Duckfaceflut eindämmen! – (Roland Barthes – Die helle Kammer)

 

Auf was fokussieren sich unsere Augen, wenn wir eine Photographie betrachten? Was geschieht in unserem Inneren, wenn eine Kameralinse auf unser Äußeres gerichtet ist? Worin besteht die Anziehungskraft einer Photographie, weswegen eilt der Besucher einer Vernissage an einen Bild vorbei, um am nächsten mehrere Minuten zu verweilen? Antworten sucht der französische Philosoph Roland Barthes in seinem Buch “Die helle Kammer – Bemerkungen zur Photografie”.

“Von Natur aus hat die Photographie […] etwas Tautologisches: eine Pfeife ist hier stets eine Pfeife.“

Die Photographie zeigt, was ist. Übersieht man gutmütig, dass Barthes zur Niederschrift seines Werkes nichts über die zukünftig abertausend Möglichkeiten, ein Bild zu verfälschen, wusste, ist dies zweifellos eines der Axiome der Photographie. Sie konserviert, bewahrt auf, gibt uns die Möglichkeit, einen Tisch zu betrachten, der vor rund 200 Jahren gedeckt wurde (Nicéphore Nièpce – Der gedeckte Tisch, 1822).

Doch regt ein gedeckter Tisch zum Nachdenken an? Laut Barthes soll eine Photographie Sinn suggerieren. Sie darf nicht grundlos geschossen worden sein. Sie fungiert als Werkzeug, das eine Botschaft vermittelt. Allerdings verpufft dieses Motiv, wenn der Betrachter der Photographie realisiert, dass er manipuliert wird.

Wenn bestimmte Details, die mich “bestechen” könnten, dies nicht tun dann zweifellos deshalb, weil der Photograph sie mit Absicht platziert hat.“ […] “Die Maske, das ist der Sinn, insofern er völlig unverstellt ist.”

Ein beeindruckendes Beispiel ist das Photo des dunkelhäutigen William Casby (Richard Avedon – William Casby, als Sklave geboren, 1963), der mit stechendem Blick in die Kamera sieht. Er selbst ist das Portrait der Wut über das Unrecht, das den Menschen seiner Hautfarbe angetan wurde. Oder der Gegenpart: Adolf Hitler, während einer Reise durch den Harz im Beisein eines Gefolgsmanns herzhaft lachend, während um ihn herum die Welt auf sein Geheiß im Chaos versinkt (Photograph und Aufnahmedatum unbekannt).

Um zu verdeutlichen, weshalb manche Photographien den Betrachter nicht anzusprechen vermögen, teilt Barthes die Photographie in “studium” und “punctum” auf. Das studium ist die reine Betrachtung. Man kann eine Photographie in die zugehörige Epoche einteilen, die Lebensgeschichte des Photographen (“Operator”) und des Photographierten (“Spectrum”) aufarbeiten, ellenlange Analysen anstellen und doch kann einen das Bild als solches völlig unberührt lassen. Das punctum darf man hingegen wörtlich nehmen. Es sind Kleinigkeiten, die an einer Photographie auffällig sind, die in den Blickpunkt rücken und ein Photo aus der bloßen Gewöhnlichkeit reißen.

“Was ich sehe, ohne den Blick abwenden zu können, sind die schlechten Zähne des kleinen Jungen…”

So Barthes über ein Bild von William Klein, der 1954 Gossenkinder in einem Italienerviertel in New York photografiere. Die schlechten Zähne des Jungen sind das punctum, das seinen Blick anzog, sie sind der kleine Unterschied. Das Bild verblüfft Barthes, es wird für ihn zu einem “Abenteuer“. Dennoch, dies scheut er nicht zuzugeben, lässt sich kein allgemeingültiges Faktum finden, wann ein Photo den Betrachter berührt, packt, verharren lässt.

“Das Photo rührt mich an, wenn ich es aus seinem üblichen Blabla entferne.”

Jede Photographie ist eine neue Chance, ein punctum zu finden und jeder Sucher und Finder ist individuell. Deswegen verlässt Barthes den Bereich des Allgemeingültigen und öffnet die Pforten seiner Privatsphäre. Er berichtet von seiner Unzufriedenheit, als er nach dem Tod seiner Mutter die Photographien durchblättert, die sie darstellen. Nie findet er die Frau, die er kennengelernt hat. Erst ein Photo aus ihrer frühen Kindheit, ein grobkörniges Bild auf dem Hof ihres Elternhauses, löst etwas in ihm aus, die “vielleicht einzigartige Evidenz des »So, ja, so, und weiter nichts«.
Er hat seine Mutter in ihrer Kindlichkeit so konserviert gefunden, wie er sie vorfinden wollte.

“All die jungen Photographen, die durch die Welt hasten, weil sie sich dem Aktualitätenfang verschrieben haben, wissen nicht, daß sie Agenten des Todes sind.”

Mit dem Geräusch des Auslösers kann man die Zeit überdauern. Eine Photographie kann in hundert Jahren aufgefunden werden und sie wird eine Geschichte erzählen, über die Zeit, in der der Photographierte lebte, über den Photographierten selbst. Tod sein, doch Teil der Gegenwart bleiben, eine weitere Annäherung an die tief im Menschen verankerte Untersterblichkeitsfantasie.

“In der Photographie ist die Anwesenheit des Gegenstands […] niemals metaphorisch; und was lebende Wesen angeht, auch nicht ihr Leben, es sei denn, man photographiert einen Leichnam.”

Vor einer Kameralinse posiert man, unbewusst oder bewusst, gegen den eigenen Tod. Man wird “bereits im Voraus zum Bild”. Barthes schwadroniert nicht, er liefert eine schlichte Erklärung der Bilderflut, die täglich die virtuellen Netzwerke überschwemmt. Bloß nicht vergessen werden, bleiben, sich einnisten in den Gedächtnissen der anderen. Oftmals scheitert dieses Vorhaben bereits an den eigenen Ansprüchen. Nicht jedes Photo stellt den Photographierten so dar, wie er möchte, nahezu jeder hat sich selbst bereits “Das bin doch nicht ich!” sagen gehört.

“Ich kann höchstens sagen, daß ich mich auf manchen Photos ertragen kann oder auch nicht, je nachdem, ob ich finde, daß ich dem Bild entspreche, das ich von mir zeigen möchte.”

Im historischen Kontext betrachtet ist die Möglichkeit, sich selbst in vollem Umfang zu betrachten, relativ neu. Selbstverständlich – der Film und die Malerei waren Vorreiter der Selbstverewigung, sie unterscheiden sich jedoch von der Photographie dahingehend, dass sie zukunftsträchtig sind. Ein Photo liegt eingefroren vor dem Betrachter, das was er sieht, ist “so gewesen” und gleichzeitig da, in der Gegenwart. Doch was soll “da” sein, was soll aus dem “so gewesen” in die Gegenwart gerettet werden? Laut Barthes ist es der moralische Anspruch an sich selbst, die innenwohnende Güte.

“Tausendmal bin ich schon photographiert worden; wenn aber diese tausend Photographen alle meinen Ausdruck »nicht getroffen« haben […], so wird mein Abbild zwar meine Identität, nicht aber meinen Gehalt fortdauern lassen.“

Das wird wohl der emotionale Trüffel sein, nach dem man gräbt, wenn man die Fotoalben vergangener Menschen und Tage durchblättert. Da Photographien nicht sprechen können, muss der Betrachter den inneren Monolog des Staunens beginnen, sein eigenes punctum erkennen und einfangen, was für andere möglicherweise überhaupt keine Bedeutung hat.

“Mein einziger Rückhalt ist diese Ironie: Darüber zu sprechen, dass es “nichts zu sagen gibt.”

“Die helle Kammer” wurde im Jahr 1980 veröffentlicht. Eine Zeit, in der nicht ersichtlich war, mit welcher Beharrlichkeit die spätere Zunft die Auslöser ihrer am Fließband produzierten Digitalkameras malträtieren würden. Betrachtet man Barthes’ “Bemerkungen zur Photographie” im aktuellen zeitgeschichtlichen Kontext, stellen sie ein flammendes Plädoyer für Schnappschüsse, sowie ein kraftvolles Pamphlet gegen achtloses Zücken der Objektive dar. KLICK!

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