Interview mit form/prim – Teil 2/3: Über Depressionsbekämpfung, Komplexität von Kunst und einen normalen Tag

»Mach halt nicht so viel «, Nö, macht ihr halt nicht so wenig“, rappst du in „Es mit allen“. Wie sieht eigentlich ein typischer form-Tagesablauf aus und woher stammt deine Fähigkeit, dich mit vielen Dingen gleichzeitig beschäftigen zu können?

Ein typischer form-Tagesablauf: Ich stehe nach einer Nacht ohne Schlaf auf, um vier Uhr hat nochmal Felix angerufen, der selbst am nächsten Tag arbeiten muss und wir machen das Artwork fertig, weil morgen ist ja Deadline. Nach dem Telefonat kann ich nicht einschlafen. Um kurz vor acht holt ein Freund seinen Kalender bei mir ab. Ich war so nett, diesen in einem Büro um die Ecke bei mir abzuholen, er hatte ihn da vergessen. Dann nochmal versuchen zu schlafen, kein Erfolg. Um neun ruft Rainer vom Label an und sagt, dass da am Artwork noch einiges nicht stimmt. Ich freue mich sehr darüber, Felix arbeitet aber ja den ganzen Tag. Deadline ist eh.

Dann versuche ich die wunderbar talentierte Uschi (Name ähnlich) zu erreichen. Das Video, an dem wir seit sechs Monaten arbeiten, ist jetzt schon zwei Wochen über der Deadline, sie antwortet nicht auf SMS, Mails und/oder Klingeln an der Tür. Kein Erfolg.
Dann wenigstens ein paar ganz dringende Dinge für FICKO schreiben. In den USA werden am laufenden Band Frauen getötet, weil sie sich irgendwelchen Psychos nicht an den Hals werfen wollen. Dann mit Leuten diskutieren, die es schlimmer finden, dass sie da gerade als Mann angegriffen werden. Statt die Tat und die dahinter stehende sexistische Idee zu verurteilen.
In Brasilien werden Dutzende Leute in den Favelas für die WM erschossen. Damit die schöne Atmosphäre nicht von nervigen Protesten überschattet wird. Das wäre wirklich schade.

“Oh, hallo! Danke für deine Nachricht. Leider habe ich keine Zeit, mir 5 Stunden KenFM anzuschauen. Und ich will auch nicht schon wieder diskutieren, wieso ich das schon oft genug gemacht habe.”
Yeah, 25% für Le Pen in Frankreich. Wenn’s schon scheiße aussieht, hatte ich immerhin seit Jahren Recht, geil!
Dann den sehr schlauen Beitrag von Holm Friebe bei der Republica anschauen. Und wieder etwas klarkommen. Weil Stein-Prinzip. Nicht durchdrehen, sondern ruhig und Stück für Stück arbeiten.

Mittlerweile ist 13 Uhr und ich habe noch nichts gegessen. Also schön kochen.
Um die Karriere kümmern, da Formulare hinbringen, dort noch Fotos schicken, hier Mails beantworten, da noch was ans Label schicken, zu dumm sein, Nein zu sagen und dann kommt um 18 Uhr noch ein Notruf eines Bekannten. Ich soll helfen. Sorry, geht nicht. Ich fühle mich schlecht, weil ich ihn hängen lasse. Kurz danach fällt mir ein, dass ich ja noch Risiko spielen wollte, aber vier von fünf Leuten nur lose zugesagt haben. Sie sagen nicht ab, sondern kommen einfach nicht. Aber naja, dann schaff ich es, endlich die Miniaturen zu sortieren und noch etwas weiter an den Gedichten zu arbeiten. Ach Scheiße, ich war mit Putzen dran, gell?

Tag vorbei, nichts geschafft, form voll genervt. Und dann kommen noch 34 Leute und labern mich voll, was ich alles falsch mache. Juhu!

Du siehst, ich bin also nicht fähig, ich bin viel mehr überfordert. Aber ich arbeite dran, noch viel brutaler eine Struktur in die Scheiße zu schlagen, die es mir erlaubt, all das zu machen, was mir Spaß macht und gleichzeitig nicht darüber depressiv zu werden. Ich bin nur eben an so gut wie allem interessiert, daher beschäftige ich mich auch damit und spezialisiere mich nicht. Wenn man aber alles macht, leidet meist auch alles darunter, denn es geht nun mal nicht alles auf einmal. Noch so eine Schlauheit, ich arbeite noch daran, sie auch richtig umzusetzen.

Ach so, ich vergaß: Das Re:Boot-Camp, die Mahnwache wegen des rassistischen Tötungsversuchs am 10. März in Mainz, kommende Musikprojekte und Videos, Vinyl-Vorschläge von netten Menschen. Und Mama ruft auch mal an (Hallo!).

Das würde auch erklären, wieso deine Musik, trotz deines positiv orientierten Wesens, oft melancholisch bis verstörend klingt. NMZS von der Antilopengang, ein guter Freund von dir, hat dem Druck, der – das ist meine persönliche Einschätzun – auf jedem sensiblen Menschen lastet, nicht standgehalten und Suizid begangen.

“Machen ist die beste Medizin”, ist wiederum eine Aussage von Maeckes, den du in einem ehemaligen FICKO-Podcast mit seinen suizidalen Textinhalten konfrontiert hast. Welchen Wert hat Kunst, um im Leben zu bestehen?

Ja, wahrscheinlich erklärt es das. Die macht ja auch wirklich fertig, diese Welt. Ich will nur nicht noch sarkastischer sein, das bringt ja auch nichts. Für mich hat Kunst einen hohen Stellenwert. Bzw. alles, wo ich etwas von tollen Menschen mitbekomme. Das muss nicht unbedingt Kunst sein, das kann auch eine inspirierende Person wie Zelim aus “Zelim’s Confession” oder ein wahnsinnig guter Text wie “Aggressiver Humanismus” sein.

Aber Kunst hat halt meistens einen nicht völlig ausformulierten Charakter, sondern funktioniert direkt, teilweise auch extrem indirekt und spricht auch eine emotionale, unscharfe, mit Absicht ungenaue Ebene an, mit der ich etwas anfangen kann. Wobei, was tut das nicht? Nun ja, die Kunst, die ich mag, tut es zumindest. Aber noch viel wichtiger als Kunst: Kontakt mit richtig tollen Menschen. Das bringt sonst alles nichts. Also ich kann schön daheim sitzen und die geilste Musik machen, ich brauche auf jeden Fall Körperkontakt, Liebe, Leute, die gute Witze verstehen, die Unsinn auch mitmachen. Ohne die tollen Menschen ist alles scheiße.

Macht es nicht zu kompliziert, sonst bleiben vier zu viert“, rappst du in „Einfach mal Çay trinken“. Diese Grenze hast du definitiv geknackt, dennoch ist deine Zuhörerschaft nach wie vor rar gesät. Würdest du in deiner Kunst (die eben auch Ausdruck eines politischen Anliegens ist) Kompromisse eingehen, um effektiver und schneller Menschen zu erreichen? Oder gehst du bereits  welche ein?

Also das ist explizit politisch gemeint, nicht künstlerisch. ” Einfach mal Çay trinken” war ja zuerst mal ein schlauer Text von Salma Multidoze, von dem ich so inspiriert war, dass ich ein Lied dazu schrieb.

Ich gehe schon Kompromisse ein, ich bin ein grundsätzlich kompromissbereiter Mensch. Ich will ja auch wirklich was erreichen. Und im Dings trenne ich schon auch ein wenig zwischen Politik und Kunst. In meiner Kunst bin ich viel mehr alleine und das ist auch okay so. Diese ganze FICKO-Gutmenschlichkeits-Blase ist explizit zur Fraternisierung und Sororisierung der Massen gemacht (Streicher erklingen).

Nicht auf Kosten der Ernsthaftigkeit des Inhalts oder der prinzipiell sehr wichtigen Festlegung auf gutmenschliche Ziele (Freiheit für alle, Privilegien für alle, ein würdiges Leben für alle Menschen ermöglichen), aber ich finde es extrem wichtig, dass diese Inhalte eines Tages Mainstream sind. Denn das ist für mich der einzig mögliche Weg, etwas zu erreichen. Wenn man seine politischen Ziele aber schon im Voraus so hardcore kompliziert macht, dass man damit gleich sehr große Gruppen von Menschen automatisch ausschließt, braucht man sich nicht wundern, wenn man nicht allzu viele Leute dafür begeistert, mitzumachen.

Bei Rap z.B. geht es mir aber nicht immer und ausschließlich darum, maximalen Riesenkonsens zu erreichen. Ich mag diese Battlerap-Attitüde, “Hier bin ich, fickt euch, ich habe Recht.” Geht auch auf Dauer nicht anders, wenn man selbst genug meckert. Ich hab halt einen Geschmack, was Beats angeht, ich habe einen Style, ich weiß schon ziemlich genau, was ich will. Dass das dann die richtigen Leute erreicht, dafür bin ich ja mittlerweile zum Glück nicht mehr allein verantwortlich. Es gibt ja coole Leute. Und die kriegen ja auch so langsam was von mir mit. Wenn aber seit ungefähr immer ungefähr alle ins selbe Horn stoßen: “Uääh, Rap ist ja nur scheiße, uääh in Deutschland ist Hip-Hop ja nur dies und das, uääh, alles ist voll schlimm!” Dann ist es nicht überraschend, dass die schlauen Leute davon nicht angezogen werden. Aber nun ja, das ist ja auch längst besser geworden.

Wenn du in einem Track wie “Das Boot ist voll”, ein wütender Kommentar zur Flüchtlingspolitik Europas, rappst “„Der weiße Westen hat 1940 in Paris vergessen“, impliziert das, dass dies ein wichtiges Datum ist, um heutige gesellschaftliche Missstände verstehen zu können. Ich habe bei dieser Zeile an Kommilitonen aus meinem ehemaligen Journalismusstudium gedacht, die jede Form von politischer Neugier vermissen ließen.

Deswegen interessiert mich, ab welchem Wissensstandard man die Legitimation hat, von sich zu behaupten, man habe das Weltgeschehen in all seinen Zusammenhängen (zumindest im Ansatz) “verstanden.”

Also sagst du implizit, ich würde so tun, als hätte ich das Weltgeschehen in all seinen Zusammenhängen verstanden? Ich sehe das nämlich nicht so.

Nein. Ich bin der Ansicht, dass das die Fähigkeit eines einzelnen Gehirns übersteigt. Aber Ansätze verstehen, ist glaube ich machbar. Ich sage auch nicht, dass du das tust, das ist lediglich meine Einschätzung deiner Person und deiner Intelligenz.

Was ich in der Zeile sagen will, die sich ja explizit auf die Flüchtlingspolitik bezieht, lässt sich beispielsweise in Erich Maria Remarques “Arc de Triomphe” nachzulesen. Oder in Varian Frys Memoiren. Abertausende europäische Künstler, Anwälte, ganz normale Menschen, Kinder und und und konnten nur als Flüchtlinge den Nazis entkommen. Hätte es damals schon Frontex gegeben, wäre Thomas Mann auf hoher See abgeschossen worden.

Das hat nicht so viel damit zu tun, dass ich mir besser vorkomme. Diesen Vorwurf finde ich etwas unangebracht. Auch wenn du das ja so nicht meintest. Aber das schwingt da gern mal mit. Ich bin ein prinzipiell eher zurückhaltender Mensch, gut gelaunt und umgänglich. Dass ich so ausfällig gegen aggressive Dummheit werde, hat damit zu tun, dass ich seit Jahrzehnten darunter leiden muss. Ich kann es nicht mehr ertragen.

Na gut, nicht voll arg zurückhaltend, aber auf jeden Fall nicht grundlos arrogant. Ich urteile möglichst langsam, ich gebe mir Mühe, Leute zu verstehen. Aber was einem sehr oft entgegenschlägt, ist der pure Pesthauch der Ignoranz. Des endgültigen Urteils nach Betrachtung von drei Fotos. Sowas macht mich rasend und ich habe mittlerweile auch kein Problem mehr damit, solche Leute abzuwatschen.

Dein lediglich zwanzigseitiges Buch „Einfach ist gar nicht so leicht“, liest sich wie die Wiedergabe eines Rauschzustands. In der Youtube-Infobox zu deinem Track „Spazieren gegen Weihnachten“ bezeichnest du das Spazieren als „einzige Überlebensstrategie im Spätkapitalismus des frühen 21. Jahrhunderts“. Welche Rolle spielen Rauschzustände, aber auch Ruhe und Idylle in deinem Leben?

Ich glaube mein Alltag ist momentan so überfrachtet, dass ich als Ausgleich den Rausch und die Idylle brauche. So eine besoffene Clubnacht mit ausgiebigem Tanzen, neuen Leuten, interessanten Begegnungen kann Wunder wirken.

Es muss für mich aber auch etwas Besonderes bleiben, so krass viel gehe ich nicht  weg, da fehlt mir die Zeit für. Gleichzeitig versuche ich wie schon erwähnt auch etwas mehr Struktur reinzubringen, damit nicht noch mehr Hörstürze oder noch ganz innovative Krankheiten dazukommen. Ich segel manchmal schon sehr hart an der Erschöpfungsgrenze entlang. Zum Glück merke ich es aber noch und ruh mich dann manchmal auch aus. Das müssen jetzt nur noch alle Leute mitkriegen, die ich enttäusche, weil ich dann doch nicht 24/7 zurückschreiben und Probleme lösen kann.

Chillen ist auf jeden Fall auch sehr subversiv. Einfach nicht mitmachen bei all der dummen Hektik. Weise Worte von einem, der das selbst in der Regel nicht schafft, haha.

Zu Teil 3