Ich denke direkt an das Gefühl, was ich bekomme, wenn ich mich bewege. Wenn ich neue Dinge mit meinem Körper lerne. Nicht nur kognitiv, sondern physisch. Dass ich auf einmal etwas kann, was ich vorher nicht konnte. Die ganze Reise dahin hat so viele Elemente, die mich immer wieder aufs Neue begeistern und faszinieren, dass es ein kontinuierlicher Prozess ist, der seit Jahren anhält, ohne dass ich mich gelangweilt fühle. Es gibt immer etwas Neues zu entdecken.“ – Wenn wir den Menschen in den Fokus stellen, kommen wir vielleicht irgendwann dahin, dass wir Krankenhäuser anders gestalten. Dann werden es keine Krankenhäuser, sondern Gesundheitshäuser. Orte, wo Menschen nicht eine sterile Umgebung geboten wird, in der sie sich gar nicht mehr als Menschen wahrnehmen können. Sondern wo die Freude am Leben, die Freude an Heilung und Gesundheit, durch die ganze Umgebung vermittelt wird.


Leon Staege

Staatlich anerkannter Physiotherapeut, 2016 Gründung von „Moving Monkey“, Autor dreier Bücher, große Präsenz auf Social Media, gibt Coachings und Workshops zum Thema Bewegung, Schmerztherapie und Gesundheit mit dem Ziel, dich stark, beweglich und schmerzfrei zu machen“


Es ist 2020 und die Welt wird abgeriegelt. Innenschau und die ganz wichtigen Fragen nach dem Sinn stehen auf dem Programm. Ich  – Laurens Dillmann – entschließe mich, die Zeit zu nutzen und diese Fragen Menschen zu stellen, die sich um die Gesundheit anderer kümmern.

Für meine Reihe „Mach’s weg“ habe ich über 40 Interviews mit verschiedensten Perspektiven auf das Thema Gesundheit geführt. Schließlich wussten schon unsere Großeltern: Das wichtigste im Leben ist die Gesundheit. Aber was ist das überhaupt? Und lässt sich Krankheit einfach „wegmachen“? Ziel meiner Fragen ist es, die Essenz herauszufinden. Außerdem soll es praktisch sein. Was kann jeder selbstständig für das eigene Wohlbefinden tun? Und wie wird die Corona-Erfahrung unser Verständnis von Gesundheit und unser Gesundheitswesen verändern?


Laurens Dillmann: Wie verlief dein beruflicher Werdegang?

Leon Staege: Erstmal habe ich mit relativ jungen Jahren mit Fitnesstraining angefangen. Mich hat wie jeden Teenager der Muskelaufbau interessiert. Ich war im hochklassigen Jugendprofifußball aktiv und ich hatte immer einen großen Ehrgeiz. Aus diesem Grund habe ich versucht alles mögliche zu optimieren, um besser zu werden. Ich habe meine Ernährung auf low-carb umgestellt  und bin dann in eine leichte Form der Magersucht gerutscht. Ich habe mich einfach zu einseitig informiert. Daraufhin habe ich mich mit Ernährung und einem ganzheitlichen Blick auf Gesundheit beschäftigt, weil ich aus dem Fehler, den ich gemacht habe, lernen wollte. Das war schon immer meine Devise: Ich will aus meinen Fehlern lernen. So ist mein erstes Buch entstanden: „Pragmatisch gesund“ und ein erster Instagram-Kanal.

Als ich damals ein Video von Ido Portal gesehen habe, habe ich ein Bild von Gesundheit und Bewegung vermittelt bekommen, das ich vorher so von niemandem gehört habe. Ich habe im November 2015 einen zweitägigen Workshop von ihm besucht. Danach hat sich mein ganzer Blick auf Bewegung geändert. Ich sah plötzlich: Wow, Bewegung ist eine riesige Welt, die es zu entdecken gilt. Das hat mich nachhaltig motiviert. Nicht nur das Äußerliche, Skillz und körperliche Ästhetik. Sondern intrinsisch. Da gibt es enorm viel zu entdecken. Und wenn es etwas gibt, was mich motiviert, dann das: Zu lernen und zu wachsen.

Ich habe mich dann in den unterschiedlichsten Dingen ausprobiert: Krafttraining, Crossfit, Gewichtheben, Turnen, Animal Movements, Mobility-Training. Im Gym sind dann Leute auf mich zugegangen und haben gefragt: „Ich sehe dich hier tausende Sachen machen. Was machst du da eigentlich für affenartige Bewegungen?“ Das war damals noch eine ganz neue Art, sich zu bewegen und zu trainieren. So habe ich das erste Mal anderen Menschen Übungen gezeigt, bin in die Coaching-Richtung gekommen, und habe auch begonnen, meine ersten Videos für meinen Youtube-Kanal aufzunehmen.

Ich spielte damals auch mit dem Gedanken, Medizin zu studieren, aber das Pflegepraktikum hat mich davon abgeschreckt. Ich war nicht bereit, fast zehn Jahre meines Lebens dafür zu opfern, um dann erst die Berechtigung zu bekommen, mit Menschen in vollem Umfang zu arbeiten. Da ich mich auch immer mehr mit dem Thema Schmerzen befasst habe, habe ich mich für das Physiotherapie-Studium entschieden. Im Nachhinein muss ich sagen, dass mich dieses Studium in meinem jetzigen Beruf nicht wesentlich besser gemacht hat. Vieles von dem was ich damals gelernt habe, ist unnütz, um Menschen nachhaltig weiterhelfen zu können.

Während meines Studiums habe ich begonnen Moving Monkey aufzubauen. Also neben dem Vollzeitstudium kam eine Vollzeitselbstständigkeit hinzu. Wenngleich diese Doppelbelastung nicht immer leicht war, bin ich froh darüber, dass ich es durchgezogen habe. Mittlerweile steht hinter Moving Monkey eine tolle Community, aus einem sind mittlerweile drei Bücher geworden und zusammen mit Monique König habe ich das Fortbildungskonzept “Calisthenics X Mobility” gegründet. Wir sind seit drei Jahren in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs und konnten bereits hunderten Teilnehmern dabei helfen, nachhaltig gesundes Bodyweightkraft- und Mobilitytraining zu betreiben. Seither wächst Moving Monkey stetig. Egal ob mit Social Media, meinem Podcast, Seminaren oder Coachings bin ich tagtäglich damit beschäftigt der MonkeyGang und ambitionierten Sportlern dabei zu helfen, beweglich und schmerzfrei zu werden.

Was macht für dich die Faszination Körper aus?

Schöne Frage. Ich denke direkt an das Gefühl, was ich bekomme, wenn ich mich bewege. Wenn ich neue Dinge mit meinem Körper lerne. Nicht nur kognitiv, sondern physisch. Dass ich auf einmal etwas kann, was ich vorher nicht konnte. Und vor allem auf dem Weg dahin lerne ich ganz viele Dinge. Nicht nur bis zum Zeitpunkt, wenn ich dann zum Beispiel einen Handstand stehen kann. Die ganze Reise dahin hat so viele Elemente, die mich immer wieder aufs Neue begeistern und faszinieren, dass es ein kontinuierlicher Prozess ist, der seit Jahren anhält, ohne dass ich mich gelangweilt fühle. Es gibt immer etwas Neues zu entdecken. Das macht es für mich vor allem aus.

Wie vermittelst du diese Faszination?

Veränderung entsteht dann, wenn wir die richtige Emotion dazu bringen. Wir können auf beide Arten – positiv und negativ – motiviert werden. Change happens through inspiration or desperation. Ich versuche natürlich, inspirativ zu sein, durch mein eigenes Beispiel. Talk the talk und walk the walk. Welche Voraussetzungen hatte ich selbst? Ich hatte auch Schmerzen und war unbeweglich. Ich war nicht von klein auf beweglich. Als Kind natürlich, aber das habe ich irgendwann wieder verloren und musste es wieder erlernen.

Zweitens finde ich eine lockere und humorvolle Art und Weise sehr wichtig. Nicht so wie uns die Inhalte im Studium vermittelt wurden. Schnöde Vorlesungen langweilen mich, da warte ich nur, bis die 150 Folien durchgeklickt sind. Wenn ich sehe, dass derjenige, der mir sein Wissen vermittelt, selbst begeistert von seinem Thema ist, ist das eine andere Hausnummer. Wenn derjenige dann sein Wissen auf eine Weise vermittelt, die wirklich hängenbleibt, ist das der Jackpot. Nicht nur Zahlen, Daten, Fakten vom Blatt ablesen. Ich habe mich explizit entschieden, meinen Content humorvoll zu vermitteln. Ich zitiere selten Studien, obwohl ich sie natürlich lese Ich finde dass es vom Eigentlichen ablenkt, das ich vermitteln will: Freude an Bewegung.

Warum kümmerst du dich um andere Menschen?

Ich bin gerade in so einer Phase, vieles über mich selbst neu zu reflektieren. Da passieren in letzter Zeit sehr große Sprünge. Gerade wird mir bewusst, wie stark mich die Erziehung meiner Eltern beeinflusst und geprägt hat. Vor allem von Seiten meiner Mutter: Das Gefühl der Geborgenheit, egal was ist, egal welches Problem, ich finde immer einen sicheren Hafen und kann über alles reden. Das hat mich in meiner Entwicklung sehr gefördert und ich kann daraus viel Kraft schöpfen. Ich glaube, man kann sich erst um andere Menschen kümmern, wenn man für sich einen sicheren Standpunkt hat. Sonst schleudern einen die Probleme der anderen zu sehr hin und her.

Ich bin außerdem sehr extrovertiert. Ich stehe gerne vor Menschen und halte Vorträge. Ich mag die Aufmerksamkeit und die damit einhergehende Verantwortung. Gleichzeitig mag ich das Gefühl der Dankbarkeit sehr, das ich auch kenne, wenn jemand anderes mir hilft. Das führt wohl alles dazu, dass ich mich gerne um andere kümmere und mich viel mit Menschen auseinandersetze. Darum habe ich es wohl zu meinem Beruf gemacht.

Was hältst du von der „Mach’s weg“-Mentalität? Kommen viele Menschen zu dir, mit dem Wunsch, dass du sie reparierst?

Ich glaube, diese Mentalität lässt sich ebenfalls nicht einfach wegmachen. Sie ist sehr tief in der Gesellschaft verankert. Ja, Menschen kommen auch zu mir mit der Erwartungshaltung, dass jemand anderes dafür sorgen soll, dass ihre Probleme verschwinden. Deswegen ist der wichtigste Punkt, darüber zu sprechen und aufzuklären: Menschen sollten mehr auf sich gucken und schauen, was sie für sich selbst tun können. Nicht im Außen nach Lösungen zu suchen für Probleme, die im Innern entstanden sind.

Ich habe das im Laufe der Jahre gemerkt: Die Hilfe, die ich im Coaching anbiete, beschränkt sich nicht auf bloße Übungen. Das ganze Drumherum muss ebenso stimmen. Die Betreuung, die ich anbiete, geht deshalb immer mindestens über einen Monat. Niemals bloß eine Stunde, es sei denn, ich kenne die Person schon gut. Die Beziehung zum Menschen und seine Behandlung bedarf immer der Notwendigkeit, dass ich mich mit dem Individuum auseinandersetze. Nicht nur mit dem physischen Problem. Das hat sich bei mir sehr gewandelt. Ich bin ja sehr biomechanisch geprägt durch die Physiotherapie. Heute sage ich: Ich helfe Menschen. Ich arbeite nicht nur an einem Problem. Und ich versuche diesen Menschen als individuelles, ganzheitliches System wahrzunehmen. Und je mehr ich über das System verstehe, desto mehr nehme ich wiederum den Menschen dahinter wahr. 

Wird sich unser Umgang mit Gesundheit und Krankheit in Zukunft verändern?

Ich versuche da immer wieder eine Vogelperspektive einzunehmen. Ich befinde mich nämlich in meiner Blase. Mir folgen ja einige zehntausende Menschen auf Social Media. Mir kommt es natürlich so vor, als würde jeder schon über die Themen Bescheid wissen, die mich interessieren. Aber sobald ich einen Schritt vor die Haustür setze und mich im Supermarkt umgucke…ich tippe, da treffe ich selten jemanden, der schonmal etwas von Mobility gehört hat.

Auf jeden Fall lässt sich ein Wandel wahrnehmen. Aber er ist nischig, er findet in den Blasen statt. Diese dürfen gerne größer werden. Aber wenn man drin steckt, sieht sie größer aus als sie eigentlich ist. Es gibt ein paar Leute, die es schaffen, diese Bubble wirklich so groß zu machen, dass die ganze Welt davon mitbekommt. Wim Hof ist einer davon, Ido Portal ein anderer. Oder Jordan Peterson, der vorgemacht hat, sich selbst zu hinterfragen und das eigene Leben neu zu strukturieren. Es sind wenige Individuen, die den Unterschied ausmachen. Aber das sollte natürlich mich und auch sonst niemanden abhalten, seinen Teil zum Wandel beizutragen. Das Ganze braucht Zeit. So wie Archimedes sagt: “Gib mir einen Hebel, der lang genug ist, um die Welt zu bewegen.” Finde erstmal diesen Punkt. Das wird länger dauern als du gerne hättest. Aber es sollte dich nicht abhalten, ihn zu suchen.

Und nicht zu vergessen: Wir denken so oft, wir sind zu spät dran, wir sind nicht schnell genug usw. Dabei gilt es zu realisieren: Jeder ist in seiner eigenen Zeitzone. Jeder ist right in time, genau richtig unterwegs. Und macht seine Erfahrungen dann, wenn sie kommen sollen. Diese Perspektive gibt mir eine Ruhe, die ich meist nicht habe, wenn ich im Tun und Machen des Alltags versunken bin. Viel Stress und körperliche Spannung kommen auch daher, weil wir uns immer unter Druck setzen.

Man merkt dir an, dass du begeistert von Bewegung bist. Kann man Freude an dem was man tut, lernen?

Ja. Ich bin der Meinung, man kann alles lernen. Was ich aber für mich merke: Damit ich Freude an meiner Arbeit habe, muss ich möglichst viel Bullshit weglassen. Mich selbst davor bewahren, zu denken, ich muss mich anpassen. Das führt sonst dazu, dass ich nicht so sein kann, wie ich sein will. Damit ich mich gut fühle, ist es wichtig, mich selbst gut zu kennen. Damit ich genau in den Momenten, in denen es mir scheiße geht, dahin zurückfinde, wo es gut oder besser ist. Und das kann man lernen.

Eine Sache, die mir da als wichtiges Werkzeug dient, ist regelmäßiges journalen, also zu schreiben. Und zu meditieren. Das ist für mich einfach eine Achtsamkeitspraxis, die nicht zwingend nur im Lotussitz durchgeführt werden kann. Ein Beispiel: Gestern habe ich Sushi gegessen. Dazu kein Video geschaut und keine Musik gehört. Nur mein verdammtes Sushi gegessen. Das war auch eine Form von Meditation, die mir gut getan hat. Also, um mich selbst gut zu kennen, brauche ich Bewegung, Achtsamkeit und Reflektion. Das ist die Basis. Und wie ich gerne zu sagen pflege: Die Basis ist das Fundament jeglicher Grundlagen. Und mich selbst immer besser kennenzulernen, macht mich happy, selbst wenn es mir mal schlecht geht.

Wenn du ein Gesundheitswesen nach deinen Werten aufbauen könntest:

Boah. Das würde ich sicher nicht alleine machen (lacht). Ein Wert, der mir wichtig ist, ist das Thema Ehrlichkeit. Das mag vielleicht nicht direkt in Verbindung mit den Themen Gesundheit und Heilung stehen. Wenn aber jeder seinen ehrlichen Beitrag leistet, damit das gesamte System funktioniert, wird es auf Basis von Vertrauen und nicht auf Eigensinn und Habgier aufgebaut.

Der andere Wert ist Neugierde. Damit ein kontinuierlicher Entwicklungsprozess passieren kann. Und nicht die Erwartungshaltung entsteht, man muss alles direkt wissen. Viele Therapeuten und Ärzte haben das Problem, sich in einer Rolle zu befinden, in der sie nahezu alles wissen müssen. Wenn die Erwartungshaltung „Heile mich“ ist, bleibt sehr wenig Raum für Fehler. Das bekommen wir von der Schule an mitgegeben: Mach keine Fehler. Wir brauchen aber ein System, in dem auch Fehler möglich sind. Gleichzeitig müssen die Risiken abgewogen sein. Das ist das Schwierige. Deswegen bin ich absolut für evidenzbasiertes Arbeiten. Wir können nicht einfach mal “etwas ausprobieren“, das geht moralisch für mich nicht.

Ansonsten ist für mich ganz wichtig, dass Menschen im Zentrum des Systems stehen, und nicht die Krankheiten. Das Gesundheitssystem hat die Krankheit im Fokus, es ist um die Pathologien aufgebaut. Salutogenese vs. Pathogenese. Wir könnten uns genauso fragen: Wie entsteht eigentlich Gesundheit?

Wenn wir den Menschen in den Fokus stellen, kommen wir vielleicht irgendwann dahin, dass wir Krankenhäuser anders gestalten. Dann werden es keine Krankenhäuser, sondern Gesundheitshäuser. Orte, wo Menschen nicht eine sterile Umgebung geboten wird, in der sie sich gar nicht mehr als Menschen wahrnehmen können. Sondern wo die Freude am Leben, die Freude an Heilung und Gesundheit, durch die ganze Umgebung vermittelt wird. Zum Beispiel über anders gestaltete Gänge, aufbauende Bilder, fröhliche Farben, viel mehr Kommunikation, und mehr Natur.

 

Foto-Credit: Leon Staege

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