Sind Stimme und Körper ein organisches Ganzes? Der Idealfall wäre ein authentischer, ehrlicher, wahrhaftiger Mensch im Einklang mit sich selbst und der Welt.

Miroslav Grosser
Von Kindheit an Musiker, spielt Konzerte, Studioproduktionen. Experte in Obertongesang. Ursprünglich Lehre als Elektromechaniker und Ausbildung zum Erzieher. Danach diverse private Weiterbildungen in Körpertherapie. Entwicklung eigener Therapiemethode namens „ganzheitliches Stimmcoaching“, das er seit über 25 Jahren anbietet (
https://www.stimmlabor.de) und auch in Seminaren und Ausbildungen weitergibt.

Schon unsere Großeltern sagten uns stets, das Wichtigste im Leben ist Gesundheit. In seiner Reihe „Mach’s weg“ interviewt Laurens Dillmann verschiedene Berufsgruppen des Gesundheitswesens. Wieso sind diese Menschen ihrer Berufung gefolgt? Wie sieht ihr Berufsalltag aus? Warum kümmern sie sich? Was hat es mit alternativen Heilmethoden auf sich? Und lässt sich Krankheit einfach “wegmachen”?

Wie sieht ein normaler Arbeitstag als Stimm-Coach aus?
Mein Tag beginnt mit Fitness für den Körper, die Stimme und meinen Geist. Ich mache viele Stimm- und Gesangsübungen, noch direkt aus dem Schlaf heraus.  Dann folgen Meditation, Yoga, Joggen und Trampolinspringen. Dann natürlich viel Bürokratie, E Mails, Vorbereitung auf meine Coachings, normalerweise drei pro Tag. Manchmal habe ich aber auch Probentermine für Konzerte oder Aufenthalte im Tonstudio. Am Wochenende gebe ich zudem meist Seminare und Workshops.

Was genau tust du, wenn du einen Menschen stimm-coachst?
Das eigentliche Coaching wird von mir intuitiv geleitet. Ich arbeite nicht mit festen Strukturen oder Konzepten, sondern habe sie alle im Hinterkopf und kann je nach Bedarf auf sie zugreifen. Eine normale Session sieht so aus: Nach einer kleinen Begrüßung und einem Tee wird die Frage besprochen: Was schwingt aktuell in diesem Menschen? Und wir stellen uns die Frage nach der Ausrichtung des Tages. Was soll heute gemeinsam erreicht werden?

Mit welchen Wünschen kommen Menschen zu dir?
Wenn die Menschen ein bestimmtes Problem schildern, ist ihnen oft noch nicht genau klar, worin ihr Konflikt besteht. Wir finden das dann gemeinsam heraus. Welches Thema liegt unter der Symptomatik? Wenn Menschen zum Beispiel mit Kehlkopf, Hals- und Stimmbeschwerden kommen, ist das ein Thema, das sich in ihrem Leben widerspiegelt. Die Stimme ist somit ein diagnostisches Werkzeug, und auch ein Medium für die Selbstregulation von Lebensenergie.

Kannst du das präzisieren? Was genau hat unsere Stimme mit Gesundheit und Krankheit zu tun?
Ich bezeichne die Stimme gerne als ein Wahrgebungs-Organ. Sie gibt eine Wahrheit wieder. Eine energetische Wahrheit, eine Schwingungs-Wahrheit. Als Menschen sind wir schwingende Wesen, schwingende Materie. Ziemlich komplex. Im Idealfall sind all diese Schwingungen, Rhythmen und Melodien, die in uns ablaufen, miteinander in Harmonie. Diese Harmonie äußert sich unter anderem in einer gewissen Entspanntheit und Gelassenheit, in Präsenz. Da die Stimme über die Faszien mit allen Muskeln in unserem Körper verbunden ist, zeigt sie etwas über den Zustand von innerer Harmonie oder eben von den Konflikten in unserem Körper.

Für mich ist am Klang der Stimme teilweise hörbar, ob ein Mensch seine Lebensenergie unterdrückt. Manchmal wird es aber erst wirklich hörbar, wenn Menschen über bestimmte Themen sprechen können. In der Art, wie sie darüber sprechen und in der Art, wie ihre Stimme dann klingt. Ich unterstütze die Menschen dann, sich selbst besser wahrzunehmen, indem ich meine Wahrnehmung von ihnen mit ihnen teile.

Dann gibt es verschiedene Übungen, Methoden und Techniken, um die Stimme in Gang zu bringen. Damit sie einerseits mehr von sich zeigt. Und andererseits lässt sie sich als das Muskelsystem, das sie ist, auf diese Weise auch trainieren und stärken. So rational betrachtet könnte man Stimm-Training als rein körperliches Training bezeichnen. Doch das ist nicht der Fall, weil alle Menschen ihre Persönlichkeits-Themen aus ihrer Biographie mitbringen und das sowohl Einfluss auf ihre Stimme hat als auch auf die Art, sich zu artikulieren. Kann der Mensch sich charismatisch präsentieren, seine eigene Energie erlauben? Sie frei zum Ausdruck bringen, über den gesamten Körper, und damit auch über die Stimme? Im Gesangs-Kontext nennt man es die Suche nach der wahren, authentischen, natürlichen und freien Stimme.

Welche Blockaden zeigen sich in der Stimme und wie arbeitest du damit?
Wenn eine Stimme sich zeigt und äußert, steht die Frage dahinter, wie sehr der Rest des Körpers mit ihr verbunden ist. Sind Stimme und Körper ein organisches Ganzes? Der Idealfall wäre ein authentischer, ehrlicher, wahrhaftiger Mensch. Da das oft nicht der Fall ist, entwickeln Menschen viele Strategien und Muster, um ihre Wahrheit nicht zu sprechen, oft noch nicht einmal vor sich selbst. Das ist in der Stimme hörbar und im Körper sichtbar, und für mich oft auch fühlbar. Teilweise hängen diese nicht ausgedrückten Energien seit Jahren und Jahrzehnten im Körper fest. Zum Beispiel abgewertete Wut. Sie muss aus dem Körper entlassen werden, weil sie sonst im Körper Unfug treibt, bis in die Psyche hinein. Oft sind Blockaden Geschichten aus der Kindheit, ungeklärte Beziehungsthemen mit den Eltern. Wenn Menschen nicht bereits vorher in Therapie waren, kommen diese Geschichten auch oft im Stimm-Coaching hoch. Die Kernüberzeugungen eines blockierten Menschen können z.B. lauten: 

Ich werde nicht wahrgenommen.
Es macht keinen Sinn, wenn ich den Mund aufmache.
Ich sollte lieber still sein.
Ich bin es nicht wert.
Ich darf nicht bestimmen und führen, mit meiner Stimme.
Ich werde nicht gehört. 

Die Erfahrungen, von den eigenen Eltern nicht vollständig erfasst, gesehen und gehört zu werden, macht fast jeder Mensch. Oft sitzen die Blockaden auch im Beckenbereich, wo Lebensenergie gefangen ist. Weil das freie Ausdrücken und Leben von sexueller Energie in dieser Gesellschaft meist nicht vollständig erlaubt wird. Die Stimme ist mit dieser Becken- oder auch Wurzelenergie sehr verbunden, sie kommt „von unten“. Die Verbindung zur Erde spielt eine tragende Rolle. Ist ein Mensch als Seele in seinem Körper bereits richtig angelangt? Will er überhaupt wirklich hier sein, ganz und 100-prozentig? Oder gibt es da noch Bedenken, Zweifel, Skepsis, Misstrauen gegenüber den Mitmenschen und der Welt? Oder sogar auch sich selbst gegenüber?

An solche Themen begeben mein Coachee und ich uns dann, mit möglichst liebevollen, wertschätzenden, nicht-invasiven Methoden. Sodass der Mensch nicht Gründe bekommt, weitere Widerstände aufzubauen. Sondern einen Raum spürt, in dem er/sie sich endlich mal zeigen kann, wie er bzw. sie ist. Wo er/sie angenommen und akzeptiert wird. In diesem Raum kann sich der Mut entwickeln, die eigenen Themen und auch Schattenseiten anzuschauen. Und sogar anzuhören.

Was für Stimm-Übungen machst du mit deinen Coachees?
Oft beginnt es mit Lockerungs-Übungen, sich zum Beispiel durchschütteln, um im Moment anzukommen. Wenn Menschen aus der Stadt zu mir kommen, haben sie oft Stress und unsortiertes Gedanken-Wirrwarr in sich, was es loszulassen gilt. Wir nutzen den Klang der Stimme, um in sinnliche Erfahrung der eigenen körperlichen Präsenz zu kommen. Dort heraus lässt sich die momentane Wahrheit eines Menschen besser erfassen. Wenn der Körper befreiter wird, lässt sich diese Entspannung auch auf die Stimme übertragen.

Dann gibt es manchmal – insbesondere zu Beginn eines Stimm-Coachings – Imaginations-Übungen aus dem katathymen Bilderleben. Der Stimme ein Bild oder Symbol geben, um sich besser mit ihr verbinden zu können. Brainstorming in Bezug auf Stimme, Singen, Präsentation. Hinterfragen der eigenen Muster. Wie will ich mich selbst sehen und hören? Wie will ich diese Welt betreten? Dabei kommen erstaunliche Dinge aus dem Unterbewussten an die Oberfläche des Bewusstseins und werden gemeinsam reflektiert. Als Ergebnis davon entstehen meist emotional aufgeladene – weil so stark und tief mit der eigenen Entwicklungs-Geschichte verbundene Heilungs-Sätze. Zum Beispiel:

Ich zeige meine Wahrheit!
Ich sorge dafür, dass ich gehört werde!
Ich erhebe meine Stimme!

Diese Heilungs-Sätze beinhalten meist die Rückübernahme der eigenen Verantwortung in der Kommunikation und werden dann verklanglicht. Sie werden ins Sprechen und auch ins Singen überführt. Die Stimme kann ein machtvolles Werkzeug sein, sich selbst auszudrücken. Da geht es jedoch nicht in erster Linie um Lautstärke, sondern eher um innere Klarheit über die eigene Ausrichtung, um das Aufbauen von Selbstvertrauen und die Gewissheit über die eigene Selbstwirksamkeit. Das wird geübt. Manchmal sogar vor dem Spiegel.

Weitere Standard-Übungen sind die, in denen es um Abgrenzung geht. Weil viele Menschen kein klares Ja zu ihrem Leben geben können. Noch nicht mal ein klares Nein zu dem, was ihnen nicht gut tut. Wenn ich diese Fähigkeit zum Nein nicht habe, gibt es immer eine Restangst, dass etwas Schlimmes passieren könnte, gegen das ich mich nicht wehren kann. Das erschwert die vertrauensvolle Hingabe ans Leben massiv. Abgrenzungs-Übungen macht man, um sich selbst zu behaupten. Um die eigenen Wünsche und Wertvorstellungen zu vertreten. Zu merken, ein Nein zu einer Fremd-Energie ist ein Ja zur mir selbst. Und dieses Ja brauche ich, um meine Bestimmung leben zu können.

Die eigene Bestimmung ist ein nächstes Thema, das immer wieder im Zusammenhang mit Stimme ins Spiel kommt. Da ist die Frage: Woran merke ich überhaupt, dass ich in Einklang mit meiner Bestimmung bin? Gibt es eine Stimme in mir, die ich als höchste Autorität anerkennen kann? Oder ist so ein chaotisches Team von Stimmen in mir, dass ich noch nicht mal weiß, wer gerade spricht, wenn ich in mir etwas höre? Viele Menschen hören in sich innere Stimmen, sind sich aber nicht klar, aus welcher Quelle diese kommen. Die Frage ist, können sie den Kontakt aufbauen zur Quelle des Lebens und deren Stimme hören? Auch daran arbeiten wir.

Auf welche Werte berufst du dich in deiner Arbeit mit Menschen?
Schöne Frage. Mein höchster Wert ist die Ehrung der Energie des Lebens. Dazu gehört auch mein eigenes. Innerhalb eines Stimm-Coachings achte ich sehr stark darauf, wie es dem anderen geht – dem soll es natürlich möglichst gut gehen – aber auch darauf, wie es mir geht. Nur wenn es mir richtig gut geht, habe ich auch den Kontakt zu möglichst vielen Ebenen meines Seins, aus denen ich wahrnehmen kann. Diese Mehr-Wahrnehmung ist aus meiner Sicht das Geschenk, das ich Menschen gebe. Beziehungsweise das, was ich mit ihnen tausche. Ich bekomme ja Geld von den Menschen und sie bekommen u.a. eine erweiterte Wahrnehmung von mir, sowie eine Art Training und Anleitung, um ihre eigene Wahrnehmung zu erweitern.

Ich nehme auf der körperlichen, auf der emotionalen und mentalen Ebene wahr. Ich kann Gedanken und Glaubenssätze der Menschen manchmal sogar nahezu hören. Oder sie zumindest punktgenau erfragen. Bis auf die spirituelle Ebene, wo ich Energien im Raum um uns wahrnehme. Und Impulse bekomme, etwas zu verändern, damit Lebensenergie freier fließen kann. Diese Freiheit ist für mich ein sehr hoher Wert. Doch ich erlebe immer wieder, wie sehr gelitten wird unter der Idee, dass Trennung zwischen den Menschen existiert. Und auch unter der Idee, etwas Anderes als ich selbst hätte Macht über mich. Natürlich sage ich nicht, jeder Mensch ist allmächtig. Ich meine, wir sind alle Co-Kreierende. Mitschöpfer und Mitschöpferinnen. Wir erschaffen gemeinsam das, was wir gemeinsam als Leben wahrnehmen. Darüber Bewusstsein zu schaffen, sehe ich als Teil meiner Bestimmung. Weil es zum Stimmen des Instrumentes Mensch gehört, in Bezug auf das Leben selbst.

Wie hat dein Beruf als Stimm-Coach dich selbst verändert?
Ich bin ja vom Herzen her Musiker und habe eine Zeit lang damit gehadert, so viel Coachings zu geben, und nur ab und zu auf der Bühne sein und selbst musizieren und produzieren zu können. Im Laufe meiner Arbeit habe ich dann verstanden, wie tief es mich selbst berührt, Menschen zu unterstützen, sich selbst wieder einzustimmen. In Resonanz und Harmonie zu kommen, mit sich selbst, dem Leben und der Welt. Das ist ein sehr erfüllender Beruf, weil ich mich dazu berufen fühle. Den Beruf habe ich mir nicht ausgedacht, ich fühlte mich dazu vom Leben gerufen. Es passierte frei fließend und von ganz alleine, war keine Kopf-Idee. Seit letztem Jahr gebe ich auch eine Ausbildung zum ganzheitlichen Stimm-Coach.

Du sprichst viel von Energie und Ganzheitlichkeit. Kommen nur Menschen zu dir, die bereits in der Materie der Spiritualität sind?
Auch eine schöne Frage. Deine Formulierung „in der Materie sein“ ist ja interessant. Denn die Menschen, die zu mir kommen, spüren bereits, dass sie mehr als Materie sind. Sie sind mit einem Teil ihres Bewusstseins bereits auch außerhalb der Materie, nicht mehr ganz und ausschließlich gebunden daran. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen bereits über meine Website lesen und spüren, wie ich mich ausrichte. Viele Menschen haben diese ganzheitliche Ausrichtung in sich selbst jahre- oder jahrzehntelang vermisst. Und zwar in ihrem eigenen Umgang mit dem Leben, als auch im Umgang anderer Menschen mit ihnen. Oft sagen sie mir: Endlich finde ich jemanden, der diese ganzheitliche Ausrichtung auch formuliert und dazu steht. Oder sind sind selbst schon lange auf diesem Weg der Ganzheitlichkeit und freuen sich, dass sie bei mir eine Resonanz spüren, was eine gute Grundlage für die Zusammenarbeit ist. Das führt dazu, dass ich gewissermaßen nur ideale Klienten und Klientinnen bekomme.

Es gibt mittlerweile genügend Wissenschaftszweige, die sich mit ganzheitlichen Themen beschäftigen. Ich nenne nur die Neuropsychoimmunulogie, die nachgewiesen hat, dass jeder Gedanke, jedes Bild in unserem Geist eine direkte Auswirkung auf die Chemie in der Zelle hat. Mind over Matter. Das ist mittlerweile Fakt. Der Geist bestimmt die Materie. Da gibt es die Anekdote des Menschen, der in einem Tiefkühltransporter eingeschlossen war, und nach mehreren Stunden mit Erfrierungen gestorben ist. Der Tiefkühltransporter war aber nicht angeschaltet. Die Erfrierung hatte er nur in und durch seinen Geist manifestiert. So gibt es auch positive Beispiele sogenannter Wunderheilungen, wodurch bewiesen wurde, dass Wissenschaft nicht immer recht hat, sondern dass der Geist einfach stärker ist. Was nicht heißt, dass der Mensch über physikalische Gesetze erhaben ist.

Was bedeuten in diesem Sinne Gesundheit und Krankheit für dich?
Ich bin Anhänger der Salutogenese. Dort wird immer wieder betont, dass es um Kohärenz geht. Also um Übereinstimmung von unserem Inneren mit dem Äußeren. Dort werden drei Kriterien benannt, wie wir spüren können, dass wir im Einklang sind. Durch die Sinnhaftigkeit, die wir entdecken und selbst erzeugen können. Durch die Verstehbarkeit der Prozesse und Handlungen unseres Lebens. Und durch deren Handhabbarkeit, also dass wir damit wirksam umgehen können.

In Bezug auf die Stimme: Von Natur aus ist ihre Flexibilität unendlich groß. Das beweisen Stimm-Imitatoren und großartige Sängerinnen und Sänger, die mit ihrer Stimme quasi Übermenschliches zu leisten im Stande sind. Sodass man sich fragt, wie kann das sein, dass so ein kleines Organ von zwei bis zweieinhalb Zentimetern Länge solche Klänge produziert. Aber es sind ja nicht nur die Stimmlippen selbst, und der gesamte Vokaltrakt mit Kiefer, Zunge, Lippen, Gaumen, Nase, Rachenraum. Sondern der gesamte Körper als Schwingungs- und Resonanz-Instrument einer Stimme als Diener unseres möglichst freien Geistes.

Für mich ist in Gesundheit also ein freies Schwingen. Das braucht aus meiner Sicht eine Erlaubnis im Geist. Die Menschen nicht immer 100-prozentig gelernt haben. Ich schaue also in den Coaching-Prozessen nach diesen Abwertungs-Programmen. Wo ein Mensch sich selbst, seine Stimme oder auch andere Menschen und deren Verhaltensweisen abwertet. All das wirkt auf die Stimme und den Rest des Körpers ein. Dieses freie Schwingen und Strömen von Lebensenergie lehnt sich an an die Erkenntnisse der Pioniere der Körpertherapie wie Alexander Lowen, Wilhelm Reich, Gerda Boyesen, um nur einige zu nennen.

Warst du selbst schon mal schwer erkrankt?
Meine Mandeloperation im Alter von sieben Jahren, als ich über lange Zeit viel Blut gespuckt habe, fühlte sich schwer an. Dreimal in Berlin angeschossen worden zu sein, ist zwar keine Krankheit, aber eine schwere Psychosomatik, die ich zum Glück entschlüsseln und integrieren könnte. Durch eine Missbrauchs-Erfahrung in meiner Kindheit habe ich früher auch schwere Sucht-Tendenzen gehabt.

Welche Rolle spielt beim Heilungsprozess das Nähren, Geborgenheit und die Aufmerksamkeit eines anderen Menschen?
Eine wesentliche. Wenn ein Mensch empathisch wahrgenommen wird, macht das bereits einen großen Teil von Heilung aus. Das pure mitfühlende, wohlwollende Dasein und tiefes Zuhören löst oft bereits tiefe Prozesse aus. Da ist jemand, der mich wahrnimmt und der auch interessiert daran ist, was ich teile. Das geht zum Beispiel gut, indem man paraphrasiert. Indem man benennt und wiederholt, was gesagt wurde, wodurch jemand weiß: Ich wurde wahrgenommen.

Ich selbst habe solche Momente auch als tief heilsam erlebt, in denen ich fast nur durch Präsenz oder liebevolles, sanftes Nachfragen begleitet wurde. Ich erlebe es auch so, dass das Leben an sich den Wunsch hat, wahrgenommen zu werden. Als gäbe das dem Leben seinen Sinn, wenn es von einem anderen Wesen wahrgenommen wird. Dann lebt das Leben erst richtig. Dann entsteht Beziehung und eine ganz andere Lebensqualität. Beziehung erschafft Bewusstsein, weil ich etwas an dir wahrnehme und dir mitteilen kann, was wiederum dein Bewusstsein vergrößert. In diesem, größeren Raum darf mehr von dem Ich sein, was ein Mensch ist. Menschen wachsen dann. Ihre Haltung verändert sich zu etwas Königlichem. Was aus meiner Sicht mit Schöpfungs-Bewusstsein plus Verantwortung in Verbindung steht. Jeder Mensch hat Verantwortung, mit seiner Energie zum Wohle aller Wesen umzugehen. Das wird meist erst möglich, wenn ein Mensch erlebt, wohlwollend wahrgenommen zu werden. Etwas, das in dieser Gesamtheit in dieser Gesellschaft leider nicht selbstverständlich ist. Deswegen stehe ich auch außerhalb der Coachings für meine Klienten zur Verfügung. Weil ich auch Verantwortung sehe, für das, was ich da an Prozessen in Gang bringe.

Ich habe hier eine Liste, die nenne ich „Medikamente, die man nicht in der Apotheke kaufen kann“: Lachen, Berührung, Geborgenheit, frische Luft, Sonnenlicht, tiefe Atmung, Gelassenheit, Frieden und und und.
Da kannst du gleich Summen und Singen noch mit drauf schreiben. Auch das erweckt unsere Heilkräfte und ist wissenschaftlich nachgewiesen. Nicht nur durch das Immunglobulin A, der Indikator für die Stärke unseres Immunsystems. Sondern auch durch das Bindungshormon Oxytocin, das massiv erhöht wird. Wenn du da ein bisschen recherchierst, findest du viel zur Heilkraft des Singens und Summens. Was für jeden jederzeit verfügbar ist. Außer es besteht wirklich eine organische Stimmschädigung.

Wie erlebst du die derzeitige gesellschaftliche Stimmung um Corona?
Viele Menschen sprechen aufgrund der Zensur in ihrem Kopf ihre eigene Wahrheit nicht aus. Wenn wir als Gesellschaft freier fließende Lebensenergie und Freude kultivieren wollen, müssten wir Einiges neu sortieren und umorganisieren. Das kann erst passieren, wenn die Menschen beginnen, ihre Wahrheit zu teilen. So wie es zum Beispiel die ganzen Whisteblower getan haben. Sie sprachen das aus, was sie als Wahrheit wahrnahmen. Aus meiner Sicht müssen viele Menschen ihre inneren Hausaufgaben noch machen, und nun sind sie herausgefordert, es zu tun. Die Dringlichkeit von innerer Entwicklung steigt mit den äußeren Umständen, die wir gerade erleben. Weil wir sonst in einen Strudel hineingezogen werden, der uns nicht gut tut. Nun darf jeder selbst die Entscheidung treffen, ob er stattdessen eine andere Realität erschaffen will.

Ich sehe diese Virus-Krise als eine Chance, mehr in Richtung Authentizität und Wahrhaftigkeit zu kommen. Die Trendbewegung „Radical Honesty“ deutete das bereits an. Hundertprozentige Ehrlichkeit ist allerdings für die meisten Menschen momentan noch eine Überforderung. Aber sie auch nur mit sich selbst zu praktizieren, ist schon ein toller Schritt. In diese Richtung geht es, sonst knallen uns das Leben und unser Körper diese Wahrheiten immer härter auf den Tisch. Bis wir hinschauen.

Wenn du König von Deutschland wärst und das Gesundheitswesen reformieren könntest:
Ich würde kostenlose Psychologie-Kurse für angehende Eltern anbieten. Dazu psychologische Tests als Teil einer notwendigen Zertifizierung für angehende Führungskräfte im pädagogischen, wissenschaftlichen und politischen Bereich. Die Untersuchung von Lobbyismus-Strukturen zwischen Pharma, Politik und Gesundheitswesen. Und die Auflösung derselben durch Verstaatlichung der Krankenkassen nach dem Prinzip: Eine für Alle. 

Ich würde die Wirksamkeit alternativer Heilmethoden durch staatlich durchgeführte Studien fördern. Mit leicht zugänglicher Veröffentlichung der Ergebnisse. Ich würde die Umlenkung finanzieller Ressourcen auf den Gesundheitssektor forcieren. Und eine staatlich subventionierte Umstellung der gesamten Landwirtschaft auf pestizid- und chemikalienfreien biologischen Anbau. Und damit auch den Wegfall der Bio-Kennzeichnung, weil sowieso nichts Anderes mehr erlaubt ist.

Vielen Dank für deine Fragen, die mich zum Reflektieren einluden. Um es nochmal musikalisch zu betrachten: Ich mag es, das Leben als Musik zu begreifen. Mich als Musiker zu verstehen, der frei improvisiert mit anderen Musikern und Musikerinnen, die auch alle frei improvisieren. Ich mag es, mich immer wieder zu fragen: Auf welche Weise kann ich die Musik des Lebens bestmöglich unterstützen, für alle Beteiligten? Damit wir alle zusammen Genuss, Freude, Spaß und Abenteuer erleben können, damit wir sagen: WOW! Wie geil, dass wir DAS zusammen erleben durften. Im allerbesten Sinne. Das wünsche ich mir für uns ALLE!

Foto-Credit: privat

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.