„Es geht nicht darum ein neues Dogma zu errichten: Du musst dich jetzt selbst akzeptieren. Sonst bist du nicht entwickelt oder erleuchtet genug, sonst kannst du nicht heilen. Es ist zutiefst menschlich, sein Leiden loswerden zu wollen. Diese Seite soll sich bitte vollständig äußern dürfen. Erst wenn wir auch diese “Nein-sagende-Seite” in uns erkunden, können wir auf eine andere Weise bei uns selbst ankommen.“


Maria Sanchez

Geboren in Malaga, eigenes Ausbildungs- und Seminarzentrum in Hamburg, Traumatherapeutin, Autorin und Gründerin der “Emotionalen Spiritualität”, hat sich mit eigenem Ansatz “EssentialCore” und “Sehnsucht und Hunger” auf die „emotionale Selbstbegleitung leidvoller wiederkehrender Symptome“ spezialisiert: https://www.mariasanchez.de/


Für meine Interviewreihe „Mach’s weg“ habe ich rund 50 Interviews mit verschiedensten Perspektiven auf das Thema Gesundheit geführt. Schließlich wussten schon unsere Großeltern: Das Wichtigste im Leben ist die Gesundheit. Aber was ist das überhaupt? Lässt sich Krankheit einfach „wegmachen“? Und wieso kümmern sich Menschen umeinander?


Laurens Dillmann: Wie verlief dein beruflicher Werdegang?

Maria Sanchez: Mein Weg war in erster Linie ein eigener, extremer Heilungsweg. Ich habe mich in meiner Jugend schon stark für Psychologie interessiert. Deswegen wollte ich Medizin studieren und dann weiter in Richtung Psychiatrie und Psychotherapie. Ein schwerer Zusammenbruch mit Anfang 20 ließ mich dieses Studium dann jedoch gar nicht aufnehmen. Es folgten sehr dunkle Jahre, für die ich im Nachhinein dankbar bin, die damals aber die Hölle waren. Suizidgedanken und die Angst verrückt zu werden,  waren über lange Zeit meine Begleiter. Neben starken körperlichen Problemen, wog ich 30 Kilogramm mehr als heute und war in einem schmerzhaften Leidenskreislauf gefangen 

Als ich über die Jahre im Trial und Error-Verfahren Schritt für Schritt eine emotionale Selbstbegleitung für mich entwickelte, durfte ich nicht nur erleben, wie meine Symptome langsam Heilung erfuhren, sondern damit einhergehend auch ein sich weitender Bewusstseinszustand in mir entstand. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich habe mir dann alle möglichen Therapiemethoden angeschaut, empfand aber – bei allem Respekt – dass sie im Kern nicht das trafen, was ich für mich Essenzielles entdeckt hatte. Das war erstmal ziemlich schwierig, weil ich nicht wusste, wie es für mich weitergehen konnte.

Ich habe mich dann entschieden, eine langjährige prozessorientierte Fortbildung zu machen, im Spirit von Carl Gustav Jung und Arnold Mindell. Mein Gespür blieb aber: Auch wenn es Parallelen gab, ging es an dem Punkt, den ich für einen Heilungsweges als das zentrales Element erlebt hatte, leider vorbei. Da die Zweifel immer wieder in mir aufkamen, habe ich dann kurz vor der Prüfung abgebrochen. Es ging mir nie darum, ein Zertifikat zu bekommen,  sondern ich wollte mich gern einer bestehenden Richtung anschließen. 

Nachdem sich dies mit meinen Erfahrungen aber nicht vereinbaren ließ, war klar: Ich muss selbst ein Fundament bauen.Seit vielen Jahren leite ich nun ein Seminar- und Ausbildungszentrum und vertrete eine psychologische und spirituelle Ausrichtung, die sich auf diesen tiefen Erfahrungen gründet. Es geht um eine spezielle Verbindung von Psychologie und Spiritualität. Ich nenne sie “Emotionale Spiritualität”. Was sich auf den ersten Blick auszuschließen scheint -Emotionen und Spiritualität – öffnet auf den zweiten neue Türen. Psychologische Ausrichtungen versuchen im Allgemeinen das Ich zu stärken, während es in spirituellen Ausrichtungen darum geht, das Ich zu überwinden. Was zunächst wie ein Widerspruch klingt, ist dann keiner, wenn wir die Vielschichtigkeit unseres menschliches Seins ins Zentrum stellen.

Kannst du dich an den Heureka-Moment erinnern, als du wusstest: Jetzt habe ich mein Eigenes gefunden?

Es gibt viele wunderbare psychologische Richtungen, mit verschiedenen Menschenbildern. Etwas, das mir aber bei allen mir bekannten Ansätzen gefehlt hat, ist der Blick auf die innere Haltung der Menschen. Mit welcher Haltung begegne ich mir selbst? Die humanistische Psychologie stellt zwar beispielsweise eine empathische Haltung in den Vordergrund, aber das ist mir noch zu konstruiert. Es fußt dann nicht auf einem emotionalen Reifen, sondern auf einem mentalen Konzept. 

Wir glauben zum Beispiel wenn wir depressiv sind, es gäbe nur die Depression und wir müssten eine psychologische Behandlung vornehmen , um uns ihr zu nähern. Ich kannte das von mir selbst. Ich wollte mich kontrollieren, wollte, dass diese Depression verschwindet. Bis ich merkte, so funktionierte das nicht.

Mir ist dann die zentrale Frage klar geworden: Welche Ich-Seite in mir begegnet eigentlich der Depression? Wir haben ja nicht nur eine Depression, sondern immer auch eine Meinung zur Depression. Diese Meinung habende Ich-Seite wird innerhalb einer Therapie oft leider gar nicht erkundet. Wir setzen es als normal voraus, dass niemand eine Depression haben will. 

Indem wir mit beiden Seiten arbeiten – mit der depressiven Seite und der Seite in mir, die die Depression nicht haben will – kommen wir an völlig andere innere Ufer. Dann merke ich vielleicht, dass die Seite in mir, die zur Therapie geht, eigentlich die ganze Zeit nur Kontrolle will – ganz gleich, wie liebevoll meine Behandlungen auch scheinen mögen. Die Wurzel von Kontrolle ist Angst. Und an der Wurzel von Potentialentfaltung ist nicht Angst, sondern Freude.

Wer oder was in mir beschäftigt sich eigentlich mit mir? Dass diese Seite unseres Innenlebens nicht erkundet wird, halte ich für einen großen blinden Fleck innerhalb der Psychologie. Wenn ich mir diese Frage nicht stelle, bekomme ich gar nicht mit, dass ich auf einer tieferen Ebene ein bestimmtes Selbstbild habe, das überhaupt nicht mein authentisches Ich ist. 

Im Augenblick gibt es diese große Strömung: Alles darf da sein. Verurteile dich nicht. Nimm alles einfach nur wahr, bewerte nicht und habe keine Absichten. Das halte ich für mitunter sehr gewaltvoll, eine Art psychische Amputation in einem schönen Kleid. Es herrscht besonders in spirituellen Kreisen eine Art Glauben, unser Beobachter-Ich sei neutral. Das ist es aber fast nie. Alleine, sich absichtslos wahrnehmen zu wollen, ist bereits eine Absicht. Nicht anhaften zu wollen, ist schon ein Anhaften. Wer in mir will diese Haltung eigentlich einnehmen und warum? Einen Haltungswandel kann man nicht einfach machen. „Alles darf da sein“ ist erst aus einem “gereiften Bewusstseinszustand” möglich. Es ist kein Konzept. Zu Beginn eines Weges kann dieser Zustand nicht da sein. 

Meine Erfahrung in der Begleitung von Menschen ist: Im Kern geht es fast immer um Kontrolle. Mache ich mir gerade etwas vor, oder bin ich tatsächlich in einer guten Verbindung mit mir? Gebe ich meinen Gefühlen ein Daseinsrecht oder eher ein Duldungsrecht? Um das zu prüfen, frage ich die Menschen, die sich in Akzeptanz üben, gerne: Darf, wenn es zum Beispiel um Angst geht, deine Angst  auf ewig da sein? Die Antwort ist natürlich so gut wie immer: Auf keinen Fall.

Und das ist auch richtig, denn es geht nicht darum ein neues Dogma zu errichten: Du musst dich jetzt selbst akzeptieren. Sonst bist du nicht entwickelt oder erleuchtet genug, sonst kannst du nicht heilen. Es ist zutiefst menschlich, sein Leiden loswerden zu wollen. Diese Seite soll sich bitte vollständig äußern dürfen. Erst wenn wir auch diese “Nein-sagende-Seite” in uns erkunden, können wir auf eine andere Weise bei uns selbst ankommen. 

Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Ich habe heute ziemlich starke Kopfschmerzen. Ich habe keine Schmerztablette genommen, sondern lasse den Schmerz da sein. Was wäre nach deiner Philosophie ein guter Umgang mit diesem Schmerz?

Es geht um eine tiefe Selbsterkundung, eine emotionale Selbstbegleitung. Ich würde nicht sagen: Nimm auf keinen Fall eine Tablette. Mir geht es darum, zu überprüfen: Welche Instanz in mir will die Tablette eigentlich nehmen? Mit welcher inneren Haltung nehme ich sie gegebenfalls ein? Mit der Haltung „Ich mache den Schmerz weg“ oder „Ich kann mich gerade nicht anders darum kümmern, nehme die Tablette als Ressource und komme später auf mich selbst und den Schmerz zurück.“ 

Ich würde erstmal empfehlen, die Dynamik innerhalb des Kopfschmerzes ausfindig zu machen. Was stört dich daran, Laurens? Spürst du Druck oder Spannung oder ist es eher vernebelt? Ist es am ganzen Kopf oder nur in einer bestimmten Region? Ist der Druck von Innen nach Außen oder andersrum? Will etwas rausdrücken oder drückt etwas rein?

Wenn du dir diese Fragen stellst und beantwortest, bekommst du schon ganz wunderbare Informationen. Du fühlst dich wahrscheinlich – korrigiere mich, wenn du es anders siehst – im Augenblick mit dem identifiziert, der Kopfschmerzen hat. Es gibt eine Dynamik von zwei Polen: Die Seite, die den Kopfschmerz als leidvoll und störend empfindet. Und die Kraft, die auf deinen Kopf drückt. Die eine Seite empfängt den Druck und die andere macht ihn. Ich würde sagen, ganz wichtig ist, auch die Seite zu betrachten, die den Druck macht. Das ist der Kopfschmerzmacher in dir. Du kannst zum Beispiel ein Kissen nehmen und auf dieselbe Weise darauf drücken wie du es an deinem Kopf empfindest. Und dann nimm wahr: Was taucht gerade in dir auf? Da können ganz interessante psychische Dynamiken deutlich werden, die vorher völlig unter dem Radar liefen. Die emotionale Selbstbegleitung geht noch um einiges weiter und auch noch tiefer in biografische Szenen hinein, aber dies wäre ein anfänglicher Aspekt davon.

So bleibe ich in Interesse am Kopfschmerz-Vorgang und bin nicht nur in Widerstand dagegen?

Ganz genau. Ich bin ja ein Fan des Mensch-Seins. Wir sind so unglaublich faszinierende Wesen. Ich meine das nicht in einer verklärten Form. Wenn du dich so selbst erkundest, bleibst du an dir dran und entdeckst weitere und tiefere Facetten von dir selbst. Und vielleicht entdeckst du, dass der Kopfschmerzmacher eine wichtige Information für dich hat. Plötzlich bist du in einer Instanz, die beide Seiten erkundet. Schon öffnet sich eine andere Bewusstseinstür in dir.

Du meinst, ich werde mir bewusst, dass ich selbst den Kopfschmerz mache und dafür Verantwortung trage?

Verantwortung übernehmen ist in unserer Gesellschaft ja eine Art Dogma: Jetzt übernimm endlich Verantwortung! Aber in dem Begriff Verantwortung steckt ja das Wort “Antwort”. Habe ich eine Begegnungskompetenz mit mir selbst, dass ich überhaupt auf diese Situation antworten kann? Weiß ich überhaupt, worauf ich antworte? 

Wenn ich mit mir selbst in einen viel intimeren emotionalen Kontakt trete, bedeutet Verantwortung ja auch, dass ich auch auf den Kopfschmerzmacher antworten kann. Wenn ich diese beiden Seiten in mir vereine, stellt sich natürlich auch die Frage: Wer wiederum moderiert diesen Prozess in mir? Wieder öffnet sich eine neue Tür in mir und in diesem Prozess kann sich nach und nach auch eine spirituelle Dimension öffnen. Die allerdings mit unserer Psychologie tief verwoben ist. 

Ich plädiere auch für einen anderen Blick für die Annäherung an Spiritualität. Sonst krallen sich unerlöste psychologische Muster in unsere höheren geistigen Ebenen hinein. Wenn ich beispielsweise  immer dann meditiere, wenn ich unruhig bin, bekomme ich gar nicht mit, dass daran nichts Spirituelles ist: Mithilfe von Meditation aus dem JETZT heraus zu wollen, ist das Gegenteil von dem, worum es in der Spiritualität geht: Nämlich uns einzuladen, mehr ins JETZT zu kommen. Wir nutzen dann, ohne dass es uns bewusst ist, das Meditieren als Weg-mach-Pille.  

Stehen wir vor einem Paradigmenwechsel in der Medizin? Wird die menschliche Seele wieder ein Bestandteil der Behandlungen?

Es gibt bereits starke Strömungen, die dafür einstehen, dass der Mensch nicht maschinell betrachtet wird. Die Aufklärung hat zwar den Beitrag geleistet, uns vom Aberglauben zu befreien, aber sie muss sich auch die Kritik gefallen lassen, die Welt ein Stück weit entzaubert zu haben. Es gab ja früher nicht nur Aberglaube, sondern auch eine ganz andere Verbundenheit des Menschen mit der Natur. Hier bewegt sich gerade einiges.

Ich bin hoffnungsvoll, was das angeht. Wir leben in einer unglaublich spannenden Zeit. Alte, bisher als gesetzt geltenden Gegebenheiten bröckeln. Mein Eindruck ist: Wir verlassen eine Phase, in der wir Menschen unsere Selbsterfahrung stark mental wahrgenommen und verarbeitet haben. Jetzt bewegen wir uns in eine andere Richtung. Dies ist aber natürlich nicht das Ende des Weges. In weiten Teilen der therapeutischen Landschaft wird beispielsweise nun das Nervensystem stark ins Zentrum gestellt. Das ist einerseits verständlich, aber andererseits auch problematisch. Denn es reduziert unser menschliches Sein zu stark auf die Biologie. Das entspricht nicht meiner Erfahrung. Oft heißt es z.B.: Ein hoch gefahrenes Nervensystem ist nicht gut, es sollte reguliert werden. Wenn wir uns aber auf das Regulieren ausrichten, was letztlich fast immer auch ein Kontrollieren bedeutet, kommen wir nicht in eine bestimmte emotionale Tiefe. So kann z.B. ein wichtiger Wutprozess mit seiner ganzen archaischen Kraft unter Umständen überhaupt nicht starten. Es geht nicht um ein Schwarz-Weiß-Denken, sondern um das Schauen: Was braucht es im jeweiligen Moment. Da Selbstbegleitung aber etwas sehr anderes ist als Selbstregulation, ist es wichtig, hier wachsam zu sein. 

Ich halte uns Menschen in erster Linie für emotional-geistig-spirituelle Wesen. Natürlich sind wir auch biologische Wesen. Aber die Biologie steht für mich nicht im Zentrum, wenn es um psychische Heilung geht. Ein hoch gefahrenes Nervensystem ist für mich ein Zeichen für eine tiefe emotionale Verletzung. Diese hat ihre Ursache nicht im Nervensystem. Die Reaktion unseres Nervensystems ist vielmehr die Folge dieser emotionalen Verletzung.  Deshalb kann die Lösung auch nicht in der Ausrichtung auf unser Nervensystem liegen, sondern in der Begleitung unserer emotionalen Verwundung. Das Nervensystem folgt dem emotionalen Heilungsprozess.   Mit einem zu stark auf unsere Biologie ausgerichteten Menschenbild drohen wir uns selbst emotional verloren zu gehen. 

Wenn man sich selbst in so einer Tiefe begegnen will, wie du sie beschreibst – braucht man dafür die Hilfe von Menschen in Heilberufen?

Das hängt davon ab, ob wir uns in diesem Prozess überfordert fühlen. Ich war damals bei einer wunderbaren Therapeutin, der ich vor vielen Jahren auch mein erstes Buch gewidmet habe, weil ich ihr sehr dankbar bin. Ich habe jede Woche auf diese Stunde mit ihr hingefiebert, bis mir klar wurde: Ich war wie abhängig davon.

Therapie kann für eine Person absolut wichtig und notwendig sein. Ich halte es aber für unabdingbar, dass wir, mit oder ohne Therapie lernen, uns selbst emotional zu begleiten. In liebevoller Annäherung, in kleinen Schritten. Wir sollten nicht Gefahr laufen, das der Therapeut plötzlich ein neues Suchtmittel ist, weil nur dort ein Raum entsteht, wo wir innerlich mehr Raum haben können. 

Was bedeutet Gesundheit für dich?

Für mich bedeutet Gesundheit in allererste Linie eine gute Beziehung zu uns selbst zu haben. Eine Begegnungskompetenz, die sich immer weiter entwickelt und die uns ermöglicht, flexibel auf Herausforderungen zu antworten. Egal, was dann in mir aufkommt oder mir entgegenkommt – in und außerhalb von mir, körperlich, psychisch, mental oder spirituell – ich kann mit mir sein. Das bedeutet nicht, dass es mir immer super geht. Aber mit der Begegnungskompetenz steigen wir aus einem grundsätzlichen Leidenskreislauf aus, der immer mit Macht und Ohnmacht zu tun hat. Das, woran wir leiden, unsere Traurigkeit, unsere Wut, unsere Angst usw. war letztlich nie das Problem. Die Schwierigkeit, die wir als Menschen haben, besteht in der Regel darin, dass wir unseren Emotionen nicht begegnen können. An den Emotionen selbst war nie etwas verkehrt. Wir können aufwachen, uns selbst an die Hand nehmen und uns durch unser vielschichtiges Leben hindurch begleiten.

Welchen Sinn hat Krankheit?

Ich habe nicht den Standpunkt, dass Krankheit uns immer auf etwas aus unserer Vergangenheit hinweisen will –  obwohl es häufig der Fall ist. Leben ist und bleibt jedoch auf einer Ebene immer auch ein Mysterium. Diagnosen a la „Das Symptom kommt auf jeden Fall daher, weil dir dieses und jenes unbewusst ist“, sind für mich auch wieder nur ein Versuch, Kontrolle ausüben zu wollen.

Meiner Erfahrung nach hat Krankheit zwei grundsätzliche Ausrichtungen. Entweder ist sie Ausdruck einer ungelösten Vergangenheit, die wahrgenommen werden möchte. Oder sie kann ein Ruf aus der Zukunft sein. Ich kann mit einer Krankheit auch aufgefordert sein, mich in die Zukunft hinein zu öffnen. Ob es ein Ruf von hinten oder ein Schubsen nach vorne ist: Es lohnt sich in jedem Falle innezuhalten und zu spüren, was ist. Das Signal sagt eigentlich immer: Bleib stehen und nimm wahr.

Warum kümmerst du dich um andere Menschen?

Ich überprüfe meinen Antrieb immer wieder. Ich respektiere die unterschiedlichen Ansätze. Fast jeder, der mit Menschen arbeitet, möchte Gutes tun. Davon gehe ich grundsätzlich aus. Ich finde jedoch wichtig, die verschiedenen Menschenbilder in unseren Therapie-Systemen zu verdeutlichen, damit Menschen, die sich Hilfe holen möchten, wissen, welches Menschenbild in der jeweiligen Ausrichtung vertreten wird. Sie sind sehr unterschiedlich und dies hat einen großen Einfluss auf die angebotene Behandlungshilfe.

Fühlst du dich gesellschaftlich für deine Arbeit angemessen wertgeschätzt?

Auf jeden Fall. Die Wertschätzung kommt ja nicht nur durch Worte, oder durch finanzielle Entlohnung. Wenn man heilende, heilige Momente erleben darf, fühle ich mich genau so beschenkt.

Fantasiespiel: Du bist die Königin deines Landes. Wie sieht dein Gesundheitssystem aus?

Ich würde Strukturen schaffen, in denen Menschen, die eine emotionale Selbstbegleitung erlernen möchten, dies leichter tun könnten. So wäre für mich eine psychische Gesundheit gewährleistet, die nicht Gefahr läuft, starr und ausgrenzend zu sein „Die negativen Emotionen sind nicht gut und müssen wegtransformiert werden und die positiven dürfen bleiben und werden gefördert.” Solange wir in diesem Denk – und Fühlmustern unterwegs sind, bleibt selbst das, was wir im Augenblick als heilsam ansehen, in der Tiefe unbewusst gewaltvoll gegen uns selbst.

Letztlich brauchen wir nur auf unsere Kinder zu schauen: Dieses große Interesse an der Welt, an sich selbst, jenseits von “gut” und “nicht gut”, diese wunderbare Neugier, alles entdecken zu wollen, ist in jedem Menschen im Kern vorhanden. Die interessante Frage ist doch: Wann ist uns dieser Entdeckergeist verloren gegangen? Was genau ist in unserer Biografie geschehen, dass wir uns selbst gegenüber so parteiisch werden mussten, uns in Richtung “positive Emotionen” zu optimieren? Diesen Fragen nachzugehen, kann wichtige Türen in unser Inneres öffnen und uns dort abholen, wo wir uns vor vielen Jahren verloren haben…?

Bildquelle: Maria Sanchez

17 Gedanken zu “Mit welcher Haltung begegne ich mir selbst? – mit Traumatherapeutin Maria Sanchez”

  • „Wer oder was in mir beschäftigt sich eigentlich mit mir? Dass diese Seite unseres Innenlebens nicht erkundet wird, halte ich für einen großen blinden Fleck innerhalb der Psychologie.“

    Sorry, aber da hat nicht die Psychologie einen blinden Fleck, sondern Maria Sanchez. Denn ganz offenbar ist sie über die zahlreichen meta-kognitiven und auch meta-emotionalen Ansätze, die es seit Jahrzehnten gibt, in keiner Weise informiert.

      • Google hilft gern. Stichworte z.B. „Metakognitive Therapie“ und „Metaemotionale Therapie“. Dazu gibt es diverse Methoden der Integrativen Psychotherapie, die so arbeiten.

        • Nicht zu vergessen auch die „Prozessarbeit“ von Arnold Mindell, wie sie am Institut für prozessorientierte Psychologie, Zürich gelehrt wird. Maria Sanchez gibt auf Ihrer Website an, zwischen 2012 und 2016 dort eine Ausbildung absolviert (?) zu haben. Deshalb finde ich es besonders erstaunlich, dass sie der Psychologie offensichtlich wider besseres Wissen pauschal einen „großen blinden Fleck“ vorwirft.

    • Dass sie nicht informiert sei über zahlreiche therapeutische Ansätze,halte ich für eine Unterstellung!!Niemand von uns kann wirklich genau wissen,welche Wege sie genommen hat,um an das Heilungskonzept zu kommen,was sie heute praktiziert.Es geht auch nicht um die Vielzahl und Vielfalt der therapeutischen Methoden,sondern es geht um echte Tiefe /Selbstkennung und dass dadurch ein Mensch in seiner Ganzheit und Komplexität zur Heilung fähig wird.Und wer,wie sie,sich selbst aus schwerster Depression,heilen kann,der wird bestimmt nicht wenig davor ausprobiert haben!

      • Auch wenn Sie sich noch so aufregen: Wer vor einem so begrenzten Ausbildungshorizont, wie er sich aus dem Lebenslauf von Maria Sanchez ergibt, der Psychologie in Bausch und Bogen einen „großen blinden Fleck“ vorwirft und den eigenen Ansatz als „revolutionär“ darstellt, hat in meinen Augen entweder keine Ahnung von der Vielzahl der Methoden, die das, was Maria Sanchez macht, schon vor Jahrzehnten beschrieben und praktiziert haben. Oder es würde darauf hinauslaufen, dass Maria Sanchez dies weiß, aber trotzdem behauptet, sie sei mit ihrem Ansatz die „Pionierin“. Das wäre dann nachgerade noch schlimmer und eine dreiste, hochgradig unlautere Irreführung ahnungsloser LeserInnen.

      • P.S. Nicht nachvollziehen kann ich auch Ihren Satz: „Und wer,wie sie,sich selbst aus schwerster Depression,heilen kann,der wird bestimmt nicht wenig davor ausprobiert haben!“ Maria Sanchez hat sich zum einen nicht allein geheilt, sondern nachweislich (ich kenne ihre Therapeutin) eine Psychotherapie in Anspruch genommen. Und diese kann wohl kaum „einen blinden Fleck“ gehabt haben, wenn sie erfolgreich war. Maria Sanchez kupfert insofern lediglich ab, was sie dort und im Rahmen ihrer Weiterbildung in Prozessarbeit gelernt hat. „Revolutionär“ ist insofern allenfalls ihre Dreistigkeit, sich über die gesamte Psychologie zu erheben.

  • Ich kenne die Arbeit von Maria Sanzech schon länger. Seit etwas mehr als 2 Jahre besuche ich ihre Online Kurse. Durch die besondere Vorgehensweise habe ich gelernt auch Seiten von mir die nicht da sein durften, als ein Teil von mir anzuerkennen. Mir wird immer mehr bewusst, diese Seiten sind nicht verkehrt. Ich hatte als Kind sehr viel Angst, leider konnte ich mit dieser Angst nie landen. Ich habe sie ganz stark verdrängt und tue ab und zu heute noch. So langsam nähere ich mich ihr an. Sie weg zu machen, transformieren ect. bringt nichts. Es käme mir so vor als ob ich ein Teil von mir weg machen möchte.
    Ich kann die Arbeit nur empfehlen. Es gibt so viel zu entdecken. Der größte Schatz den man nur entdecken kann. Sich selbst.

    • Ihre Verteidigung von Maria Sanchez geht leider an meiner Kritik völlig vorbei. Ich habe nicht ihre Arbeit kritisiert, sondern ihre überhebliche und erweislich falsche Behauptung, der Psychologie sei „ein großer blinder Fleck“ vorzuwerfen.

  • Ich hab ihn zwei Mal gelesen, diesen Artiklel – weil so viel Wertvolles darin steckt, liebe Maria! Dein so geerdetes Verständnis für Spiritualität spricht mir aus der Seele. Danke für deine klugen Gedanken und dein Wirken.

    Zu einem hoch gefahrenen Nervensystem schreibst du, das sei ein Hinweis auf tiefe emotionale Verwundungen. Und das Selbstregulation nicht an der Ursache ansetze. Darüber bin ich gestolpert. Spontan dazu: Klar, das Nervensystem ist nicht die Ursache. Aber es kann mir, sofern es nicht ausgeglichen ist, viele Probleme bereiten. Um den Weg der Heilung zu gehen, brauche ich ein einigermaßen stabiles „Nervenkostüm“. Meiner Erfahrung nach sollte die Regulation ein Teil der (Selbst-) Begleitung sein. Wenn mein Nervensystem im Alarmzustand ist, bin ich nicht so richtig bei mir. Und so kann es passieren, dass ich gar nicht gut aufnahmefähig bin, etwas Neues zu lernen oder neue Erfahrungen zu machen. Insofern finde ich, zumindest in der Anfangszeit gehört Selbstregulation als ein der Selbstbegleitung einfach dazu. Bis zu dem Punkt, an dem ich wieder einigermaßen entspannt in der Lage bin, mir selbst Schritt für Schritt die beste Begleiterin zu sein. Ganz natürlich und Selbst-verständlich und ohne Hilfsmittel. Mit ganz herzlichen Grüße zu dir! Carina

    • Danke, Carina, dass du das geschrieben hast. Das bestätigt meine Erfahrung. Ich habe online-Kurse bei Maria besucht und finde ihre Arbeit wunderbar. UND ich habe gemerkt, dass es für mich essenziell ist, zuerst zu lernen, wie ich mein Nervensystem selber regulieren kann, um mir in schwierigen Momenten zu helfen. Bevor ich mich mit inneren tiefen Prozessen auseinandersetzen kann, ist es wichtig, dass ich zu Stabilität komme. Und erst dann, wenn ich stabil bin, kann ich mich inneren schwierigen Prozessen zuwenden. Ich denke, dass dies auch sehr in Marias Sinne ist. Es für dieses Interview aber den Umfang gesprengt hätte. Alles Liebe euch allen

  • Auch ich empfinde die Darstellung von Maria Sanchez, die Psychologie habe „einen großen blinden Fleck“, der von ihrer „revolutionären“ Methode erstmals behoben werde, als problematisch.

    Denn mit dieser Aussage impliziert sie, dass sie – im Gegensatz zu allen anderen – den vollen Überblick über alle psychologischen und psychotherapeutischen Verfahren hat und außer ihr niemand wirklich Ahnung hat. Ganz schön gewagt, oder nicht? Insbesondere auch deshalb, weil sie ausweislich ihrer Website auch nur über eine äußerst dünne psychologische Vorbildung und ganz offensichtlich über keinerlei psychotherapeutischen Ausbildungsabschluss verrfügt. Was sie ja oben im Artikel auch zugibt.

    Angesichts dessen nimmt es dann auch nicht Wunder, dass Maria Sanchez anscheinend nicht weiß, dass ihr meta-kognitiv-emotionaler Ansatz einer alter Hut und alles andere als „revolutionär“ ist. Obwohl sie dies an sich wissen müsste, wie Bettina ja oben mit dem Hinweis auf die, wenngleich auch wohl nicht abgeschlossene, Ausbildung von Maria Sanchez in Prozessarbeit bereits angemerkt hat. „Honi soit qui mal y pense.“ („Ein Schelm, der Schlechtes dabei denkt.“)

    Ich finde es jedenfalls ganz schön dubios, wie Maria Sanches rüberkommt. Da helfen auch wohlgesetzte Worte nichts.

    • Lieber Manfred,

      Aus meiner persönlichen Erfahrung mit der Arbeit mit Maria, kann ich deine Vorbehalte zwar verstehen – ich hatte diese zu Beginn auch- jedoch kann ich nach längerer und tieferer Auseinandersetzung mit dem Weg den sie geht bestätigen, dass die herkömmliche Psychotherapie und Psychologie zu kurz greift, da sie immer noch aus dem geliebten Kind System von dem sie ja spricht kommen.
      Leider können chronische Symptome und tiefe schwere Traumata dadurch keine Heilung finden.
      An Marias Weg ist etwas dran und jedem der chronische, wiederkehrendes Leiden hat, dem empfehle ich sehr sich mit ihr auseinanderzusetzen!
      Die herkömmliche Psychotherapie und Psychologie ist zwar ein wichtiger Teil einer Heilung vor allem bei Diagnosestellung, jedoch greift sie insgesamt noch zu kurz und erreicht uns Menschen nicht in unserer Ganzheit, chronische Schmerzen oder Gefühle können dabei leider noch keinen Ausdruck finden und dadurch in die Welt kommen und heilen!
      Ich empfehle sie sehr!

      Alles Gute!

      • Was ich an Maria Sanchez und auch Ihrem Beitrag kritisiere, ist die unglaubliche Überheblichkeit, zu behaupten, „die herkömmliche Psychotherapie und Psychologie greife zu kurz“. So etwas kann nur jemand behaupten, der sich mit den seit Jahren zum Standard moderner Psychologie und Psychotherapie gehörenden meta-kognitiv-emotionalen Verfahren schlicht nicht auskennt.

        • Hallo Manfred ! Ich habe auch schon unzählige Psychotherapien hinter mir. Und ich bin mir mittlerweile auch sicher das die derzeitige Psychotherapie wie sie in massen gelehrt und angeboten wird tatsächlich viel zu kurz greift. Seit dem ich an den Kursen von Maria Teilnehme und auch ein Buch davon gelesen habe wurde mir immer klarer das es einige Teile in mir gibt die vergessen wurden. Ein wichtiger Punkt der mir sehr geholfen hat von Maria ist die Darstellung von Verzeihen. In all meinen Psychotherapien wurde mir nahe gelegt das Verzeihen Frieden und Besserung meiner Depressionen, Ängste, Hassgefühle usw. bringen wird. Das war immer wieder ein schlag ins Gesicht. Was ich im Nachhinein auch fatal finde ist das der Selbsthass in der Psychotherapie sehr oberflächlich behandelt wird. Mir wurde in all den Therapien nahe gelegt ich solle mich auf meine stärken konzentrieren und die schönen Seite von mir erkennen. Das bringt nur kurzzeitig Besserung aber der Hass ist noch größer zurückgekommen. Erst durch die Tipps von Maria wurde mir von Zeit zu Zeit bewusster das in meinem Selbsthass weit mehr dahintersteckt. Ich möchte nicht die gesamte Psychologie hinterfragen aber habe doch das Gefühl das einige Psychologische Seiten des Menschen nicht so gerne gesehen werden, da sie auch sehr mit dem Gesellschaftsbild zusammenhängen.

  • Drücke ich mich eigentlich so unklar aus? Die therapeutische Vorgehensweise von Maria Sanchez ist durchaus richtig, allerdings ein alter Hut, weil sie lediglich kopiert, was tiefenpsychologische und insbesondere auch meta-kognitiv-emotionale Verfahren bereits zig Jahre vor ihr beschrieben und praktiziert haben.

    Gelernt hat sie das, was sie macht, auch als sogenannte „Prozessarbeit“ am Institut für Prozessorientierte Psychologie, Zürich. Vor diesem Hintergrund so zu tun, als sei ihre Arbeit etwas „revolutionär“ Neues und der gesamten Psychotherapie einen „großen blinden Fleck“ vorzuwerfen, ist nicht nur glatt und bewusst falsch, sondern auch maßlos dreist und überheblich.

    Daran ändert auch Ihre eigene negative Therapieerfahrung nichts. Sie sind schlicht an die falschen Leute geraten. Von diesen unrühmlichen Ausnnahmen auf ein Versagen der gesamten Psychologie zu schließen, ist nicht nur völlig unlogisch, sondern insbesondere auch keine Rehabilitation des angeschlagenen Rufs von Maria Sanchez.

    • Ich kann hier nur meine Erfahrungen Preisgeben. Ich bin heute sehr froh das ich auf Maria gestoßen bin. Was mir hilft ist auch meine Wahrheit. Ich war in einigen Namhaften Psychologischen Einrichtungen wo ich auch mit verschiedenen Therapeuten zu tun hatte. Doch dieses Psychologische und Emotionale Verständnis in vollen Umfang mit all den Seiten konnte ich nirgendwo feststellen und erfahren. Das erste mal im Leben habe ich das Gefühl ich lebe wieder. Und das deswegen weil ich vieles neu kennenlernen durfte. Wenn für Sie das nicht das richtige ist kann ich das auch verstehen. Ich denke jeder hat seine Erfahrungen gemacht. Ich wünsche Ihnen das richtige für sie zu finden. Jeder hat ein „Leben“ verdient.
      Ich bin froh das Sie auf den blinden Fleck hinweist. Denn das war auch das wichtigste für mich. Vermutlich gibt es das schon lange, das kann sein aber dann hätte ich mir bis dato diesen Hinweis auch sehr gewünscht. Denn genau das war mein Problem und mein Leiden. Ich denke auch das dieser Weg in der heutigen Zeit um schnell wieder gesund zu werden nicht der richtige darstellt in viele Medizinischen Einrichtungen.
      Alles gute auf Ihren Weg.

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