Deutscher Rap 2015 – Cro vadis?

cro2

Was hat DIESER Deutschrap-Kolumnist JETZT WIEDER ausgefressen?! Naja, zuerst wird er sich an verschiedenen, charakteristischen Schreibstilen der Printmedien-Pyramidenspitze unseres ‘Subgenres’ bedienen, um deren Mechanismus zu veranschaulichen. Das Szenario ist folgendes: Es geht um einen imaginären, szeneinternen Medien-Beef, der entbrannte, als Marcus Staiger eine ehrliche Auffassung über die Lage unser aller Lieblingskultur publizierte, welche so einige Gemüter erhitzte:

Marcus Staiger. Auszug ‘Real Talk: Twitter fickt euch nicht’ Juice Ausgabe #69

‘… man fragt sich mittlerweile doch nur noch, wann die ersten Rapper per Twitter zu Skypesessions aufrufen. Dann allerdings auch nur mit sehr limitierter Teilnehmerzahl. Und sehr limitierten Geschlechtsorganverhältnissen. Ich bin noch nicht alt und verbissen genug, um mir das ernsthaft zu glauben. Vielleicht würde ich mich auch spontan beim Eintreten in der Matrix umentscheiden und mit dem Fluss der Zeit gehen können, bis die Proteine verstoffwechselt werden, bis du wie ein Protein aussiehst. Ist es ein Zeichen der Zeit oder gar ein Gesetz des UNIVERSUMS, dass mit jedem neuen Deutschrap-Release auch die sexuelle Freiheit auf Twitter expandiert? Frieden in der Szene weckt im Konsumenten anscheinend auch die Erinnerung an frühere Leben in den 68ern. ICH HASSE HIPPIS. Von Fler zu Sierra Kidd zu Kollegah. Ob Mann und Frau. Ficki Ficki. ABER NICHT AUF TWITTER. Hört Deutschrap, ihr KULTURBANAUSEN und kauft mein Buch.’

daraufhin nachtsisteskaltxo9, ichlaseinbuch, MSKLNSUPbremen und Onkel_Basti bei der Onlineplattform ‘Twitter’

-MARKUS STEIGER WER KENNT DICH UND DEIN ROTZBLATT.SIERRA wEI? WAS ER TUT, DENN ER HAT DN BESTEN MANAGER UND SIE SIND wIE BRÜDER-

-Schönheit sieht man auf den ersten Blick, auch auf Twitter-

-MARUS STAIGER SIEHT AUS WIE MARKUS Faller HAHAHAHAHAHA MASKULINN !-

-ab in bunker alde fut-

Juice.de.

Vermehrt kam es nach dem in unserer letzten Ausgabe erschienenen ‘Real Talk’ von Marcus Staiger zu Stimmen, welche das Format kritisierten. Diese würfe eine zu radikale Sicht auf die im Hip-Hop gängigen Fan-Bindungen, die sich laut Marcus Staiger zu sehr in das Privatleben der entsprechenden Künstler einmischen. Hier hat unser Autor in seiner Kolumne seine subjektive Sicht mit der Öffentlichkeit geteilt. In einer Demokratie ist dies absolut nötig und zulässig, desweiteren haben wir diesem Mann nun jahrelang ausgezeichnete Arbeit in und für unsere hochgeschätzte Kultur zu verdanken. Er ist auch ein medienübergreifendes Phänomen, das viele Ansätze populär gemacht hat, die die heutige Deutschrap-Landschaft geprägt und mitbestimmt haben. Trotzdem werden wir uns zukünftig bemühen, nicht mehr zu stark um den heißen Brei herum zu reden. Haftbefehl ist auf der nächsten Juice. In deinem Kiosk.

Vice.

Da wir ja als größtenteils zwischen 2000 – 2007 sozialisierte Hiphopper alle homophobe (homosexuelle) Tendenzen haben sollten, muss ich nun mein eigenes ungeordnetes Innenleben und meine durch mediale Schönheitsideale von verschieden Archetypen zwischen Earl Sweatshirt und Nicki Minaj auferlegte Identität, die mich seelisch kastriert, kompensieren und die Juice-Redaktion einen Schwanzlutscherverein nennen, da in meinem schizophrenen Innenleben nun die logische Seite übernimmt, die gerne Earl Sweatshirt hört. Die verletzte Frau, die sich davon penetrieren lässt, verkörpert nun meinen inneren Juice-Redakteur, der doch nur Liebe und Anerkennung möchte und deshalb auch kein großes Geschrei daraus macht, dass in den Mauern dieser exotisch orientierten Bambusmusik-Subkultur gerne gesaugt wird (womit wir nicht die Playlist von DJ Hippo meinen, welchen wir letzten Monat vorstellten (Link), sondern große haarige Nüsse (Alternativlink)). Leider lässt sich links und rechts nicht trennen und in diesen Zeilen steckt schon mehr Gehalt und Reflektion ALS IM GESAMTEN CASPER-ALBUM. Thank you, based Banks. Apropos…Die Lage scheint ausweglos zu sein, solange Marcus Staiger noch lebt. Raucht alle DMT, es wird euch guttun. Ihr findet mich auch bei Twitter.

Hier wird die Informationslage allerdings schon wieder spärlicher. Schließlich möchte niemand eventuell zukünftig bevorstehende Kooperationen gefährden. Da die mediale Identität Marcus Staigers jetzt erstmal im Unklaren liegt, wurde heute vom Splash! MAG ein Interview für nächste Woche angekündigt. Mit wem auch immer.

Hiphop ist tot, wie immer

Schmerz beiseite: Wer weiß, vielleicht lodern im ein oder anderen Hirn noch Erinnerungen an flackernde Bilder mit körniger Auflösung, mit stimmverschluckenden Beats unterlegte Hinterhof-Interviews und stolpernde Kameramänner. Oder an den kahlköpfigen 16-Bars-Moderator, der ein Orsons-Interview mit „Alles clear“ beschloss. Auch: Toxik ohne Wikingerbart, Visa Vie ohne Leggings, Falk Schacht mit Mütze. Vielleicht ist da irgendwo noch eine Ahnung von Journalismus ohne Sinn und Verstand, aber mit Hingabe an Musik und Kunst und Ignorieren der Außenwelt. Anno 2015 könnten Hiphop-Interviews eigentlich auch auf einem Bärenfell vor prasselndem Kaminfeuer stattfinden, so vertraut ist die Atmosphäre zwischen Fragensteller und Antwortgeber geworden. Rap schwoll besonders im Jahr 2014 die Brust so gigantisch an, dass sich nun – nach altmodischer Pferdeäpfel-Theorie – hervorragend in dem Schatten leben lässt, den er vor der Sonne einnimmt. Was wir heute mitansehen, wenn während der Promophase über die Promophase gesprochen wird, ist Erfüllungsgehilfe. “Wie weit darf ich dir in den Hintern kriechen, und wie viel Miete muss ich zahlen, damit ich es mir da gemütlich einrichten kann?” Ich habe selbst mal für 400 Euro einen Text über einen aufstrebenden Rapper geschrieben, den ich zwar wirklich leiden konnte, dessen künstlerischen Ausdruck ich aber niemals mit solchen Worten bedacht hätte. Promophase = Promophrase. Geld ist Meinung, bitte gib mir welche(s).

Alben, wie “Alles brennt” von Zugezogen Maskulin, die zur Abwechslung mal wieder Inhalte BIETEN, dürfen für Noisey entweder auf Schießanlagen ihren Pazifismus “ironisch” ad absurdum führen, oder werden, gestatten sie alteingesessenen Hiphop-Medien eine Audienz, mit Feuilleton-Witzeleien überzogen. NICHTS passiert mehr und schon gar nicht mit mir. Wenn du Musik machst, dann bitte mit Hochglanzvideo, das ich in meine Youtube-Playlist abspeichern kann, die ich während eines speziellen Events abspielen kann, um nicht zuhören zu müssen. Weder der Musik, noch meinen Gästen. Worüber wird denn eigentlich noch Bericht erstattet? Dass Money Boy Witze über Tote macht? Dass das Beginner-Album schon wieder verschoben wurde? Ist das wirklich wichtig? In welcher Zelle meines Körpers regt sich da etwas? Und könnte ich diese Zeit nicht nutzen, Musik zu hören?

Na, zumindest gibt es die ersten Gegenstimmen aus dem eigenen Lager. Jan Wehn, der das Problem ehrlich as fuck aufgeschrieben hat. Das – mehr oder weniger – Aussteigen von Falk Schacht und Marcus Staiger, erwartbar aber schade. Eine Splash-Mag-Diskussionsrunde, in der Visa Via Dinge von Journalisten wissen will, die sie selbst so geheimnisvoll machen – ist sie doch die einzige Fragenstellerin, die selbst den Schritt zur Marke wagte. Was, wenn man attraktiv – eine Attraktion – ist und nebenbei noch ein Brüstepaar zu bieten hat, in der Hiphop-Industrie ja zwangsläufig passiert. Warum Musikjournalismus nicht so kritisch ist, wie er sein könnte? Weil wir uns mal über die Intention und Faszination der dazugehörigen Industrie bewusst werden sollten. Wenn Menschen zu Stars gemacht werden, wird mein eigenes Startum mitwachsen, je harmonischer ich mich in den Kreisen bewege, in denen die Stars sitzen, die so konsequent behaupten, keine zu sein. Hat ein Journalist nicht eigentlich die Aufgabe, als Vermittler zwischen Publikum und Künstler zu agieren? Parasit und Wirt trifft es momentan wohl eher. Ein Hoch auf die Salzwasseraquaristik!

Von der Mitte, zur Titte, zum Sack

Und wenn man dann doch mal in den Busen beißt, an dem man saugt? Nicht empfehlenswert. Dann entzieht er einem vielleicht sogar die Milch. Manche Rapper verwechseln offenbar Berichterstattung mit Beihilfe zum Geldscheffeln. Und so schade das klingt, es ist verständlich, da beide – Musiker und Journalist – dasselbe Ziel haben: Kühlschrank und Magen sollen gefüllt werden und Mama braucht ein Haus an der Müritz. Aber dieser Zustand, diese Ursuppe, aus der täglich weitere, belanglose, lustlos geführte Interviews entspringen (“Und, noch Bock auf die Promophase?”), verfehlt die eigentliche Beziehung, die Würze, die zwischen beiden Parteien herrschen könnte. Der Journalist kann und darf auch Künstler sein, aber in der Kunst, zu regulieren, aufzumerken, wo die Schwachstellen im gesamten, ihn selbst einschließenden System liegen. Doch wenn das eigene Album scheiße ist, muss schließlich derjenige schuldig sein, der diesen Zustand auch so benennt. Dann wird an der Tür geklingelt. Als Musik noch richtig groß war, wurde darüber nicht auch noch extra berichtet. Schöne Zeiten.

Was geht eigentlich bei euch krawssen Rapartists? WAS geht bei euch? Warum sitzen die Orsons bei Erich und senden in Richtung jedes wartenden Bewunderers der Kunst – Furzgeräusche? Bei einem so gehaltvollen, emotionalen Album between the Buttcheeks? Und hat Lachen eigentlich nicht eher mit dem Lösen von Krämpfen zu tun? Welchen Werbeslogan muss man sich drei Tage im dunklen Raum anhören, damit man so ein Zec+-Shirt wie ein Kainsmal mit sich herumträgt, und damit die oberflächliche Konfrontation zwischen materiellem Körperkult, money-based Lifestyle versus subjektivem Standpunkt, emotionalem Hosenrunterlassen (aka KUNST) nur unterstreicht? Was habt ihr eigentlich gerade besprochen? War ganz überrumpelt von den 33 Minuten Lachkrampf. Ist das der erhabene Märtyrertod der allgemeinen Oberflächlichkeit? Und könnte man nicht zumindest diese Gedanken aussprechen, ihr Gargamels?

Wir sehen also zu, wie sinnentleert und durchchoreographiert eine Kultur am Leben erhalten wird, die schon lange nicht mehr mit Authentizität oder gar Leidenschaft punkten (oder in 2015-Sprache: ARGUMENTIEREN) kann. Aber so einseitig wollen wir das natürlich nicht sehen. Gut gemeinter Rat: Einfach ausschalten. Die Zeit, die du hast, nutzen, dich selbst mal kennenzulernen. Aufhören, dich mit den Archetypen der Pop-ähem-Hip-Hop-Industrialisierung zu identifizieren. Räum mal dein Zimmer auf und krieg dabei einen Wutanfall auf irgendeinen deiner Verwandten, oder stolper über ein altes Beatfabrik-Tape. Und können wir uns endlich mal eingestehen, dass Hiphop-Journalisten untalentierte Rapper – gewesen sind?

Eingeständnisse oder: NIMM JETZT HALTUNG AN!

Können wir uns generell endlich mal Schwäche und Verletzlichkeit eigestehen? In dieser testosterongeschwängerten Subkultur, in der Frauen nur als Plastikpuppen funktionieren? Aufhören, ernsthaft darüber reflektieren zu wollen, ob das Anaconda-Video Self-Empowerment für Frauen ist, anstatt eines bewussten Würgegriffs am tiefsten menschlichsten Bedürfnis, seiner Sexualität? Können wir endlich aufhören, ständig zu bewerten und unseren Standpunkt für den einzig angebrachten zu halten? Aufhören, die Verantwortung für die Lage der großen Maschinerie zuzuschieben, zu der AUCH der Journalismus gehört, der genauso durch Connections zu den Großen des Games infiltriert ist? Ja, wir können nicht alle dicke Homies werden, auch wenn wir davon immer geträumt haben. Es sei denn, wir sind ehrlich zueinander, machen uns frei für die anderen Standpunkte und lassen nichts im Schatten stehen. Denn alles, was sich darin befindet, kann sich auch zu Deso Dogg entwickeln. Könnt ihr endlich aufhören, von Objektivität zu sprechen? Was soll das denn sein, Objektivität, wenn sie nur genutzt wird, um einen künstlichen Gegenspieler zu erschaffen?

Vielleicht kann ich an dieser Stelle mal die Chance ergreifen und darauf aufmerksam machen, dass in vergangenen Zeiten Objektivität und Subjektivität das Gegenteil waren. Ich möchte ebenfalls darauf aufmerksam machen, dass Manuellsen aufgrund seiner Hautfarbe keinen großen Deal bekommen hat und dass in der Musikindustrie sich eben die Köpfe, die so etwas entscheiden, etabliert haben. Ohne Aufschrei. Ohne Kolumne. Im HIP. HOP. Können wir uns endlich eingestehen, dass überhaupt nix cool ist? Können wir uns darauf einigen, dass der ‘Quotenneger’ derselbe Typus ist, der Bushido großgemacht hat? Können wir uns eingestehen, dass Gangsta-Rap mittlerweile nichts als Stilisierung der Selbstdezimierung ist und dass daran auch keine Aufmerksamkeit des erhabenen Feuilletons etwas ändert? Sobald eine polare Position bezogen wird, ist die Gegenposition eigentlich unvermeidbar und wir sehen einer Talkshow zu, die keinen Sinn hat, außer uns zu trennen. Können wir uns eingestehen, dass die meisten Journalisten, so liebenswert sie auch sein mögen, nichts für ein weiteres Bewusstsein beitragen, dass uns letzten Endes aus diesem Dilemma befreien könnte? Was ist Journalismus denn noch? Nice Worte, aber bitte nicht mehr als 2100 Zeichen. JA?! Vor allem: Können wir uns eingestehen, dass wir permanent aneinander vorbeireden im Jahre 2015, während wir eben weiterhin eine polare Stellung beziehen müssen, um zu gelten? Eine Position, in der jeder mit allem Geld verdienen kann und die Leute trotzdem noch auf Träume hinarbeiten wollen (sollen), die eben genau diese Maschinerie ewig schon bedient? Guck doch mal nach, was im Plattenschrank steht und wie oft du das mit Genuss angehört hast. Können wir uns eigestehen, dass wir im Grunde genommen ausgenutzt, gar manipuliert werden? Die Definition dieses Begriffs lässt sich problemlos auf diesen Mechanismus anwenden.

Anti-Sein

ABER: Aber nein. Wir haben ja die Antilopengang, die anscheinend über den Tellerrand schaut. So werden sie zumindest von der Non-Hiphop-Journaille angepriesen. ‘Zu Verschwörungstheorien gehören Vernichtungsfantasien‘- ‘Ihr seid 80 Millionen, die man abschlachten muss’. Und wem hilft das jetzt, Anti-sein? Jede Antiposition erfordert das PRO. Ikearegal vs. im Aschenbecher leben. I love Israel vs I don’t love Israel? Was ist denn jetzt besser und warum braucht es eine Band, die mir das erklärt und an deren Lippen ich mich hängen kann? Wir befinden uns nach wie vor im good old Pausenhof-Mechanismus, der auch erklärt, weshalb deutscher Rap immer noch nicht ernst genommen wird – obwohl er ja endlich sein Ziel erreicht hat, sich selbst zu VERKAUFEN. Wäre es nicht ein wichtiger Entwicklungsschritt, aus dieser infantilen Abhängigkeit zu erwachsen und sich einzugestehen, dass einfach ALLE Recht haben, weil man selbst nur sein eigenes Bewusstsein als Bewertungsmaßstab heranziehen kann? Es gibt keine Idioten, nur Menschen, die zu solchen gemacht werden. Und das erfordert höchstens ein Gespür für Tragik und Mitgefühl.

Hier zeigt sich überhaupt schon sehr gut, wie die Grenzen verschwunden sind zwischen Kunst und Meinungsmachung. Der Begriff Faschismus ist 2015 in der deutschen Hip-Hop-Kultur nichts anderes als die Folge von PR. Anti versus Mainstream. Bushido versus Kenneth. Allerdings lässt sich selbst hier, in den Unterkategorien immer wieder dieses ‘Problem’ der Polarität und dem damit einhergehende Positionierungszwang erkennen, wenn man noch irgendwo stattfinden möchte, UM Geld zu verdienen. Um seinen Moment zu bekommen, auf den man seit seiner Pubertät hinarbeitet, um letzten Endes vielleicht sogar Lohn oder Genugtuung zu empfinden. Was man so macht, wenn man ein Reihenhaus will. Und was muss das für ein Gefühl als darüber berichtender Journalist sein, der in seiner entsprechenden Struktur immer nur Liebe auf dem Schreibtisch stapeln und Kritik in den Papierkorb wandern lassen kann? Und habe ich in irgendeinem Artikel der letzten Jahre über diesen Sachverhalt gelesen? Nein. Vielleicht noch den guten Jan Wehn-Artikel. Höchstens in spirituellen Kreisen, welche natürlich auch ihre kapitalistische Schublade ‘Esoterik’ bekommen haben. Hi Kaas. Ich fühle mich in dieser Kultur umgeben von resignierten Revoluzzern. Und das sollten sich eben diese Leute mal bewusst machen. Das wäre doch wirklich hilfreicher als fünf weitere Tracks, in denen über die Probleme und Ungerechtigkeit der Welt geweint oder geschrien wird: Zionisten, Montagsdemos, Rassismus, Selbsthass, Homophobie und die blöden Hipster, Hauptsache es ist einfach und wir können anderen bei reflektierter Selbstinszenierung Unreflektiertheit vorwerfen. Und es ist eben nochmal erschreckend, dass man dieses ‘Problem‘ in Kunst, Feuilleton wie Reputation wiederfindet.

‘Doch auf der anderen Seite der Schere, spürt man selten Peitschenschläge und so zieht man den Karren weiter ins Leere.’- Testo (ZM)

Are we Human?

Ich verstehe das Drama der Hip-Hop-Journalisten. Unter all diesen materialisiert eingeprügelten Geisteszuständen, die heute destruktiv und verblödend auf die “Konsumenten” einwirken, stecken emotionale Menschen. Individuell. Mit Stärken und Schwächen. Die jeweils einen neuen swaggy Anstrich bekommen und begehrenswert werden. Vielleicht erleichtert uns diese Oberflächlichkeit einen Dialog, bei dem wir uns achten können. Aber wie soll das stattfinden, wenn die einzige Gesprächsthemen Deals und saufende Rabbis sind? Ach, uns geht’s so gut. Meine Haare sind so wavy. Burr. Je mehr die Außenwelt glänzt, desto verkalkter sind die Herzen. Wer weiß, vielleicht wird eines Tages nochmal Musik und Journalismus aus genau dieser Region gemacht, true from se Heart, die eigenen Schwächen respektierend, subjektive Gedanken und Gefühle mitteilend. Ich habe Hoffnung. Ich würde allerdings prognostizieren, dass sich nun langsam, aber endlich die Spreu vom Weizen trennt. Wir brauchen keine Idole und auch keine Definition von Objektivität mehr. Objektiv gesehen gibt es die Menschen, die Musik begreifen, lieben, die Menschen dahinter sehen. Und die kalten Hedonisten, welche ihre Weltschmerz-Gedichte als die Offenbarung der Venus verkaufen und ihre Fans emotional binden. Deren Lifestyle ein Produkt ist, das anderen zum Lifestyle verhilft, über dessen gefühlte Sinnlosigkeit man sich auf dem neuen Album erneut ausjammern kann. Das sind die, die Geschmacksverstärker benutzen. In jedem von uns stecken beide Optionen. Ich wünsche mir sehr, dass sich zumindest der Aspekt des Geldes bald wegrationalisieren wird und ich denke (leider), dass mir dieser Wunsch erfüllt werden wird. Es kann nur besser werden.

So kann man einen einfachen, schönen, klassischen, zusammenfassenden Leitfaden formulieren, der seit Jahrzehnten im Subtext mitschwingt: Bei euch hat sich nichts verändert, seit dem Tag als ‘8 Mile‘ rauskam. Hip Hop ist, war und bleibt das Symptom einer Krise und bat ihr damit eine passende Plattform für den privilegierten Mittelstand im Land der Dichter und Denker – aka die Juice-Redaktion. Danke Torch, danke Denyo und danke Dende.

Ach ja, es wär eine verdammte Lüge und ich wäre nicht zufrieden mit diesem Artikel, wenn ich ihn nicht mit diesen Worten beenden würde: Ihr seid wack geworden. Warum??! Ihr fickt Musik. Ihr fickt Ohren. Ihr fickt die Kultur. Ihr fickt die Milieus. Ihr fickt Kinderseelen. Vielleicht auch Kinder. Sex ohne Liebe, Muschi und Pimmel im ewigen Zwiespalt der Gewalt, vermarktet als Abendunterhaltung, das bekommen wir vorgesetzt. Der Fisherhat matcht das Bling matcht das Meal matcht die Beats matcht die Skreets. Dreck, Scheiße, Pisse, Eskapismus bis zum geht nicht mehr und – 2014 gingen die letzten Hoffnungen über den Jordan – ES GEHT NICHT MEHR. Deutschrap ist tot, wie immer. Ich will mich überhaupt nicht mehr mit euch auseinandersetzen und mache es trotzdem, weil ich euch lieb habe. Ich würde mich langweilen, wüsste ich nicht, dass ein Vulkan brodelt. Ihr könnt nur reproduzieren, zumindest macht ihr das nur noch. Es wird Organisches getötet, damit ihr tote, sinnentleerte Seiten drucken könnt, die man genauso zerreißen kann, wie ihr Inhalt es mit uns tut. Die Dynamik der Deutschrap-Corporations scheint immer schneller zu werden. Steigt doch um auf Indie. UND IHR SEID TROTZDEM SCHLECHTE JOURNALISTEN UND IHR VERKACKT EUREN JOB. Kauft die Amazon-Box.

Aus aktuellem Anlass noch ein Kommentar aus der Wikipedia-Diskussion zum Artikel “Deutscher Hiphop”, der das Gesagte mühelos zusammenfasst: “Wer nimmt sich hier überhaupt das Recht so zu urteilen? Ich wette keiner von euch ist mit den “alte schule” rappern gross geworden wie Stieber Twins oder Masterblaster. Jeder der sich damals mit Hip Hop als Lebenseinstellung befasst hat hat heute den Erfolg verdient den er erreicht hat.Auch wenns keiner hören will aber Ich finde dass Sido und co kg genau so zur Geschichte der Musik beigetragen haben wie Samy oder KKS.Die Frage ist nur wohin wird die Geschichte gehen? Irgendwann stehen wir da und fragen uns: scheisse! was ist nur mit Hip hop passiert.Denn was Typen wie Bushido,Frauenarzt oder B-Tight usw zusammendeixeln ist meiner Meinung nach nur geheuchelter Pop.Ich bin froh dass sich der ein oder andere weniger bekannte Rapper noch mit dem in der Branche durchsetzt was vom Herzen kommt (z.B T-killah).Habt ihr euch mal einen Track angehört? Danach vergesst ihr aber alles was in Deutschland vom Buisiness sonst so ausgesch***** wird. Danke für die schweigeminute! Peeaz

 

- Laurens Dillmann & Lennart Biehl

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>