Goodbye Susan Sideropoulos

Unter meinen Fersen knackt es bedrohlich leise. Ich senke den Blick und sehe dutzende Karpfen unter der milchigen Eisdecke umherschnellen. Ständig sperrt einer den Mund auf und grient dämlich. Keine Ahnung, wie die die Kälte aushalten. Im Biologieunterricht nicht aufgepasst.

In der Nähe liegt ein Flughafen. Aus der Entfernung sehe ich die zur Landung ansetzenden Metallvögel auf mich zukommen. Sie ziehen Kondensstreifen hinter sich her, ejakulieren den Himmel mit kritzligen Nikolaushäusern voll. In kurzen Minutenabständen rauschen sie über mich hinweg. Ich starre ihnen auf die verwitterten Bäuche, wie den Rochen im Aquarium von Barcelona.

Rechts von mir dröhnt ein penetrantes Rauschen, die Autobahn. Ich muss an „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf denken, der tote Herrndorf, der den Lada fünffach überschlagen ließ und seinen Insassen kaum einen Kratzer zufügte.

Ich kann mich nicht in ein Buch flüchten. Wo könnte ich es aufbewahren? Ich stehe hier, wie einst in den Kreißsaal getropft, mit üppigen Schamhaaren und der Narbe, die sich über meine linke Hüfte zieht. Herrisch zerre ich an meinen Füßen, doch sie weigern sich, das Eis zu verlassen. Fickt euch, Füße. Die Zehen sind ohnehin sturzbesoffen. Blaublaublau. Gänsekörper.

Die Kälte macht keinen Halt vor meiner Scham. Ungeniert schmiegt sich das kleine Luder an meine Gliedmaßen, ummantelt mich und spendet doch keine Wärme. In mir spüre ich meine Organe rebellieren. Lange machen die das nicht mehr mit. Es braucht wohl ein Wunder.

Jemand zieht den Reißverschluss des Nimbostratus auf. Zaghaft tastet sich ein gelbes Licht durch die Wolle, Meter für Meter schält es sich aus seinem Gefängnis und taucht den See in grelles Licht. Meine Nasenspitze fängt Feuer.  Mein Torso funkelt golden, ich blicke ihn ungläubig an und lache mich halbtot über die monströse Christbaumkugel, die unter meinem Hals prangt.

Ich bin butterweich, will meine Füße endlich von der Eisdecke lösen, zur Autobahn staksen und den Daumen Richtung Zuhause ausstrecken. Doch ich bewege mich nicht von der Stelle. Ich stecke fest. Jetzt erst recht. Scheiße, fühlt sich das geil an. Ich glühe wie das Fegefeuer, irgendjemand schüttet beständig Kerosin in mich. Flughafen im Bauch.

An den Fersen spüre ich Nässe. Erst ein Wassertropfen, dann sind es zwei, dann drei. Wie die Zahlenkolonnen eben angeordnet sind. Das schüchterne Knacken, das die Szenerie untermalt hat, ist plötzlich unerhört laut, brüllt mir ins Ohr und…ich kann mich bewegen! Flucht, meine Füße rutschen haltlos umher. Fall nicht über das Tigerfell, dämlicher Sitcom-Lacher, hohoho. Natürlich falle ich, natürlich bricht das Eis und ich versinke in klirrendem Blau, das mir das Hirn aus den Gehörgängen presst. Ein Karpfen schwimmt an meinem Schädel vorbei, betrachtet meinen verdutzten Gesichtsausdruck und grinst gehässig.

 

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