„Die Antwort auf die Frage der Gewalt sollte nicht aus Reihen der Psychologen und Sozialpädagogen kommen. Nicht falsch verstehen, ich liebe die und brauche sie für meinen Job. Aber das sind sehr oft Menschen, die sich ganz klar von Aggression distanzieren und es als Fehlverhalten ansehen. Wenn Jugendliche aber immer wieder gesagt bekommen „Das ist falsch, mach das nicht“, bringt man ihnen eigentlich bei: „Ein Teil von dir ist falsch und sollte nicht ausgelebt werden.“ Viel öfter sollten Jugendliche hören: „Du bist in Ordnung.“


Maximilian Pollux

Bereits als Jugendlicher kriminell, Drogendealer, zehn Jahre Haft in Deutschland und den Niederlanden, danach Schriftsteller (“Kieleck”, in dem er seine Erfahrungen verarbeitete), Anti-Gewalt-Trainer, Youtuber, Gründungsmitglied Verein “SichtWaisen e.V” für innovative Jugendarbeit in Mainz (kostenlose Online-Beratungsgespräche für Betroffene und Angehörige):
https://www.sichtwaisen-ev.de/


Für meine Interviewreihe „Mach’s weg“ habe ich rund 50 Interviews mit verschiedensten Perspektiven auf das Thema Gesundheit geführt. Schließlich wussten schon unsere Großeltern: Das Wichtigste im Leben ist die Gesundheit. Aber was ist das überhaupt? Lässt sich Krankheit einfach „wegmachen“? Und wieso kümmern sich Menschen umeinander?


Laurens Dillmann: Wie verlief dein beruflicher Werdegang?

Maximilian Pollux: Ich habe mich schon mit etwa 12 Jahren für Kriminalität interessiert. Aufgrund falscher Vorbilder war ich sehr schnell darin verwickelt und bin immer tiefer reingelaufen. Weiter weg von einem „gesunden“ Beruf konnte ich wirklich nicht sein. Ich war Drogendealer. Chemiedrogen. Crystal Meth, als es noch nicht bekannt war, lange vor Breaking Bad. Es gibt kaum eine Droge, die sich verheerender auf die Gesundheit ihrer Konsumenten auswirkt. Nicht schön.

Mit 19 habe ich einen Haftbefehl bekommen, habe dann Deutschland verlassen und war im Ausland auf der Flucht. Mit 21 wurde ich verhaftet. Die nächsten 10 Jahre war ich im Gefängnis und habe dort das erste Mal einen Bezug zu meinem eigenen Körper und meiner Gesundheit hergestellt. Davor war mir alles egal. Hauptsache ich konnte schnell davonlaufen oder kämpfen. Im Knast bin ich dann mit dieser alten Weisheit in Berührung gekommen: Dein Körper ist dein Tempel. Und habe mich daran gemacht, meinen Tempel schöner einzurichten. Habe besser auf mich geachtet, psychisch und physisch.

Eigentlich war ich an diesem Punkt ziemlich lost. Verloren. Alle meine alten Glaubenssätze habe ich aufgegeben. Worüber ich mich früher definiert habe, vertrete ich nicht mehr. Das war eine schwere Zeit, sie hat Jahre gedauert. Ich sage immer: Ich habe mich trotz Gefängnis geändert, nicht wegen des Gefängnisses. Die Anstalt hat mir nicht geholfen, mich selbst zu finden oder neu zu entdecken. Du kannst sehr gut zehn Jahre sitzen, ohne eines dieser Dinge zu tun. Du musst dich überhaupt nicht ändern, wenn du in Haft bist. Ich kenne genügend Leute, die das nicht getan haben.

Nach meiner Entlassung stand ich da: Mit dieser Erfahrung aus fast zehn Jahren Kriminalität und fast zehn Jahren Haft. Es war ein blinder Punkt auf allem, was ich sein wollte. Wer war ich gestern? Darüber konnte ich nicht reden. Mit meinen Schwiegereltern nicht, beim Vorstellungsgespräch nicht – überall ein Problem. Dann ging der Gedanke los: Wie kann man dieses große Scheitern, dieses große Stigma, diese große Belastung für meine Psyche in etwas verwandeln, dass es vielleicht doch einen Nutzen hat.? Im Business Talk würde man sagen: Ich habe meinen Unique Selling Point draus gemacht. Ich habe etwas erlebt, das ihr nicht kennt und vielleicht kann euch mein Beispiel einiges ersparen.

So ging es los. Ich habe angefangen zu schreiben: Über Haft, über das kriminelle Leben und seinen negativen Beigeschmack. Einer dieser Texte wurde in einer Anthologie namens „Zappenduster“ veröffentlicht. Später wurde ich mit diesen Geschichten an eine Schule eingeladen. Das war der Beginn meiner Tätigkeit als Referent. Seitdem gebe ich Workshops in Schulen. Ich habe dann noch eine Ausbildung zum systemischen Anti-Gewalt-Trainer gemacht und angefangen, Jugendliche zu coachen.

Vor zwei Jahren haben wir dann den Verein SichtWaisen gegründet, weil wir gemerkt haben: Die Jugendlichen wollen sich verändern, wenn ich ihnen begegne. Aber es blieb oft punktuell. Nachdem ich gehe, flaut es wieder ab. Um den Ansatz nachhaltiger zu gewährleisten, haben wir den Verein gegründet. Ich kann nicht jedem und jeder Jugendlichen meine Telefonnummer geben. Es braucht eine Stelle, an die man sich wenden kann. Mittlerweile sind wir eine der größten Plattformen für niederschwellige Jugendarbeit in Deutschland, an die sich Jugendliche wenden können.

Zur Zeit ist der Traum des Jugendcoaches an der Front mit Corona und den Maßnahmen natürlich sehr erschwert. Ich habe also begonnen, Videos auf Youtube hochzuladen. Ganz knallharte Präventions-Videos. Mittlerweile habe ich über 167.000 Abonnenten auf YouTube und mache verschiedene Podcasts.

Der Moment, als du dich geändert hast: Ist das der Moment, an dem du gesund geworden bist?

Hübscher Gedanke. Dafür müsste es diesen Moment natürlich gegeben haben. Aber es waren viele Momente. Viele verschiedene kleine Dinge, die mir dabei geholfen haben. Ob ich gesund geworden bin? Ich war davor auf jeden Fall krank. Definitiv. Dieser Star-Wars-Vergleich: Du bist auf der dunklen Seite der Macht und dein Körper verfällt. Wenn dein Geist von Negativität und Hass besetzt und dein einziger Antrieb so etwas wie Gier ist, dann wird dir dein Körper das spiegeln. Bei mir war das so. Rückenschmerzen. Bauchschmerzen. Seit ich kriminell war, hatte ich tierische Magenschmerzen. Das wurde alles besser, als ich begann, an mir zu arbeiten.

Also ist Heilung nicht der eine Moment, sondern ein Prozess, richtig?

Es gab natürlich diese Momente, die Gedankenprozesse ausgelöst haben. Das sind meist intensive, extreme Erfahrungen. Jemand stirbt. Momente der Klarheit: Wer steht denn wirklich rechts und links neben mir? Was sind das für Menschen und wie geht es denen? Will ich auch so sein? Will ich das wirklich?

Da sieht man das erste Mal klar: Nein, will ich nicht. Okay, wer oder was will ich stattdessen sein? Dann kommt die ein oder andere Sinnkrise. Einer der letzten Schritte war nach der Haft, als ich das erste mal das Wort posttraumatische Belastungsstörungen gehört habe. Das hatte ich höchstens Mal in irgendeinem Vietnam-Kriegsfilm gehört, aber nicht in Bezug auf mich. Dass ich darunter gelitten habe, hätte ich niemals gedacht. Und auch die psychologische Betreuung in Haft tut sich mit so etwas schwer, da kommen meist andere Diagnosen wie Depressionen oder Borderline oder Whatever. PTBS für einen Täter hört man selten, weil man den verurteilten Tätern damit auch einen Opferstatus zugesteht.

Mit dieser Diagnose konnte ich viel gezielter an meiner eigenen Gesundheit arbeiten. Ich weiß, manche Leute halten nichts von Diagnosen. Ich sehe es anders: Die richtige Diagnose ist Gold wert. Wenn man dann konsequent daran arbeitet, kann sie gezielt helfen, das Leben zu verbessern.

Was ist dein Ansatz in deiner Arbeit mit Jugendlichen? Was genau tust du?

Mein Ansatz ist immer: Entglorifizierung des kriminellen Lebensstils. Zu zeigen: Du wirst am Ende nicht den geilsten Mercedes mit den besten Felgen fahren und die tollsten Frauen haben. Das hier wird dir wirklich passieren. Das hier sind die Folgen, die du zu erwarten hast: Knast, Einsamkeit, Schmerz für alle in deinem Familien- und Bekanntenkreis und ein ständiges Scheitern.

Dann das Entmystifizieren des Lebens im Gefängnis. Gerade Jugendliche, die schon ein bisschen auf der Schiene sind, stellen sich das Gefängnis als einen Ort vor, wo sie erst richtig zum Gangster geschmiedet werden, wo sie sich beweisen dürfen. Das hatte ich auch im Kopf: Knast ist die Gladiatorenschule und wenn ich da rauskomme, bin ich ein gestandener Mann. Es kann aber genauso sein, dass du daran zerbrichst. Das ist sogar höchst wahrscheinlich. Glaub nicht, dass Gladiatoren glücklich sind.

Warum kümmerst du dich um andere?

Da kommen mehrere Dinge zusammen: Es reicht für gefährdete Jugendliche nicht aus, dass sie wahrgenommen werden. Sie müssen den Anderen respektieren. Ein 15-Jähriger muss es dir abkaufen. Ich hasse das Wort, aber du musst authentisch ein. Im Grunde sage ich dasselbe, was Sozialarbeiter und Lehrer sagen. Aber deren Bedenken werden von den Jugendlichen weggewischt: Du hast aber nie Drogen verkauft. Weißt du überhaupt wovon du redest? Woher willst du wissen, dass es nicht klappt?!

Ich setze mich hin, ich nehme die Jugendlichen wahr. Ich respektiere ihre Probleme und erkenne ihre Lösungsstrategien an. Aber weil ich vor 15, 20 Jahren an demselben Punkt war, können sie mich respektieren. Warum mache ich das? Weil ich es kann. Und aufgrund meiner Vergangenheit sehe ich diese Verantwortung.

Eigentlich kannte ich das so: Du hast geschafft, dich aus der Kriminalität zu lösen – rede nie wieder darüber. Zieh weg, lerne neue Leute kennen, begrabe es hinter dir. Ich habe für mich entschieden: Das reicht mir nicht. Ich möchte mehr. Ich möchte etwas zurückgeben, um anderen Leuten zu helfen. Wahrscheinlich kommt es auch daher, dass ich das Gefühl habe, viel Schaden angerichtet zu haben, und wieder ein Gleichgewicht herstellen möchte. Und die positiven Rückmeldungen, die ich bekomme, sind für mich eine unglaubliche Belohnung.

Muss man am eigenen Leib das erfahren haben, was man später bei anderen heilen will?

Das ist ein kluger Gedanke. Für psychische Krankheiten zählt das sicher noch mehr. Manche Dinge sehe ich: Den Ausschlag, den Bruch, die offene Wunde. Ich weiß prinzipiell, was zu tun ist. Bei psychischen Geschichten ist das viel schwerer. Als ich das erste mal in einer Selbsthilfegruppe für posttraumatische Belastungsstörungen war – das war unglaublich für mich. Bis dahin dachte ich, ich bin mit dem Scheiß alleine. Aber wir hatten alle das gleiche Leiden! Egal, woher der Auslöser kam. Es war sich alles so ähnlich. Wenn ich das heute bei einem Jugendlichen sehe, kann ich viel besser mit ihm arbeiten als wenn ich das nicht erfahren hätte. Und auch mir selbst hilft es bei der Heilung.

Beim SichtWaisen-Verein haben wir das Mentorenprogramm, das genau darauf abzielt. Wir suchen Menschen mit einer bestimmten Vergangenheit. Menschen, die Wissen über die Sub-Genres des Lebens haben: Kriminalität, Therapie, Ex-Drogenvergangenheit, Ex-Gewalterfahrung, Ex-Suchterfahrungen. Die sich aber heute wohl fühlen, die gelernt haben, damit umzugehen. Diese Leute bringen wir mit der zum Beispiel 15-Jährigen Version von sich selbst zusammen. Wir haben einen viermonatigen Trainingskurs, in dem die Leute dafür ausgebildet werden. 

Deswegen funktioniert meine Arbeit mit Intensivtätern so gut. Der sitzt vor mir und ich sehe mich selbst von damals. Und ich weiß genau, was hätte mir damals geholfen? Und was hätte mich abgeschreckt? Ich sehe auch, welche Phasen derjenige noch durchlaufen muss, bis er Hilfe annehmen kann.

Warum gibt es so eine starke Faszination für Kriminalität?

Zwei Ansätze: Die Faszination, etwas zu beobachten, was ich selbst nicht machen würde. Tatort oder Actionfilme gucken, Krimis lesen, die Dramatik der Anti-Helden-Geschichten. Es war früher schon spannend, wenn die Bösen irgendwann am Galgen landeten. Ist es heute noch.

Die andere Seite sind die Leute, die selbst partizipieren wollen. Kinder tragen oft Bilder in sich, was sie einmal werden wollen. Ich wollte als Jugendlicher ein Pirat sein. Das geht nicht, wenn ich brav meine Ausbildung mache. Nicht sehr piraten-like. Da kann ich auch nicht die Polizei rufen, wenn mich jemand beleidigt. Ich muss das selbst klären. Ich wollte Narben haben, wollte, dass man es mir ansieht, dass ich alle sieben Weltmeere bereist habe. So wollte ich leben. Für mich war auch die Robin-Hood-Geschichte sehr anziehend. Der Outlaw, der Gesetzlose, außerhalb der Gesellschaft stehend und ihr dadurch auch den Spiegel vorhaltend: Ihr seid gar nicht so gut wie ihr tut! Ihr folgt Gesetzen, aber diese Gesetze müssen nicht richtig sein!

Das war sehr romantisch für mich und das ist es für viele Jugendliche. In den wenigsten Fällen ist es die reine Gier aufs Geld. Klar sagen das viele, aber die Motivation dahinter ist oft die Suche nach einer interessanten Identität. Das Mentorenprogramm ist mir so wichtig, weil es zeigt: Du kannst ein cooler und spannender Erwachsener sein, ohne ein Arschloch zu sein. Du musst dafür niemandem schaden.

Gibt es auch eine Faszination für ungesundes Verhalten und ungesunden Lebensstil? Haben wir ein kulturelles Problem, dass die schlechtere Wahl uns viel zu leicht gemacht wird?

Ich weiß nicht, ob es nur die Verlockungen sind. Es gibt noch etwas, das wir sehr unterschätzen: Der Wille zur Selbstzerstörung. In ganz vielen Ausprägungen gibt es das. Woher das kommt – sich selbst absichtlich schaden sollen – das müssen wir erst aufdröseln, bevor wir damit aufhören. Mir war das Narbenhaben damals total wichtig. Ich musste mich ja in gefährliche Situation bringen, damit ich irgendwann ein einäugiger Pirat werde. Bei Drogenkonsum gibt es das genau so. Oft nehmen die Leute das gar nicht, weil es ihnen damit so gut geht. Manche Leute wollen sich einfach auflösen, wenn auch meist unbewusst.

Da müssen wir ansetzen: Den Menschen zu zeigen, wie wichtig Gesundheit ist. Was für ein Privileg es ist, gesund zu sein. Dass unser Körper tatsächlich unser Tempel ist, auch wenn der Spruch so abgedroschen scheint.

Was hältst du von der Mentalität, Krankheitssymptome „weg zu machen“? Wie schafft man es, dass Menschen ihre eigene Gesundheit wichtiger wird?

Meine Frau ist da eine große Inspiration für mich, sie kennt sich sehr gut mit Gesundheit aus. Momentan ist unser Modell wohl so, dass wir Krankheiten behandeln. Natürlich wäre es ein viel besser Ansatz, auf Prävention zu achten, so dass diese bestenfalls gar nicht erst entstehen.

Hier schlägt sich der Bogen zu meiner Arbeit: Mir geht es nicht so sehr um Bestrafung, sondern um Prävention. Als ich vor viereinhalb Jahren angefangen habe, wurde Kriminalprävention noch sehr stiefmütterlich behandelt. Das haben nur Polizisten gemacht, die in die Schulen gegangen sind.

Ein einfaches Rechenbeispiel. Die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel hat eine Modellstudie durchgeführt (Genauere Infos gibt es auf der Website der Initiative Kurve Kriegen des Landes NRW): Ein jugendlicher Intensivstraftäter kostet die Gesellschaft bis zu seinem 24 Lebensjahr 1,7 Millionen Euro an sozialen Folgekosten. PlusMinus hundert Opfer. Gib mir 700.000 Euro, dass ich ihn abhalten kann, Straftaten zu begehen und wir sparen eine Millionen Euro. Und der Kerl leistet am Ende sogar seinen Beitrag, dass unsere Gesellschaft ein Stückchen besser funktioniert. Ich vermute fast, dass das im Gesundheitswesen genauso laufen könnte. Wir könnten durch Prävention so viel verhindern, was wir später teuer bezahlen.

Meine eigene Depression hat sich erst angefangen zu bessern, als ich begonnen habe, mich mit unterdrückter Aggression zu beschäftigen und Kampfsport zu machen. Es ist, als könnte ich diese Energie jetzt für gute Dinge nutzen. Welche Rolle spielt Aggression in Bezug auf Gesundheit & Kriminalität?

Die soziokulturelle Entwicklung der Menschheit ist schneller als die evolutionsbiologische. Heißt: Ich habe Schüler, die vor 100 Jahren mit ihrer Fähigkeit gewalttätig zu sein, unempfindlich gegen Schmerz zu sein, keine Empathie und kein Mitgefühl zu haben, in einigen gesellschaftlichen Bereichen gut eingesetzt hätten werden können. Heutzutage bringen dir diese Skills nichts mehr, sie sind nicht mehr erwünscht. Das schürt natürlich Frustration. Als Gesellschaft sind wir viel weniger gewalttätig als wir als biologischer Organismus eigentlich sein könnten. Wir haben da kulturell ein Problem. Manchmal komme ich in Schulen und die Lehrer beschreiben mir panisch, wie schlimm es ist und zeigen mir die Beispiele auf dem Schulhof. Und ich denke mir, vor 25 Jahren war so eine Schlägerei noch vollkommen normal. Heute wird die Polizei gerufen, du bekommst eine Anzeige und einen Psychologen an den Hals.

Ich merke immer wieder, dass wir dafür Ventile brauchen. Ich glaube, Aggression muss befriedigt werden. Deswegen bin ich ja auch nicht Anti-Aggressions-, sondern Anti-Gewalt-Trainer. In meinen Anti-Gewalt-Trainings schlage ich mit den Leuten auf Pratzen. Und plötzlich bist du der Beste! “Wow, was für einen Schlag du hast! Ist das okay, wenn ich das deiner Mum schreibe? Ich habe noch nie einen Siebtklässler mit so einer Rechten gesehen!” Jetzt kriegt der das erste Mal einen Brief nach Hause, für den er sich nicht schämt. Die haben ja teilweise mit 15, 16 schon Angst vor ihren Briefkästen, weil da immer Mist drin ist.

Kampfsport ist zum Beispiel eine große Chance und Möglichkeit. Es gibt dir Selbstbewusstsein. Du merkst, dein Körper ist nicht aus Glas. Du kannst auch mal eine kriegen und bist nicht gleich kaputt. Das relativiert auch deine Beziehung zu Schmerz. Du hast nach dem Training das Gefühl, Dinge schaffen können, neues dazu zu lernen, ausgepowert zu sein. Das Gefühl, deine Hemmungen und Ängste zu überwinden, das ist sehr wichtig und hilft besonders bei sich anbahnenden Depressionen. Alles gut für die Psyche und das Selbstvertrauen.

Die Antwort auf die Frage der Gewalt sollte nicht aus Reihen der Psychologen und Sozialpädagogen kommen. Nicht falsch verstehen, ich liebe die und brauche sie für meinen Job. Aber das sind sehr oft Menschen, die sich ganz klar von Aggression distanzieren und es als Fehlverhalten ansehen. Wenn Jugendliche aber immer wieder gesagt bekommen „Das ist falsch, mach das nicht“, bringt man ihnen eigentlich bei: „Ein Teil von dir ist falsch und sollte nicht ausgelebt werden.“ Viel öfter sollten Jugendliche hören: “Du bist in Ordnung.” 

Was brauchen Jugendliche, damit Sie sich gut entwickeln?

Ich glaube fest daran, dass wir durch positive Bestärkung besser lernen als durch Bestrafung. Bestrafung mag auch funktionieren. Aber positive Bestärkung wird dich nicht traumatisieren. Vergesst den Gedanken, dass wir jugendliche Intensivtäter mit Bestrafung erreichen oder gar ihr Verhalten verändern. Die sind es von klein auf gewohnt, so behandelt zu werden. Ich weiß noch, als ich das erste Mal in der Zelle saß, habe ich an die Decke geguckt und die Kratzer an der Wand gezählt. Selbes Verhalten wie beim Nachsitzen damals. In einem leeren Raum sitzen und Ablenkungsmethoden erfinden. Diese Form von „Aufmerksamkeit“ war ich ich schon gewohnt.


Foto-Credit: Maximilian Pollux

Online: https://www.sichtwaisen-ev.de/

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