Hitler gut? Hitler bös!

Apokalyptisch anmutendes Blau und Orange fällt auf den ausverkauften Saal. Andächtig lauscht das Publikum dem quäkenden Etwas, das auf der Bühne umherhetzt. Mirja Boes. Ihr Shirt ist kackbraun, die Wölbung ihrer Brüste ist mit dem Schriftzug “Glied! hihihi” verziert. Auf ihre aschfarbene Jeans hat jemand rosane “Hello Kitty”-Katzenköpfe gestickt. Wie der eingesperrte Tiger wandert sie von links nach rechts, von rechts nach links, durch ein Bühnenbild, das wahrscheinlich komplett einem Toys’R’us entstammt. Rosa, inhaltslos, süß, süß, süß.

Mirja Boes ist das Sinnbild von Deutschland. Diese Frau vereint alles, was an diesem Land scheiße ist. Kann die mittlerweile 42-Jährige überhaupt genug verdienen, dass sich das Zurschaustellen ihrer geistigen Selbstdemontage auszahlt? Wieso muss eine Erwachsene eine Achtjährige karikieren? Und was sind das für Menschen, die ins Theater gehen, um eine Erwachsene zu bejubeln, die eine Achtjährige karikiert? Warum ist dieser Saal VOLL?!

Lachen ist so toll. Aber warum sollte man es tun, wenn es keinen Grund dafür gibt? Mirja Boes liefert keinerlei Anreize, die Lachmuskulatur in Gang zu setzen. Sie schwadroniert von Autos, vom Reißverschlussverfahren (wobei sie einen Reißverschluß-Wortwitz plärrt und sich im Schritt rumfummelt, einen Reißverschluss gibt es schließlich auch an einer Jeans, harharhar) und ihr Publikum lacht, weil es meint, nun sei der richtige Zeitpunkt. Ach, Mirja. Ich werde nun den Programmteil ab Minute 3:43 analysieren (Anal! hihihi), um ihr die Narrenkappe aufzusetzen, die sie sich redlich verdient hat.

Boes: “Gibt es Kennzeichen, die ihr beim Autofahren blöd findet? Gibt es Städte, die ihr blöd findet?”
(Publikum ruft zögerlich Städtenamen)
“Komm, lasst die ganze Wut jetzt fließen! Komm, raus damit!”
(Jemand ruft “Holland”)
“Holland? Gut, da ist scheißegal welche Stadt, die finden wir alle blöd.”

Hätte ich zuviel Zeit im Internet verbracht, würde ich das Geschehene mit einem “lol” kommentieren. lol. Fleißig klaubt das menschgewordene Hello-Kitty-Maskottchen negative Energie auf, bis es einen schönen Batzen angesammelt hat und leitet ihn dann beiläufig auf Holland über. Das hat etwas von einem Schulhofszenario, in dem ein schmächtiger Junge beiläufig eine Faust auf die Brille bekommt, obwohl er doch gar nichts getan hat.

Boes: “Ist die Wut jetzt…”
(Jemand ruft “Viersen”)
“Viersen auch, alle, komm, Sack drauf, mim Knüppel, jaaa! Ist die Wut draußen jetzt, seid ihr jetzt, ist es gut? Oder wollt ihr noch was la..rauslassen? Wollt ihr noch was brüllen?”

Was für eine gekonnte Seelenfängerin, sie kann gar nicht genug kriegen! Ja, Mirja, sammel das aggressive Potential, du wirst es für deinen nächsten Gag brauchen. Von Städten und Nationen geht die Siegerin diverser Unterkategorien des Deutschen Comedypreis 2007, 2008 und 2009 nämlich über zu “alten Männern mit Hut”, die angeblich “beschissensten Autofahrer”.

Boes: “Ich finde, alte Männer mit Hut sind wie Eckenschleicher, ja? Die sitzen dann in ihrem Audi 80, mit Hut und fahren mit exakt 30/kmh durch die Stadt.”
(Boes eifert Jim Carrey nach und arbeitet mit Mimik)
“Und irgendwann merken die: ‘Ohhh, in zwei Kilometaa möchte ich ja eventuell rechts abbiegen. Ich glaub, ich brems schonmal. Auf drei kmh.'”
(Großes Gelächter aus dem Publikum)
“Und wenn die alten Männer mit Hut und hautfarbenem Audi 80 dann nach gefühlten dreieinhalb Jahren in der KACK RECHTSKURVE ANGEKOMMEN SIND…machen die Motor ganz aus. Weil die ja glauben, dass sie von der Rotation der Erdkugel um die ECKE GETRAGEN WERDEN! WAROOOOUUUM? “
(Kunstpause)
“Manchmal hätte ich gerne eine Pistole.”

Spätestens jetzt hoffe ich, dass der überdimensionale Deko-Gummikaktus Mirja Boes überraschend eins von hinten überzieht. Da sind wir also angelangt. Brüllt euren Hass heraus, zack rauf mim Knüppel und ‘ne Pistole wäre auch nicht fehl am Platz. Allmählich fühlt man sich, als folge man der Sportpalastrede des 21. Jahrhunderts, inszeniert von Kitty Riefenstahl. Doch Boes wäre nicht bös, wenn sie nicht noch ein Ass im ärmellosen Shirt verbergen würde.

Boes: “Jetzt kricht man nicht so leicht ‘ne Knarre, was auch gut so ist. Ich habe aber was besorgt mir, äh, was ich ganz, was ich euch ganz doll ans Herz leg. Kauft euch sowas mal, das macht ganz dollen Spaß. Ich habe das Maschinengewehr des kleinen Mannes für den Straßenverkehr, ja?”
(Boes zieht ein Megafon aus der rosaschleimigen Kulisse)
“Das ist richtig gut, ja? Ihr müsst mal bitte mit so einem Gerät müsst ihr mal nachts durch die Stadt fahren, ja? Ohne Licht!”
(Meckerndes Lachen im Publikum. Boes guckt misstrauisch und fragt:)
“Sind hier Bullen? Streifenhörnchen?”

Astreiner Hooligan-Jargong. Ich kann mir nicht helfen, ich muss an die NSU-Morde denken, an Polizeibeamte, die erstmal den ermordeten türkischen Blumenhändler auf Kontakte zur Drogenszene untersuchen, bevor sie sich für den nazionalsozialistischen Untergrund interessieren. Weil ihre Köpfe voller Schranken, Vorurteilen und Ressentiments sind.

Irgendwo muss Schwarz-Weiß-Denken produziert und reproduziert werden. Und oftmals grassiert es zur besten Sendezeit auf den Privaten. Rassismus und all seine Unterformen sind ganz banal betrachtet Probleme, die ständig in Erscheinung treten, wenn Menschen unterschiedlicher Nation, Hautfarbe, oder Kulturen aufeinandertreffen (was bei lediglich einer Erdkugel zwangsläufig passiert). Das, was anders als man selbst ist, erzeugt zuerst mal Angst (Shoutout an alle Spinnen dieser Welt, die sicherlich niemanden zum Kreischen bringen wollen).

Bis sich Menschen wirklich eine Pistole besorgen und Selbstjustiz üben, muss sich viel Zorn und Hass aufstauen. Alltagsrassismus ist selten hasserfüllt, meistens entstehen die Witzeleien eher aus Unsicherheit gegenüber dem Fremden. Dennoch werde ich nicht vergessen, wie mir mein türkischstämmiger Jugendfreund Onur einmal beichtete, dass ihn die täglichen “Na, heute schon Döner gegessen”-Kalauer, mit denen er, trotz seiner Beliebtheit, oft getriezt wurde, insgeheim sehr verletzten.

Auf die Gefahr hin, verklagt zu werden: Nein, Mirja Boes ist für mich nicht die Reinkarnation von Adolf Hitler. Ich weiß sogar, dass sie mal mit Kaya Yanar liiert war, womit ich mein Gedächtnis lieber nicht belasten würde. Die Frau, die laut RTL-Biographie zu den “besten Comedians Deutschlands” gehört, stellt lediglich ein perfektes Beispiel dar, wie sich Denkverweigerung lancieren lässt. Und diese wird auch noch als Grund zum Lachen getarnt, das ist das Schlimmste. Natürlich: Humor ist subjektiv. Der eine hahahat eben, der andere rümpft die Nase und bleibt stumm. Das kann man niemandem verbieten.

Ich jedenfalls kann bei Mirja Boes nicht lachen, noch nicht mal über sie. Stattdessen interessiert mich: Wo ist das für Komik unerlässliche Gefühl für Timing, wo sind Sprachverliebtheit, spürbares Interesse an Menschen und Kulturen, warum fehlt das alles? Ach Mirja. Um mich mit dem Zitat eines urdeutschen Idols aus der Affäre zu ziehen:
“Sei mir net böööös!”

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