegenüber der Politik gerechtfertigt?

Leider gibt es sehr viele wirtschaftliche Verstrickungen in diesem System. Ein System, in dem wirtschaftliche Vorteile über das Interesse an der Gesundheit meines Gegenübers gestellt werden. Für mich ist es dabei ein wenig unverständlich, warum Politiker sich über den Unmut und die Skepsis ihnen gegenüber wundern. Haben sie nicht mitbekommen, dass der Umgang mit der Dieselaffäre, Ökostromlimitierung, LKW-Maut, Wirecard etc nicht gerade vertrauensbildende Maßnahmen waren? Was erwarten Sie dann bei den von Ihnen empfohlenen Schutzmaßnahmen und Impfungen? Niemand hat mit dieser Corona-Krise im Voraus irgendeine Erfahrung gemacht. Jetzt im Nachhinein da irgendwelche Vorwürfe zu machen, halte ich für nicht konstruktiv. Kritik ist in Ordnung, aber es braucht Alternativvorschläge. Ständig nur zu kritisieren, um sich selbst zu erhöhen, halte ich nicht für hilfreich. Mich wundert eigentlich nur, dass die Kritik erst jetzt kommt. Es hätte genügend Möglichkeiten gegeben, sie schon viel früher anzubringen, und sie hätte sich in unseren Wahlen äußern können.

Es geht bei diesem Teil der Krise primär um zwei Interventionsfragen: Wie komme ich wieder an meine Gesundheit und was hat mich aus meiner Mitte weggebracht? Die chinesische und indische Medizin sagt von Vornherein: 80 Prozent der Gesundheit ist Lebenswandel und Ernährung. Wenn ich aber schaue, dass gewisse Holdings Pharmazeutika verkaufen und parallel dazu Nahrungsmittel auf den Markt bringen (Quelle 1Quelle 2), die Menschen nachweislich krank machen, dann habe ich ein System, das sich seine eigenen Kunden erzeugt. Zunehmend Aufmerksamkeit in Verbindung mit Gesundheit bekommt derzeit auch das Thema Elektrosmog. Unser Herz, Gehirn und unsere Neurone reagieren nachweislich auf das Erdmagnetfeld. Dies wird auch genutzt zur Unterstützung von Nervenwachstum nach durchtrennten Nervensträngen. Elektromagnetische Felder der Telekommunikation, die mindestens von ähnlicher Größenordnung sind, wird hingegen jegliche Wirkung abgesprochen. Und die meisten dieser Studien sind dabei von Interessenvertretern finanziert, bei denen wir wissen, dass sie eine wesentlich höhere Erfolgsquote der Studien erzielen als neutrale Einrichtungen. Nicht gerade vertrauensbildend.

Ich glaube, der Wunsch und die Forderung nach neuen Konzepten, Strukturen und Systemen kam einfach für viele zu ruckartig. Die Folge sind schnelle Urteile für komplexe Sachverhalte. Wer anders denkt, wird sofort als Verschwörungstheoretiker tituliert. Das hat die gleiche Logik wie die Verwendung des Begriffs Terrorist im Politischen bei Autokraten und Despoten. Änderungen gehen nicht einfach von heute auf morgen. Zu viele Leute leben eine Mischung aus Gewohnheit und Bequemlichkeit. “Was interessieren mich Kernkraftwerke? Bei mir kommt der Strom aus der Steckdose.” Ich kenne Leute, die fahren mit dem Motorboot über den See und beschweren sich, dass die Blaualgen zunehmen. Sorry, das hängt mit deinem Boot zusammen!

Aber natürlich, es braucht meiner Meinung nach neue Lern- und Denkkonzepte, die eigentlich schon vorliegen, aber nur allmählich ins Rollen kommen. Interessanterweise sind das in Schulen die Konzepte, die man im Ursprung in der Steiner-Konzeption der Waldorf- oder Montessori-Pädagogik sieht. Jetzt kommen zunehmend genau die gleichen Konzepte, nur nennt man sie anders, weil man gegen das andere ja immer geschimpft hat, Ideen des individuell entwicklungsorientierten Lehrplans, des nicht Sitzenbleibens, des Epochen- oder Blockunterrichts, detaillierte Leistungsbeschreibungen anstelle von Noten, Einfluss der Lernraumgestaltung etc. waren von Beginn an Bestandteil der Waldorfpädagogik schon in den 20ern des letzten Jahrhunderts. Sie sind nun vermehrt bei Preisträgern des Deutschen Schulpreises der Robert Bosch-Stiftung zu beobachten. Es gibt sehr kreative und reformfreudige Lehramtsanwärter, die jedoch allzu oft durch bereits gebrochene Systembewahrer ausgebremst werden. Wenn ich mir dann noch anschaue, dass Deutschland, ein Land, das sich nicht gerade durch besonders viel Öl-, Bodenschätze oder Sonne auszeichnet, wo die Bildung mittel- und langfristig eigentlich unsere größte Ressource darstellt, dann frage ich mich schon, weshalb der Anteil des Bildungsetats weit unterhalb des Durchschnitts der OECD-länder liegt.

Wie sorgen Sie dafür, mit Ihren Konzepten und Methoden auf Akzeptanz statt auf Ablehnung zu stoßen?

Zunächst, es gibt nicht nur Akzeptanz meiner Konzepte und Methoden. Ich erwarte aber auch gar keine 100% Zustimmung. In diesem Bereich kommen Zahlen, die über 80% liegen, sowieso nur in diktatorischen Staaten vor. Hier muss man die Waage halten. Ich halte wenig vom Belehren, das kommt nur vom Kopf her. Ich versuche es vorzuleben, ich biete mögliche Alternativen an. Wer es annimmt, dem helfe ich gerne weiter. Wer nicht, da kann ich nichts machen. Dann ist die Zeit einfach noch nicht reif dafür.

Ich selbst habe seit zwölf Jahren kein Auto mehr und bin Vegetarier. Ich versuche Nachhaltigkeit vorzuleben. Ich kaufe nicht ständig neue Klamotten, sondern gehe auch mal zum Schneider oder zum Schuster und lasse reparieren. Also, ich versuche, es vorzuleben. Und ohne das funktioniert es nicht. Sonst haben wir wieder das alte Problem: „Wasser predigen, aber Wein trinken“. Wie kann ich mit einem SUV zu einer Demo für Umweltschutz fahren? Wie kann ich mich über Gehälter von Fußballern bei PSG oder ManCity beschweren und gleichzeitig ständig meinen Tank vollmachen bei Firmen, die das Geld für diese Vereine bereitstellen? Was ist das Problem, wenn Flüchtlinge in die Länder kommen, in denen die Waffen produziert werden, die ihre Heimat zerstört haben? Es gibt noch zu viele kognitive Dissonanzen in unserer Gesellschaft. Und, dass einer alleine nichts machen kann, ist die schlechteste Ausrede. Da könnte zum Beispiel Schule helfen.

Beim Thema Veränderung kommt auch die Unterhaltungsindustrie ins Spiel. Viele Menschen wissen nichts mit ihrer Zeit anzufangen, sie hängen permanent vor ihren technischen Geräten, wollen von außen bespaßt werden, die Exoterik hat Dominanz. Das Innere, die Esoterik, wird nebensächlich – bis zur nächsten Krankheit. Die nächste digitale industrielle Revolution, die sich nun ankündigt, wird einen immensen Energiebedarf brauchen. Was wir jetzt in dieser Krise lernen, ist wichtig: Verzicht. Einfach mal nur da sein, ohne viel externe Energie zu verbrauchen. Auch dadurch entstehen Neugier und Kreativität.

Was sind Energiekonzepte der Zukunft? Wie können Menschen lernen, in sich selbst Lebensenergie zu erzeugen?

In Bezug auf die physikalischen Energien gibt es viele Menschen, die kreative Ideen für nachhaltige Energiegewinnung haben. Neben der Energiegewinnung ist jedoch aus meiner Sicht das Einsparen an Energie, Reduzierung an Energieverschwendung eine bislang sehr vernachlässigte Komponente, vor allem im Verkehrswesen. Und hier spielt in meinem Bereich das Prinzip Energie mit der Meditation, oder umgangssprachlicher mit unseren Gehirnzuständen eine zentrale Rolle. In der Gehirnforschung sieht man: Die Gehirnzustände während eines Orgasmus sind denen während tiefster Meditation – bei 20 Jahren Meditationserfahrung – sehr nahe.

Wenn wir von Erleuchtung im Tibetisch/Indischen sprechen, sprechen wir von der Kundalini-Energie, die vom unteren Chakra am Steißbein über die Wirbelsäule bis ins Gehirn fließt. Wir haben auch diese Verknüpfung mit unserem neuen Studienprofil im Blick. Nicht, dass alle permanent Orgasmen haben, sondern wir wollen die Verbindung aufzeigen: Dass ich über Gehirnzustände in Ausgeglichenheit kommen kann und diese am leichtesten über Bewegung erreiche. Wenn ich aus mir heraus zufrieden, ausgeglichen bin, brauche ich auch nicht ständig Aktion, einkaufen, essen, likes, Ablenkung etc. Und ich kann lernen, Energie in mir zu kultivieren und zu lenken. Mit dieser Aufgabe ist man bereits gut beschäftigt und benötigt nicht ständig so viel „physikalische“ Energie.

Aber das ist ein heikles Thema, da es sich gegen die Doktrin der vorherrschenden Kirche wendet. Wir sehen hier, dass wir die letzten 2000 Jahre ganz massiv auf einen Holzweg geleitet wurden. Da waren viele Fehlübersetzungen und Fehlinterpretationen dabei, und das steckt alles in unserem Schulsystem, sogar im Militär. Lehre kommt häufig aus dem kirchlichen Bereich. Selbst Newton hat seine Mechanik aus religiöser Überzeugung entwickelt: Wenn es nur einen Gott gibt, darf es auch nur eine ursächliche Kraft geben. Also legte er sie (die göttliche Kraft) als Ursache von Bewegung fest, obwohl zwischen den beiden Größen mathematisch ein Gleichheitszeichen steht, das mit keiner ursächlichen Richtung einhergeht. Wenn etwas gleichzeitig auftritt, wie kann dann das eine die Ursache für das andere sein? Trotzdem ein sehr nützliches Modell.

Mittlerweile weiß man auch, zumindest in Physikerkreisen, dass es verschiedene Kräfte gibt. Das ist nur ein Beispiel dafür wie ein hierarchisches Modell für bislang nicht Erklärbares einfach auf andere Bereiche übertragen wird. Und da in Hungerszeiten viele Kinder in Klöster geschickt wurden, weil es dort etwas zum Essen gab, stand das Modell auch in Klosterschulen Pate, das wiederum in das allgemeine Schulmodell überging. Eng damit zusammen hängt auch das Primat der Kognition in der Folge von Descartes. Kognition ist sicher in vielen Bereich hilfreich, ich meine jedoch mittlerweile in mindestens genau so vielen schädlich. Es führt nicht selten zu einer Überaktivierung des Frontallappens, die zunehmend als Ursache für zahlreiche psychische Krankheiten gesehen wird. Dieser wird auch als soziales Gehirn bezeichnet, weil er dann aktiv ist, wenn über die sozialen Folgen unseres Handelns und Pläne nachgedacht wird: Was denken die anderen über mich und mein Handeln, welches Ansehen bekomme ich, was muss ich morgen erledigen etc. Und ziemlich genau dieses wird dominant in unserem Schulsystem gefördert. Die Inder würden sagen, das Ego wird gefördert auf Kosten des Selbst. Kreativität und Meditation fordern ein Herunterfahren dieses Bereichs. Nebenbei, dieser Teil des Gehirns wird erst am Ende der Pubertät ausgebildet. Ein Grund, weshalb das Alter für Wahlen und für Volljährigkeit erst auf 18 festgelegt wurde. 

Das Thema der Gehirnzustände wurde von und mit den 68ern schon mal aufgegriffen. Es hat auch zu extremen Gegenentwürfen geführt. In der Zeit um Woodstock hat man durch Drogen versucht, in diese veränderten Bewusstseinszustände zu kommen. Die Drogen hat man dann verboten, weil bei den Herrschenden die Angst umging, es würden nicht mehr genügend Soldaten für Vietnam rekrutiert werden können. Das war der einzige, primäre Grund. Wenn man sich die Literatur genauer anguckt – Stanislav Grof, etc. die ganze LSD-Forschung – sollte man sich schon fragen, warum es im Augenblick hunderte von Designerdrogen gibt, um in diese Zustände zu kommen. Weil es ein grundmenschliches Bedürfnis ist.

Ich meine, beschäftigt euch lieber richtig mit der Sache. Lernt, dass ihr die Drogen nicht braucht. Ihr kommt auch anders dahin. Nur konzentriert euch darauf und lasst die Forschung darüber zu. Deswegen habe ich die Tür nach Indien, China und Tibet geöffnet. Weil sie einfach 700 Jahre mehr an Erfahrung damit haben, mit diesen Zuständen, ihren Vorteilen und Gefahren. In Münster war mal der Dalai Lama zu Besuch und hat sich mit den Physikern und anderen Wissenschaftlern unterhalten. Resumee, ganz grob verkürzt: Mit teuren, langen Forschungen und Experimenten kommt unsere Forschung zu den Erkenntnissen, zu denen der Osten bereits vor hunderten von Jahren durch reine Meditation kam. Wenn man zwischen diesen beiden Wegen wählen könnte, weiß ich, welchen ich bevorzuge.

Wie lassen sich diese Erkenntnisse politisch umsetzen? Wie bringt man das Wissen an die Menschen?

Diese Erkenntnisse nützen nicht viel, wenn sie ein paar Pioniere formulieren und die Konservativen nicht mitkommen. Wir brauchen Berater, die diese Kenntnisse verbreiten und das muss vermittelt werden. Das steht und fällt schon mit der Wertigkeit des Berufes. Noch Altkanzler Gerhard Schröder hat Lehrer pauschal als „faule Säcke“ bezeichnet. Solange diese Art von Arbeit und Forschung nur abschätzig belächelt wird, werden wir uns gesellschaftlich auch nicht nachhaltig weiterentwickeln. Ein bestimmter Prozentsatz des Bruttosozialproduktes muss in Bildung und Forschung und ins Gesundheitswesen investiert werden. Das sind wohl die beiden Grundsäulen für die Entwicklung einer Nation. Das sehe ich im Augenblick nicht ausreichend gefördert.

Fühlen Sie sich für Ihren Beruf und Ihre Arbeit angemessen gewürdigt?

Ja. Wenn man eine Berufung (als Unterscheidung zu einem Job) ausübt, nur der Anerkennung willen, sollte man es sein lassen. Ich kriege positive Rückmeldungen. Zwar oft sehr lang verzögert, aber das entspricht auch meiner Lebensweise. Ich will nicht kurzfristig irgendwo oben stehen, um dann umso tiefer zu fallen. Alles sollte nachhaltig aufgebaut werden und das braucht länger. Dazu muss ich auch in der Lage sein, mal längere Zeit verzichten zu können. Eine von Siddharthas Grundgeschichten: Ich kann lieben, ich kann denken, ich kann verzichten. Damit habe ich alles, was ich zum Leben brauche.

Das ist auch, was man in vielen Naturvölkern sieht. Dass man Kindern beibringt: Lerne, mal zu verzichten. Lerne still halten, aber erst ab einem bestimmten Alter und nicht ständig. Das gehört für mich eigentlich in jede Ausbildung. Das wird häufig auch missinterpretiert: Du musst erstmal leiden, das christliche Modell ruft wieder. Der frühere Pädagoge Doktor Prügelpeitsch wabert immer noch in unseren Köpfen. “Mir hat es ja auch nicht geschadet.” Da dreht sich mir immer der Magen um. Das kann man wirklich anders machen. Es ist zuviel auf blindem Gehorsam aufgebaut. Den Spruch möchte ich auch gerne an den Eingang der Uni hier schreiben: Sapere Aude. Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu betätigen. Von meinen früheren Nachbarn bekam ich manchmal die Rückmeldung: „Mit euren Kindern muss man immer diskutieren. Die anderen gehorchen einfach.“ Also, alles richtig gemacht.

Nach welchem Menschenbild würden Sie ein Gesundheitswesen aufbauen?

Nach dem grundlegenden Gesundheitsbild der chinesischen und indischen Medizin. Unterstützt durch westliches Knowhow. Man kann Labordiagnostik betreiben, aber in einer wesentliche komplexeren Art und Weise, wie es im Augenblick gehandhabt wird. Da habe ich die KI-Modelle im Hinterkopf, die wir auch hier betreiben. Diese Komplexität, vermischt mit dem östlichen Hintergrundwissen. Und dazu beziehe ich auch Wissen der Astrologie mit ein, denn diese ist die Grundlage für das östliche Weltbild. Wenn man sehr weit hinter die Kulissen in China guckt, sieht man, dass die Astrologie die Grundlage für alle Naturmedizin ist.

Also best of both worlds?

Nein. Das ist ein Kompromiss, der beide Seiten frustrieren würde. Lass sich beide Weltbilder parallel entwickeln. Es darf nicht ein Modell werden. Wenn sich davon etwas als falsch herausstellt, ginge das ganze System kaputt. Es ist auch ein Problem, zwei Sprachen voll zu mischen. Zu oft gibt es Ausdrücke nur in einer Sprache, die dann aus evolutionärer Sicht die Vielfalt des Denkens fördern. Deswegen bin ich auch gegen ein Einheitsabitur in Deutschland. Das scheint ein Problem des Deutschen zu sein, die Einheit, weshalb sie auch in der Hymne an erster Stelle steht. Wenn alle auf einmal das Falsche machen, geht das ganze System kaputt.

Bei einer föderalistischen Aufteilung habe ich immer Bereiche, die sich gegenseitig ausgleichen können. Das ist das Überlebenskonzept des Menschen in der Evolution überhaupt gewesen: Die Vielfalt, nicht die Spezialisierung.  Ich meine, dass die östliche und westliche Medizin gut daran tun würden, einander parallel laufen zu lassen. Voneinander zu lernen, aber sich nicht zu sehr zu vermischen. Weil ich dann immer noch aus der Differenz zusätzlich lernen kann. Das ist die Idee des Tai-Chi, des Yin und Yang. Die Kunst des Yin und Yang ist die Ausgeglichenheit von beidem. Wie es in der Meditation angestrebt wird: Sich auf der Linie zwischen beiden Yin und Yang zu bewegen. Das ist der meditative Zustand. Nicht schlafen und nicht wach sein. Dazwischen. Das geht am besten, wenn ich den Frontallappen herunterfahre. Weil dieser bei vielen die absolute Dominanz und Kontrolle anstrebt. Und das wird auch noch in unserer westlichen Welt dominant geschult.

In unseren Forschungen sind wir gerade daran, verschiedene Ansätze zu untersuchen, die Dominanz des Frontallappens abzusenken. Dazu gibt es verschiedene Wege: Laufen, Radfahren, Meditation in Bewegung. Yoga, Qigong, und ganz wichtig auch Tanzen. Wir versuchen es gerade speziell im Sport durch bestimmte Lernformen: Eine Form dabei ist das differenzielle Lernen.

Hier bekommen wir anhand von Differenzen Zusatzinformationen und überfordern quasi den Frontallappen, damit er umstellt und sich zu den anderen Bereichen des Gehirns hin mehr öffnet. Das heißt, wenn ich nicht permanent dasselbe Bewegungsmuster (oder Lerninhalte) identisch wiederhole, dann wird der Frontallapen mit kontrolliertem Denken quasi an seine Grenzen gebracht und stellt um, lässt los, um auf die „Körperintelligenz“ (ganzheitliches Denken) zurückzugreifen, die wir bei komplexeren großmotorischen Bewegungsformen nutzen müssen. Ganzkörperbewegungen sind zu komplex, als dass sie alle im Detail kontrolliert werden könnten.  Innerhalb von maximal zehn Minuten, oft schon nach 3-5 Minuten, bekommen wir damit die Lernenden in diese Gehirnzustände der Ausgeglichenheit. Oft höre ich von den Athleten oder auch Musikern dann, „ich weiß nicht mehr was ich mache, aber es fühlt sich gut an“. Ich spreche hier lieber von einem Zustand der inneren Ausgeglichenheit oder Zufriedenheit, da der Begriff des Glücklichseins ein wenig zu stark polarisiert. Glück lebt vom Pech. Oder wie Heinz von Förster einmal formulierte: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Ich betrachte es weniger als Gegensatz als vielmehr als wechselseitige Ergänzung.

Foto-Credit: Wolfgang Schöllhorn

3 Gedanken zu “Offenheit und Neugier als Schulfach? – mit Prof. Dr. Wolfgang Schöllhorn”

  • Ausgeglichenheit als Basis für´s Immunsystem finde ich sehr treffend. So vieles gerät gerade aus dem Gleichgewicht. Wechselseitigkeit dürfte sich sowohl als Zustand als auch Fahigkeit in dieser Geselschaft und auf dieser Welt gerne noch ein bisschen ausbreiten.
    Danke für viele neue Gedankengänge, die ich aus diesem Artikle mitnehme!

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