Der Tod erklärt das Leben (Hoimar von Ditfurth – „Im Anfang war der Wasserstoff“)

In allen Himmelsrichtungen nichts Neues: Der Maidan kokelt noch leicht, der Krim-Krimi verzeichnet herausragende Einschaltquoten, Pocher vs. Schwarze, Schwarze vs. Pocher und Manuel Neuer schlafen die Füße ein. Dass ein älterer Herr mit weißem Rauschebart seit Wochen die Monitorrunde macht, ist beinahe schon als Leistung zu betrachten. Edeka-Testimonial Friedrich Liechtenstein sei sein Erfolg gegönnt. Die supergeile PR-Chose wird jedoch wie alles, was via virales Marketing ins Licht der Öffentlichkeit pressiert, wieder seinen Gang ins Nirvana antreten. Dass ein sich unerbittlich drehender Zeitstrudel schlichtweg zum Leben dazugehört, erklärt meisterhaft ein Buch, das bereits über 40 Jahre auf dem verwitterten Buckel trägt. „Im Anfang war der Wasserstoff“ des Wissenschaftspublizisten Hoimar von Ditfurth.

Ditfurth, 1921 in Berlin geboren, war freier Wissenschaftspublizist und galt als versierter Vermittler naturwissenschaftlicher Themen. Seine Bibliographie ist durchzogen von Bestsellern, die sich in leicht verständlichem Stil mit Biologie, Chemie, Physik etc. auseinandersetzen, diese Bereiche jedoch auch mit Fachbereichen wie Theologie und Philosophie verknüpfen. 1971 konzipierte Ditfurth die ZDF-Sendung „Querschnitte“, eine Visualisierung seiner Bücherinhalte, die ihn in der Öffentlichkeit endgültig als populärwissenschaftlichen Schriftsteller und Moderator etablierte. Mit “So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen”, einem seiner letzten Werke, schrieb er das Leitbuch der Anti-Atomkraft-Bewegung der 80er Jahre. Er verstarb 1989 in Freiburg im Breisgau.

Ein Kind der Neunziger, das diese biographischen Informationen aus dem Internet zusammenklauben muss, fühlt sich nahezu genötigt, der Zeit Betrug vorzuwerfen. Liest man Ditfurth, gerät man in Versuchung, den Wunsch auszusprechen, ein halbes Jahrhundert früher geboren zu sein. Wer das Periodensystem automatisch mit der monotonen Grabesstimme seines Chemielehrers verbindet, wird die Sehnsucht nach der Kunst des Erklärens kennen. Ditfurth beherrscht sie.

„Auch die Leistung des größten denkerischen Genies besteht bei Licht besehen allein darin, daß ihm eine Distanzierung von der Umwelt gelingt, die bisher keiner seiner Vorgänger oder Zeitgenossen vollbracht hat: die Loslösung vom Augenschein, von einem konkret gegebenen Sachverhalt.“ (Ditfurth)

„Im Anfang war der Wasserstoff“ zeichnet nicht weniger als die Entstehung des Universums und den Verlauf des Lebens bis zum damaligen (respektive heutigen) Zeitpunkt nach. Wer nun bemängeln möchte, dass ein 1972 erschienenes Buch eine Antiquität darstelle, der oder dem sei erst Recht ein Blick auf die Entstehungsgeschichte des Planeten empfohlen, der ihm die Möglichkeit bietet, diese Aussage überhaupt zu tätigen. Dies sei überhaupt jedem nahegelegt, der des Nachts gerne stumm das Kinn reckt und in die Weite blickt.

Ditfurth belehrt nicht, er versteht sich eher als Chronist. Strikt hält er sich an den damaligen wissenschaftlichen Erkenntnisstand, erläutert und vergleicht wissenschaftliche Theorien. Nicht „so war es“, sondern „so könnte es gewesen sein“. Dabei weicht ihm eine Maxime nicht von der Seite: Der Leser soll verstehen. Immer wieder springt diesem ein „Verständlicher ausgedrückt:“ ins Auge. Von intellektuellem Dünkel keine Spur. Hier möchte jemand mitteilen, nicht monologisieren.

Ditfurth geht chronologisch vor, er führt den Urknall noch einmal im Leserhirn auf, widmet sich dem mutmaßlichen Entstehen des Himmelskörpers Erde, dem Aufkommen seiner Atmosphäre, die unser (Über-)Leben überhaupt ermöglicht, der ersten Zelle und der Besiedelung des Festlandes ihrer vielen Nachfolger, der Entstehung von Atmung und Warmblütigkeit, kurzum: Der Evolution, der Weg vom BOOM zum Jetzt. Albert Einsteins Relativitätstheorie nennt er „um so bewundernswerter, als sie eigentlich schon fast außerhalb der Reichweite unseres Verstandes liegt“. Es sollte nicht zu anmaßend sein, ihn auf ähnliche Weise postum für seine Gründlichkeit zu adeln. Ditfurth prescht stets exakt zum Endpunkt des damalig herrschenden Kenntnisstandes. Danach – Stopp. Die Grenzen des eigenen Geistes erhalten dabei einen speziellen Platz in seinen Ausführungen.

„Ich ertappe mich allerdings, wie ich gestehen muß, gelegentlich bei dem Gedanken, daß uns manchmal vielleicht doch ein Beobachter aus der viertem Dimension dabei zuschaut, wie wir uns vergeblich damit abmühen, uns einen „gekrümmten Raum“ vorzustellen, um dabei nur immer wieder an die Grenzen nicht des Weltalls, sondern unseres eigenen Gehirns zu stoßen. Vielleicht beschleicht auch ihn dann ein melancholisches Gefühl, wenn er gewahr wird, wie dicht und gleichzeitig wie hoffnungslos wir in unserer geistigen Entwicklung unmittelbar vor der Möglichkeit stehengeblieben sind, uns auch eine vierte Dimension noch vorzustellen zu können.“ (Ditfurth)

Das Hirn, die größte Errungenschaft, die die Evolution dem Menschen vergönnt hat, ist oftmals auch sein härtester Gegner. Max Goldt schrieb einst (frei zitiert), dass Intelligenz lediglich in zweierlei Hinsicht nutzbar sei. Erstens: Verbesserung der Lebensqualität aller. Zweitens: Das Erhöhen der eigenen Person gegenüber anderen.

Ein anderer Buchautor, Thilo Sarrazin, hat sich jüngst einen Neologismus ausgedacht, mit dem er sich erneut die Taschen füllen möchte und wird. Während das Idol aller „Wird man doch wohl noch sagen dürfen“-Sager durch die Lesesäle des Landes tingelt, nehmen laut Bundeskriminalamt die Angriffe auf Asylantenheime zu. Ob man nun von rassistisch motivierten Morden ausgeht, von Schulhofschlägereien, oder bloß vom anzüglichen Witz in der Firmenkantine: Ganz konkret leiden und sterben Menschen durch Menschen, weil ihre Hände von Gehirnen geführt werden, die verträumt in vergangenen Epochen schwelgen.

„In allen diesen und zahllosen anderen Fällen reagieren wir „automatisch“, mit uns angeborenen Reaktionen, auf die wir keinen Einfluß haben, denen wir uns nur hingeben oder die wir rational, also mit unserer Hirnrinde, zu beherrschen versuchen können. Eben deshalb sagen wir ja auch, daß Zorn uns „hinreißen“, daß Freude oder Trauer uns „überwältigen“ können. Nicht die wenigsten unserer Probleme im mitmenschlichen Umgang, im Privatbereich ebenso wie im politischen Raum zwischen den Völkern, gehen letztlich darauf zurück, daß sich Reaktionen dieser Art selbsttätig, eben „instinktiv“, einstellen, und daß es einer bewußten Anstrengung bedarf, sie an sich selbst zu entdecken und dann auch noch, sie zu beherrschen.
Das wäre nicht so schlimm, wenn es sich bei ihnen nicht um ein so uraltes Erbe handelte. Was sich da in uns rührt, das sind Programme, die aus der Steinzeit stammen und aus den Jahrmillionen davor. Der „Rat“, den uns diese instinktiven Regungen ungebeten erteilen wollen, verdient deshalb so großes Mißtrauen, weil er auf dem Boden von Erfahrungen gewachsen ist, die in einer Welt gemacht wurden, die längst nicht mehr die unsere ist.“
(Ditfurth)

Wer sich sein innewohnendes Janusgesicht bewusst macht, verbessert seine Lebensqualität ungemein. Die Fähigkeit dazu schlummert in jedem, das menschliche Gehirn hat nicht umsonst im evolutionären Intelligenz-Wettrennen seine Verfolger aus dem Tierreich meilenweit abgehängt. Sich von der eigenen geistigen Leistungsfähigkeit in die Soziopathie treiben zu lassen, da die Masse so „dumm“ sei, ist eine Lebenseinstellung, die man spätestens mit dem Ende der Pubertät abstreifen sollte. Zwischen unseren Ohren ist eine mächtige Waffe gebettet, die bei sorgfältiger Anwendung nie auf ein Ziel gerichtet werden muss.

„Die paradiesische Geborgenheit der Sicherung durch ein allmächtiges System unbeirrbarer Instinkte hat unser Geschlecht in den letzten Jahrmillionen seiner Entwicklung allmählich hinter sich gelassen. Eröffnet hat sich uns dafür die neue Dimension bewußten Erkennens, die riskante Möglichkeit, selbst lernen und individuelle Erfahrungen machen zu können. Eine neue Stabilität ist dabei, wie es scheint, noch nicht wieder gewonnen. Im dem augenblicklichen Stande unserer Entwicklung erliegen wir immer wieder allzu leicht der Tendenz, den Problemen unserer zivilisierten Welt, die wir mit unserer Hirnrinde aufgebaut haben, mit Programmen zu begegnen, die in der Steinzeit zweckmäßig gewesen sein mögen.
[…]
Ein Bewußtsein seiner selbst. An Stelle einer Umwelt, deren Eigenschaften die Gesetze des eigenen Verhaltens diktieren, eine „objektivierte“ Welt, deren Gegenstände sich manipulieren lassen. Eine Phantasie, die auch zukünftige Möglichkeiten und die Folgen eigenen Aktionen vorausblickend in den Kalkül einbezieht. Eine Freiheit des Verhaltens, die so weit geht, daß der Handelnde sogar den angeborenen Programmen seiner Instinkte widerstehen und ihnen zuwiderhandeln kann, wenn sittliche Norm und moralische Verantwortung als neue Maßstäbe es ihm geboten erscheinen lassen. Das sind Dimensionen einer Wirklichkeit, die es bisher nicht gab. Mit der menschlichen Großhirnrinde hat das Leben auf der Erde eine neue Stufe der Entwicklung erreicht.“
(Ditfurth)

Ob das die Sinnfrage beantwortet, die sich viele Menschen stellen? Vielleicht hilft es, zu verstehen, wie diese Frage überhaupt zustande kommt.

Im Anschluss an die epochalste „Geschichte“ (wie er seine Nacherzählung selbst nennt), die wohl je aufgearbeitet wurde, versucht sich Ditfurth an einer philosophischen Betrachtung des bisherigen Evolutionsverlaufs. Laut ihm ist menschlicher Geist mittlerweile zu drei Ebenen fähig. Die erste Ebene ist das ICH, der eigene Kosmos, Hunger, Durst, Triebe, und wird von jedem Lebewesen erlebt. Die zweite Ebene ist die Bedeutung, mit der man das ICH und seine Umgebung füllt. Emotionen, Verliebtsein, Appetit auf spezielle Nahrungsmittel oder Geschlechtspartner, maßloser Ärger über Hundehaufen auf dem Gehweg. Jedoch führt die dritte Ebene kleine Alltagsunannehmlichkeiten mühelos ad absurdum. Es handelt sich um Bewusstsein.

Das ist wohl die Quintessenz des Buches. Calm down! Natürlich ist es subjektiv betrachtet abscheulich, dass ein großer Teil der Menschheit munter an dem Ast sägt, auf dem er es sich gemütlich gemacht hat, während ein kleiner Teil mit dem Flicken und Verarzten kaum nachkommt. Doch wer seine eigene Lebenserwartung (Rund 100 Jahre, toi toi toi) mit der Zeit vergleicht, die seit dem Urknall vergangen ist (Rund 14 Milliarden Jahre), darf sich zu Recht wie der berühmte Krümel vorkommen, der es zufällig in eine gigantische Hochzeitstorte geschafft hat. Zwangsläufig verspeist werden, bzw. irgendwann wieder abzutreten, muss jedoch nicht bedeuten, den Wert der eigenen Existenz verbissen zu verteidigen. Er besteht objektiv betrachtet nämlich nicht. Der Umwelt ist schnuppe, ob wir sie bevölkern. Wir passen uns ihr an, nicht andersherum. Das seit einigen Dekaden erwachte „grüne Bewusstsein“ bzw. die spürbar aufkeimende Angst vor einem drohenden Faunenschnitt zeigen auf, dass dies lange Zeit lediglich ignoriert wurde. Wer den ihm zugewiesenen Femtometer im Zeitstrahl des Universums in seiner konkreten Bedeutung reflektiert, dessen Schultern könnten eventuell von einem eklatanten Druckabfall berichten. So wichtig sind wir nicht. Oder doch, Hoimar?

„Die naturwissenschaftliche, biologische Betrachtung des von uns Heutigen verkörperten Entwicklungsstandes unseres Geschlechts bestätigt die Diagnose des großen Philosophen [„Nicht mehr Tier und noch nicht Engel“ – Blaise Pascal]. Sie erinnert uns erneut daran, daß wir ganz sicher nicht das Ende, geschweige denn das Ziel der Entwicklung sind, sondern die Zeitgenossen eines Übergangsstadiums, denen, ob wir das nun wollen oder nicht, die Verantwortung auferlegt worden ist, den Weg für die Fortsetzung der Geschichte nicht zu verschütten.“ (Ditfurth)

Beim eigenen Wert bewusst tief zu stapeln, ist nicht lebensverneinend, sondern intelligent und aufmerksam. Und je spitzer die Ohren, desto stumpfer das, was hineindringt. Die Freude am medialen Bloßstellen, besonders im Internet, kreischt unüberhörbar: Menschen lieben es, sich gegenseitig der Dummheit zu bezichtigen. Richtig gedacht: In diesem Verhalten schlummert ebenfalls ein Denkfehler.

„Kein Gehirn hat auch nur die geringste Chance, auf irgendeine Weise feststellen zu können, ob ein Nervenimpuls, der eines seiner Zentren erreicht, aus einer natürlichen oder einer anderen Quelle stammt. […] Denn auch das, was wir „die Wirklichkeit“ nennen, existiert in unserem Gehirn ebenfalls nur in der Form eines – allerdings unvorstellbar komplizierten – Musters elektrischer Impulse.“ (Ditfurth)

Nun denn. Ditfurths Thesen waren und sind, wie die aller großen Denker, umstritten. Doch theologischer Kritik, Wissenschaft zerrede „das Wunder der Natur“, steht sein Lebenswerk als Antithese gegenüber. Es sagt uns, auch nach 40 Jahren, mit sicherer Stimme: Wer sich bewusst einer anthropozentrischen Lebensbetrachtung entzieht, sich also nicht mehr in den Mittelpunkt des galaktischen Historie stellt, wird die Mundwinkel öfter anheben, versprochen.

Sollte die soziale Kälte zukünftig noch unbarmherziger klirren, kann man sie ja mit einem schmucken Rauschebart ummanteln.

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