Die Grundverdrängung unseres Lebens ist wohl, dass fast jeder so lebt als ob das Leben ewig währt. Wir verdrängen den Tod komplett aus unserer Gesellschaft. – In einer kulturellen Evolution, wo wir Dinge immer reparieren und in neuem Glanz erscheinen lassen können, ist es schwierig, unserer eigenen Vergänglichkeit ausgesetzt zu sein.” – “Das Verrückte ist: Wenn sie mit 100 Ärzten sprechen würden, sehen es fast alle so, in jeder Disziplin. Wenn ich mit Orthopäden spreche, sagen sie mir „Ich finde es auch schrecklich, dass ich den ganzen Tag nur noch Hüftgelenke implantiere. Ich möchte viel lieber mit dem Patienten sprechen.“ – Aber irgendwie hat sich das System in einer Mischung aus Technisierung, aus Gier, aus Fehlsteuerung so entwickelt. Und es ist natürlich nichts schwieriger, als einem kompletten System, wenn es erstmal läuft, einen Richtungswechsel zu geben.


Andreas Michalsen

Sohn eines Kneipp-Arztes, Internist, Ernährungsmediziner, Fastenarzt, Professor für klinische Naturheilkunde der Charité Berlin, Chefarzt der Abteilung Innere Medizin und Naturheilkunde am Immanuel Krankenhaus Berlin, schrieb die Beststeller „Heilen mit der Kraft der Natur“ und „Mit Ernährung heilen“, Öffentlichkeitsarbeit im Bereich Naturheilkunde und Komplementärmedizin

Schon unsere Großeltern wussten, das Wichtigste im Leben ist Gesundheit. In seiner Reihe „Mach’s weg“  interviewt Laurens Dillmann Menschen, die sich kümmern. Wieso sind sie ihrer Berufung gefolgt? Was sind ihre Werte?  Was macht uns krank, was lässt uns heilen? Ist unser Gesundheitswesen gesund? Und lässt sich Krankheit einfach “wegmachen”? 


Laurens Dillmann: Warum sind Sie Arzt geworden?

Andreas Michalsen: Weil mich Biologie und die Medizin interessiert haben. Und weil mein Großvater und Vater auch Ärzte sind. Dann hat man schwere Chancen, zu entkommen. So sinken die Chancen, dass man Schreiner wird.

Wie sieht Ihr normaler Arbeitstag aus?

Das ist sehr variabel. Als Chefarzt ist man leider Gottes heutzutage mit viel Ökonomie-Controlling-Management-Personalplanung beschäftigt. 40 % Management, 30 % direkter Patientenkontakt – Visiten, Sprechstunden, 10 bis 15 % Öffentlichkeitsarbeit wie jetzt, 10 bis 15 % ist Wissenschaft. Das aber in variablen Anteilen, es kann sich wochenweise verschieben.

Was sind Ihre Werte?

Gewaltlosigkeit. Im Lebensstil, in der Ernährung, im gesellschaftlichen, im kommunikativen, natürlich auch im physischen. Gewaltlosigkeit realisieren, das empfehle ich auch allen Patienten. Ansonsten denke ich, es ist gut, ein ethisches Leben zu führen. Das brauche ich nicht neu zu erfinden. Letztlich steht all das in den großen Werken dieser Welt, von Grundgesetzen, bis religiösen Schriften. Man muss es nur befolgen.

Und dieses ethische Leben, führt das auch zu Gesundheit?

Manchmal. Manchmal nicht. Es ist sicherlich sehr wichtig, hier aufzupassen. Das kann man sehr gut am Beispiel der veganen oder vegetarischen Ernährung beleuchten. Es steht außer Frage, dass eine pflanzliche Ernährung Gesundheitsvorteile bietet. Aber natürlich fällt niemand tot um, der ein Putensteak oder eine Currywurst isst. Aber aus ethischen Gründen – Ethik ist radikaler – ist es nicht gut. Bei ethischen Werten setzen wir eine andere quantitative Messlatte an als bei der medizinischen Betrachtung. Ich glaube, es ist wichtig, das nicht zu vermengen. Ansonsten wird man nämlich wissenschaftlich unsauber.

Haben Sie eine Definition von Gesundheit?

Nein. Ich glaube, dass die Definition der WHO – „Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.“ sehr gut gemeint, aber völlig unrealistisch ist. 100-prozentiges, völlig Wohlbefinden in jeder Hinsicht – körperlich, sozial, mental – das ist zwar eine schöne Idee und ein schönes Ideal, aber ich halte es für sehr unrealistisch. Gesundheit ist auch mit Krankheit, Einschränkung und Behinderung möglich. Auch wenn man vier Diagnosen auf dem Papier hat.

Gesundheit ist für mich eher eine Position in der man sagt: Ich fühle mich wohl, weil ich es so akzeptieren kann wie es ist. Dann ist jemand letztlich gesund, egal ob er zum Beispiel im Rollstuhl ist. Ein anderer Mensch kann nach allen Laborparametern amtlich sehr gesund sein und trotzdem ist irgendetwas bei ihm nicht stimmig. Gesundheit zu definieren ist sehr schwierig. Ich glaube, es ist immer eine Verhandlungsmasse, die letztlich jeder individuell beantworten kann, wenn er gefragt wird: „Wie geht es dir?“ – „Wie geht es Ihnen?“

Warum haben Sie den Antrieb, Naturheilkunde in die Öffentlichkeit zu bringen?

Ich denke schon, dass wir einen riesen Fehler machen. Wir haben diese wunderbare technische Entwicklung der Medizin. Ein riesiger Segen, das muss man ganz klar sagen. Wenn man heute einen schweren Autounfall hat, wo man bei einem Kutschenunfall vor 200 Jahren mit Sicherheit gestorben wäre, hat man heute eine sehr hohe Überlebenschance. Am Herzinfarkt sind vor ein paar Jahrzehnten noch 70 % aller Menschen verstorben. Das passiert heute nur noch ganz selten. Wir haben wirklich einen fantastischen Fortschritt.

Aber wir haben dabei die Bereiche Prävention, Lebensstil und natürliche Ressourcen verlassen. Trotz der Segnungen der modernen Technik hat uns das einen Haufen neuer, unnötiger Probleme gebracht. Übergewichts-Epidemien, Diabetes Typ 2, Autoimmunerkrankungen, immer mehr Menschen, die immer mehr Tabletten nehmen. Menschen, die durch die Segnungen der modernen Medizin zwar immer älter werden, die diese gewonnenen Lebensjahre aber nicht in Gesundheit, sondern in Krankheit erleben. Deswegen bin ich leidenschaftlich darin, diese Bereiche zu verbinden. Wir feiern die moderne Chirurgie, aber wir wissen auch, dass nicht jeder Mensch mit Knieschmerzen ein neues künstliches Kniegelenk braucht. Auch wenn wir es können!

Was denken Sie über diese Haltung: Der Arzt als Reparateur des Menschen?

Das haben die Ärzte durch die technische Entwicklung und die Honorarsysteme selbst bewirkt. Wenn man für ein künstliches Hüftgelenk zehnmal so viel Geld erhält wie für eine Serie von Physiotherapie ist klar, dass es über Jahrzehnte gesehen Folgen für die Art und Weise hat, wie Ärzte denken. Natürlich denkt jeder auch an seine eigene Existenz.

Auf den Menschen generell bezogen: Die Grundverdrängung unseres Lebens ist wohl, dass fast jeder so lebt als ob das Leben ewig währt. Wir verdrängen den Tod komplett aus unserer Gesellschaft. So werden erkrankende Menschen darüber sehr beunruhigt und traurig, es stürzt sie sogar in Krisen. “Ich war doch immer gesund.” Dieses Bewusstsein, wie es Buddha sagte „Das Leben ist Schmerz“, dass jeder von uns stirbt und dass wir alle krank werden, das ist in unserer Gesellschaft nicht sehr ausgeprägt. In der Folge sagen die Menschen natürlich zum Arzt: „Bitte mach es wieder so wie es vorher war. So soll es doch immer bleiben.“

Das hat also weniger etwas mit “doofen” Patienten zu tun. Das ist einfach die Grundproblematik unserer Gesellschaft. Max Frisch hat es im Homo Faber schön gesagt – oder Günther Anders in seinem philosophischen Werk “Die Antiquiertheit des Menschen”. Wir haben es natürlich auch mit einer technischen Umgebung zu tun, die immer tadellos und neu daherkommt. Neues Iphone, poliertes Auto. In einer kulturellen Evolution, wo wir Dinge immer reparieren und in neuem Glanz erscheinen lassen können, ist es schwierig, unserer eigenen Vergänglichkeit ausgesetzt zu sein. Letztlich kann das Problem weder die Medizin noch der Patient lösen. Es braucht einen gesellschaftlich-philosophischen Diskurs über die Tatsache, dass wir nunmal krank werden und sterben.

Ist die Naturheilkunde eine Lösung für diese Situation?

Ich weiß es nicht. Zur Zeit entstehen durch die künstliche Intelligenz fantastische neue Möglichkeiten. Durch digitale Anwendungen, Apps, Genomics, Metabolomics. Gerade ist eine Revolution in der Medizin im Gange. Dadurch wird dem Lebensstil und der Naturheilkunde – weil es ja letztlich angewandte Biologie ist – auch wieder mehr Wert zugesprochen. Allerdings ist die Hinwendung zur Technik auch sehr stark. Wir befinden uns gerade in einem technischen Umbruch des gesamten Medizin-Systems. Ich kann zur Zeit nicht einschätzen, wo das endet. Spannend wird es allemal.

Das Thema hat so eine hohe Komplexität, ebenso unser Verhältnis zur Natur. Die Folgen des Klimawandels: Reduktion der Biodiversität, die Habitat-Zerstörung. Die Natur, die die Naturheilkunde natürlich auch idealisiert – Wandern, über Blumenwiesen laufen, kalte Güsse machen – ist ja in großer Gefahr. Sie ist selbst ein chronischer Patient geworden. Manchmal geht es mir so, wenn ich als Naturheilkundler die Empfehlung gebe, frische Luft zu atmen, mit klarem Wasser morgens einen Gesichtsguss zu machen – dann muss ich mir wieder klar werden, dass in großen Teilen der Welt dieser Luxus gar nicht mehr vorhanden ist. Wir leben ja in einem privilegierten Kuckucks-Wolkennest in Deutschland, wo wir eben noch alles haben. Wir können das Wasser aus der Leitung trinken, wir haben keinen Hunger. Aber wir sind die privilegierten 2 % der Weltbevölkerung.

Wenn Sie also so grundsätzliche Fragen stellen, muss man sie auch auf den ganzen Planeten beziehen. Und da befinden wir uns in einer sehr kritischen Zeit. Das ist dann keine Frage der Medizin mehr, sondern wie wir mit der Umwelt umgehen. Auch eine Frage der ethischen Werte, aber nicht nur das. Priorisierung. Können wir es schaffen, dass wir alle sagen, wir fahren nicht mehr in Urlaub? Wir müssten Abkommen schaffen, weltweit und mit uns selbst. Uns einig werden, zu verzichten. Im großen ist das eine ethische Frage, im kleinen eher eine der Gewichtung.

Welche Rolle spielt es in der Medizin, sich umeinander zu kümmern?

Das ist immer noch das Kernstück. In dem Moment, wenn man in eine Arztpraxis oder in ein Behandlungszimmer reinkommt, gibt man etwas ab. Man stellt fest, es geht mir nicht gut, eine Beunruhigung ist da. Das ist wie beim Priester, der die Beichte abnimmt. In dem Moment, wenn man dieses Problem in einer symbolischen Handlung demjenigen übergibt, von dem man glaubt, dass er es vielleicht lösen kann, wird sich ja schon gekümmert. Kümmern ist immer noch der Grundvertrag.

Der Medizinethiker Giovanni Maio sagt, dass wichtigste in der Medizin ist das Gespräch und dafür erhält der Arzt am wenigsten Geld.

Leider ist es so gekommen, dass ein Kardiologe am meisten verdient, wenn er einen Herzkatheter macht, ein Orthopäde, wenn er ein künstliches Kniegelenk implantiert, ein Chirurg, wenn er operiert, ein Zahnarzt, wenn er etwas Teures implantiert.

Sowohl das Gespräch, als auch die Berührung, Massagen, manuelle Therapien, alles, was Zeit kostet, – ist untergegangen. Das Verrückte ist: Wenn Sie mit 100 Ärzten sprechen würden, sehen es fast alle so, in jeder Disziplin. Wenn ich mit Orthopäden spreche, sagen sie mir „Ich finde es auch schrecklich, dass ich den ganzen Tag nur noch Hüftgelenke implantiere. Ich möchte viel lieber mit dem Patienten sprechen.“ – Aber irgendwie hat sich das System in einer Mischung aus Technisierung, aus Gier, aus Fehlsteuerung so entwickelt. Und es ist natürlich nichts schwieriger, als einem kompletten System, wenn es erstmal läuft, einen Richtungswechsel zu geben. Das ist ja auch sonst im Leben so. Wenn erstmal ein Beamtenapparat steht, steht er nun mal.

Früher nannte man Ärzte ja die „Götter in weiß“. Welche Qualitäten braucht ein Mensch, der andere in ihrer Heilung unterstützen will?

Ja, zum Glück sind wir darüber hinweg. Arzt ist ein toller, ethisch sehr hochwertiger Beruf. Dass man sich liebevoll begegnet, ist beim Arzt deswegen so wichtig, weil der Patient nackt – manchmal auch physisch – vor ihm sitzt. Der Mensch gibt ab, er sitzt in der Regel geschwächt vor dir. Deswegen hat man eine besonders hohe Verantwortung. Ein Arzt muss viel Wissen haben. Er muss sich größtmöglichst anstrengen, dem einzelnen Menschen mit seinem Wissen und seinem Handwerk zu helfen. Deswegen sollte er einen ethischen und liebevollen Umgang haben. Aber er ist nicht der Gottesvertreter, der durch Liebe heilt. Das macht jemand eine Etage höher (lacht). Das gebe ich ab. Wir sollten immer liebevoll miteinander im Umgang sein, egal was wir machen, Sie als Journalist genauso. 

Grundsätzlich macht ein Arzt auch nichts anderes als ein Kellner, eine Dienstleistung. Die Zeit der Götter in Weiß ist deswegen vorbei und das ist auch gut so. Das ist der große Vorteil der wissenschaftsbasierten Medizin. Früher hatte man ja die eminenzbasierte Medizin, dass man Fachwissen auf eine Persönlichkeit zuspitzte. Das ist nicht mehr so und das ist auch die große Errungenschaft des Internets. Ein Patient, der ein Problem hat, kann sich innerhalb ein paar Stunden so umfassend über das Problem informieren, dass er vielleicht sogar mehr weiß als sein Arzt. Insofern kann man heute sehr eigenaktiv und autonom sein.

Geht es also von den Göttern in Weiß zum „inneren Arzt“?

Beides. Der „innere Arzt“ ist ja einfache Biologie, die Selbstheilungskräfte, die Hormesis. Dieser Prozess, der immer stattfindet, vom Verschließen einer Wunde bis zum blauen Fleck, der allmählich verschwindet. Man kann diesen Prozess erkennen, ihn maximieren und nutzen. Und andererseits überall wo die Selbstheilungskräfte nicht helfen – was sehr oft der Fall ist – mit einem klugen wissenschaftsgeleiteten Handwerk helfen. Und das Ganze im besten Fall noch liebevoll.

Und wie kann ich diese Selbstheilungskräfte fördern – oder erstmal entdecken?

Diese Kräfte sind in der klassischen Naturheilkunde und im Fachgebiet der Hormesis klar definiert. Es ist das Reiz-Reaktions-Prinzip. Der Körper funktioniert im Prinzip so, dass er mit den Sinnen oder mit Rezeptoren einen Ist-Zustand wahrnimmt. Wenn dieser Ist-Zustand aus dem Lot gerät, versucht der Körper ihn zu reparieren. Das ist das Grundprinzip des lebenden Körpers. Also überall wo der Körper etwas spüren kann, kann man einen Selbstheilungsreiz ansetzen.

Da gibt es sehr viele Möglichkeiten. Die wichtigsten sind Ernährung und Fasten, Bewegung, aerobe Aktivität. Es können auch manuelle Reize wie Akupressur sein. Es kann aber auch Stress sein. Es gibt ja Eustress und Disstress. Unser Gehirn würde sich nicht entwickeln, wenn es keinen Stress hätte. Das ist eine umgedrehte U-Kurve, wo man weiß, um die Selbstheilung zu aktivieren, müssen wir in diesem Mittelweg sein. Sport ist gut, Marathon laufen ist nicht so gut. Eine Woche Fasten ist gut, acht Wochen Fasten sind nicht gut. Satt essen ist gut, sich jeden Tag fünf mal Satt essen ist nicht gut. Ein bisschen Stress ist gut, jeden Tag unkontrollierter Stress ist nicht gut. Ein bisschen Radioaktivität lässt die Zellen besser wachsen, Fukushima ist gefährlich. Ein bisschen Sonne verbessert die Lebensvitatlität und den Vitamin D-Haushalt, Hitzschlag und Sonnenbrand sind ungesund. Wie Paracelsus sagte: Die Dosis macht das Gift. Das kann man grundsätzlich auch auf die Selbstheilung und alle Körperprozesse beziehen.

Würden Sie sich wünschen, dass unser Gesundheitssystem die Selbstheilungskräfte der Menschen mehr fördert?

Ich entnehme Ihren Fragen, dass sie den Eindruck haben, wir leben noch immer in einem pathologiezentrierten denn in einem salutogenetischen Gesundheitssystem. Das ist auch noch so, ja. Aber wir haben es auch selbst so gewollt und zugelassen. Ich nehme mich da auch selbst nicht aus. Stichwort Klimawandel: Ich bin selbst viel durch die Welt geflogen. Ich bin nicht heilig. Peu á peu kommt da mehr Bewusstsein hin, seit 15 Jahren lebe ich zum Beispiel vegetarisch. Bei der Medizin: Als Totale haben wir alle irgendwie dazu beigetragen. Erstmal Blut abnehmen, auf den Ultraschall gucken – alle sind ganz fasziniert von der Technik. 

Ich würde da nachsichtig sein und denken: es braucht alles eine gewisse Zeit, bis man solche Fehlentwicklungen bemerkt. In den 70ern gab es eine wirkliche Euphorie. Da hat der Gunnery Sergeant der USA gesagt: „Wir haben das Problem der Krankheit gelöst“. Da gab es diese Euphorie, die Menschheit fliegt jetzt auf den Mond und mit Operationen und Antibiotika bekommen wir alle Krankheiten in den Griff. Jetzt sind es 50 Jahre später und wir merken, es war eine fürchterliche Illusion. Weil wir auf der anderen Seite mit dem Hintern viel mehr kaputt machen als wir vorne erfinden. Da würde ich aber nicht spezifisch auf jemanden wütend sein. Natürlich habe ich selbst ein Unbehagen und deswegen gehe ich auch stark an die Öffentlichkeit. So langsam wissen wir aber schon, was wichtig wäre zu fördern und was nicht. Dann wird es aber kompliziert. Dann gibt es in diesem System nämlich Gewohnheiten – „Man hat es schon immer so gemacht.“, Routinen, Industrie-Interessen. Aber ich bin Optimist und glaube an das Gute. Es wird sich schon zum Besseren hinentwickeln. Nur geht es nicht über Nacht. 

Die Corona-Pandemie hat bei vielen Menschen zu einem Gefühl geführt, vom politischen und medizinischen System bevormundet zu werden. Können Sie das nachvollziehen?

Naja, das war eine neue Situation. Was soll man denn sagen? Es war klar, dass sie kommt, trotzdem haben wir uns nicht vorbereitet. Obwohl es jeder Virologe angekündigt hat. Dennoch, wir haben uns nicht schlecht geschlagen. Aber natürlich, wir müssen immer diskutieren, was man anders machen könnte. Grundrechte, Eingriffe, Maßnahmen, alles muss sehr fein abgewogen werden.

Aber so schlecht war es nicht und es ist eine verdammt schwierige Sache, da in der Balance zu bleiben. Im Nachhinein sind alle Katzen schlauer. Ich habe ein großes Mitgefühl mit Menschen, die entscheiden müssen. Als leitender Arzt hat man das im kleineren Maße auch: Jemand der nicht in in der Entscheidungsposition ist, kann aus der Theorie immer sagen: „Ich hätte es aber so gemacht“ – aber die Person stand in dem Moment auch nicht da und musste die Entscheidung treffen. Im Wissen, wenn die Entscheidung falsch ist, ist er dran.

Aber ja, ich kann die Wut auch nachvollziehen. Ich ärgere mich auch darüber, dass ein Arztgespräch – je nach Facharzt – 18 Euro gibt und ein Stent ein paar Tausend. Aber dann komme ich immer wieder zum Punkt: es ist auch meine und es ist auch unsere Schuld. Das versuche ich immer wieder zu reflektieren. Natürlich kann ich mich hinstellen und sagen: Es ist ganz schlimm, das mit dem Klimawandel. Aber durch meine Konsumentscheidungen im Supermarkt trage ich Schuld daran – und habe gleichzeitig die Möglichkeiten, es zu ändern. Es passiert immer leicht, dass man auf andere projiziert. Übrigens auch bei Corona: „Die bösen Chinesen“. Das ist Quatsch! Natürlich gibt es da schlimme Tiermärkte. Aber Tönnies ist auch nicht besser.

Wenn wir alle wirklich ändern wollen würden, über was wir jammern, dann wären fast alle Probleme innerhalb von Monaten gelöst. Das ist eigentlich das Verrückte. Insofern ist Wut als Antrieb für Veränderung wichtig, aber ich würde mir wünschen, dass man noch einen Schritt weiterdenkt. Eines meiner Lieblingsthemen ist natürlich die Ernährung. Da ist es am einfachsten. Da kann man über Konsumentscheidungen zu 100 % mitentscheiden, ob noch mehr Amazonas-Regenwald gerodet wird oder nicht. Das liegt in unserer Hand. Ein anderes Thema ist Stress. Es zwingt uns niemand dazu, unser Leben immer mehr zu beschleunigen, immer mehr zu machen und zu wollen. Aber wenn wir alle natürlich immer mehr Wünsche haben, kommt es einfach dazu. Jeder will noch einen Zweitwagen, noch einen Urlaub, noch schneller fahren, so verursacht er das System mit, unter dem er letztlich leidet. Da ärgert mich dann manchmal die Aussage „ich habe so viel Stress“, weil ich denke: Dieser Stress ist selbstgemacht!

Ich empfinde es so, dass der materielle Wohlstand der westlichen Welt nur das emotionale Loch in uns stopfen soll.

Sie sagen es. Wir haben natürlich drei große Defizite, die wir noch nicht im Ansatz ausgeglichen haben. Das eine ist der Verlust der Familie, manchmal sogar der Großfamilie, die früher das erste Netzwerk war. Das zweite ist das der Dorfgemeinschaften bzw der größeren sozialen Gemeinschaften. Spätestens mit dem Internet sind diese eher in digitale Gemeinschaften übergegangen, die aber nicht so viel Wärme geben, sogar oftmals eher Hass erzeugen. Und dann gibt es in weiten Teilen den Verlust der Religion oder Spiritualität. Ich selbst habe höchstes Mitgefühl für jeden, der an nichts, an keine höhere Ordnung glauben will. Das ist sicher nicht einfach, ich glaube da kann man sich sehr schnell verloren fühlen. Und da man Lücken schlecht aushält, ist das Feld natürlich bereitet für Konsum, Ablenkung und Süchte.

Portrait Prof. Dr. med. Andreas Michalsen, Chefarzt Klinik für Innere Medizin, Abteilung Naturheilkunde, Immanuel Krankenhaus Berlin

Was glauben Sie, werden wir Ende 2020 über dieses Jahr denken?

Tolle Frage, aber ich weiß es wirklich nicht. Bei dieser Pandemie habe ich ein starkes „Open-End“-Gefühl. Keiner weiß, ob sich am Ende grundsätzlich alles verändert, oder alles beim alten bleibt. Ob richtig gehandelt wurde oder nicht. Ich glaube schon, dass die Erkenntnis einsetzen wird, dass die Welt in eine etwas übertriebene Panik verfallen ist. Wenn der Staub sich einmal legt, wird wohl klar: Die Bedrohung an sich war in Relation zu vielen anderen Bedrohungen nicht so wahnsinnig viel größer – wo man aber nicht mit dieser Heftigkeit reagiert hat.

Ansonsten glaube ich einfach, dass das Jahr 2019 mit seiner Klimakrise, 2020 mit der Corona-Krise, dass nun alles am Anschlag ist. Wir spüren, es geht ans Limit. Ich habe vorhin noch recherchiert: Es gibt die Erde jetzt ca. fünf Milliarden Jahre. Uns Menschen gibt es ca. drei Millionen Jahre. Und so langsam wird es einfach eng. Es gab immer Klimawandel und Katastrophen, aber jetzt ist es das erste mal, dass die Menschen sich selbst so verhalten, dass sie ihre selbstgebauten Systeme an den Rand der Belastbarkeit bringen. Jetzt spüren wir das. Und hier sollten wir uns klar werden: Die Erde braucht uns Menschen nicht. Die Erde findet immer eine Anpassung. Da kann man total drüber jammern über all das, was noch kommt. Immer heißere Sommer, Katastrophen, weitere Pandemien, alles ganz bitter und traurig – aber die Natur wird sich anpassen. Wenn dann, wird es für uns eng.

Ich glaube, das müssen wir uns als Menschheit irgendwie klar machen. Die Erde braucht uns nicht, aber wir brauchen die Erde. Ich glaube, die nächsten 10 Jahre stehen im Zeichen, unseren Ur-Ur-Ur-Ur-Urenkeln diese Erde nicht als Trümmerfeld zu hinterlassen. Die Erde ist sehr gütig mit uns. Aber so langsam haben wir es ein bisschen übertrieben.

Sie haben Ihren Glauben angesprochen. Woran liegt es, dass Alternativmedizin oft mit Spiritualität einhergeht – und warum wird sie dafür kritisiert?

Das ist einfach zu erklären. Wir haben eine Entwicklung zur Technik und Wissenschaft gemacht. Der Restplatz für Gott wurde immer weniger. Wenn man eine fast 100 % wissenschaftlich zu erklärende Welt hat, gibt es immer weniger Platz für Gott als Schöpfer. Wir erleben, dass unsere Gesellschaft immer atheistischer wird. Wenn man die Berichte der Zeitungen in den letzten Monaten verfolgt, gehen nun Diskussionen los, ob man die Kirche als Sekte bezeichnen muss, weil sie auch an komische übernatürliche Dinge wie die heilige Mutter Maria oder den heiligen Geist glaubt. Und das wäre alles lächerlich und mache doch keinen Sinn. Wir stellen ja zur Zeit alles in Frage. Wenn wir gnädig sind, bleibt am Ende für Gott noch das Provozieren des Urknalls übrig. Das ist eine spannende Zeit, weil ich glaube, das kann nur jeder für sich selbst spüren und auch beantworten. Für mich steht völlig außer Frage, dass es Gott gibt. Und dass es Spiritualität gibt.

Aber ich erlebe natürlich, dass das für Menschen, für die das Leben eine rein technische Angelegenheit ist, eine verstörende Aussage ist. Die sie auch nicht aushalten. Dann ist man Esoteriker oder Spinner oder sonstwas. Auch bei Corona merken wir zur Zeit: Es wird immer schwieriger, freie Diskussionen zu führen. Man überschüttet sich immer gleich mit abfälligen Kommentaren und jeder denkt, er weiß es besser. Im besten Falle ist Spiritualität eine ganz persönliche Erfahrung. Und wenn jemand erfahren hat, dass es einen Schöpfer gibt, und dass der gut ist, kann man das auch nicht wegdiskutieren. Und wenn jemand sagt, er hält es alles für Quatsch – Gott, Qi, Energie – gut, dann ist es seine Meinung. Das toleriere ich. Aber ich wünsche mir, dass meine Ansicht auch toleriert wird. Man kann natürlich sagen, wenn man sich verliebt: Das ist doch nur eine chemische Reaktion. Gut fühlt sie sich trotzdem an (lacht). Ich halte es da mit Wittgenstein: Über diese Dinge kann man nicht sprechen und sie auch nicht rational erklären. Das ist ein anderer Bereich. Ich wünsche mir, dass man ihn auch so belässt.

Noch eine Bemerkung: In der Alternativmedizin ist es manchmal etwas entgrenzt und manchmal sogar enthemmt. Da fließt oft ein bisschen sehr viel „Energie“ mit ein. Da ist es ganz wichtig, dass man sich klarmacht: Es sind Bilder! In der chinesischen Medizin, die sich vor zwei-, dreitausend Jahren entwickelte, oder in der indischen Medizin, da gab es kein Mikroskop. Da wusste man nicht, was Elektrizität ist. Man konnte es alles nur mit den Sinnen klassifizieren. Und das ist unser sprachliches Recht: Wir nehmen Bilder. Diese Bilder sind einfach nur Beschreibungen, keine Wahrheiten. Die gab es in unserem Kulturkreis in der Säftelehre der Humoralpathologie genauso. Wo man von schwarzer und gelber Galle spricht. Wenn man heute sagt „dem läuft wohl die Galle über“ oder „dem ist eine Maus über die Leber gelaufen“ ist dieser Bilderreichtum immer noch in unserer Sprache existent. Natürlich läuft keine Maus über die Leber, und keine Galle läuft über. Aber wir verbinden das Bild mit dem gemeinten Zustand. 

Heute wissen wir natürlich, es ist eher so: Über die Wut, die außer Balance geratene Psyche, wird das Mikrobiom gestört. Wenn das Mikrobiom gestört ist, werden Stoffwechselprodukte produziert, die machen eine Fettleber, und wenn man eine Fettleber hat, kriegt man Gallenprobleme. Das wusste damals niemand. Aber sie haben trotzdem irgendwie bemerkt: Der Mensch ist wütend, dem geht es nicht gut, und das hat irgendwas mit der Leber zu tun. Und so ist es mit Qi, mit den Elementen, mit Energie genauso. Man sollte das als eine Symbol verstehen. Und nicht als eine Realität. 

Fühlen Sie sich für Ihre Arbeit und das was sie tun, angemessen wertgeschätzt?

Ja, sehr. Ich bekomme ganz viele Emails in Bezug auf meine Bücher. Meine Lesungen sind immer voll. Viele Menschen sind froh, dass es die Naturheilkunde gibt und hören es auch gerne, wenn ein Arzt es auch mal unterstreicht und zum Beispiel über die positive Kraft des Waldes oder des Fastens spricht.

Wir sind Natur. Und eigentlich könnten wir es sehr sehr gut verbinden. Man muss gar nicht so viel machen. Man sollte nur aufhören, sich gegenseitig schlecht zu machen. Oder dass Ärzte sagen „Das ist alles Quatsch oder Humbug.“ Man müsste wertschätzend in diesem Bereich miteinander umgehen. Es ist doch toll, dass es jemanden wie einen Osteopathen gibt, der durch seine Hände helfen kann. Anstatt sich über ihn auszulassen. Und wenn der Osteopath nicht helfen kann, kann sich auch der Osteopath freuen, dass es so fantastische chirurgische und orthopädische Techniken gibt. Auch hier braucht es einen liebevollen Umgang miteinander. Das ist nämlich auch gesund.

Fantasiespiel zum Schluss: Sie sind König Ihres eigenen Landes und können sich ein Gesundheitswesen nach Ihren Wünschen basteln:

Ich würde für Medizinstudenten und Ärzte eine verpflichtende Ausbildung in Naturheilkunde einführen. Und, dass bei jeder Erkrankung auch immer daran gedacht werden muss, ob man hier zuerst mit einem naturheilkundlichen Konzept herangehen kann.

Bei den Krankenkassen würde ich Bonussysteme einrichten, die die Eigeninitiative für Gesundheit unterstützen. Ich würde die Systeme so umstellen, dass die naturheilkundlichen Methoden an erster Stelle stehen, damit die Gewichtung sich ändert. Und dann würde ich rigoros Dinge, – das klingt jetzt vielleicht etwas unsympathisch – die uns nachgewiesenermaßen nicht guttun, rigoros besteuern. Eine 100%tige Steuer auf Fleisch und zuckerhaltige Getränke. Das haben wir vom Rauchen gelernt. Ich habe früher auch mal geraucht. Jahrzehntelange Informationskampagnen liefen da. Es hat eigentlich erst dann etwas gewirkt, als man es verboten hat. Und als man es massiv teuer gemacht hat. Nagut, Verbieten war nie eine gute Idee. Dann gibt es einen Schwarzmarkt, wo dann nachts im Keller gegrillt wird (lacht). Aber ich würde die Preisgestaltung definitiv in die Hand nehmen.

Und diese Preisgestaltung gilt auch für die Medizin. Es darf nicht am meisten Geld für die Reparatur geben. Natürlich soll eine Bypass-Operation auch angemessen bezahlt werden. Aber es darf nicht das Lukrativste sein. Das meiste Geld muss eigentlich derjenige verdienen, der eine Krankheit verhindert.

Foto-Credit: Anja Lehmann/Immanuel Krankenhaus Berlin/Suhrkamp Verlag, ©Insel Verlag

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