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Wenn wir in unserer Präsenz sind, fällt es uns leicht uns zu zeigen, und unsere Wünsche, Ideen und Vorhaben mit gutem Mut und Zuversicht zu realisieren.

Sven Fechner
Ausgebildeter Schauspieler. Vier Jahre Engagement beim Stadttheater in Celle.
Danach 10 Jahre freies Theater in Hannover, Mainz und Karlsruhe. Umzug nach Berlin, Umbruch, Ausbildung zum Heilpraktiker für Psychotherapie und in Schamanismus, zudem Synchronsprecherausbildung. Stimme für u.A. Tom Burke, Colton Dunn und Jason R. Moore. Praktizierender Buddhist. Bietet Präsenzcoaching an.

Schon unsere Großeltern wussten, das Wichtigste im Leben ist die Gesundheit. In seiner Reihe „Mach’s weg“  interviewt Laurens Dillmann Menschen aus dem Gesundheitswesen. Wieso sind sie ihrer Berufung gefolgt? Auf welche Werte berufen sie sich? Warum kümmern sie sich um ihre Mitmenschen? Welche Rolle spielen Geben & Nehmen in diesem Prozess? Was lässt uns heilen? Und lässt sich Krankheit einfach “wegmachen”? 

Mach`s weg” ist als Diskussionsanstoß und Forum für Visionen eines neuen Gesundheitswesens gedacht. 

Laurens Dillmann: Was ist Präsenzcoaching?
Sven Fechner: Ich habe Lust und die Fähigkeit, Menschen durch Prozesse zu begleiten. Sowohl auf spiritueller Sichtweise, als auch ganz konkret. Das nenne ich Präsenzcoaching. Es ist eine Fähigkeit von mir, Menschen zu begleiten und zu führen. Ihnen Vertrauen und einen sicheren Raum geben, damit sie sich trauen, sich zu zeigen. Ich weiß, wie man mit der Stimme umgeht. Ich weiß, wo die Blockaden sind und welche Ängste man hat, wenn man vor Leuten spricht. Ich weiß, wie man mit Lampenfieber umgehen kann. Wie man sich entspannt, damit die Stimme richtig sitzt. Wie man den Druck loswird, jetzt gut sein, gut aussehen, kluge Dinge sagen zu müssen. Zur Zeit läuft mein Gruppenexperiment „Zeig dich“ in der ufaFabrik in Berlin, wo ich ein halbes Jahr mit zwölf Leuten diese Dinge übe. Sehr spannend, was da passiert. Ich bin ganz beglückt.

Welche Menschen brauchen deiner Meinung nach Präsenzcoaching?
Zum Beispiel gibt es Menschen, die eine Kameraphobie haben. Sobald eine Linse auf sie gerichtet ist, bekommen die einen Ganzkörperkrampf. Kein Wort kommt aus ihnen. Hochkompetente Menschen mit viel Fachwissen, die einen Vortrag vor Menschen halten müssen, verlieren plötzlich jegliche Souveränität und jedes Fachwissen. Zumindest wirken sie so. Das finde ich sehr schade und deswegen habe ich Bock darauf, mit meiner bald 30 jährigen Erfahrung als Schauspieler auszuhelfen. Präsenzcoaching wird es in Zukunft als Gruppen, und auch als Einzelcoaching geben. Zudem halte ich Vorträge darüber (Stimmt das?). Präsenzcoaching wird mein zweites Standbein zum Synchronsprechen und es lässt sich gut verbinden.

Foto-Credit: Cosima Höllt

Wie sieht zur Zeit ein normaler Arbeitstag bei dir aus?
Ganz unterschiedlich. Ich stehe gerne früh auf, zwischen sechs und sieben. Minimum bis neun Uhr ist Zeit für mich. Ich schmuse mit meinem Kater, kommuniziere übers Handy mit der Welt und dann meditiere und chante ich. in meinem Fall das Mantra NAM MYOHO RENGE KYO. Eine halbe Stunde mindestens. Das gibt eine andere Energie für den Alltag. Ich mache das seit gut 25 Jahren, beinahe täglich. Und ich merke, wenn es fehlt. Es ist Seelennahrung, Seelenfrühstück. Eine Möglichkeit der freien Übersetzung des Mantras wäre: „Ich harmonisiere mich mit der grundlegenden Energie des Lebens“ oder auch „Ich bin der Buddha/die Buddhanatur selbst und schwinge mich mit meinem ganzen Sein darauf ein“.

Von zehn bis 20 Uhr bin ich meist im Synchronstudio. An anderen Tagen arbeite ich mit der „Zeig dich“-Gruppe. Da sieht jeder Tag anders aus. Wir arbeiten an unseren Stimmen. An Wahrnehmung. Sich, die Anderen, den Raum spüren. Ein Gefühl bekommen, wie man die Stimme senden kann, damit sie auch in 20 Metern noch ankommt. Es gibt Monologarbeit mit Theaterliteratur. Und wir arbeiten viel mit Improvisation. Damit eine Leichtigkeit reinkommt. Sich in Situationen werfen, ohne zu viel nachzudenken. Dann macht es sogar Spaß.

Wie definierst du Präsenz und wie kann man sie stärken?
Präsenz bedeutet für mich Ausstrahlung, Authentizität und Echtheit. Für mich entspricht das der idealen ursprünglichen Schwingung oder Frequenz, in der ich mich absolut wohl fühle, souverän und angstfrei agieren kann und mit Lust und Freude kommuniziere und am Leben teilnehme. Diese ganz individuelle Schwingung ist bei vielen von uns durch verschiedenste, teils traumatische Erlebnisse in diesem oder in vergangenen Leben verloren gegangen oder in Disharmonie mutiert, so dass wir energielos, lustlos und dauernd kränkelnd – sowohl psychisch als auch physisch – durchs Leben torkeln. Wenn wir in unserer Präsenz sind, fällt es uns leicht uns zu zeigen, in einen konstruktiven Austausch mit unserer Umwelt zu treten und unsere Wünsche, Ideen und Vorhaben mit gutem Mut und Zuversicht zu realisieren.

Was verrät unsere Stimme über uns und wie kann man sie für die eigene Gesundheit einsetzen?
Im Buddhismus heißt es „Die Stimme verrichtet die Arbeit des Buddhas“. Wenn wir in unserer Kraft, unserer Budhha-Natur, schwingen, also frei von allen Blockaden und Krankheiten, die durch unser Karma verursacht werden, sind, dann ist unsere Stimme klar, wohlklingend und weitreichend, sowohl physikalisch als auch energetisch. Unsere Muskulatur im Hals und im Rachen ist entspannt, es stehen uns alle Resonanzräume zu Verfügung um unser Innerstes in Schwingung zu bringen. Und das erzeugt Resonanz, also kommt beim Gegenüber und in der Welt an. Dabei kommt es nicht auf den Inhalt an, sondern auf unseren Lebenszustand. Deswegen chante ich mein Mantra, was auf dem Lotus-Sutra beruht, da ich mit meiner Stimme dadurch mein gesamtes Immunsystem stärke, auf allen Ebenen: psychisch, seelisch und natürlich auch physisch. Gleichzeitig trainiert es meine Stimmbänder und lässt mich mich selbst spüren durch die Schwingung, die erzeugt wird. Es ist wie eine Stimmbandmassage.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung in deiner Arbeit?
Bei “Zeig dich” nutzen wir auch die sozialen Medien. Zu Wochenbeginn gibt es eine Online-Gruppenchallenge. Wir machen ein Fotoshooting. Ich habe bei einem Fotografen gelernt, wie man gute Portraits macht. Fotoshootings sind auch ein wichtiger Aspekt des Präsenzcoachings. Wenn Leute Fotos von sich haben möchten, gehen sie meist zum Fotografen und bekommen Krampffotos. Man sieht es, dass sich dort keine Zeit genommen wird. Wir arbeiten diese Fotos wirklich aus, kein Hochglanz, nichts gestellt, dafür haben wir zwei, drei wirklich authentische Fotos auf denen die Person möglichst so erfasst ist, wie sie wirklich ist. Das wird immer wichtiger. In den sozialen Medien läuft bei der Selbstpräsentation fast alles über Foto und Video. Wir haben seit 15-20 Jahren diese Möglichkeit, uns so zu zeigen und es gibt das Bedürfnis vieler Menschen, das auch zu tun. Und das Bedürfnis vieler Menschen, sich inspirieren zu lassen, was früher einfach nicht möglich war. In den 80ern gab es drei Fernsehsender, abends das Sandmännchen. Zur Zeit überrollen uns diese Möglichkeiten regelrecht. Soziale Medien sind eine tolle Möglichkeit, sich mitzuteilen. Vor allem für Menschen wie mich, die sich auch mit alternativeren Dingen wie Schamanismus befassen, Dort kann ich mich präsentieren und andere inspirieren. Natürlich ist es auch ein Tool um Werbung für die eigene Arbeit zu machen.

Auf welche Werte berufst du dich, wenn du mit Menschen arbeitest?
Interessant, dass du danach fragst. In erster Linie geht es mir um Wertschätzung. Sich selbst gegenüber. Dass der Klient oder Kunde spürt dass das, was er ist und mitbringt, wertvoll und einzigartig ist. Und dann um den Wert, diese Einzigartigkeit nach außen zu zeigen. Zu wissen, dass es andere Menschen gibt, die das auch sehen möchten und neugierig sind! Ich möchte, dass Menschen realisieren, dass sie der Welt ein Geschenk sind. Jeder von uns. Erst recht, wenn man es selbst nicht spürt. Oder denkt: Ich bin hässlich. Ich habe nichts zu sagen. Was ich mache, ist unwichtig. Das stimmt nicht!

Foto-Credit: Cosima Höllt

Nach 25 Jahren buddhistischer Praxis kann ich außerdem nicht anders, als aus der energetischen Perspektive zu gucken. Das Prinzip von Ursache und Wirkung ist für mich total schlüssig. In der buddhistischen Philosophie ist ganz klar, dass wir alle miteinander verbunden sind. Wir sind eins. Nicht getrennt. Nicht nur in dieser Philosophie, eigentlich in allen Religionen, wenn du es runterbrichst. Du und ich, wir sind nie von der Buddha-Natur getrennt. Die Frage ist, ob wir es erkennen können. Uns daran erinnern. Oder ob diese Erkenntnis verkümmert. Aus dieser Haltung heraus kann man Menschen jederzeit ein Gefühl für ihren Wert zurückgeben. Für das Geschenk, das sie sind. Dann fällt es auch leicht, sich zu zeigen. Weil man dann spürt, es hat einen Wert. Für irgendjemanden.

Gibt es eine Hierarchie zwischen dir und den Menschen, mit denen du arbeitest?
Als Heilpraktiker hatte ich interessanterweise oft das Gefühl. Leute kommen zu mir und sagen: Mach mich gesund. Machs weg. Das ging mir ehrlich gesagt ziemlich auf den Zünder. Und wenn ich das gemerkt habe, habe ich gesagt: Du bist hier nicht richtig. Ich habe mich zwar mit Psychiatrie, Psychotherapie, Psychologie, Psychopharmakologie, beschäftigt, eine schamanische und eine Aufstellungs-Ausbildung gemacht. Aber als Coach bin ich kein Heilpraktiker und kein Therapeut mehr. Als Coach verstehe ich mich als Prozessbegleiter. Wie eine Hebamme – jemanden durch einen Geburtskanal dabei unterstützen, in die Freiheit zu kommen.

Natürlich bin ich derjenige, der 25 Jahre Bühnenerfahrung mitbringt. Aber ich bin auf Augenhöhe. Ich kann ein paar Sachen. Die ich dir gerne beibringe, wenn du möchtest. Aber ich bin nicht dafür zuständig, etwas bei dir wegzumachen. Ich kann dich nur herausfordern. Und ich kann dir auf spiritueller, energetischer Ebene eine andere Perspektive anbieten. Probiers doch mal so. Vielleicht verändert es etwas. Zum Beispiel ist ein grundlegendes Prinzip im Buddhismus: Wenn du etwas erreichen möchtest, zum Beispiel Job, Karriere, wird es viel viel einfacher gehen und du wirst jede Unterstützung bekommen, wenn du jemand anderem hilfst, genau dasselbe zu erreichen. Oder sogar noch besser zu werden. Das ist auch eines der Prinzipien der Meister-Schüler-Beziehung, die oft nur halb verstanden wird. Du tust alles dafür, dass dein Schüler besser, glücklicher, freier, souveräner als du selbst wird. Andere unterstützen, damit man selbst Erfolg hat. Das wird uns nicht beigebracht. Aber ich habe so oft erlebt, dass es so viel besser funktioniert.

Fließt auch der Schamanismus in deine Arbeit mit ein?
Ja, das macht total Sinn für mich. Es gibt eine Methode, die nennt sich „Seelenanteile zurückholen“, wende ich oft an. Wie oft wurde dir als Kind gesagt: „Halt die Klappe, wenn Erwachsene sich unterhalten! Es interessiert keinen, was du zu sagen hast! Solange du deine Füße unter unseren Tisch stellst, hältst du die Klappe und tust, was wir sagen!“ Und jedes Mal – zack – zack – zack – verliert deine Seele die Lust und das Vertrauen, sich zu zeigen und seine Meinung zu sagen. Und zwar mit einer großartigen Stimme. Wenn du mal auf einen Spielplatz gehst und dir die Kinder anhörst: Wie laut die sind! Und die werden nicht heiser. Wie ist es bei vielen Erwachsenen? Zwei laute Sätze gesagt und sie kriegen ein Kratzen im Hals und trockene Stimmbänder. Das hat damit zu tun, dass Teile ihrer Seele nicht im Hier und Jetzt sind. Weil ihnen früher im wahrsten Sinne des Wortes der Mund verboten wurde. Diese Seelenanteile kann man zu sich zurückholen.

Was für Qualitäten braucht ein Mensch, der andere heilen oder ihnen helfen will?
Unerschütterlichen Optimismus und Hoffnung, dass Veränderung möglich ist. Wenn du als Therapeut selbst frustriert bist und nicht glaubst, dass sich etwas zum Guten verändern kann…das ist ja eine Energiefrage, man spürt es! Besonders in unseren Zeiten, wo man das Gefühl hat, die Welt wird verrückt, brauchst du Pioniere, die voll Hoffnung vorangehen. In der Erwartung, dass um die Ecke das Paradies wartet. Außerdem braucht man eine gute Menschenkenntnis. Ein gutes Gespür fürs Gegenüber. Was braucht er? Wo ist sie jetzt? Wo kann ich die Person abholen, die nächste Möglichkeit abholen? Was überfordert sie, was nicht?

Foto-Credit: Cosima Höllt

Wie schult man diese Wahrnehmung fürs Gegenüber?
Indem man viel mit Menschen zu tun hat. Ich habe so viel mit Gruppen gearbeitet, so viel in Ensembles. Theater ist eine sehr intensive, seelische Arbeit. Du holst alles aus dir selbst heraus. Sonst ist es nicht echt. Wenn du dabei kein Gespür fürs Gegenüber bekommst, kannst du diesen Job gar nicht machen. Ähnlich ist es beim Synchronsprechen. Ich komme ins Studio und habe keine Ahnung, was auf mich zukommt. Ich gucke die Takes und muss ganz schnell erfassen: In welcher Situation ist meine Figur? Ich habe meist nicht die Zeit, alle Folgen der Serie zu gucken, die ich synchronisiere. Seit 30 Jahren übe ich diese Wahrnehmung. Auch durch die buddhistische Praxis. Schauen, wie geht es meinen Mitmenschen? Ich glaube sogar, manchmal tue ich das zuviel und es täte mir gut, weniger auf die anderen zu achten. Diese Tendenzen habe ich auch. Aber wie gesagt, es ist ein lebenslanges Üben. Die buddhistische Praxis endet nie. „Irgendwann bist du erleuchtet und das wars dann.“ Das ist Quatsch, zumindest in meiner Vorstellung. Ein immerwährendes Üben, Inkarnation für Inkarnation. Zwei Schritte vor, einer zurück. Wenn ich mich aber in die Situation des Prozessbegleiters begebe, sind meine Sinne wirklich ganz fein. Es passiert mir selten, dass ich jemanden überfordere.

Wie kommen wir dahin, dass Meditation und Achtsamkeit Normalität werden?
Es macht total Hoffnung, dass es diese Bewegung bereits gibt. Und da sie auch sehr angefeindet wird, scheint sie auch einen großen Wert zu haben. Sonst wären die Gegenkräfte nicht aktiv. Ich glaube, es ist wichtig, den Begriff des Egoismus neu zu konnotieren. Egoismus wird heutzutage so negativ abgetan. Das wird oft impliziert mit: Kaltherzigkeit, ohne Mitgefühl, Ich zieh mein Ding durch. Berlin ist voll von Egomanen, hier war das Thema Trennung für 30 Jahre als Mauer manifestiert. Du kannst in der U-Bahn vor die Hunde gehen, und ich gucke weg und beantworte weiter meine WhatsApp. An jeder Stelle fragt dich diese Stadt: WAS WILLST DU?! ICH ICH ICH oder DU DU DU. Immer im Vergleich mit den Anderen.

Foto-Credit: Cosima Höllt

Ich glaube, wir brauchen eine neue Konnotation von Egoismus. Es kann auch gesund und lebensbejahend sein, wenn man sich gut um sich kümmert. Es ist doch absurd, sich zu wünschen, die große Liebe zu treffen und eine glückliche Beziehung zu führen, wenn man sich selbst wie ein Arsch behandelt. Sich schlecht ernährt, sich nicht bewegt, keine Lebensfreude fühlt, nichts tut, um sich selbst zu beglücken und Liebe zu empfinden. Besonders beim Thema Krankheit. „Mach`s weg, ich kanns nicht.“ Aber ich kann so viel für mich selbst tun. Und mich selbst immer wieder fragen, was kann ich gerade für mich selbst tun? So wie man es sich von seinen Eltern als Kind wünscht, wenn man krank ist. Ursache und Wirkung. Es beginnt immer bei den Gedanken. Wie denke ich über mich selbst? Bezeichne ich mich selbst als hässlich, blöd, unfähig? Dann werde ich auch auf andere so wirken.

Ein gesunder Egoismus bedeutet auch, mir bewusst zu sein, dass ich von meiner Umgebung nicht getrennt bin. Mitfühlender Egoismus. Das widerspricht sich und das finde ich schön. Und damit habe ich eine Verantwortung, mit mir selbst und mit allen anderen konstruktiv umzugehen. Nur dann kann es mir auch gutgehen. Ich erlebe, dass mehr Menschen darauf ein Augenmerk richten. Bei manchen Menschen überhaupt nicht. Aber ich vertraue darauf, dass die kritische Masse irgendwann erreicht sein wird.

Warst du selbst schon mal schwer erkrankt?
Ja. Ich hatte 2007 eine Hirnhautentzündung. Das wünsche ich keinem. Erst wurde sie nicht erkannt. Mein Arzt dachte damals, ich habe eine schwere Grippe. Mein Mann war nicht da, und ich bin zuhause vor Kopfschmerzen fast gestorben. Als er zurückkam, hat er mich sofort in die Notaufnahme der Charité gebracht. Es hieß damals: Es ist nicht klar, ob sie hier wieder gesund rauskommen. Ob das Sprechzentrum oder der Bewegungsapparat gestört ist. In der Charité gibt es einen Meditationsraum. Sobald ich konnte, bin ich dort hin und habe stundenlang gechantet. Ein damaliger Freund, Japaner, Buddhist, sehr erfahren, hat die Technik bereits als Kind gelernt, hat mir damals zu meiner Krankheit gratuliert. Ich sagte, ich bin nicht zu Scherzen aufgelegt. Er: Du hast dir diese Situation selbst geschaffen, um jetzt eine Riesenerfahrung zu machen. Wenn du durch dieses Tor gehst, mit dem Vertrauen und dem Glauben, dass du alles selbst in der Hand hast, ist das Tor zu deiner Buddha-Natur weit weit offen. Ich habe damals wirklich Blut und Wasser beim Meditieren geschwitzt. Und mir immer wieder gesagt: Ich verlasse dieses Krankenhaus gesund. Keinerlei Einschränkungen. Und es hat geklappt. Das hat meinen Glauben nochmal massiv vertieft. Ich bin wirklich der Meister meines eigenen Lebens.

Foto-Credit: Cosima Höllt

Was war das für ein Gefühl, zu heilen? Was war das für ein Gefühl, als sich um dich gekümmert wurde?
In erster Linie Dankbarkeit. Dass da Menschen sind, die mich wirklich vor Schlimmem bewahrt haben. Ich verstehe gar nicht, warum Menschen so oft über ihre Ärzte meckern und schimpfen. Ich glaube nicht, dass da irgendjemand bewusst etwas falsch macht oder Bösartiges will. Ich bin sehr dankbar, dass ich in der Charité unterstützt und mit Medikamenten versorgt wurde. Dass geschaut wurde, was los ist. Die Krankenschwestern, die täglich für mich da waren und mich versorgt haben. Ich bin total dankbar. Meinen Mann natürlich auch.

Ja, es waren Dankbarkeit und auch ein großes Gefühl von Vertrauen und Geborgenheit. Es war wie eine Neugeburt damals. Ein Geschenk. Jetzt hast du eine andere Ebene erreicht, von der du nicht zurück kannst. Ich habe gespürt, wie kostbar das Leben ist. Wie schnell etwas passieren kann, dass du etwas verlierst, was dir wichtig ist. Dein Körper, deine Sinne, die Möglichkeit, dich auszudrücken und auszuleben. Das wurde mir alles neu geschenkt. Morgen kann es zu Ende sein. Im Buddhismus heißt es: Lebe jeden Moment so, als wäre es der letzte Moment deines Lebens. Das habe ich lange nicht richtig verstanden.

Im Krankenhaus geht es leider oft nicht um den Patienten, sondern um die Optimierung der Wirtschaftsleistung. Das heißt aber nicht, dass die Menschen, die dort arbeiten, sich dem ergeben haben. Umso wichtiger ist, dass jeder einzelne von uns Eigenliebe – den gesunden Egoismus, von dem ich sprach – praktiziert.

Wenn du König von Deutschland wärst und das Gesundheitswesen reformieren könntest:
Ich würde die Menschen dort vernünftig bezahlen. Ich würde alles Geld aus der Rüstung abziehen und ins Gesundheitssystem stecken. Ich würde dafür sorgen, dass jeder Mensch in seinem Leben eine Gesundheitsversicherung hat, die wirklich erschwinglich ist. Oder für die man gar nichts zu bezahlen braucht. Ich würde Geld in nachhaltige Gesundheitsfürsorge packen. Vor allem auch Sterbebegleitung. Wenn es meinen Untertanen gut geht, wenn sie gesund sind, voller Kraft und Lebensfreude und sich nicht sorgen müssen, was mit ihnen ist, wenn sie krank sind, haben sie viel mehr Bock sich zu entfalten. Dann kann mein Land ja nur erblühen!

Ich würde das Gesundheitswesen von jeder kapitalistischen Vorstellung abkapseln. Gesundheit funktioniert nicht als Wirtschaftssystem. Und ich würde gucken, dass an den entscheidenden Positionen Menschen sitzen, die das Menschsein in seiner Gänze erfasst haben. Und den Mensch nicht nur auf seinen Körper reduzieren. Da gibt es auch Geist, Seele, Psyche. Viele verschiedene Körper, die wir haben, nicht nur der materielle. Und diese Menschen schauen dann: Was brauchen wir? Was etablieren wir neu? Was ist wichtig? Wie stellen wir das zur Verfügung? Das rechnet sich auf anderer Weise. Die Menschen meines Landes wären so viel glücklicher und produktiver, dass sie von ganz alleine die geilsten Produktionen herstellen. Tolle Unternehmen aufbauen, tolle Künste erschaffen, sich selbst ins Gesundheitswesen einbringen, wo sie vernünftig bezahlt werden. Und auch darüber können sie glücklich sein.

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