Roman “Oskar” – Leseprobe 3 (Veröffentlichung am 28.02.14)

Was war das denn?! Oskar sitzt am Tisch, an dem er sich eben noch den Magen vollschlagen wollte. Vor ihm steht der Rest seines festlichen Mittagessens, genau sieben Pommes. Daneben ein rückblickender Zeitungsartikel über Günther Guillaume. Er wischt das Knisterpapier beiseite und drückt sich die kalten Kartoffelstängel in den Mund. Mjammjam. Dann Helligkeit im Oberstübchen, ein Geistesblitz. Warum nicht Abschied vom Senior nehmen? Es sind bloß eine halbe Mille Kilometer. Oskar geht zur Garderobe, streift sich seinen Parka über und lässt die Autoschlüssel in eine der vielen Taschen gleiten.

Während er sein Auto den Spurenzickzack tanzen lässt, – links, rechts, links – als Kind waren das die Vorbereitungen zum Straßenüberqueren und nun befährt man sie so – denkt er über sein Ziel nach. Dort wartet ein toter Körper, der vor längerer Zeit einen weiteren Körper erschaffen hat, der nun in einem Auto sitzt und zum Vorgängerkörper fährt, um…ja, wofür? Für einen Klaps auf die kalte Schulter?

Oskar verbringt die Nacht auf einer Raststätte. Der Fahrersitz lässt sich nur bedingt zurückstellen. Es ist unbequem. Als würde er versuchen, es sich auf mehreren Kinositzen gleichzeitig gemütlich zu machen. Bevor er einschläft, hat er acht Lkw-Fahrer pissen gezählt. Die Raststätte ist nur spärlich besucht. Es ist bereits hell, als Oskars Augen zufallen. In diesem Moment hört das Herz seines Vaters auf zu schlagen.

Als Oskar das Haus betritt, ist alles wie erwartet. Er war lange abwesend, verändert hat sich jedoch nicht viel. Ein freiräumiges Gehege, das niemandem mehr nutzt. Keine Insassen mehr. Hinein in das Wohnzimmer! Er betrachtet das Mobiliar: Ein riesiger Flachbildfernseher, einige prallgefüllte Bücherregale, eine alte Holzkommode, ein überquellender Mülleimer, der nun leere Sessel. Einrichtungsgegenstände, die man eben hat und in keinem Mensch-Macht-Es-Sich-Im-Wohnzimmer-gemütlich-Katalog fehlen dürfen. Oskar blickt nachdenklich auf die halbheruntergelassenen Rollladen vor dem Fenster. Leichte Spuren der früheren Attacken sind von ihnen abzulesen, doch sie stehen nach wie vor für Qualität.
Ach ja, da ist der weiße Fransenteppich. Darauf liegt ein Leichnam mit demselben Nachnamen. Sein Schädel ist auf dem Teppich aufgeschlagen, ein dürres Rinnsal von getrocknetem Erbrochenem führt eine Spur in den halbgeöffneten Mund. Er muss vornüber vom Sessel gerutscht sein, denn sein schmaler Körper liegt merkwürdig verrenkt und erinnert an ein heruntergefallenes Elektrogerät. Seine Antennen werden keine Signale mehr empfangen. Papa, du machst Sachen. Oskar hat nicht mal eine Handvoll zwischenmenschlicher Beziehungen und jetzt muss er sich schon wieder einen Finger abhacken! Im Puddinggang bewegt er sich auf seinen Vater zu. Dessen Gesicht ist dem Boden zugewandt. Vielleicht muss er sein Kichern unterdrücken, um gleich aufspringen zu können und Oskar jovial lachend in die Seite zu knuffen? Haben wir den ersten April? Nein. Ein anderes Zwölftel. Die Beine wabbeln immer stärker. Da nur Papas Sessel in der Nähe ist, lässt er sich hineinfallen. So thront er eine Weile wie ein grausamer Monarch, der gerade seine Mordlust an einem Untertanen ausgelassen hat. Ich darf das, steht im Gesetzbuch. Written by me.
Genug. Er fährt auf und schaut sich um. Hier muss doch irgendwo ein Zettel…wenigstens ein Zettelchen! Oskar will wissen, was sein Vater noch loswerden wollte. Was er am Telefon vielleicht nicht sagen konnte. Was er vielleicht nicht aussprechen wollte. Auf Papier ging es bestimmt leichter. Ganz bestimmt hat er etwas geschrieben! Oskar zieht wahllos eine Kommodenschublade nach der anderen auf. Sein so ersehnter Wisch ist nicht darin, doch er macht einen anderen Fund. In den unruhigen Händen hält er einen kleinen dreieckigen Block, auf dem „Unser Dreieck“ in der peniblen Schrift seines Vaters steht. Darunter dessen Name. Vielleicht eine Erinnerungsstütze. Zur Hölle, welche Läden verkaufen dreieckige Blöcke?!
Oskar schlägt die erste Seite auf. Da steht:

Licht. Helle. Hallo. Oskar. Na, wer bist du? Erzählst du es uns? Nein? Noch nicht? Das macht nichts, wir können warten.

Darunter Oskars Geburtsdatum. Hey, richtig poetisch, alter Herr. Rasch zur zweiten Seite, der Rest des Blattes ist weiß geblieben. Was für eine Platzverschwendung!

Oskar, warum schreist du nicht? Zuerst waren wir verwundert, dann erfreut, weil es so vieles einfacher machte als wir befürchteten. Und jetzt machen wir uns Sorgen. Seit einer Woche sind wir zu dritt (das Dreieck) und du hast noch nicht geschrien. Oskar, blase deine Lungenflügel auf und brülle heraus, was dich stört. Gibt es keinen Grund, den Schreireflex auszulösen, oder traust du dich schlichtweg nicht? Bitte, bitte tu es. Sei nicht mehr unerhört. Oskar…

Soso. Weiterblättern.

Endlich hast du geschrien, mein lieber Oskar. Wir sind dir sehr dankbar. Auch, wenn der Anlass eher unglücklicher Natur war. Du saßt auf unserem Teppich und dir war gerade gelungen, deinen Oberkörper aufzurichten. Der Stolz war dir von den Augen abzulesen. Dann trat Mutter, tollpatschig und mit den Gedanken an einem anderen Ort, versehentlich auf deinen noch so zierlichen Fuß. Du bist nach hinten umgekippt und mit dem Kopf auf den Teppich gedotzt. Es war keine Absicht ihrerseits und doch hat man die grenzenlose Verwirrung in deinen grünen Augen gesehen. Das Wesen, von dem du abhängig bist, hatte dir Schmerzen zugefügt.
Dann hast du geschrien. Wie am Spieß! Nachdem du deinen Premierenschrei in die Welt entlassen hast, verzichten wir jedoch liebend gerne auf neuerliche Vorstellungen.

So blättert Oskar seine Kindheit entlang. Im späteren Alter werden die Einträge weniger, sprießt Oskar der erste Bartflaum, reduziert sein Vater die Häufigkeit seiner Kommentare. Anfangs spricht er Oskar direkt an, danach funktioniert er den Dreiecksblock sukzessive zum Tagebuch um.
Dann mehrere Jahre Schreibpause, keine Einträge mehr. Für einen Moment wühlt Oskar den damaligen Vorfall aus dem Gedächtnis heraus, nur um ihn flugs wieder hineinzustopfen. Das macht ihn immer so missmutig, lieber weiterlesen. Irgendwann, es ist nicht lange her, nimmt sein Vater die Arbeit am Tagebuch wieder auf, diesmal mit spürbar nachgelassener Lebensfreude. Als Oskar das Daumenkino der letzten Monate rattern lässt, wird ihm die Einsamkeit des Mannes bewusst. Er ist bei den letzten zwei beschriebenen Seiten angelangt. Suchend nach einer Fortsetzung, blättert er weiter. In dem merkwürdigen Diarium ist noch genug weißes Papier vorhanden. Sein Vater hätte gut und gerne ein paar Monate weiterleben können!
Auf der vorletzten beschriebenen Seite steht:

Hatte heute Telefonat mit Oskar über die Sache.

Welche Sache, steht nicht davor. Er muss es mit sich selbst ausgemacht haben, im geheimen Ort zwischen seinen zwei Ohren. Eine Seite weiter:

Hallo, mein Sohn. Wahrscheinlich wirst du das lesen. Ich habe dir deine Neugier schließlich anerzogen. Ich bin mir meiner Entscheidung bewusst und werde mich nicht mehr anders entschließen. Der Tablettenhaufen liegt bereit und sieht mich verführerisch an. Wie deine Mutter damals, ja ja. Ach, mein lieber Oskar! Diese Welt ist so wunderschön, riesengroß, seltsam, respekteinflößend und doch so simpel strukturiert. Ich schütte oben Bier hinein und unten kommt es heraus. Ich werfe mir Tabletten in den Mund und sie bleiben für immer. Oder verdaut man Tabletten? Geht die Verdauung nach dem Tod weiter? Tote essen ja in der Regel nicht mehr. Vielleicht sollte man die verspätete Henkersmahlzeit einführen, um das mal zu untersuchen. Henkersnachtisch. Gute Idee, nicht? Weitere werde ich nicht mehr produzieren können. Gerede über Verdauung auf meine letzten Minuten…mehr kann ich dir leider nicht bieten, mein Sohn.

Wir sehen uns oben, Oskar. Daran glaube ich. Deswegen müssen auch keine endgültigen Worte gesprochen werden. Mein Dreieck erlischt jetzt.

PS: Kannst du den Müll aus der Küche mit herunternehmen, wenn du gehst? Ich werde nicht mehr dazu kommen.

Das Postskriptum ist mit krakeliger Klaue verfasst. Oskar wiegt das Buch in den Händen. Manchmal wäre er auch gerne alt, um auf das zurückzublicken, was er noch nicht getan hat. Er schielt auf den proppenvollen Mülleimer. Ihm ist übel, aber dort passt nichts mehr hinein. Obwohl…ein Platz für das Tagebuch wird sich noch finden lassen.

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