Für A.

Manchmal hat man großes Pech. Man erlebt einen geselligen Abend, unter schwirrenden Kronkorken führt man schöne Unterhaltungen und die Mienen strotzen vor Glückseligkeit. Doch dann tritt einer von ihnen dazu. Einer von denen, die das Reden lieben und das Zuhören verachten. Einer von denen, die sich nach dem Aufstehen jede Pore mit Pathos einschmieren. Einer von denen, die sich zum Klang der eigenen Stimme in den Schritt fassen.

Es gibt ein simples Indiz, anhand dessen man diesen Menschenschlag identifizieren kann. Er stellt keine Fragen. Stattdessen spricht er und spricht und spricht und spricht und spricht und spricht und spricht und ständig ploppt ihm auf Hochglanz polierte Retorte aus dem Mund, eklektizistisch ist das, besonders in Zeiten des digitalen Wandels, wir brechen das Tabu der Toga, momentan bin ich wirklich angetan vom Impressionismus und wie war das noch mit dem kategorischen Imperativ…Komm, den kennt jeder! Meiner Meinung nach ist Realität als solche sowieso ein sehr wackliges Konstrukt. Dann eben drei, drei, drei, bei Issos Keilerei, hohoho! Ach ja, die alten Griechen. Die hatten was auf dem Kubus.
Doch es gibt ja noch Rowling, Brahms, Da Vinci, der Picasso soll sogar mit Chopin, Potter, Holmes und Gershwin rumgehangen haben. Und der Goethe, na der alte Goethe, der ist ja soooo 1918.
Jeanne d’Arc, das war noch eine Frau, die hatte Charakter, hatte Biss, obwohl die Mundhygiene in diesem Zeitalter zu wünschen übrig ließ. Hitler, ganz schwieriges Thema. Ich verrate dir jetzt etwas, Beethoven und Ikarus und Zeus und Allah und Buddha und Jesus und Saturn und Uranus und Pluto könnten sich von dem Kerl mal eine Scheibe abschneiden, was der in seinen Bildern doch für eine Fingerfertigkeit, das glaubt man gar nicht, also das mit der Kunstakademie, ihr wisst schon, wer weiß das denn nicht, abgelehnt wurde er und dann wäre vielleicht alles ganz anders…Aristoteles und Napoleon, den hätte ich einen Staubsauger abgekauft, die konnten reden, das waren keine Geißeln, die am Rande der Subversion dahinvegetieren. Und mit Caesar und Nero und Hades und Ying und Yang und Brahm und Siddhartha und den Mythen und Fabeln und Disney und Märchen und den Gebrüder Grimm und allen, allen anderen verhält es sich gleich…Versteht sich von selbst…Ach, tut es nicht?
(Ups, doch eine Frage gestellt. Schnell weiter im Text. Nun folgt der einzige Satz, den A. wirklich wortwörtlich gesagt hat. Es ist der Abstoßendste.)
Irgendwann wirst du das verstehen.

Gott, ich liebe Intellekt. Aber dann bitte als sorgsam behütetes Ass im Ärmel, als Schatz an Erfahrung, als eigene Hirn-Minibar, an der man sich bedienen kann. Alkohol lockert die Zunge, kein Problem. Doch bitte unterlasst das Plündern. Besaufen an der eigenen Intelligenz wirkt nicht, schon gar nicht vor anderen. Teilt, seid spendabel und aufmerksam, prahlt nicht, und stellt verdammt nochmal Fragen! Sonst hört man nichts außer schwadronierenden, fetten Stubenfliegen, die summen und summen und summen und summen und summen und summen und summen.

Ein Gedanke zu “Für A.

  1. “Frevler, halte ein, denn Airen meldet sich zu Wort!”

    “Hitler, ganz schwieriges Thema. Ich verrate dir jetzt etwas, Beethoven und Ikarus und Zeus und Allah und Buddha und Jesus und Saturn und Uranus und Pluto könnten sich von dem Kerl mal eine Scheibe abschneiden, was der in seinen Bildern doch für eine Fingerfertigkeit, das glaubt man gar nicht, also das mit der Kunstakademie, ihr wisst schon, wer weiß das denn nicht, abgelehnt wurde er und dann wäre vielleicht alles ganz anders…”

    – was aufstößt wie ein Lebewu(rs)tzwiebelbierbrotsahnekotrülps ist nicht die Tatsache, dass (…) – nein, weit gefehlt… post(pub)modernitärtierend verzerrtes Bild! , hegemannscher Schwefelgeruch dünstet aus jeder Pore empor und tapeziert brüsk, langatmig, nachhaltig, gar perfide… die Schleimhäute der Nasenscheidewände eines jeden kleinen Oscars in Kinderschuhen.

    “Applaus Herr Pape – touche.

    Der Fedehandschuh ward milde lächelnd geworfen, in anzusehen, überhaupt der eigenen Wahrnehmung angedeihen zu lassen, liegt nicht in der Natur des gewissenhaften Schülers.”

    Ein (richtig angeführtes oder doch falsch oder richtig-es?)
    …zwei…ein…ein, ein PlagiZitat, jedenfalls:

    “St. Martin nannte es einst larmoyantes Lametta = „halluzinatorische Entladung eines traumatisierten Bewusstseins sowie die gleichzeitige Parodie davon“ Ursula März: Zeit. Stand Dezember 2011: http://www.perlentaucher.de/buch/helene-hegemann/axolotl-roadkill.html /abgerufen am 19.02. 2014)

    …wikipedia über Lametta:

    “http://de.wikipedia.org/wiki/Lametta”

    “Anfang Februar 2010 schrieb der Blogger Deef Pirmasens, Hegemanns Debütroman Axolotl Roadkill weise in einigen Passagen starke Ähnlichkeiten mit dem 2009 im SuKuLTuR-Verlag veröffentlichten Roman Strobo des Berliner Bloggers Airen auf.[11] Helene Hegemann gab nach der Enthüllung zu, für ihren Roman Textpassagen von Airen kopiert zu haben.[12] Aus „Egoismus und Gedankenlosigkeit“ habe sie versäumt, sich mit Airen in Verbindung zu setzen.[13][14] Hegemann gab dabei zunächst an, den Roman selbst nicht zu kennen, sondern die Passagen aus Airens weitgehend textidentischem Blog übernommen zu haben. Kurz darauf wurde jedoch bekannt, dass im August 2009 Airens Buch über den Amazon-Account ihres Vaters bestellt worden war.[15] In der Danksagung der zweiten Auflage von Axolotl Roadkill, die bereits vor der Kontroverse gedruckt wurde, ist zwar auch Airens Name aufgelistet, die umstrittenen Passagen sind jedoch weder als Zitate gekennzeichnet, noch wurde auch für diese Auflage im Vorfeld eine Genehmigung von diesem Autoren eingeholt oder der Autor kontaktiert.[11]

    Darüber hinaus soll Hegemann für einen Brieftext am Ende des Romans eine fast wörtliche Übersetzung vom Text des Songs „Fuck You“ der Band Archive verwendet haben, ebenfalls ohne Quellenangabe.[16]

    Schließlich tauchte scheinbar ein weiterer Fall eines Plagiats auf: Regisseur Benjamin Teske entdeckte „frappierende Ähnlichkeiten“ zwischen seinem Kurzfilm „Try a Little Tenderness“ und einer in Vice abgedruckten Kurzgeschichte Hegemanns. Diese Geschichte war allerdings als Hommage an diesen Kurzfilm und seinen Regisseur gedacht. Hegemann hatte die Vice-Redaktion aufgefordert, ihrem Text eine Widmung an Teske voranzustellen. Die Redaktion räumte bedauernd ein, diese Widmung nicht abgedruckt zu haben.[17]

    Der Ullstein Verlag äußerte sich in einer Pressemitteilung folgendermaßen: „Quellen müssen genannt und ihre Verwendung muss vom Urheber genehmigt werden. Wir haben uns bereits an den SuKuLTuR Verlag gewandt, um diese Genehmigung nachträglich zu erlangen.“[18] Hegemann sagte, es müsse auch anerkannt werden, „dass der Entstehungsprozess mit diesem Jahrzehnt und den Vorgehensweisen dieses Jahrzehnts zu tun hat, also mit der Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation.“[19] Gegen diese Rechtfertigung setzte sich der SuKuLTuR Verlag in einer Presseerklärung zur Wehr: „Natürlich muss Helene Hegemann nicht Heroin nehmen, um über das Heroinnehmen zu schreiben. Wenn man einen Roman über das Mittelalter schreibt, muss man auch nicht ins Mittelalter reisen. Aber man darf nicht einfach aus anderen Mittelalterromanen abschreiben. Und dabei spielt es auch keine Rolle, ob man aus einem Blog oder einem Buch oder von einer CD-Hülle abgeschrieben hat. Wir nennen das ‘sich mit fremden Federn schmücken’. Die Federn gehören dem Schriftsteller Airen.“[20]

    Durch ihren Rechtfertigungsversuch provozierte Helene Hegemann in der Plagiatsdiskussion auch Kommentare zur Frage der Intertextualität[21] und des Urheberrechts. Laut Arno Orzessek müsse das von Hegemann reklamierte Recht zum Kopieren in Zeiten, „in denen Aufmerksamkeit gleich Geld ist, schnöderweise vor ordentlichen Gerichten erstritten werden, die sich auch sonst mit Eigentumsfragen befassen. Per Roman-Veröffentlichung und flotten Sprüchen“ lasse sich das nicht erledigen; Hegemann tue „nicht gut daran, einen vorläufigen Verlierer des Literaturbetriebs wie Strobo-Autor Airen für dessen Hilfeleistung auch noch durch avantgardistische Rechtfertigungsfiguren zu verspotten.“[22] Auch Bernd Graff sieht einen Unterschied zwischen Hegemanns Verfahren und gewöhnlicher intertextueller Arbeitsweise: „Plagiate im Kunstbetrieb können nur dann beanspruchen, eigenständige Kunst zu sein, wenn sie ausdrücklich als Plagiate veröffentlicht und auch als solche vorgelegt werden“, damit jeder Rezipient prüfen könne, wie kreativ, souverän und reflektiert das Material genutzt wurde.[23] Der Literaturwissenschaftler Philipp Theisohn betont, dass der bewusste Einsatz von Fremdtexten über die Frage entscheide, ob eine Anleihe eine souveräne künstlerische Leistung oder nur ein Plagiat sei. In Hegemanns Fall „wurde ohne irgendwelche poetologischen Hintergedanken ein wenig Fremdtext kopiert. Kein Intertext, keine Materialästhetik – Plagiat.“[24]

    Dagegen betrachtet der Literaturwissenschaftler Jürgen Graf in der ZEIT Axolotl Roadkill als ein kunstvolles „literarisches Spiel“, das mit „einer ironisch-distanzierten Erzählstimme“ die Authentizität seiner eigenen Feststellungen unterlaufe. „Helene Hegemann macht also an keiner Stelle ihres Romans einen Hehl daraus, dass ihr Text auf Fremdtexte zurückgreift. Sie zeigt offen, dass sie im Sinne einer Montageästhetik aus fremden Texten kopiert […] Bei den Großen der Literatur gilt das verschleierte Zitat als Kunst, warum also ist es ausgerechnet bei Helene Hegemann ein Plagiat?“

    – “was meint ihr?”

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