Interview mit form/prim – Teil 1/3: Über das ominöse System, Kritik an Montagsdemonstrationen und den Wunsch nach politischen Veränderungen

„Du rauchst deine Kippe, guckst auf die Anzeigetafel, hast sowas von keinen Bock, noch weitere vier Minuten zu warten, also steckst du die nächste Kippe an. Man trainiert sich das an, das Schnell-Rauchen. Inhalieren, so, Bahn ist da, du bewegst deinen Arsch hinein. Überall Menschen. Keiner ist mehr als zwei Gedanken wert. Ah. Scheiß Obey-Cap. Scheiß McDonalds-Tüte. Scheiß Hund mit Maulkorb. Du setzt dich ans Fenster. Kurze Freude. Kurz, weil direkt so‘n Typ kommt und sich neben dich setzt, obwohl es so aussah, als hättest du ausnahmsweise mal mehr Platz. Er sieht so unfassbar normal aus. Wenigstens kein nach Pisse riechender Idiot, aber auch niemand, mit dem du Sympathien austauschen würdest. Du sitzt ja im Zug und nicht am Sterbebett deines besten Freundes. Er hat Kopfhörer um den Hals und lackierte Fingernägel. Aha. Schwul also. Oder irgend so ein Gender-Bender-Render-Futzi. Oder er sucht Aufmerksamkeit. Das wird’s wohl sein. Das ist bei solchen Leuten doch immer so. Und dann fängt er an zu weinen. Als wär‘s nichts.

‘Denn sie kennen mich ja nicht’. Musik für Menschen. Der Ausschlag war wohl der Suizid des Rappers NMZS am 20 März 2013. Mein erster Song, den ich von form oder prim – auf jeden Fall David Häußer – gehört habe. Meine Empathie ist mir aus den Ohren gelaufen. Wie Blut, wie Tränen, wie Kotze. Ich weine nicht gerne und bestimmt nicht im Zug. Den Drang habe ich natürlich öfters. Oder ich will halt jemanden schlagen. Macht in dem Moment keinen Unterschied für mich. Ich habe im Zug schon so manche Menschen weinen gesehen. Das waren entweder Kleinkinder, Emo/Gothic/Wir-brauchen-eine-abgrenzende-Bezeichnung-Menschen, oder ältere Frauen, die wahrscheinlich Angst vorm Altenheim haben. Ich verstand, dass form eine Stimmung einfing, von der wir alle täglich gefressen werden. Und dann verstand ich, dass Musik für Menschen Musik für Menschen ist. Und dass David Häußer ein Mensch ist, der sich nicht entfremden lässt. Dafür kämpft er. Mit allen Mitteln. So, dass es jeden von uns betrifft. Und er wird nicht aufhören. Macht ihn das zum Helden oder zum hoffnungslosen Optimisten mit inneren Konflikten, die wir ihm in YouTube-Kommentaren analysieren und vorwerfen können? Warum denkt er, er hat recht? Warum hält er nicht die Fresse, wie das alle anderen auch machen? Wird er die fallenden Bomben mit gutmenschlich ausgebreiteten Armen empfangen?“

Das ist das Ergebnis eines Freundes, den ich bat, den Rapper, politischen Aktivisten, Schriftsteller, Tausendsassa und Schönling David Häußer zu umschreiben. Der Mainzer firmiert unter den Namen form/prim/Musik für Menschen und ist Gründer von FICKO – Magazin für gute Sachen und gegen schlechte. Er macht Musik, Kunst, Kram und wurde hier ohnehin viel besser in Worte gefasst.Seine neue Doppel-EP heißt:“Es gibt ein richtiges Leben im Falschen: Meins & Il y a peut-être de la vie sur le toit“. In einem stinknormalen, siebenstündigen Skype-Gespräch gab er Antworten auf fingernägelverätzende Fragen.

In welchem Alter wurde dir bewusst, dass du dich politisch engagieren willst?

Ich weiß es ehrlich gesagt nicht genau. Aber der 11. September war sehr wichtig, ich glaub spätestens da wurde es ernst.

Ich habe diese Frage noch nie gestellt, also folgt eine Premiere. Kannst du dich erinnern, in welcher Situation du dich befunden hast, als du es erfuhrst?

Ja, ich war bei meinem Freund Dani, gerade heimgekommen von aufgebrummten Sozialstunden. Der hat mir mit großem Sensationalismus die Tür geöffnet und wir saßen dann stundenlang vor dem Fernseher und drehten komplett durch. Ich wusste ehrlich gesagt vorher nicht, was das World Trade Center war, aber dass da gerade heftiges Zeug abging, hab ich schon geschnallt. Und dann ging es ja auch gleich los: Nato-Bündnisfall, “Jetzt gibt’s Krieg” und all das. Dann wurden diese Anthrax-Briefe verschickt, wo es irgendwann hieß, die seien aus US-Labors selbst. So wirklich weiß ich bis heute nicht, was daraus wurde. Aber das alles war wohl allerspätestens ein Moment, der mich durchgeschüttelt hat. Ihr braucht mich also nicht mehr aufwecken, liebe Truther-Gemeinde.

Um den 11. September ranken sich viele Theorien (Wer mag, kann sich das V-Wort dazu denken). Hast du dich “tiefer” mit der Materie beschäftigt, bzw. dir Dokus angesehen, die dem Zuschauer die “Wahrheit” versprechen?

Joa, vor Jahren mal. Aber mich nervt da das ganze Geraune. Als wäre es jetzt voll die nie gehörte Erkenntnis, dass sich die Jesus-Story und das ganze Christentum insgesamt bei allen “heidnischen” Mythen bedient hat und schon in allen möglichen, viel älteren Kulturen die Wintersonnenwende, der Baum, die Fruchtbarkeit des Hasen usw. gefeiert wurden.

Was ich tatsächlich bis heute nicht verstanden habe ist, wieso die Schäden am Pentagon so klein waren, wenn da ein Flugzeug reinfliegt mit was weiß ich wie vielen Gigajoule. Bzw. wenn es schon reinfliegt und dabei dann offenbar komplett pulverisiert wird, wieso dann da nicht mehr Schäden sind. Aber damit begebe ich mich halt auch in so seltsame Komplizenschaft mit Leuten, auf die ich überhaupt keinen Bock habe. Also unterlasst es bitte, mich vollzulabern, ich trete eurem Verein dennoch nicht bei, liebe Truther.

Bevor ich deinen Anspielungen Folge leiste und dich auf die Montagsdemos anspreche, noch eine wichtige Frage: Mit welcher Zeremonie feiert man die Fruchtbarkeit des Hasen?

Ostern. Eier. Ich bitte dich.

Dachte Löffelchensex. Hoho. Okay. Verschwörungstheorien. Truther. Du hast dich in den letzten Tagen sehr negativ gegenüber den Montagsdemonstrationen und den bekannten Repräsentanten (Ken Jebsen, Jürgen Elsässer, Lars Mährholz) geäußert. Was ist dein Problem mit der “Friedensbewegung”?

Also: Ich ärgere mich, weil dort so viel hanebüchener Unsinn geredet wird. Bzw. ganz arg viele Themen, die auch wirklich wichtig sind und wo viele Leute zu Recht Angst haben, in mindestens ungenaues, bisweilen sogar richtig gefährliches Geschenkpapier gepackt werden.

Ja, die Welt ist ziemlich am Arsch und sehr sehr vieles läuft schief. Ja, Menschen werden in Massen ermordet, ja, in “den Medien” ganz grob allgemein gesprochen wird einiges verzerrt und auch gelogen. Ja, Profit geht über Leichen. Das stimmt alles.

Aber: Daran sind nicht “DIE” schuld. Zumindest nicht primär, auch nicht sekundär und vor allem nicht allein. Wir leben alle in einem kapitalistischen System, das uns zu Konkurrenten macht, das behauptet, dass Zeit Geld sei, das uns zu konsumgeilen Vollidioten abstempelt. Wir machen aber auch mit. Wir kaufen die Scheiße ja auch, wir lassen uns ausbeuten und wir beuten selbst auch aus. Wir gehen zur Bank und horten unser Geld nicht unter der Matratze. Wir kaufen die Waren, die von Kindern fast unbezahlt hergestellt wurden. Wir wählen die Parteien, die “DAS SYSTEM” in aller Regel erhalten wollen. Wir wehren uns offenbar nicht heftig gegen die Festung Europa, die schon zehntausende Menschen an ihren Grenzen de facto getötet hat. Weil sie vor Konflikten fliehen mussten, die teilweise erst durch “unsere” Waffenexporte, unseren Rohstoffhunger, “unsere” kolonialen Verbrechen entstanden sind.

Damit eine Kritik am Zustand der Welt auch etwas bringt, muss die Analyse dieses Zustands ein bisschen mehr Hand und Fuß haben als nur mit dem Finger auf “die da oben”/”die anderen” zu zeigen. Der Kapitalismus ist nicht verkörpert in drei, vier Personen, die alles lenken. Diese Idee ist zudem nicht weit entfernt von der antisemitischen Vorstellung, dass die jüdische Weltverschwörung hinter allem steckt, was so passiert. Es gibt auch eine Eigendynamik, die im ständigen Konkurrenzdruck, Quartalszahlendruck, Zeitdruck, Kostendruck etc. entsteht, ein strukturelles Problem, das zu beschreiben ich wahrscheinlich noch etwas mehr schreiben müsste. Übertrieben viel Komplettahnung und Auskennismus habe ich ja auch nicht.

Die Folgerung daraus sollte meines Erachtens sein, dass das kapitalistische System grundsätzlich überwunden werden muss. Was das konkret eigentlich heißt: Lasst uns drüber reden. Gleichzeitig muss es auch möglich sein, die Verbrechen im System auch zu thematisieren, denn sonst reden alle aneinander vorbei. Und auch Änderungen im Kleinen sollten nicht als unwesentlich abgetan werden, nur weil dennoch das ausbeuterische System an sich noch nicht abgeschafft wurde. Denn jedes verbesserte oder gerettete Leben ist ein Grund, sich zu freuen. Und bloß weil es strukturelle Gründe für das Versagen der Menschheit gibt, ist das Individuum nicht frei von persönlicher Verantwortung. Der Irakkrieg 2003 wurde immer noch mit Lügen begründet, die deutschen Geheimdienste sind immer noch mindestens auf dem rechten Auge blind und versuchen sogar, die NSU-Morde zu vertuschen. Die BILD-Zeitung ist immer noch ein Hetzblatt voller rassistischer, sexistischer Beleidigungen am laufenden Band, die am Ende z.B. zu Anschlägen auf Flüchtlingsheime führen. Das alles passiert und existiert. Ein zwei Köpfe auszutauschen ändert nur nichts am grundsätzlichen, systematischen Problem. Wir sollten in der Kritik die konkreten Fälle aufgreifen und sie mit einer systematischen Kritik verbinden, ohne sie deshalb zu bagatellisieren. Sonst verliert sich das alles in theoretischen Debatten, die kein unstudierter Mensch mehr verfolgen will. Von den konkreten Drohungen gegen Kritiker dieser Demos mal ganz abgesehen…

Auf “Retina Regina” rappst du: “Nein, ich war nicht dabei, doch ich hab es auf Youtube gesehen“. Warst du selbst schon auf einer Montagsdemonstration?

Ja, war ich. In Mainz. Schon vor der ersten Demo wurde bei facebook im Event von einem Gast ein Link gepostet, der den Holocaust leugnete. Ich habe darauf hingewiesen und gefragt, wie den die Orga dazu steht. Die Antwort waren ausfällige Drohungen gegen mich und alle anderen “Spalter”, “Hetzer” etc. Und die Drohung, mich und andere zu verklagen wegen Verleumdung. Ich hätte den Organisator als Holocaust-Leugner bezeichnet. Was ich halt nicht getan habe. Ich habe nur nachgefragt, wie denn die Orga dazu steht. Es gab aber bis heute, zehn Tage danach, immer noch kein Statement dazu. Immerhin ist das Ding jetzt gelöscht. Aber eben ohne Kommentar. Und auch alle Threads, die Kritik übten, wurden gelöscht.

Was hast du selbst auf der Demonstration erlebt?

Erst mal eine Stunde Langeweile. Viel Esoterik, Bibelkreis-Atmosphäre und Umarmungen. Ich hab mir das etwas aus der Ferne angeschaut und es war wirklich sehr, sehr zäh am Anfang. Die Moderatorin redete ständig davon, wie sehr wir alle einfach an uns arbeiten müssten und einfach bewusst SEIN sollten, um damit den Frieden erst mal in uns selbst herzustellen. Dann fragte sie die ca. 25 Leute, die vor ihr saßen, was ihre Definition von Frieden sei, ging  mit dem Mikro rum und nickte immer aufmunternd. Manche haben sich nicht recht getraut. Also etwas mehr Entertainment hatte ich mir schon erhofft. Zum Glück kam dann irgendwann auch der Hauptorganisator. Der hatte halt die geile Capslockstimme und zeterte auch gleich richtig los. Aber wirklich konkret wurde es nicht. Von einem besoffenen Bahnhofsnazi mit braunem Shirt mit Reichsadler und Orgi-Logo abgesehen und einem Redner, der sich das Deutschland von früher wieder wünschte, weil ja die ganzen Leute von überall in unsere Sozialwohnungen einwandern würden, war das alles hauptsächlich Quatsch.

Wenn du die Reden als “Quatsch” bezeichnest, musst du dich selbst in der Situation befinden, besser informiert zu sein. „Dummheit liegt im Hirn des Denkers, selbst wenn er gar nichts dafür kann“, rappst du auf „Es mit allen“. Diplomatisch formuliert: Kannst du zumindest nachvollziehen, dass die Montagsdemonstrationen oder rhetorisch versierte Personen wie Ken Jebsen für Menschen attraktiv sind, die ihr persönliches 11.September-Erlebnis hatten und das Gefühl verspüren, sich engagieren zu wollen? Eventuell sind viele der Personen, die sich dort zusammenfinden, ja wirklich so uninformiert, wie ihnen vorgeworfen sind, haben jedoch das Gefühl, aktiv werden zu wollen und schließen sich der erstbesten Bewegung an, die sich ihnen anbietet. Das wäre dann das NPD-Prinzip.

Ja, ich kann das total nachvollziehen. Das macht es ja so gefährlich. Die Probleme, die gerade Ken Jebsen oft anspricht, sind ja auch real. Er lässt halt gern mal die Hälfte weg, redet vierzig Kilo Bücher pro Stunde und haut am Tag dreizehn Videos raus, die alles und das Gegenteil sagen. So ist es quasi unmöglich, ihn auf irgendetwas festzulegen.

Und ja, ich bin wohl offenbar besser informiert, wenn ich weiß, dass alle Kriege der letzten 100 Jahre NICHT von der FED geplant und durchgeführt wurden. Z.B. dieser eine, der da Zweiter Weltkrieg heißt und mal eben das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte durchführte. Nicht der Krieg hat das getan, sondern die Deutschen. An Juden, an Sinti und Roma, an Homosexuellen, an Kommunisten, an Demokraten. Und weißt du, womit z.B. die Vernichtung der Juden begründet wurde? Mit dem Hinweis darauf, dass sie hinter den Kulissen alles lenken und die Völker gegeneinander hetzen. Vergleicht mal die Reden Hitlers und Goebbels mit der Argumentation Elsässers:

Das Thema ist ultra schwierig, teilweise hardcore kompliziert, aber es ist sehr gefährlich, wenn man sich dabei nicht eindeutig von knallharten Nazis abgrenzt. Elsässer organisiert eine internationale Konferenz gegen Homosexualität, lässt sich mit Ahmadinedschad fotografieren und hetzt gegen Einwanderer. Und jeder, JEDER, der mit solch einem Menschen zusammenarbeitet, kriegt von mir keine Unterstützung.

Nun kann man allerdings auf eine Montagsdemonstration gehen, die Inhalte von Jürgen Elsässer beschissen und die der nächsten zwei Redner hervorragend finden. Jeder darf denken und vor allen Dingen sagen, was er will. Es ist das alte Bild, das uns Politiklehrer eingebläut haben: Wer sich heutzutage auf eine Holzkiste stellt und seine Weltansicht über den Marktplatz plärrt, riskiert eben nicht mehr die Guillotine. Ich finde man muss so ehrlich sein, dass weder ein Ken Jebsen, noch Menschen wie du und ich, die Chance hätten, ihre Meinung zu äußern, lebten wir unter Verhältnissen, die anderswo Realität sind. Wie ist deine Einschätzung zur Meinungsfreiheit, die uns unsere Verfassung garantiert? Birgt sie auch Gefahren?

Ja natürlich ist Meinungsfreiheit super. Aber: Wieso fotografiert denn die Anti-Antifa Kritiker dieser Montagsdingse, wenn sie doch voll für Meinungsfreiheit sein wollen? Wieso wird das Auto eines kritischen Journalisten zerstört? Wieso werden Leute akut bedroht (von Mario Rönsch in Erfurt, checkt “Friedensdemo Watch” bei facebook)?

Das sind doch zwei völlig unterschiedliche Ebenen…Die Grundrechte sind Abwehrrechte gegen den Staat. Sie wurden v.a. nach der Erfahrung im Nationalsozialismus ins deutsche Grundgesetz geschrieben. Ein Typ, der massenhaft NPD-Kader und ähnliche Menschen um sich schart und anzieht, sich nicht von ihnen distanzieren will, sondern stattdessen sagt, dass er weder links noch rechts sei und sie damit de facto akzeptiert, arbeitet daran mit, genau diese Meinungsfreiheit abzuschaffen. Denn Nazis töten nun mal Menschen, deren Meinung sie nicht so toll finden. Auch Menschen, deren Hautfarbe, sexuelle Orientierung oder vielleicht manchmal blöderweise sogar Frisur ihnen nicht passt. Es ist hochgradig verzerrend, daraus eine Debatte um Meinungsfreiheit zu machen. Zensur ist, wenn der Staat Meinungen unterdrückt. Aber niemand verbietet diese Montagsdingse. Sie finden doch statt, ständig. Wo ist denn die Meinungsfreiheit bedroht? Völliger Quatsch.

Ich selbst habe mittlerweile den Standpunkt angenommen: Wer Diskussionskultur beherrscht, respektvoll bleibt, Grundregeln der Kommunikation und Höflichkeit beherrscht, mit dem kann ich auskommen. Vorausgesetzt, er beeinflusst mich nicht in meiner Art, zu leben. 

Ich will nochmal auf Informationsbeschaffung bzw. Bildung zurück. Wie geht man mit Menschen um, die sich nicht tiefgehend bilden und informieren wollen? Ich denke an das Klischee des Currybuden-Proletariats, das sich bierprostend über “die da oben” beschwert, sonst aber friedlich bleibt. Wie weit geht deine soziale Toleranz? Bis zu welcher Grenze kannst du über “menschliche” Fehltritte hinwegsehen?

Also ich komme nicht mit Menschenfeinden aus. Auch wenn sie höflich sind. Auch wenn sie mich persönlich nicht beeinflussen wollen. Vielleicht tun sie das bei mir ja nur nicht, weil ich groß und stark bin und ihnen das Gesicht zu Brei schlage, wenn sie mich doch mal überfallen. Auf jeden Fall würden sie ja vielleicht eine meiner besten Freundinnen, die in einer polyamourösen, lesbischen Beziehung lebt, doch nicht so gern unversehrt davon kommen lassen. Oder meine schwarzen Freunde abstechen, wie kürzlich am Mainzer Hauptbahnhof passiert. Oder das Haus anzünden, in dem eine Familie lebt, die gerade erst vor Assad fliehen konnte.

Daher ist es eben gerade so wichtig, genau hinzuhören, was Leute sagen und welche Ideen kursieren. Und sie verdammt noch mal dazu zu zwingen, genau zu sein. Und ja, da muss man sehr unbarmherzig sein. Denn eine Tat kommt aus einer Idee. Und wenn menschenfeindliche Ideen kursieren, führt das zu menschenfeindlichen Taten. In ganz fucking Europa marschieren gerade die Nazis auf, Le Pen 25% in Frankreich bei der Europawahl. Wahlsieger. DIE MEISTEN STIMMEN. Was soll denn noch passieren, damit das mal ernst genommen wird?

Du sagst es, das Bild von solchen Curryprolls ist ein Klischee. Ich weiß nicht, so krass viele völlig komplett hoffnungslose Leute treffe ich gar nicht. Eigentlich fast nur bei den Organisatoren der Montagsdingse. Ich habe dutzende Diskussionen versucht, es kam nicht ein einziges Mal etwas bei rum. Meine Toleranz hört da auf, wo Leute die Freiheiten anderer beschneiden. Andere Menschen auf Grund von nicht beeinflussbaren Merkmalen ausgrenzen, abwerten, beleidigen. Wenn etwas, das niemandem schadet, als Grund dafür herangezogen wird, eine Person zu diskriminieren, werde ich ungemütlich.

Mal ganz einfach ausgedrückt: Nicht wirklich arg easy beeinflussbar sind Sachen wie die Farbe deiner Haut, die Gruppen von Menschen, die du liebst, deine Essensvorlieben, dein Alter, dein sozialer Status usw. Für so etwas darf man Leute schlichtweg nicht angreifen. Total banal, aber genau das wird ja gemacht. Vielmehr ist es wichtig, Ideen zu bewerten. Ideen zu verstehen, um sie gegebenenfalls angreifen zu können. Die Ideen müssen weg, nicht die Personen, die von diesen Ideen befallen sind. Ideen entwickeln sich und fallen nicht vom Himmel. Wir leben in einer sexistischen und rassistischen Gesellschaft, also gibt es natürlich in so gut wie allen Menschen auch rassistische und sexistische Ideen. Ausdrücklich auch in mir und in dir. Das hat ja historische Gründe, mit der ansonsten nicht falschen Aufklärung kam z.B. eben auch die Idee der weißen Überlegenheit über die “Wilden” mit all ihren katastrophalen Folgen.

Die Frage ist aber, ob wir versuchen, das erst einmal anzuerkennen und dann vor allem etwas dagegen machen. Denn das ändert sich nicht von jetzt auf nachher und vor allem nicht von allein. Das ändert sich nur durch Menschen, die an ihrem Denken etwas ändern.

Eine satirische Sendung wie die “heute-show” hat mittlerweile einen regelrechten Wetten-Dass-Faktor. Einschalten, Lachen, Legimitation fürs Nichtstun erhalten. Martin Sonneborn würde ich mittlerweile als einen „Polit-Helge-Schneider“ bezeichnen. Was hältst du von Satire, bzw. Kabarettisten wie Volker Pispers, Serdar Somuncu, oder Georg Schramm, die das System, von dem sie selbst profitieren, scharf kritisieren?

Naja, wieso sollten sie das System nicht kritisieren, wenn es so offensichtlich kaputt ist und eigentlich schon immer scheiße war? Es ist ja kaum möglich, außerhalb “des Systems” zu leben. Dass du implizit die heute-show als bloße Unterhaltung abtust, hört sich etwas arg verbissen an. Denn so sehr sie ein eher müder Abklatsch der Daily Show mit Jon Stewart ist, wird da ja Wissensvermittlung betrieben. Und zwar so, dass es auch jemand sehen will, der oder die nicht sowieso schon ein großes Interesse an Politik hat. Also ich sehe das nicht so arg kulturpessimistisch. Es gibt auch genug Studien im Übrigen, die belegen, dass die meisten Zuschauer durch solch eine Art der Kommunikation mehr mitnehmen als durch die klassischen, eher drögen Nachrichten. Natürlich könnte es das alles noch in besser geben. Aber dafür dürfte halt zdf.kultur nicht eingestampft werden. Roche & Böhmermann hat ja gezeigt, dass es durchaus noch die Möglichkeit gibt, auch mal etwas Interessantes im Fernsehen zu machen. Aber ist halt Deutschland, da darf nicht zu viel gewagt werden.

Martin Sonneborn ist nicht der politische Helge Schneider. Martin Sonneborn ist Martin Sonneborn, Helge Schneider ist Helge Schneider. Gratulation für den Sitz in Brüssel! So richtig arg kritisiert ja Serdar Somuncu das System gar nicht. Georg Schramm schon mehr. Ich finde das, was ich von ihm kenne, durchaus mehr als einen Blick wert.

Verzeih meine Polemik. :) Wie sorgt man eigentlich dafür, dass Menschen sich informieren wollen bzw. wissbegierig sind? Wie motiviert man jemanden, eine “Besser nicht zu viel nachdenken”-Haltung aufzugeben?

Hmm, ich weiß auch nicht so ganz. Es hat ja in der Regel einen Grund, wieso jemand so denkt. Vielleicht die Gründe dafür kaputtsprengen? Lethargie kommt ja daher, dass Leute denken, sie könnten eh nichts ändern. Und das Ding ist: So einfach ist es auch nicht zu ändern. Ist ja nicht umsonst so beständig, dieser Kapitalismus. Und wenn zu viele Leute Adblocker haben, fangen die Säcke mit noch schlimmerer Adware an, die Maschine muss ja weiterrollen. Kann ich verstehen, da kann man schon mal austicken. By the way: Sony, du Scheißverein! Mein Walkman ist jetzt schön exakt nach Ablauf der Garantie kaputtgegangen und ich weiß von Freunden, dass ich nicht der einzige bin. Geplante Obsoleszenz my ass, ihr Gsichtsgedullahs! Aber Wegschauen hat noch nie ein Problem gelöst. Bloß weil es alles so kompliziert ist, gewinnen dennoch die ganz arg falschen Ideen, wenn wir als Gesamtgesellschaft nicht schleunigst etwas aktiver werden. Man sollte nicht zu viel jammern, wenn es schlecht läuft, sondern sich austauschen, was man dagegen machen kann. Alles andere ist extrem kontraproduktiv. Es holt uns ja eh ein. Siehe Wahlergebnisse bei der Europawahl. Dortmunder Nazis haben vorhin das Rathaus in Dortmund angegriffen. Wegschauen macht das nicht weg.

Musstest du im Zuge einer Diskussion schon mal von einem sichergeglaubten Standpunkt abweichen, weil dein Gegenüber schlichtweg die besseren Argumente hatte?

Na klar. Ständig. So lernt man doch erst dazu. Ich mache auch jetzt noch ständig Denkfehler, Kochfehler. Alle machen Fehler. Solange man sich Mühe gibt, etwas daraus zu lernen, finde ich Fehler sogar ganz produktiv.

Auch wichtig ist, dass man öffentlich Fehler macht und dann offen damit umgeht. Viel besser als diese hermetischen, 100% vollperfekt austarierten “Haltungen”, die sich ja meist doch nur auf ein spezielles Themengebiet erstrecken. Man kann sich aber nun mal nicht überall voll geil auskennen. Und diese Erkenntnis wäre manchen Leuten ans Herz zu legen. Auch wenn ich deiner Frage entnehme bzw. auch weil ich weiß, dass ich selbst von manchen anders wahrgenommen werde als ich das selbst möchte: Wichtig ist, dass man sich etwas sagen lässt. Ich hatte ehrlich gesagt jahrelang eher das Problem, dass ich jeden Schwachsinn als legitime Kritik angenommen habe und mir Gedanken machte. Crap Detection nennt das der grandiose Howard Rheingold. Das Internet hat also schon geholfen beim Ausbilden von Diskussionsfähigkeit.

Aber ich gebe mir auch Mühe, falls ich überhaupt noch den schlimmen Fehler mache, in eine große facebook-Diskussion einzusteigen, nur Dinge zu sagen, die ich auch in einer afk-Diskussion sagen würde. Denn bei reiner Chat- und Schriftkommunikation zumindest fast in Echtzeit und gerade in erhitzten facebook-Diskussionen fehlt halt 80% der klassischen Kommunikation. Keine Mimik, keine Gestik, du hörst die Stimme nicht usw. Das kann ganz viel Energie verschwenden. Man hört ja auch nicht jedem besoffenen, stinkenden AfD-Wähler in der S-Bahn zu, wenn er gerade wieder zu einem Appell ansetzt, doch endlich die Einwanderung in unsere Abschaffung des Spitzensteuersatzes zu begrenzen. Im Internet habe ich persönlich den Fehler zu lang gemacht. Damit ist jetzt Schluss (lacht laut, verschluckt sich, erbricht, seufzt)!

Zu Teil 2