Roman “Oskar” – Leseprobe 2 (Veröffentlichung am 28.02.14)

„Swetlana, Fernseher aus! Jetzt wird getrunken!“, ruft Oskar mit gespielter Euphorie, als er den muffigen Raum betritt. Ohne eine Antwort abzuwarten, geht er zum Schiebeschrank und greift nach dem Rum darin. Die Gänseblümchen holt er aus den Schnapsgläsern und wirft sie in den Papierkorb, die vernachlässigte Sonnenblume gleich hinterher. Er stellt die Utensilien fürs Besäufnis auf dem Tisch ab, schmeißt seinen Parka über den Stuhl und setzt sich Nataschas Mutter gegenüber. Swetlanas Hand zittert leicht, als sie den Apparat abschaltet. Eilig füllt er die zwei Schnapsgläser. Mit einem „Prost!“, hebt er den Alkohol in die Luft und lächelt ihr zu.
„Nastrovje“, entgegnet sie trocken und beide legen die Köpfe in den Nacken.
Oskars Gesichtsmuskeln schwenken aus. Starkes Zeug.
„Worauf?“, fragt Swetlana, die keine Miene verzieht.
„Auf den Alkohol“, entgegnet Oskar und will das zweite Glas einschenken.
„Moment mal! Ich trinke eigentlich nur ein Gläschen pro Tag.“
Damit war zu rechnen. Oskar schaltet sein Gewissen aus.
„Aber das ist doch dein erstes Glas.“
„Ja?“, fragt Swetlana erstaunt.
Er nickt eifrig, füllt bis zum Rand und prostet der verwirrt dreinschauenden Frau zu. Volles Glas hoch, leeres Glas runter.
„Swetlana. Wenn ich einem Mann in der startbereiten U-Bahn die Tür aufhalte, sodass er in letzter Sekunde – ich weiß, Phrase – in den Waggon schlüpft und dieser sich als Selbstmordattentäter entpuppt, den halben Waggon und anschließend sich selbst massakriert, bin ich dann ein guter Mensch?“
„Ist das passiert?“, ruft sie erschrocken.
Er beruhigt sie. „Nein, ich stelle mir nur die Frage.“
„Zum Glück!“ Sie entlässt einen Luftstoß. „Naja, kommt ganz darauf an, wie du das Gute definierst. Es ist ein höflicher, gar altruistischer Vorgang, jemandem die Tür aufzuhalten. Die bösartige Tat beging der Amokläufer. Nach dieser Argumentation bist du ein guter Mensch.“
„Und ist sie schlüssig?“
Während Oskar nachhakt, füllt er neuen Rum in die Gläser.
„Nicht besonders. Dein Beispiel ist etwas absurd.“
Swetlana schüttet den Inhalt in sich.
„Dann will ich dir ein anderes geben“, erwidert er, schluckt ebenfalls die Bitternis und bereitet Glas Nummer vier vor. „Ich will dir nicht zu nahe treten, aber stell dir vor, du stirbst. Oder nein, ich sterbe. Oder nein, ein zehnjähriger Junge stirbt. Seine Organe werden ihm auf Erlaubnis der Eltern entnommen und einem anderen, ebenfalls im Sterben liegenden Kind, eingepflanzt. Der Körper des Kindes nimmt die neuen Organe an, es genest und kann in den Alltag zurückkehren. Zehn Jahre später fasst es einen Entschluss. Es prüft, ob die Waffe griffbereit und für Außenstehende nicht sichtbar ist. Dann betritt es den Bahnhof. Die darin stehende U-Bahn ist im Begriff, weiterzufahren. Es rennt auf die wie Krokodilkiefer zuschnappenden Türen zu, aus bloßem Spaß am Versuch des scheinbar Unmöglichen. Drinnen steht ein Passant und hält geistesgegenwärtig und hilfsbereit die Türen auf, sodass ein Spalt entsteht, durch den das Kind sich in besagter letzter Sekunde in den Waggon quetschen kann.“ Kunstpause. „Sind die Eltern des Organspenders an dem Massaker schuld, weil sie ermöglicht haben, dass der Amokläufer überhaupt heranwachsen konnte?“
„Warum machst du dir darüber Gedanken, Oskar?“
Swetlana blickt ihn ernst an. Sie trinken das vierte Glas. Auf ihren Wangen erscheint ein erster hauchzart schimmernder Rotton. Sie hustet sachte in ihre geballte Faust.
„Mich beschäftigt, wie Hilfsbereitschaft auf einen selbst zurückfallen kann“, erwidert er und spürt den Alkohol deutlich in sich wabern. „Es widerspricht dem logischen Umkehrschluss, dass ich jemandem helfe, also eine positive Tat ausführe und dafür etwas Negatives zurückerhalte. Oder?“
„Warum kann das nicht sein?“, fragt Swetlana argwöhnisch.
„Das entspricht keiner Ratio!“, ruft Oskar laut.
„Mach mal halblang, Kleiner“, schnarrt die alte Frau angeheitert. Sie nimmt die Rumflasche und gießt für beide nach. „Was ist schon Ratio? Allein dein sturer Kopf, der dir zuraunt, wie es eigentlich sein müsste. Ratio ist für jedes Individuum alles und für das Plenum gar nichts. Chaos hält das Leben an der Kandare und macht es letzlich so spannend! Darauf trinken wir! NASTROVJE!“
Ihr Stimmvolumen steigert sich. Als wäre der Rum eine Fernbedienung. Glas fünf hat sich verabschiedet. Oskars Gehirn schippert träge in seinem Kopf umher und klatscht an die Innenwand, wie Fruchtfleisch am Boden einer Apfelsaftflasche. Schwips, schwaps. Hoffentlich kentert es nicht. Die Lippen fragen: „Bedeutet also, ich habe nicht in der Hand, ob Hilfsbereitschaft und Gutmütigkeit irgendwann zu mir zurückkehren?“
„Warum denkst du, du hättest ein Recht darauf?“ Swetlana lacht höhnisch. „Hast du jedem, der dir je geholfen hat, in gleichem Ausmaße etwas zurückgegeben? Oder reicht es, sobald man mein Alter erreicht hat und nicht mehr gut auf den Beinen ist, einen Schwung Dankeskarten zu verschicken? Zu erwarten, dass jede Aktion eine gleichwertige Gegenreaktion hervorruft, gehört zur Egomanie des Menschen. Dem ist aber nicht so, Oskar. Irrtum. Vieles verläuft einfach im Sand…besonders Erwartungen. Lass uns darauf noch einen Schluck trinken!“
Sie greift erneut nach der Flasche und stößt sie um. Oskars linke Hand schnellt nach vorne und umgreift das purzelnde Glas. Kein Tropfen wird verschüttet.
„Pardon, mea culpa“, murmelt Swetlana.
So langsam regt sich in Oskar etwas. Verdammt, Wackelkontakt. Sein Gewissen ist doch ausgeschaltet.
„Bist du sicher, dass du Nachschub willst?“
„Immer rein damit!“, lallt sie und hustet schwach. „Die Flasche ist sowieso gleich leer.“
Oskar füllt das sechste Glas. Es klirrt, Schluckgeräusche, ein Gesicht zuckt, das andere nicht. Sechsmal das Gesicht verziehen und einen kurzen Moment den Ekel hinunterschlucken. Vielleicht hätte er ‘Die Wüste’ mit derselben Methode durchstehen können…Swetlana gießt für beide das siebte Glas ein. Die Flasche ist geleert. Sie lassen den Rest der Flüssigkeit in ihren Lebern verschwinden. Stille breitet sich aus. Es fühlt sich an, als wäre alles besprochen. Man muss auch zusammen schweigen können. Wer hat das gesagt? Einer von Fettes Brot? Keine Ahnung. Oskar ist ziemlich gehasselhofft. Auch Swetlanas Blick kann nicht mehr fixieren, er wandert umher, versucht sich festzuhalten, aber rutscht ab, wie ein glückloser Bergsteiger. Reicht jetzt. Oskar steht ruckartig auf. Er greift nach seinem Parka und blickt auf Swetlana. Wieder hat sich ihre Konstitution innerhalb einer kurzen Zeitspanne rapide verschlechtert. Ihre roten Wangen haben eine andere Nuance als Oskars. Körniger, dunkler und maroder. Er torkelt ohne Verabschiedung aus dem Zimmer. Die Tür hinter sich schließend, blickt er ein letztes Mal zurück und erkennt mühsam eine verwischte Swetlana, die sich eine leere Flasche senkrecht über den Mund hält.

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