„Der Schlüssel für volle Lebendigkeit liegt in der Verkörperung, nicht im Tun und Denken.“


Tamay Jentjens
Studium Medienwirtschaft, Studium Innovationmanagement & Entrepreneurship, Youtube Kanal mit 75.000+ Abonnenten, auf dem er zuerst Videos über das Auflösen von körperlichen Verspannungen und Mobility und später über authentischen Selbstausdruck und Lebendigkeit veröffentlicht

Schon unsere Großeltern wussten, das Wichtigste im Leben ist die Gesundheit. In seiner Reihe „Mach’s weg“  interviewt Laurens Dillmann Menschen aus dem Gesundheitswesen. Wieso sind sie ihrer Berufung gefolgt? Auf welche Werte berufen sie sich? Warum kümmern sie sich um ihre Mitmenschen? Welche Rolle spielen Geben & Nehmen in diesem Prozess? Was lässt uns heilen? Und lässt sich Krankheit einfach “wegmachen”? 

 “Mach`s weg” ist als Diskussionsanstoß und Forum für Visionen eines neuen Gesundheitswesens gedacht.  


Laurens Dillmann: Was genau tust du in deinem Beruf?

Tamay Jentjens: Heute arbeite ich mit Lebensenergie. Ich helfe Menschen dabei, alte Blockaden und Muster – sei es körperlich, emotional und geistig – loszulassen. Sodass die natürliche Lebensenergie, die wir alle in uns haben, wieder fließen kann. Und nicht die ganze Zeit umgelenkt und unterdrückt wird durch die ganzen Muster, die wir alle in Vergangenheit, Kindheit, von Eltern und wem auch immer aufgedrückt bekommen haben. Dann kommen wir auf natürliche Weise wieder in unsere wahre Expression zurück. Was wir wirklich sind. Wir können unseren Weg wieder klar sehen. Voll authentisch sein. Liebe, Glück, Freude, Lebendigkeit spüren, die wir eigentlich alle wollen. Was ich für mich persönlich erfahren habe: Wir müssen nichts anders machen oder etwas verändern, um dahin zu kommen. Alles ist da, davor ist nur ganz viel Blockade. Und ich helfe dabei, diesen Müll aus dem Weg zu räumen, der uns abhält zu verkörpern, wer wir wirklich sind. Weil das auch meine eigene Lebensgeschichte ist. 

Mit wie vielen Menschen hast du bislang gearbeitet?

Persönlich und direkt in engem Kontakt – ca. 100 bis 200. Inklusive der Seminare sind es tausende. Wenn man online mit rein rechnet, zehntausende. Menschen, die ich auf irgendeine Weise beeinflusst habe, gehen bestimmt in die hunderttausende. 

Welche Werte hast du?

Integrität. Authentizität. Wahrheit. Wobei das heißt: Wahrheit zu mir selbst im jetzigen Moment. Daraus ergibt sich alles. Früher habe ich viel für Anerkennung oder Geld gemacht. Em Ende des Tages ist das immer über mich herein gebrochen. Wenn ich meinem Gefühl gefolgt bin, auch wenn alle anderen gesagt haben, mach es nicht, war es immer befriedigend und das ist schon die ultimative Erfüllung. 

Wie verlief dein beruflicher Werdegang?

Meine Mutter ist Heilpraktikerin. Ich war schon früh mit der Idee unterwegs: Es gibt da noch mehr als die klassische Medizin. Das ist meine Basis. Als ich sechs war, hat sie mir das erste Mal die Frage gestellt: „Was ist eigentlich dein Lebensziel?“ (lacht)

Ich habe erstmal meinen normalen Weg in der Welt gemacht. Business und Marketing studiert. Mit 25 hatte ich dann ein einschneidendes Erlebnis. Da war ich für den Master im Studium in Polen und konnte nicht mehr aus dem Bett aufstehen, weil mein Rücken so sehr weh getan hat. Das war wie eine heftige Schockstarre. Ich war nie toll sportlich oder athletisch. Ich hatte Plattfüße, Knieschmerzen, Rückenschmerzen, ausgekugelte Schulter. Immer hat irgendetwas weh getan. Du bist bei Ärzten und Orthopäden. Du kriegst Einlagen und Massagen. Rehatraining. Du machst das alles – und was ist? Es kommt alles wieder und wird nie wirklich besser. 

Also habe ich mich an diesem Tag in Polen entschieden: Ich möchte das nicht mehr. Ich möchte, dass es aufhört. Also kümmere ich mich jetzt selbst darum. Bisher hat es keiner gebacken bekommen, also mache ich es. Und so habe ich Youtube durchforstet nach der Frage, was kann man für Übungen machen? So fand ich Kelly Starrett (bekannt durch: “Werde ein geschmeidiger Leopard”). Ich habe seine Übungen gemacht und die Logik dahinter verstanden: Warum tut ein Rücken überhaupt weh? Das ist ja keine Krankheit an sich. Sondern dieser Muskel zieht dich ins Holzkreuz, diese anderen Muskeln ziehen dagegen, die dazwischen entstehende Spannung führt zu Rückenschmerzen 

Ich habe den mechanisch körperlichen Vorgang dahinter selbst verstanden, bin nicht nur zum Arzt gegangen und habe mir Einlagen drunter hauen lassen. Diese Übungen waren das erste, was funktioniert hat. Und was ich selbst machen konnte. Weil es langfristig trainierbar war. Und so habe ich mir die Frage gestellt: Wieso gibt es darüber noch keine Schule? Das ist nämlich mehr als Physiotherapie, hier geht es um die Bewegung der Muskelketten als Fundament für alles. Und so habe ich meinen Youtube-Kanal gestartet. Habe Anatomie-Bücher gelesen, riesen Excel-Tabellen mit Übungen angelegt und diese in meinen Videos vorgestellt. Weil es mich einfach interessiert hat, weil es das war, das mich befreit hat. 

Innerhalb zwei, drei Jahren ist mein Kanal groß geworden, auch mit viel Arbeit meinerseits verbunden. Viel Hustle. Weil ich diesen Business- und Marketing-Background habe. Und plötzlich finde ich mich wieder mit einem großen Unternehmen, habe viel Geld in kurzer Zeit verdient, zehntausende Abonnenten, biete meinen Online-Kurs an…stehe vor 300 Leuten auf der Bühne der Functional Training Summit und halte einen Vortrag. Ich dachte, dieser Moment müsste doch eigentlich eines der geilsten Erlebnisse meines Lebens sein. Aber ich war ultra gestresst und unglücklich. Ich bin heulend im Auto zurückgefahren. Spätestens dann kamen immer mehr Dinge in mein Leben, die mit Depressionen zu tun hatten. Ich glaube, meine Seele – oder mein Unterbewusstsein – hat gesagt: „Hey, du hast dir jetzt ein gewisses Polster aufgebaut. Du bist nicht mehr abhängig von deinen Eltern, du kannst alleine überleben. Lass uns doch mal an dem ganzen alten Kram arbeiten, der immer noch da ist. Und der dich aus dem Unterbewussten noch immer knebelt und in Ketten legt. Du bist auch mit diesen Ketten weit gekommen. Aber jetzt lass uns noch tiefer gehen.” 

Die letzten zweieinhalb Jahre habe ich mir genommen für somatische, psychologische, emotionale, Trauma-, tantrische, bioenergetische Arbeit. Ich hatte das Glück, mit zwei Lehrern zusammenzuarbeiten, die nicht nur sagen „Lass uns über deine Probleme reden“ – sondern: „Was ist der körperliche Aspekt? Wo im Körper ist es? Wie atmest du?“ All die Entzündungen meines Körpers, unterdrückte Anteile, verschlossenes Herz, extremer Stress und Schlaflosigkeit – da habe ich mich voll reingekniet, meine Energie hineingegeben, mit vielen Coaches gearbeitet, viel geweint und viel geschrien. 

Seit ca. zwei Jahren habe ich darüber auch öffentlich in meinen Videos geredet. Die Frage gestellt: Was hat unser Innenleben mit unseren körperlichen Problemen zu tun? Wie kann ich die Brücke schlagen? Mittlerweile bin ich soweit und sage ganz ehrlich: Ich habe nie Sport gemacht, um der beste im Kreuzheben oder Rennen zu sein. Es ging mir immer um meine Lebendigkeit. Ich konnte nicht ohne Knieschmerzen laufen – also wollte ich die Knieschmerzen beseitigen, um mich lebendiger zu fühlen. Und aus diesem Grund habe ich auch an den mentalen, emotionalen Themen gearbeitet. Das bringt mich zur Grundfrage: Warum tue ich überhaupt irgendetwas von dem, was ich tue? Wegen Lebendigkeit, Liebe und Glück. Ich glaube, das gilt für uns alle. Und da gehört mehr dazu als nur ein starker Rücken oder gut im Kreuzheben zu sein. 

Warum teilst du diese persönlichen Prozesse mit der Welt?

The more personal it is, the more general it is. Wir denken immer alle, wir sind die einzigen, die manchmal nicht wissen wohin es geht, die einzigen, die Schmerzen haben, die einzigen, die sich nicht gut genug fühlen. Wenn ich eins gelernt habe: Es geht allen so. Wie soll ich das vermitteln und teilen, wenn ich es hinter einem „sicheren Schutzwall“ tue, über den ich “die Lösung“ hinüber werfe. Nein, ich bin ein Mensch genauso wie jeder andere auch. Ich bin verletzlich, habe viel erlebt, ich weine, ich bin ehrlich. Dadurch hoffe ich auch anderen die Erlaubnis zu geben, das ebenfalls zu tun.

Was denkst du, wenn jemand zu dir kommt und sagt „Mach meine Schmerzen weg.“?

Anfangs habe ich diese Menschen auch bedient. Ich hätte mich auch gerne so gesehen: Der Samariter, der allen Leuten die Schmerzen wegnimmt. Der Märtyrer, der allen hilft. Am besten noch kostenlos. Ich habe regelrecht versucht, Leute in die Veränderung zu ziehen. Möglichst gute Argumente zu finden, damit ich endlich erklären kann, woran der Schmerz liegt. Aber das hat nur mehr Stress gemacht. Mehr Ablehnung. Menschen müssen selbst auf den Trichter kommen, dass sie sich ändern wollen. Sonst ändert sich nichts. In meiner jetzigen Arbeit ist das ganz klar. Nicht mehr der Ansatz „3 Übungen gegen Rückenschmerzen“ – oder „Komm zu mir mit Rückenschmerzen und wir arbeiten an den Rückenschmerzen“. Zu mir soll niemand mehr kommen, der denkt, er habe eine Krankheit oder ein Problem. Sondern ich arbeite mit Menschen, die erkannt haben, dass sie durch ihr Handeln eine Krankheit angezogen haben. Das gibt dir sofort die Power, es auch wieder zu ändern. DU bist das, du kannst das ändern. Jetzt sofort. Auf diese Perspektive mache ich auch via Youtube oder Texten wie meinem Newsletter aufmerksam. 

Was wäre der bessere Ansatz als „Mach`s weg“?

Schau hin. Was auch immer da ist. Ich mag das Konzept des Schmerzlehrers. Nichts ist einfach nur so da. Es gibt keine Zufälle im Universum. Du hast etwas übersehen – was jetzt zu Schmerzen und Problemen führt. Weil du es so lange nicht beachtet hast. Aber es war schon auf der psychischen und emotionalen Ebene da. Und wenn du noch nicht den direkten Zugang zu deinen Emotionen, Gedanken, deinem Bewusstsein hast, muss es erst in die körperliche Ebene kommen, damit du aufwachst. Das ist jedenfalls meine Meinung. Wir können schlecht mit unserem Körper umgehen können bis wir 26, 27, 28 sind. Dann beginnt der Körper langsam zu sagen: Ah ah, geht jetzt nicht mehr. Sei kein Arschloch zu dir selbst. Geh gut mit dir um. Und wenn du das vorher noch nicht gelernt hast, dann bringe ich dir das gerne bei. Indem ich dir Schmerz gebe.

Schmerz ist einer der größten Katalysatoren für Veränderung. Schmerz ist nicht da, um uns zu peinigen. Nicht um ihn weg zu machen. Sondern um zu lernen. Wir sehen zu selten, welchen Sinn Schmerz hat. Wenn ein geliebter Mensch stirbt – welchen Sinn soll das haben? Warum sterben gute Menschen? Warum werden Idioten Anführer? Der Sinn kann eben nur sein, dass langfristig etwas Wichtiges passiert, das wir in unserer beschränkten Blase im Hier und Jetzt nicht wahrnehmen können. Hätte ich diese information, würde ich vielleicht sagen: Voll okay, dass es schmerzt. Voll okay, dass diese Person gestorben ist. Wenn ich nach fünf Jahren dafür so sehr daran gewachsen bin: Gerne! Darauf müssen wir Vertrauen lernen. Und der beste Katalysator dafür ist die Frage: Gab es in deinem Leben schonmal Ereignisse in diese Richtung? Gab es Momente, die sich unglaublich schlimm angefühlt haben und im Nachhinein hast du gesagt: Wenn das nicht gewesen wäre, wäre ich nie, wo ich jetzt bin. Damit kann wohl jeder Mensch dienen. Und das sind gute Anzeichen, dass Schmerz für dich da ist. Für dein Wachstum. Ein großer Hinweis für die nächste Evolutionsstufe. Muss nicht weggemacht werden. Lern damit. Guck dahin. 

Welche Rolle spielen Geben & Nehmen in Heilberufen?

Das ist das Thema von I-We-All. Ein Konzept von Paul Chek, ein sehr weiser Mann, den ich intensiv studiere. Ich – Wir – Alle. Immer ich zuerst. Dann Wir: Nahe Beziehungen, Familie, enge Weggefährten. Und dann Alle: Die Welt und meine Mission für die Welt. Viele Menschen denken, das Wir ist am Wichtigsten, oder sogar gleich die ganze Welt. Und sie vernachlässigen sich selbst damit, vernachlässigen Selbstliebe und Selbstfürsorge. Das Problem daran ist, du hast nicht mehr genug Energie, um sie ins Wir zu geben. Und dann wird das Wir dir sogar Energie ziehen, anstatt dir welche zu geben.  

Wenn du erstmal okay mit dir selbst, also vollständig mit dir selbst, auf das Wir zugehst, dann kannst du ganz viel vom Wir bekommen und ganz viel zum Wir geben. Aber wenn du mit leeren Händen ins Wir kommst, bist du immer nehmend. Du möchtest haben, oder gibst zu viel. Das kann nicht langfristig gutgehen. Viele, viele Menschen haben diesen Retterkomplex, wenn du in Heilberufe gehst. Ich auch. Dadurch definierst du dich. Dadurch bin ich wertvoll. Ich tue etwas, das richtig und wichtig ist. Dann bist du der weiße Ritter. Aber es bringt niemandem irgendetwas, wenn du dabei vor die Hunde gehst. Deswegen bin ich ein großer Freund davon, egoistisch zu sein. Erstmal immer auf mich selbst zu gucken. Und zu erkennen: Jemand anderes wird mir nicht die Liebe geben, die ich haben möchte. Selbst wenn ich so viel helfe und unterstütze und Dank erwarte. Das wird niemals das Loch in mir stopfen. 

Wie kann man in Beratungs/Coaching-Situationen bei sich selbst bleiben?

Das muss man lernen. Gefühl. Es fängt alles mit dem Gefühl an. Sehr viele Menschen haben in der Kindheit gelernt: Unser primärer Fürsorger hat uns nicht die Sicherheit und Liebe gegeben, die wir brauchten. Also mussten wir schauen, dass wir uns diese dennoch holen. Ein Kind kann nicht ohne Sicherheit und Liebe der Eltern aufwachsen. Dabei sind Muster entstanden, wo mein Fokus und meine Aufmerksamkeit erstmal zu jemand anderem springt. Ich versuche zu hätscheln, es dir bequem zu machen, damit ich überleben kann und Liebe bekomme. Ich arbeite für mich immer noch daran. Mittlerweile ist es viel, viel weniger geworden, was sehr befreiend ist. 

Einmal gilt es, festzustellen, dass das überhaupt passiert. Aufmerksamkeit dafür schaffen. Dafür braucht es immer Ruhe, Arbeit mit uns selbst, Meditation. Wege, um das zu erkennen. Dann sieht man irgendwann: Es geht, dass ich meine Aufmerksamkeit in meinem Körper halte. Dass ich mich selbst spüre. Meine Füße, meinen Bauch, meine Brust. Damit bleibe ich bei mir, bei meinem Gefühl. Und so kann ich mit der anderen Person sein. Zusammen.

Aber es ist nie: Ich gehe komplett aus mir raus. Das geht dann meistens auch mit Gedankenchaos und flacher Atmung einher. Und schon bist du weit weg von dir selbst. Es gibt ein tolles Buch „Intereceptive Mind“, da geht es um die Körperwahrnehmung als den stärksten Anker für unser Selbstbild. Unser Gefühl von Selbsthalt. Wer wir selbst sind. Weil das eine Konstante darstellt. Ich spüre jetzt gerade meinen Körper. Das heißt, ich bin hier und du bist da. Das gilt es zu üben und die Angst, die dahinter steht, loszulassen. „Ich kann aber nicht sagen, was ich wirklich meine, sonst sagst du nachher, das ist schlecht und du hast mich nicht mehr lieb. So kann ich nicht weiterleben.“ All diese emotionalen Unterdrückungen, die wir uns nicht angucken wollen. Wir müssen sie aber anschauen, um sie loszulassen. Dann können wir frei sein – mit uns und dem anderen. 

Was für Rückmeldungen bekommst du von den Menschen, mit denen du arbeitest?

Die Rückmeldungen sind sehr schön und erfüllend. Meine frühere Arbeit war auch erfüllend, aber irgendwann eben nicht mehr. Weil ich weitergegangen bin, weil ich eine größere Wahrheit gesehen habe. Auf Youtube stand früher unter den mechanisch-problembezogenen Videos oft: “Alles klar, dankeschön!“ – Jetzt sagen mir Menschen, dass meine Videos ihr Leben wirklich nachhaltig beeinflussen. Und dadurch entsteht eine tiefere Verbindung. „Damit kann ich mich wirklich stark assoziieren. Das hat meine Wahrnehmung wirklich verändert.“ Weil es jetzt lebensverändernd ist, statt nur „körperverändernd“. Klar ist es cool, Schmerzen wegzubekommen. Aber das bringt uns nur in einen neutralen Zustand. Nie zu Wellness, Glück, Erfülltheit. 

Was bedeutet Gesundheit für dich?

Homöostase. Balance. Zwischen den zwei Kräften, die alles im Leben erstellen. Yin und Yang. Gut und schlecht. Tag und Nacht. Einatmen, ausatmen. Anstrengung/Stress und Entspannung. Ich glaube, das ist Gesundheit. Wenn du es schaffst, deinen Körper, deinen Geist, dein Wesen so zu balancieren, dass du im Gleichgewicht bist. Dieses Ungleichgewicht ist meiner Ansicht nach der Grund, wieso Probleme – „Ungesundheit“ – entstehen. 

Der Körper will von selbst ins Gleichgewicht zurück. Das können wir auch schön nutzen, in Meditation zum Beispiel. Das finde ich so spannend: Du setzt dich hin und machst nichts. Wirklich nichts. Du versuchst auch nicht, nichts zu machen. Versuchst nicht, zu heilen. Wenn wir all das vergessen und wirklich loslassen lernen, macht der Körper die unglaublichsten Sachen. Von alleine. Ohne unser Zutun. Der Körper ist von selbst so unglaublich intelligent. Der große Großteil unseres Lebens passiert unbewusst. Liebe Frauen: Ihr macht ein Baby in eurem Körper. Ihr habt nicht einen Moment darüber nachgedacht wie ihr einen Menschen erschafft. Ihr macht es einfach. Okay, ich gebe auch einen kleinen Teil dazu. Aber den Großteil macht der weibliche Körper von alleine. Und wir haben bislang immer noch nicht rausgefunden, wie das eigentlich funktioniert. Das wird auch noch eine ganze Weile dauern. 

Das heißt, wir müssen nicht so viel tun und machen. Bloß dem Körper erlauben, in Balance zurückkommen zu können. Aber in einer Welt, in der wir uns immer mehr von der Stille, der Natur und dem Fluss des Lebens – dieses einfach passieren lassen – entfernen, brauchen wir Wege und Mittel, um diese Natürlichkeit wieder herzustellen. Ich will nicht diese Welt abschaffen, ich habe meinen Laptop sehr sehr gerne. Aber wir haben gesagt, wir wollen die Welt auf diese Weise erschaffen. Jetzt müssen wir auch die Verantwortung für den Dinosaurierkörper übernehmen, den wir noch immer haben. Und übrigens, dieser Dinosaurierkörper ist verdammt geil. Der hat nämlich auch sowas wie Intuition. Dann fühlst du auf einmal, was jemand anderem gut tut. Du weißt nicht warum, du weißt es einfach. Du machst es und denkst: „Wow, das ist ja richtig gut angekommen.“ Der Schlüssel für volle Lebendigkeit liegt in der Verkörperung, nicht im Tun und Denken.

Wie erlebst du die Corona-Zeit?

Die beste Art und Weise, es zu beschreiben, ist meiner Meinung nach eine kollektive psychedelische Erfahrung, die wir alle gemeinsam als Welt durchmachen. Ich weiß nicht, ob es schon mal ein Ereignis gab, als die ganze Welt den Pause-Knopf gedrückt hat. Und fast alle sich auf sich selbst besinnen mussten. Zuhause bleiben, keine große Ablenkung, Pause. Sitz jetzt hier mit dir selbst. Setz dich damit auseinander. Mit der Langeweile und der Angst.  

So etwas macht auch psychedelische Medizin mit uns. Ayahuasca. Psilocybin, Pilze, Marihuana. Da geht es immer um Ego-Auflösung und um einen Blick ins Unterbewusstsein, zu dem wir normalerweise keinen Zugang zu haben. Oder uns eben schön darum verpanzern. Und da ist viel interessantes drin. Und wir sind jetzt gezwungen, da hinein zu schauen. Ich hätte mir nie vorgestellt, jemals so etwas zu erleben. Für mich ist das aber auch ein Teil von natürlicher Selbstregulation. Um wieder in Balance zu kommen. Weil wir die Natur so lange mit Füßen getreten und ausgebeutet haben. Es musste immer mehr-mehr-mehr sein. Diese Energie kommt jetzt als Gegenteil zurück: Hört auf. Geht in die Ruhe. Ihr müsst euch damit auseinandersetzen. Ich sehe es als Riesenchance. Der Vollständigkeit halber: Ich fühle mit jedem Menschen, der dadurch gelitten oder einen Todesfall erlebt hat. 

Hast du das Gefühl, die Welt ist jetzt reif für die Arbeit, die du anbietest, für die Themen, mit denen du dich beschäftigst?

Zuerst: Es ist natürlich nicht damit, getan, sich „nur“ hinzusetzen und zu meditieren. Es gibt noch immer Millionen Möglichkeiten, sich abzulenken und das machen die meisten Leute noch immer. Die Welt ist auf jeden Fall reifer als sie jemals war. Mal schauen, vielleicht braucht es noch zwei, drei weitere Krisen. Es geht vor allem um die Courage, hinzuschauen, was ist. Heilung kann ganz schön hässlich sein. Wenn du wirklich dem Gefühl des Schmerzes folgst, dem was tief in dir ist: Das fühlt sich wie Sterben an. Und damit sein, es verarbeiten – in den Prozess zu gehen – ist eine bewusste Haltung der Annahme. Es auszudrücken, ein Vehikel oder Ventil zu finden. Sich auch mal die Hände schmutzig zu machen. Es erst anzufassen, bevor wir es loslassen können. Du kannst es nicht in den Mülleimer meditieren. 

Ich glaube, wir heilen unterdrückte Emotionen, gebliebene Kriegstraumata, wenn wir es schaffen, Menschen individuell darin unterstützen, sich das anzuschauen was da ist. Zu verarbeiten. Loszulassen. Und von dort aus die Welt anders zu sehen. Bei jedem Einzelnen. Denn die Welt sieht gar nicht mehr so grausam und schrecklich aus, wenn man man einiges dieser unterdrückten Wut und unterdrückten Angst – WÄHHH!!!! – losgelassen hat. Dann sind wir nicht permanent im sympathischen Nervensystem – im Fight-or-Flight-Modus. Dann kann die parasympathische Entspannung kommen. Und dann sieht plötzlich wieder alles ganz okay ist. Dann haben wir plötzlich wieder Empathie für andere Menschen und verstehen ihre Ängste.

Wenn es Schulen gäbe, in denen Menschen wirklich lernen, bei sich selbst anzukommen.

Ja, ich hätte das auch gerne. Aber es wird nichts sein, was wir im konventionellen Kastensystem lernen – tue dies, dann passiert das – oder „Alle Kinder müssen diese 7 Achtsamkeitsübungen beherrschen“ – sondern wir müssen mit dem Einzelnen arbeiten. Da ist ein Kind, ein Individuum. Das ist kein Holzstück, an dem ich herumschnitzen kann. Da braucht es Einfühlsamkeit, emotionale Verfügbarkeit, Intuition, und natürlich auch gewisse Regelsysteme, an denen man sich orientieren kann.

Zur Zeit liegen viel Systemkritik und der Wunsch nach Wandel in der Luft. Gleichzeitig die Angst vor einer “neuen Weltordnung”, die auf Kontrolle und Überwachung basiert. Was denkst du darüber?

Ich mag Ken Wilbers Begriff von „Integral Consciousness“. Er sagt, es braucht 4-7 % Menschen, die integral und holistisch denken, leben und handeln. Dann wird sich der Rest der Welt nicht weigern können, dass dieses neue Paradigma kommt. Das ist die nächste Bewusstseinsstufe. Holistische Herangehensweise. Nicht mehr: Ich nehme diese Pille, damit dieses Symptom verschwindet. 

Dann wird sich meiner Meinung nach auch die Weltordnung ändern müssen. Aber nicht top-down, sondern bottom-up. Dank den Menschen, die bereits in dieser Weise leben. Und diese Haltung an ihre Mitmenschen weitergeben können. Dann wird sich die Welt dem auch nicht entziehen können. Wie wir uns auch nicht entziehen konnten, so stark in die Rationalität und Wissenschaftlichkeit gegangen zu sein. Es gab auch eine mystische Phase des Menschseins, in dem wir viel mehr mit Göttern verbunden waren – aber mit der kritischen Masse ist es in diese Phase gekippt und übergegangen.   Wir müssen gar keine „schöne neue Welt“ fantasieren. In jeder Menschheitsphase gibt es Konflikte und Kämpfe. Das geht immer weiter. Wilber sagt es so schön: Wir wissen nicht, was danach kommt. Vielleicht kommunizieren wir dann nur noch telepathisch. Vielleicht. Ich weiß es nicht. Aber auf dem Weg dahin, wird es Reibung und Widerstände geben. So ist es nunmal. 

Aber das macht auch Spaß! Das ist ja das Lustige. Wenn man mitten in der Depression und im Schmerz ist, willst du einfach nur da raus. Aber irgendwann erkennst du: Das Schlechte ist gleichzeitig das Gute und das Gute ist gleichzeitig das Schlechte – es bedingt sich. Vor wenigen Tagen habe ich hier wieder auf dem Boden gelegen und geheult – ich weiß nicht mehr weswegen, irgendetwas war so extrem und überwältigend schwierig. In dem Moment versuche ich es mir immer wieder zu wiederholen: Tamay, bleib da drin. Geh damit. Lass es dasein. Du weißt nicht, was daraus gleich entstehen wird. Es muss häufig dasein, damit du die Erkenntnis hast. Wenn der Schmerz so groß ist und du sagst: „Fuck man! Ich wollte es nie so machen, aber jetzt versuche ich es halt!“

Bildquellen: Tamay Jentjens

Ein Gedanke zu “Über den Körper zu authentischem Selbstausdruck – mit MindfulEmbodiment-Coach Tamay Jentjens”

  • Lieber Tamay,
    all das was du beschreibst kommst mir sehr bekannt vor. Es ist so als wenn mir jemand mit der gleichen emotionalen Intelligenz entgegenkommt, aber der einen Schritt weiter ist auf dem Weg der Selbstbesinnung, Selbstliebe und Selbstfürsorge. Ich bin noch ganz am Anfang, aber ich weiß, dass das Schicksal und der Schmerz mich dahin gebracht haben, was ich jetzt tue und zukünftig tun werde. Beruflich bin ich auf dem Weg dahin meinen Weg zu finden, aber emotional im Privatleben komme ich nicht mit. Die innere Weisheit kennt die Wege, aber Suchtproblematiken, Unruhe und Schmerz halten mich von dem Weg davon ab. Ich würde dich eigentlich sehr gerne life kennenlernen, daher zögere ich von dem Angebot mit dem Privatcoaching. Unter anderem arbeite ich nur 50% als Sporttherapeutin und mache nebenbei meine Osteopathiefortbildung, so dass ich mir ein solche Betreeung gerade nicht leisten kann. Gibt es vielleicht ein Seminar demnächst außerhalb von Berlin (ich lebe in Freiburg). Ich habe viele Videos von dir geschaut und probiere vieles aus.. es hilft mir tatsächlich .. aber das sind nur die kleinen Steps.. die großen Schritte bleiben noch aus… lieben Dank für die ganzen Videos. Bleib so wie du bist.. authentisch.. im wahrsten Sinne des Wortes.. das bin ich aber auch.. meistens 😉

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