Der Scheißtitel trügt (Harald Welzer – “Selbst denken”)

Ach, Harald. Hätte es nicht ein gewitzterer Titel sein dürfen?
Das war wohl meine erste Reaktion als mir das Buch „Selbst denken – Eine Anleitung zum Widerstand“ des Sozialpsychologen Harald Welzer empfohlen wurde. Ich bezweifelte, ob jemand, der mir unterstellt, ich würde nicht selbst denken, etwas zu sagen hat, das mich zum Denken anregt.

Schließlich bin ich nicht umsonst Mitglied der Generationen Lohas, Y und Ritalin. Bereits unsere Nabelschnüre hatten Internetzugang. Während wir Babybrei löffelten, spielten wir Dr. Kawashimas Gehirn-Jogging und als die ersten Schamhaare sprossen, erklärten Volker Pispers und Serdar Somuncu auf Youtube: Der kapitalistische Kokon ist nicht so gemütlich, wie die oberste Mutti uns weismachen will.

Konsum und Bildung schön und gut; wenn es keine Welt mehr gibt, in der man konsumieren kann, verflüchtigt sich dieser Luxus in Windeseile. Der Klimawandel rauscht seit Jahrzehnten durch die Gazetten. Unsere Ohren klingeln von Begriffen und Jahreszahlen, die im Minutentakt auf sich aufmerksam  machen. Club of Rome, Kyoto-Protokoll, Kopenhagen, Warschau, G8, G-Irgendwas und sonst wo.  Wann ist es denn nun so weit, wann die letzte Ressource aus der Erde geschabt, wann zappelt der letzte Thunfisch in einem gigantischen Fangnetz, wann hat der quadrillionste Zuchtbulle uns in den Untergang gefurzt?

„Das Ende dieser Geschichte ist nicht mehr offen, seit wir wissen, dass sie an dem schlichten Sachverhalten scheitert, dass es keinen Raum für weitere Expansionen mehr gibt. Nun hat die Geschichte keine Aussicht mehr auf ein Happy End, und seit man das weiß, ist sie auch nicht mehr spannend, sondern hat etwas unangenehm Zwanghaftes bekommen. Sie wirkt nur noch wie eine fixe Idee.“ (Welzer)

Natürlich haben wir längst erkannt, dass täglich über den Äther gesendetes „Wachstum, Wachstum, Wachstum“ nicht das Allheilmittel ist, als das es verkauft wird. Fast möchte man meinen, seine Verfechter bekämen eine Prämie für jedes Mal, wenn sie das Menetekel abdrucken lassen. Es ist unserer Kultur eingeimpft, dieses Wachsen, immer höher hinaus soll es gehen, bis unsere Nasenspitzen die käsig riechende Oberfläche des Mondes kitzeln.

Wir sind also gewarnt, die Menschheit wird untergehen. Mit nur wenigen Google-Klicks stehen wir inmitten brasilianischer Favelas, betrachten ölverschmierte Pelikane und lassen schmelzende Eisschollen auf unsere Smartphonedisplays tropfen. Doch selbstverständlich sind wir nicht so blöde und bandeln zu euphorisch mit dem linken Spektrum an. Wer sich ganz und gar einer politischen Lehre verschreibt, die zur selben Massenvernichtungsmaschine wie der Nationalsozialismus wurde, ruft bei uns eher Unbehagen hervor. Also von wegen, wir denken nicht selbst!

„Nach jedem 1. Mai, an dem ich Steine auf die Schweine warf
Kam ein 2. Mai – geil, Kindergeld vom Schweinestaat“
, kreischte mir letztens der Berliner Rapper grim104 ins Trommelfell. All die zahlreichen Versuche moderner Dichter und Denker, das Lebensgefühl unserer Generation in Worte zu fassen, können nun zu den Akten gelegt werden. Vielleicht hat es so lange gebraucht, diese zwei Sätze zu formulieren, weil Suchen so zeitaufwendig ist. Zwischen sperrangelweit geöffneten Türen, Wirtschaftssystemen, mordenden Diktatoren, mordenden Demokraten und schwadronierenden Volksvertretern lässt sich weder Glaube finden, noch die Zeit, nachzudenken, wem man denn Glauben schenken sollte. Vielen, auch dem Autor dieses Textes, bleibt lediglich das tägliche Stelldichein mit dem Nihilismus, um nicht an diesem Gefühl zugrunde zugehen. Genau daran zerbricht das wackelige Gedankenkonstrukt des Selbstdenkens. Alles zu viel. An diesem Punkt nimmt Harald Welzer uns an die Hand. Wie nett.

 „Die Selbstaufklärung muss sich gegen eine mediale Benutzeroberfläche durchsetzen, die so dicht gewoben ist wie nie zuvor – was bedeutet, dass es noch nie so leicht war, sich mit Wissen zu versorgen, wie heute, und noch nie so schwer, sich in der scheinbaren Unterschiedslosigkeit unendlich verfügbarer Informationen zurechtzufinden. Aufklärung bedeutet heute: Gewinnung von Unterscheidungsvermögen.“ (Welzer)

Es braucht einiges an Mut, sich einzugestehen, dass man Teil des Systems ist, das man kritisiert. Und es braucht Virtuosen auf dem Feld der Psychologie, die über dieses Dilemma hinweghelfen. Welzer wohnt eine grandiose Lässigkeit inne, wenn er die Widersprüche menschlichen Verhaltens analysiert und erläutert. Rauchende Ärzte. Klimaschützer, die von Tagung zu Tagung jetten und Nachhaltigkeit predigen. Der hanebüchene Handel mit Emissionszertifikaten. Wirkt all das in logischer Betrachtung nicht vollkommen unverständlich? Nach der Lektüre dieses Buches nicht mehr. Fehler begehen ist menschlich.

„Die Zukunft wird nur auf einem Weg zu erreichen sein, der selbst durch Irr- und Abwege, unpassierbare Stellen, gute Passagen, Steigungen und Gefälle, kurz: durch alles andere als Gradlinigkeit gekennzeichnet ist.“ – „Nie, indem diejenigen, die Teil des Falschen sind, anderen mitteilen, was jetzt gut zu tun wäre.“ (Welzer)

Eine kurze Zusammenfassung: Der westlich geprägte Mensch trägt stolz sein Umweltbewusstsein und sein Mitleid für hungernde afrikanische Kinder zur Schau, vor Heiligabend wird schnell noch die Spende Richtung Philippinen überwiesen. Dann raschelt das Geschenkpapier, Bescherung! Er genießt die Freude in den Gesichtern seiner Kinder, senkt demütig das Haupt und betet brav zu seiner Konsumreligion, die ein Raubbau-System stützt, das den nachfolgenderen Generationen das Fundament unter den Füßen verätzt.
Obwohl Welzer diesen Status Quo genüsslich seziert, ist „Selbst denken“ keine stumpfe Kapitalismuskritik.

„Man muss an dieser Stelle auch noch mal daran erinnern, dass die industrielle Revolution nicht nur Wohlstand und Konsummöglichkeiten mit sich gebracht hat, sondern mit der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaften eben auch Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Sozialversorgung, Gesundheitsversorgung, Recht auf Bildung.“ (Welzer)

Erst kommt das Fressen, dann die Moral“, sagte Bertold Brecht und hatte damit zweifelsfrei recht. Es ist nicht verwerflich, sich zuerst um das eigene Wohl zu kümmern, bevor die Gedanken zu den vielen Mägen abschweifen, die sonst noch gefüllt werden müssen. Mal wieder: Das ist nur menschlich. Aber könnten wir nicht den Versuch wagen und einen Blick in unsere frisch gekauften Kühlschränke werfen? Sie sind so prall gefüllt, dass wir unsere Moral im Keller zwischenlagern müssen.

„Weil es […]um und gegen etwas geht. Um die Bewahrung des zivilisatorischen Standards, den der Aufstieg des Kapitalismus ermöglicht und geschaffen hat, und gegen die Zerstörung, die er nun praktiziert, da Extraktivismus und Vermüllung die Traglast der Erde radikal überschreiten.“ (Welzer)

Achtung, jetzt wird’s happig: Dieses Ziel lässt sich nur mittels einer Reduzierung des eigenen Wohlstands und Dauerkonsumierens erreichen. Puh, ganz schön logisch. Macht aber sowieso niemand. Wie würde das denn auch aussehen?

„Natürlich hat gegenwärtig niemand eine Antwort darauf, wie eine postkapitalistische Wirtschaft aussehen und funktionieren würde, aber das ist kein Argument gegen den Befund, dass man mit dem Kapitalismus nicht durch das 21. Jahrhundert kommen wird. Oder besser gesagt: dass nur die wenigsten mit dem Kapitalismus durch das 21. Jahrhundert kommen werden. Eine Milliarde Menschen vielleicht. Eher weniger. Die Übrigen wird es das Leben kosten, wenn man ein expansives Wirtschaftsprinzip auf eine Menge von Ressourcen loslässt, die nicht für alle reicht.“ (Welzer)

Der ehemalige Résistance-Kämpfer Stephan Hessel verlangte in seinen Verkaufsschlagern „Empört euch!“ und „Engagiert euch!“ selbiges von den nachfolgenden Generationen. Der jüngst in hohem Alter verstorbene Franzose kritisierte darin aktuelle politische Entwicklungen und übte mit runzliger Hand sanften, aber bestimmten Druck auf den Schultern von Millionen Menschen aus. Da seine Essays jedoch keine exakte Antwort gaben, simpel gefragt: Wofür sollen wir uns engagieren?
Welzers Antwort ist kurz und prosaisch: Wenn man nicht will; für nichts.

„Was geht Sie der Rest der Welt eigentlich an? Keine Lichtgestalt hat am Tag Ihrer Geburt neben Ihrer Wiege gestanden und Ihnen mit hohler Stimme die Mission aufgegeben: „Lars, du bist zu uns gekommen, um die Welt zu retten!“ Warum argumentieren Sie dann, als ob das der Fall wäre? Es genügt völlig, wenn Sie die Verantwortung für Ihr eigenes Handeln übernehmen.“ (Welzer)

Wer bekommt schon gerne gesagt, wie er sich zu verhalten hat? Der „Gutmensch“ ist lediglich zum Schimpfwort mutiert, weil ein bestimmter Menschenschlag alles mit Senf beschmiert. Auch eine grundsätzlich lebensbejahende Organisation wie Peta geilt sich lieber daran auf, Ungerechtigkeit als Amateurhorrorstreifen zu präsentieren.
Doch apokalyptische Untergangsszenarien motivieren nur die Wenigsten zum Umdenken. Die Gedanken sind schließlich frei, das wussten sogar mal Studenten.

„Was wir nach vierzig Jahren Ökobewegung und zwanzig Jahren Postdemokratie ganz sicher nicht mehr brauchen, sind Apelle und Belehrungen. Werte verändern nicht die Praxis, es ist eine veränderte Praxis, die Werte verändert.“ (Welzer)

Es gibt nur einen einzigen Menschen, dem gegenüber es unverzeihlich wäre, seine naturgegebene Intelligenz und seine Bedürfnisse nicht ernst zu nehmen. Das ist man selbst. Dazu muss man bereit sein, Kämpfe auszutragen. Kämpfe gegen ein auf Konsum ausgelegtes Wirtschaftssystem, das uns mit würdeloser Penetranz einhämmert, was angeblich unsere Bedürfnisse sind. Kämpfe gegen sich selbst, den Verlockungen nicht zu erliegen.

 „Der Dissens kostet viel mehr als das Einverständnis, er strengt auch an. Selbstdenken hat Aufforderungscharakter gegen sich selbst. Man kann nicht bequem eigener Meinung sein, es sei denn, sie wäre identisch mit der aller anderen.“  (Welzer)

Harald Welzer hat mit „Selbst Denken“ zwei fundamentale Gedankengänge in mir wachgerüttelt:

Erstens: Man sollte das eigene Zerstörungspotential möglichst gering halten. Denn man kann nicht leben, ohne anderes Leben zu zerstören. Tut mir leid, liebe Anhänger des Jainismus, auch ihr nicht; hutzlige indische Herren, die den Boden vor ihren Füßen fegen, damit sie nicht auf Insekten treten, oder sich Taschentücher vor den Mund halten, um keine Lebewesen einzuatmen.
Auch Taschentuch, Besenborsten, Holzstiel und Leim sind Endergebnisse von Produktionsketten, die Löcher in den Planeten reißen.

Zweitens: Ursache und Lösung jedes Problems liegen im eigenen Denken. Da Geiz bekanntlich geil ist: Wir sollten dankbar sein, dass man lediglich ein wenig Selbstachtung vor der eigenen Intelligenz benötigt, um sich mit Dingen zu befassen, die weh tun. Danach kann man ausloten, wie belastbar man ist, ob man handeln oder verzichten will. Denn:

„Es findet sich kein plausibles Argument dafür, nichts zu tun.“ (Welzer)

Buch kaufen: http://www.fischerverlage.de/buch/selbst_denken/9783100894359
Stiftung von Harald Welzer: http://www.futurzwei.org/

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>