Gesang ist die Ursprache. Dadurch erlernen Kinder die Sprachfähigkeiten. Über das freie Lautieren-Singsangen-Summen-Brummen, das Experimentieren mit ihrer Stimme. Kinder sind totale Improvisationskünstler, noch sehr frei und ungehemmt. Diese Hemmungen setzen erst später ein, mit Konditionierung und Erziehung, mit kultureller Überformung. Dann kommt oft das komplexbeladene „Ich kann nicht singen, malen, tanzen, kreativ sein. Besser, ich lasse es. Ich will die anderen nicht mit meinen schrägen Tönen quälen.“ Eigentlich ist darin eine große Trauer eingelagert. Es ist Ausdruck von Lebendigkeit und Kreativität, seine Stimme zu erheben. Und zwar nicht nur sprechend-monoton, sondern in alle Höhen und Tiefen.


Saskia Baumgart

Ausbildung in Gesang (Klassik, Jazz/Pop, funktionale Methode), Musiktherapie-Studium, Vokal-Artistin, Vocal-Coach, Ausbildungen in Somatic-Movement-Arts, Stimm-Anthropologie, Hypnose-Coaching, Trauma-Dynamiken und Ethnomedizin, Heilpraktikerin, Gesangs- und Musiktherapeutin, gibt Konzerte als Solistin und in Ensembles

Schon unsere Großeltern wussten, das Wichtigste im Leben ist Gesundheit. In seiner Reihe „Mach’s weg“  interviewt Laurens Dillmann Menschen, die sich kümmern. Wieso sind sie ihrer Berufung gefolgt? Was sind ihre Werte?  Was macht uns krank, was lässt uns heilen? Ist unser Gesundheitswesen gesund? Und lässt sich Krankheit einfach “wegmachen”? 


Laurens Dillmann: Wie verlief dein beruflicher Werdegang?

Saskia Baumgart: Schon in jungen Jahren wurde ich auf eine klassische Gesangskarriere vorbereitet und darin ausgebildet. Das habe ich alles durchlaufen, um dann letztendlich an der Schwelle zu dieser Welt festzustellen: Ups, das ist ja gar nicht die meine. Viel zu eng und festgelegt. Hier würde ich seelisch und künstlerisch nicht glücklich werden können. So bin ich auf dem Weg abgebogen. Ich habe weiterhin Musik gemacht, auch auf der Bühne. Aber neben klassischem Gesang habe ich ganz viel andere Musik gemacht. Psychedelischen Rock, Jazz, Pop, Elektro und und und. 

Mir stellte sich natürlich die Frage, in welche Richtung es beruflich geht. Durch eine frühe prägende Erfahrung mit einer Musiktherapeutin kam ich auf die Idee, dieses Fach selbst zu studieren. So habe ich beide Stränge verbunden: Den Gesang, den ich dann auch unterrichtet habe. Und die Musiktherapie. Und weiterhin habe ich Konzerte gegeben. Dadurch habe ich eine Art Dreiklang erschaffen. Ich stehe selbst als Sängerin und Musikerin auf der Bühne, unterrichte andere darin in einer Art Coaching, und bin Musiktherapeutin, die mit Klängen heilt. 

Dieser Hang zum Heilen wurde früh befeuert, als ich als Teenagerin mit den Themen Tod, Sterben und Verlust in Kontakt kam. Das hat mir Tore zu den großen Schlüsselfragen des Lebens und einem spirituellen Verständnis geöffnet. Wer bin ich? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Was ist hier meine Aufgabe, mein Sinn und Zweck?

Ich habe dann sehr intensiv angefangen, zu reisen. Mich haben Ursprungskulturen sehr stark angezogen. Das waren fast immer indigene Kulturen, an abgelegenen Orten wie der Mongolei, dem Amazonas, und in Wüsten z.B. in Arizona und der Wüste Gobi. So war ich bei diesen Völkern und ihren Medizinleuten – Schamanen, wie sie genannt werden  – zu Gast und habe dort verschiedenste Erfahrungen mit dieser Art von heilerischer Arbeit gemacht. Ich lernte über den körperlich-geistig-seelischen Ursprung des Lebens, die Transzendenz. Das war sehr intensiv und sehr umfassend. Und hat im Prinzip mein ganzes Leben neu aufgestellt.

So habe ich einen klaren Blick auf die Welt entwickelt – und wie sich Mensch darin verhält. Das hat mir schon von Kind auf sehr zu schaffen gemacht, als ich merkte: Hier läuft irgendwas überhaupt nicht gut. Im Sinne von: Natürlich und gesund.
Wir sind zu einem großen Teil nicht heil, sondern zerstörerisch, lieblos, unbewusst, hart und brutal. Dieser Zwiespalt hat mich auf Reisen gehen lassen. Das Suchen nach Antworten und Zugängen, um das Leben auf eine heilsamere, verbundenere Art leben zu können. Mit der Natur, mit mir selbst, mit den Menschen, mit dem Leben.

Die Musik und speziell der Gesang waren dabei für mich immer zentrales Schlüsselelement. Mein Hauptwerkzeug, das mir geographische und psychische Räume geöffnet hat. Und Brücken baut zwischen verschiedensten Kulturen. Ich konnte nicht mit allen Menschen auf der Welt dieselbe Sprache sprechen. Die universelle Sprache der Musik ist der Öffner, um miteinander auf eine klare, friedvolle und angstfreie Art sein zu können. Das hat mich am meisten fasziniert und inspiriert, mich mit genau diesen Medien– Musik, Klang, Gesang – auf eine unorthodoxere Art zu befassen als die, die ich gelernt hatte.

Nun wird ja allmählich klar, dass wir Menschen uns und diesen Planeten bis an den Rand der Zerstörung gebracht haben. Und wir müssen uns fragen: Was ist eigentlich mit uns los, dass wir so blind diesem Kurs folgen, der nicht besonders intelligent ist? Anstatt dessen, was Goethe das „Gute, Wahre und Schöne“ genannt hat. Es gibt ja ein universelles Verständnis, was Schönheit ist, wenn sie nicht nur an der äußeren Fassade vorgetäuscht wird, sondern von innen als innere Stimmigkeit nach außen strahlt. Mir geht es bei meiner Arbeit darum, das Bewusstsein der Menschen dafür zu inspirieren. Gesang, Klang und Musik können diese Schönheit berühren, tiefer als auf einer mentalen Ebene. Wir geraten dabei auf die Ebene der Liebe, wo wir am stärksten fühlen und berührbar sind. Wo wir wissen: Da will ich eigentlich hin. Das ist der Ort, wo ich sein will und wo ich herkomme.

Was genau tust du mit den Leuten, die zu dir in Therapie kommen?

Ich arbeite ja in unterschiedlichsten Bereichen. Einmal die Woche gehe ich in ein Hospiz für sterbende Erwachsene. Einmal die Woche in ein Kinderhospiz. Einmal in eine Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik, wo die meisten Menschen an Depressionen leiden. Ich arbeite auch mit Autisten.

Die Leute, die direkt in meine Praxis oder mein Studio zu mir kommen, wollen verschiedenes. Manche wollen sich über den Weg der Stimme in ihrem künstlerischen Ausdruck weiterentwickeln. Andere haben tieferliegende Themen, die sie freilegen, lösen und harmonisieren wollen. Letztendlich geht es immer um eine tiefere Verbindung mit sich selbst. Mit dieser Form von Energie oder Kraft, mit der wir permanent mehr oder weniger unbewusst zu tun haben. Diese Energie können wir über Klang und Musik hörbar machen. Sie ist ein Spiegel von uns selbst. Eine Reflexionsebene. Wir können hören, wie wir klingen, wie wir schwingen, wie wir gestimmt sind. Und wie wir mit der Welt in Resonanz treten. Und wie die Welt uns erwidert. Wie es in den Wald schallt, schallt es so oder so ähnlich zurück.

In dieser Art von Spiegeleffekt fungiere ich als Spiegel, und gleichzeitig als jemand, der Möglichkeiten anbietet, über bestimmte Grenzen hinauszugehen, einen größeren, weiteren Freiraum zu betreten. Das ist ein spannender Job als Reisebegleiterin. Da wir hier von allen Ebenen sprechen – körperlich, geistig, seelisch – ist die Arbeit sehr kraftvoll. Manchmal muss gar nicht viel passieren – und trotzdem ist klar, das geht tief. Ich muss gar nicht invasiv arbeiten. So gelangt man an eingelagerte seelische Schätze, die sich oft unter oder hinter den vermeintlichen Problemen, hinter alten Trümmern, Wunden und Narben verbergen. Es ist Perlentaucherei in tiefem Gewässer.

Was hat Musik mit unserer Gesundheit zu tun?

Musik ist eine klare und starke Form von Seelennahrung. Eine Unterstützung unserer emotionalen Innenräume, die oft schwer greifbar sind. Musik ist eine gute Möglichkeit, diese Räume abzubilden. Man kann etwas in sich selbst besser begreifen, das über einen Rhythmus oder eine Melodie erscheint. Das führt zu Aha-Momenten, oftmals zu Erleichterung und Lösung von Verknotungen, von denen ich plötzlich weiß, warum ich sie habe. Plötzlich kommt etwas wieder in Fluss, angeregt durch Klangwellen, durch bestimmte Bewegungssequenzen, die uns in einen Rhythmus mitreißen. Es tut etwas mit uns, wir kommen wieder in eine Vitalität, in eine höhere Lebendigkeit. 

Oft greifen wir bewusst oder unbewusst danach. Fast jeder Mensch hat eine musikalische Hausapotheke, die er mit sich rumträgt oder irgendwo stehen hat. Inzwischen ist das ganz gut erforscht wie und warum Musik auf uns wirkt. Auch ihre Heilwirksamkeit wird seit einigen Jahren intensiver wissenschaftlich erforscht. Man wendet sich dem Gebiet des Gesanges und Klanges mit einer neuen Haltung zu, die das Wirkspektrum jenseits von Unterhaltung genauer untersucht, mit zum Teil erstaunlichen Ergebnissen, siehe Demenzforschung oder Depression, Palliativmedizin & Musiktherapie, etc.

Menschen legen sich eine bestimmte Musik auf, wenn sie zum Beispiel traurig sind. Um wieder mehr Leichtigkeit, Fröhlichkeit zu empfinden, oder auch, wenn wir uns beruhigen wollen. Wenn zu viel Spannung in uns herrscht, gibt es viel musikalisches Material, das uns dabei hilft. Einigen Menschen hilft hier laute explosive Musik, wie Heavy Metal. Andere suchen und brauchen das genaue Gegenstück. Harmonisches wie meditative Klänge oder Minimal Music. Letztendlich ist Musik eine Brücke zwischen dem feinstofflichen und dem grobstofflichen Bereich. Von der Ebene, wo Ideen, Visionen und Träume zuhause sind – dem quasi Unsichtbaren – und dem, wo wir die Welt sehr konkret anfassen, spüren und begreifen können. 

Dazu könnte ich noch irre viel sagen. Musik ist Medizin und kann viel Totgeglaubtes reaktivieren. Das sieht man bei Demenzkranken – wenn sie anfangen, wieder zu singen. Es gibt kaum einen Bereich, in dem nicht mit Musik gearbeitet wird. Das weiß ich aus Erfahrung. Ich war damit in so vielen Einsatzfeldern unterwegs und bin es noch. Als Feld in der Arbeit mit Menschen, sei es Musik als Unterhaltungskunstform, Musik als Heilkunst, oder als wichtiger Teil der künstlerisch-ästhetischen Erziehung, zur Veredelung des Geistes, wie schon die alten Griechen sagten. Eben auch als Lebensbegleiter in allen Lagen.

Welche Rolle spielt der Körper in deiner Arbeit?

Wir können unseren Körper vergleichen mit dem Körper eines Musikinstrumentes wie zum Beispiel der Gitarre. Manchmal benutze ich das als Bild für meine Gesangsschüler. Um zu betrachten, wie dieser Körper geformt und gestimmt ist, auch was die Spannung, den Tonus angeht. Dementsprechend kommen Töne und Klänge raus, die sich über unsere Stimme mitteilen.

Je nachdem wie ich mit diesem Klangkörper umgehe, ihn hege und pflege und nähre, ist das klangliche Ergebnis. Das kann man durch bestimmte Übungen sehr direkt erfahren. Indem ich z.B. an mein Lieblingsessen denke und das stimmklanglich kommentiere – “Mmmh” und dabei innerlich empfinde: “Mmmh – lecker ” bewegt sich die Stimme sofort in ihren optimalen Stimmsitz und aktiviert das Mitschwingen unseres Klangkörpers, als Resonanz, die hörbar wie fühlbar einen runden, kraftvollen Ton ergibt, der entspannt und mühelos im optimalen Bereich schwingt. Solch kleine Interventionen, Tricks und Kniffe, wo letztendlich jeder Mensch sofort Bescheid weiß: Ja, stimmt. Habe ich schonmal erlebt, kenne ich. 

Bei zwei sich streitenden Menschen wird man beobachten können, dass die Resonanzkörper immer mehr verspannen und verhärten, die Bodenhaftung verlieren. Die Stimmen werden höher, schriller, unangenehmer, dissonanter. Bis hin zu hysterischem Keifen und völliger Verstimmung. Das klingt wie Klangfolter. Vor dem Streit können es noch ganz harmonische Stimmen gewesen sein. Diese Verformung geht schnell.

Solche Prozesse finden permanent statt. Wenn wir es innerlich nicht spüren können, können wir über unseren Stimmklang als diagnostisches Mittel schauen: Wie bin ich eigentlich gerade drauf? Was brauche ich gerade? Was ist in mir? An depressiver oder fröhlicher Stimmung, Lebendigkeit, Müdigkeit, Energielosigkeit, Vitalität. Von sehr einfachen bis zu subtilen Bereichen kann man all das und vieles mehr aus der Stimme lesen. Das bringe ich meinen Schülern und Klienten auch bei, sich selbst gut erforschen und erfassen zu können. Für sich selbst Detektor und Spiegel zu sein. Um sich selbst effektiver regulieren zu können. Um auch im Umgang mit anderen selbstbestimmter handeln und in der Welt wirksam sein zu können. In einer stimmigen Art und Weise.

Warum haben so viele Menschen Stimmblockaden? 

Je mehr ein Mensch mit sich verbunden ist, und damit auch in gefühlten Kontakt mit seinem Zentrum im Bauchbereich, desto gesünder ist er und desto stimmiger klingt er. Als Gegenüber eines solchen Menschen können wir das wahrnehmen. Wir reagieren darauf und stimmen uns per Resonanzprinzip ein. Unter anderem deshalb empfinden wir manche Menschen als angenehmen Umgang und manche weniger.

Das Zentrum im Bauch ist der Wesenskern. Die Bedürfnisse, die Gefühle, die innere Wahrheit.  Wenn man nicht mit diesem Innenraum verbunden ist, ist man abgeschnitten von der eigenen Kraft. Der Zugriff zu Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen, was über das eigene Kraftlevel entscheidet, kommt aus dem Bauch. Nicht umsonst ist das Thema Self-Empowerment total hoch im Kurs. Zurückkehren zur eigenen Kraft. Ein Bewusstsein für diese Zusammenhänge ist bereits entstanden. In unserer mental überaktiven, ultra-verkopften Kultur ist es tatsächlich ein Problem, dass viele Menschen diesen Zugang nicht mehr haben. Diejenigen, die ihn haben, sind entweder Naturtalente oder haben sich das mühevoll zurückgeholt und erarbeitet. Meistens bedingt durch Krisen, Schicksalsschläge, Leiden. Oder durch plötzliche Erkenntnis.

Kann jeder Mensch singen?

Ja. Wie Joseph Beuys schon sagte: Jeder Mensch ist ein Künstler. Also ist auch jeder Mensch ein Sänger. Es ist uns naturgegeben. Singen hat eine existenzielle Funktion. Wenn wir es nutzen, üben  trainieren und kultivieren, dann können wir es. Weil wir dann damit im natürlichen Umgang vertraut sind. Wenn ich es nicht tue, verlerne ich es natürlich.

Alle Kinder singen, und zwar in der Regel bevor sie anfangen zu sprechen. Gesang ist die Ursprache. Dadurch erlernen Kinder die Sprachfähigkeiten. Über das freie Lautieren-Singsangen-Summen-Brummen, das Experimentieren mit ihrer Stimme. Kinder sind totale Improvisationskünstler, noch sehr frei und ungehemmt. Diese Hemmungen setzen erst später ein, mit Konditionierung und Erziehung, mit kultureller Überformung. Dann kommt oft das komplexbeladene „Ich kann nicht singen, malen, tanzen, kreativ sein. Besser, ich lasse es. Ich will die anderen nicht mit meinen schrägen Tönen quälen.“ Eigentlich ist darin eine große Trauer eingelagert. Es ist Ausdruck von Lebendigkeit und Kreativität, seine Stimme zu erheben. Und zwar nicht nur sprechend-monoton, sondern in alle Höhen und Tiefen. Und damit auch frei zu surfen. Das hat eine sehr befreiende, entspannende Wirkung.

Auf welche Werte berufst du dich?

Humanismus. Dem fühle ich mich zutiefst verpflichtet. Die Liebe zum Menschen und auch die Liebe zum Leben leiten mein Handeln, und auch mein Denken und Wahrnehmen ist sehr stark von dieser Liebe zum Leben geführt und geformt. Das ist mein inneres GPS.

Warum kümmerst du dich um andere Menschen?

„Kümmern“ ist ein schwieriger Begriff, das klingt immer schnell nach Helfersyndrom. Geben, um etwas zu bekommen. Eine manipulative Haltung, die nicht gesund ist. Wenn man sich mehr um andere kümmert als um sich selbst. Da gerät es in Schräglage und davon grenze ich mich ab. Es ist mir eher eine ganz tiefe Freude, existenzielle Liebe, Schönheit und das Staunen über das Leben zu teilen. In diesem Zustand größtmöglich gemeinsam zu sein. Das ist unheimlich erfüllend, beglückend und befreiend. Ich brauche keine Ideologie, keine Religion, keine Wertgegenstände, um meinen inneren Hunger zu stillen.

Zu dieser Befriedigung habe ich wohl einen guten Zugang. Ich hatte ihn schon immer, ich bin dieser Spur aber auch sehr stark gefolgt. Dieser Zugang lässt sich entwickeln, kultivieren, trainieren und lernen. Und so habe ich herausgefunden, wie ich das anderen mitteilen und mit anderen gemeinsam tun kann. So gewinnt es noch mehr an Kraft. Geteiltes ist auch verdoppelt und verdreifacht gut. Das fühle ich als natürlichen Antrieb und Impuls in mir, über den ich gar nicht nachdenken muss.

Was für Fähigkeiten braucht ein Mensch, der sich um die Gesundheit anderer kümmert?

Eine innere Ethik, die von Herzen kommt. Einen natürlichen Zugang zur Liebe in sich selbst. Und damit eine Ausrichtung, die einerseits eine gute Unterscheidungskraft und Klarheit hat, um eben nicht in eine Richtung zu gehen, die das Maß des Helfens überschreitet. Das braucht eine starke Intuition für diesen Balanceakt. Wo ist es zum Beispiel nicht meine Aufgabe zu intervenieren oder helfen zu wollen? Wo werde ich vielleicht sogar übergriffig  – selbst aus einem guten Motiv heraus? Vielleicht ist es gerade nicht mein Job, sondern liegt im Verantwortungsbereich des anderen.

Außerdem: Inneres Wohlwollen. Man könnte es als Güte bezeichnen. Ein gütiges Herz. Etwas uraltes, in tausenden Büchern beschrieben. Aber immer noch wesentlich und gültig. Und ein gutes Genährtsein. Zu wissen, wie man sich gut nähren, die eigenen Grundbedürfnisse erfüllen kann. Ohne zu sehr von äußeren Faktoren abhängig zu sein.

Was macht das Jahr 2020 mit unserem Verständnis von Gesundheit?

Gesundheit ist für mich ein Zustand des Einsseins mit sich und der Welt. Innere Harmonie, die nach außen abstrahlt. Wofür die Worte Genährtsein und Selbstfürsorge zentral wichtig sind. Das Biochemische in Form von Lebensmitteln. Und seelische Nahrung wie Bindungen, Beziehungen, Kontakte zu Menschen, Natur und Leben. Geistige Nahrung in Form von Informationen, mit denen ich mich füttere, die mir dienen. Und seelische Nahrungsmittel wie die Kunst, die Musik, die Poesie und ein natürlicher spiritueller Zugang zu sich selbst, als Anbindung an das Ganze, eine erlebte Sinnhaftigkeit des Lebens.

Leider sieht es auf kollektiver Ebene anders aus. Wir sind gefangen im Stress. Gefangen in uns selbst, nicht mehr frei im Austausch mit anderen Menschen, der Natur, dem Leben. Mit dem, was sich lebendig und wirklich reich anfühlt. Ein Grund, warum viele Menschen in Depressionen oder andere Erkrankungen kippen. Wenn man dahinter schaut, ist es oft ein seelisches Hungern. „Liebe und Frieden“ – ja bitte gerne, sagen wir alle, mehr oder weniger lautstark. Aber die Frage ist, wie kommen wir dahin? Wir können wir das in uns etablieren und miteinander teilen in einer freigebigen Form. Ohne uns oder den Wert an sich zu verkaufen?

Momentan sehe ich durch diese besondere Corona-Situation, dass die Lage sich zuspitzt. Viele Menschen haben immer mehr Angst vor Krankheit, bis hin zu Panik und Paranoia. Bis hin zum Selbstmord und anderen Formen der Selbstzerstörung. Andererseits ist dieser erhöhte Druck ein Katalysator für inneres Wachstum in Richtung wirkliche Gesundheit, die nachhaltig und ganzheitlich entwickelt werden kann. Nicht nur von einzelnen, die das ohnehin schon wissen und anwenden, sondern auch von einer breiteren Masse. Die es braucht, damit größere Veränderungen zum Wohle aller stattfinden können. Dafür braucht es eine wachsende Mehrheit, die ein größeres Verständnis von Gesundheit gewonnen hat. Damit es nicht mehr nur Spezialisten und Exoten sind.

Und diese Zeichen sehe ich ganz klar. In der Medienlandschaft. Im Kontakt mit anderen Menschen. Ich höre es in Gesprächen auf der Straße, im Cafe, wo auch immer ich bin. Ich merke, ein bestimmtes Vokabular ist im Umlauf, das vor ein paar Jahren noch nicht da war. Da war es noch sehr mit Skepsis behaftet. Ein Vokabular, das eine größere Ganzheitlichkeit im Denken und Handeln verrät. Eine häufigerer, sich organisch anfühlender Gebrauch von Vokabeln wie Seele, Transzendenz, Meditation, Achtsamkeit, Bewusstsein, ganzheitlich, spirituell, in einem Sinne der nicht mehr abwertend ist, sondern integrativ.

Offenbar ist es vertrauter und normaler geworden, die eigene seelische Dimension zu benennen und auf dem Schirm zu haben. Es wird nicht mehr so sehr als Spinnerei abgetan. Heilung wird massenkompatibler, allgemeinverständlicher. Yoga, Meditation, Achtsamkeit, gesunde Ernährung sind viel mehr im Umlauf, werden gar zu Trends. Inklusive Prävention. Selbstverantwortung, wo der Mensch sich auf den Weg macht, für sich zu sorgen, bevor es ein Problem gibt. Bevor eine Krankheit ausbricht. Da ist ein ganz anderes Grundverständnis gewachsen, was mich sehr freut und mir Hoffnung gibt.

Fühlst du dich gesellschaftlich angemessen gewürdigt für das, was du tust?

Ja. Ich fühle mich gut am Platz, da wo ich bin. Und sehe, wie immer mehr Leute den weg zu mir finden, die vor ein paar Jahren noch nicht diesen Weg gefunden hätten.

Im staatlich institutionellen Sektor ist es allerdings auffällig, wie vergleichsweise wenig die Arbeit am Menschen und auch künstlerische Arbeit honoriert werden. Das ist ja leider nichts Neues. Dagegen im nicht-institutionellen Sektor gibt es eine ganz andere Art der Wertschätzung, auch auf monetärer Ebene. Dazwischen liegen oft Welten, innerhalb eines eigentlich reichen Landes. Das empfinde ich tatsächlich als eine Art der Menschenverachtung.

Fantasiespiel: Du bist Königin deines eigenen Landes und kannst dir ein Gesundheitswesen erschaffen:

Ich würde von Grund auf den jüngsten Menschen ein anderes Bewusstsein vermitteln. In Bezug auf sich selbst und ihre Körper. Auf die Fragen: Was ist Gesundheit? Was ist Krankheit? Was ist Heilung? Was ist eine gesunde Lebensführung? In diese Art von Bildung würde ich investieren. Erst dann kann man konzeptionieren, was an Maßnahmen notwendig ist, wenn Menschen dann tatsächlich erkranken – wie es nunmal zum Leben dazugehört. Eigentlich geht es darum, zu lernen, wie man sich selbst heilt. Das Leben in die eigene Hand zu nehmen und damit die Verantwortung für den eigenen Prozess zwischen Gesundheit und Krankheit zu verstehen. Wenn wir diese Übersetzungsarbeit für uns selbst machen können, ist viel gewonnen.So werden wir unabhängiger von äußeren Hilfsmaßnahmen und Institutionen. Wir taumeln nicht mehr suchtanfällig durchs Leben. 

Es braucht ein ganz anderes Grundniveau.  Alle kreativen, künstlerischen Zugänge würde ich stärken. Mehr Freude, die uns lebendig macht und erhält. Beziehungsqualität, Kommunikationsfähigkeiten, Schaffensdrang. Wir brauchen ein anderes Menschenbild und Verständnis für das Potential, das in uns wohnt.

Foto-Credit: Mirella Frangella, Veit Tempich, Ute Kamal Mägdefrau, Karoline Wolf, Jörg Thimel & MAGIC of SOUND 

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