Roman “Oskar” – Leseprobe 1 (Veröffentlichung am 28.02.14)

Oskars Geheimnistruhe blieb verschlossen. Nataschas Schenkel öffneten sich trotzdem. Nun ruhen beide auf dem großen Federkissen. Sie atmen schnell. Nachdem sich das Tempo wieder normalisiert hat, küssen sie sich lange. Natascha legt ihren Kopf auf Oskars Brust. So dösen beide eine halbe Stunde vor sich hin.

Ruckartig schnellt ihr Kopf nach oben. Sie erhebt sich und greift in die Schublade des Nachttischschrankes. Als sie wieder in der Horizontalen liegt, hat sie einen Kugelschreiber in der Hand. Irgendein Parteislogan ist darauf abgedruckt.
„Mal mich an!“, fordert sie Oskar auf.
„Wie bitte?“
„Du sollst mich anmaaaalen!“
„Was für ein Portrait hättest du denn gerne? Die Mona Lisa als Arschgeweih?“
„Lass dir was einfallen“, sagt Natascha. „Ich schließe die Augen und errate, was es sein könnte.“
Das Malen ist nicht Oskars Stärke, aber wenn man die Erlaubnis hat…Er rafft sich auf, platziert sich mit dem Gesicht zwischen ihren Schenkeln und stützt sich auf die Ellenbogen.
„Augen zu!“
„Sind sie schon.“
Vorsichtig beginnt er auf ihrem Oberschenkel Zickzacklinien zu malen, die sich zu einem großen Ganzen verbinden. Der Kugelschreiber rutscht des Öfteren ab, dennoch ist Nataschas straffe Haut eine geeignete Leinwand. Für einen Moment muss Oskar an jemanden denken. Kopfschüttelnd verscheucht er den Gedanken an die surreale Person aus seinem Hirn und fährt mit der Pinselei fort. Er zeichnet große Bergfriede, weitläufige Zinnen und dutzende Fensterscharten. Natascha windet sich ein wenig unter dem Druck der Kugelschreiberspitze.
„Das kitzelt! So etwas wie ein Haus?“
„Nah dran, aber warte ab.”
Oskars Hand wandert den Oberschenkel etwas weiter herunter, bis sie beinahe am Knie angelangt ist. Dann malt er viele, viele Striche und lässt den Stift auf ihren oberen Enden kreisen.
„Ein Wald?“
„Du sollst warten!“, zischt Oskar mit gespieltem Ärger und pikst zur Bestrafung in ihre Kniescheibe. Das gehört nicht zur Zeichnung. Er wischt den Punkt sorgfältig mit dem Daumen weg. Danach malt er zwischen Gemäuer und Wald einen großen Klecks. Dort hinein setzt er schmächtige, wellenförmige Linien. Diesmal verkneift sich Natascha das Raten. Der Tintenstich hat seine Wirkung nicht verfehlt. Oskar wendet sich dem Unterschenkel zu. Er zieht zwei lange, einigermaßen parallele Linien vom Knie bis zum Knöchel. Beide Strecken verbindet er in kurzen Abständen mit kleinen Strichen. Er hält inne und betrachtet zufrieden sein Werk, sowie seine nackte Freundin, die mit geschlossenen Augen vor ihm liegt und unruhig mit den Fingern auf der Matratze trommelt.
„So, nur noch eine Kleinigkeit“, sagt er genüsslich und setzt erneut den Kuli an, doch Natascha schnellt jäh auf und wirft sich mit ihrer gesamten Zierlichkeit auf ihn.
„Das reicht jetzt! Ich wollte kein Ganzkörpertattoo, sondern eine kleine Zeichnung!“, bewegt sich ihr Mund, ganz dicht über seinem. Dann treffen sich beide.
Sie lässt von ihm ab, setzt sich an die Rückenlehne des Bettes und fährt das bemalte Bein aus. Lachend fragt sie: „Was zur Hundehölle ist das denn?!“
„Na das Gelände von Hogwarts. Das hier ist das Schloss.“
Oskar drückt mit dem Finger auf die entsprechenden Hautstellen. „Das der verbotene Wald und das hier der große See. Auf deinem Bein habe ich gerade die Schienen für den Hogwarts-Express verlegt, der als nächstes folgen sollte. Bis du aufgesprungen bist!“
Nataschas Gesicht hellt sich so sehr auf, dass er sich für eine Sekunde geblendet fühlt.
„Das ist das Süßeste, was ein Mann jemals für mich getan hat!“ Sie lacht wieder, laut und echt. „Aber deine Malkünste wären selbst bei den Neandertalern als Gekrakel diffamiert worden. Jetzt bin ich dran!“ Sie bugsiert Oskar in dieselbe Position, die sie vorhin innehatte. Dann setzt sie sich rittlings auf ihn.
„Jetzt zeige ich dir, wie das geht.“
„Darf ich die Augen auflassen?“
„Meinetwegen, dann kannst du dir etwas abschauen. Dein See sieht aus wie ein großer Klecks Majonäse. Ich male einen richtigen, einen realen. Ohne Fabelwesen darin und Zaubererherbergen in der Nähe. Halt still!“
Natascha setzt mit professioneller Miene die Mine an. Zuerst steckt sie die Umrisse des Sees. Sie schwingt den Stift nicht stumpf über die Haut, sondern verleiht dem See durch Schattierungen und geschickte Linienführung ein Ufer. Danach pflanzt sie Schilf. Es kitzelt. Fast, als würde man nackt durch ein echtes Schilffeld eilen. Die vielen Rohre streifen jede erogene Zone des Körpers und peitschen den Läufer nach vorne. Oskar fällt ihre Frage auf dem Balkon wieder ein. Und das, was er verschwiegen hat.
Sie schreien sich an.
Nachdem Natascha dutzende, winzige Wellen in notorischer Kleinarbeit auf seinen Bauch geseiht hat, lässt sie ein kleines Holzboot auf den See ausfahren. Zuerst malt sie das Skelett, steckt jeden splittrigen Knochen ineinander und ummantelt es mit Planken. Alsdann wachsen in Sekundenschnelle zwei Menschen im Inneren des Bootes, beide überspringen Geburt, Kindheit und Pubertät. Die Haare des einen Menschen fallen auf die Schultern, der andere trägt sie kurz.
Eine Sie und ein Er. Der Er bekommt zwei Ruder in die leeren Hände gedrückt, die er kraftvoll ins Wasser eintauchen und den Schiffsbug kleine Wellen vor sich hertreiben lässt.
Ein Stoß.
Natascha lässt von seinem Bauch ab und greift nach einer Wasserflasche, die neben dem Bett steht. Sie nimmt einen tiefen Schluck.
„Bin gleich fertig“, verspricht sie, verschließt den Deckel und widmet sich wieder dem Bauchgemälde. Enten ploppen aus der Stiftspitze. Eine kleine Familie erscheint in der Nähe der Schilfrohre im Wasser. Die Ente, der Erpel und vier kleine Flauscheküken, die ihnen folgen. Die Bewegungen ihrer gefederten Körper lassen winzige Erschütterungen im Wasser entstehen, die Natascha gewissenhaft in Oskars Poren eintaucht.
Das kinderlose Schwanenpaar…
Federn. Federn, überall um ihn herum.
…ist schnell, doch akkurat gezeichnet. Sogar die Höcker werden von Natascha auf die Schnäbel gesetzt.
„Soooo. Das, Oskar.“ Natascha richtet sich auf und blickt ihn siegessicher an. „Das ist ein See. Und das hier“, sie pikst sachte mit dem Kugelschreiber in seinen Bauchnabel, der nicht weit entfernt von dem Bötchen sein Dasein fristet. „Ist ein schwarzes Loch, das uns verschlingen wird, wenn du nicht kräftig genug ruderst.“
Die Hand, die sich von seiner löst und im Eiswasser versinkt.
„Natascha, ich habe meine Mutter umgebracht“, platzt es aus Oskar. Er besprenkelt sie mit Wahrheit. Was soll‘s. Ihre Körper sind Leinwände. Nataschas nackte Brüste blicken ihn vorwurfsvoll an. Er sieht ihr nicht in die Augen.
“Wie bitte?”
Seine Unterlippe beginnt stark zu zittern. Sie scheint sich von der Oberlippe losreißen zu wollen, sodass sein Mund keine Antwort bilden kann. Natascha legt eine Hand unter sein Kinn. Dann zwingt sie ihn, in ihre Augen zu schauen. Sie blickt streng und ist dabei so schön. Das Grün ihrer Augen wirkt beruhigend. Jetzt ist er bereit. Und beichtet. Keine Trennwand, alleine die verknäulte, dünne Bettdecke schlängelt sich irgendwo unter ihren Körpern hindurch. Er erzählt ihr vom Streit mit seiner Mutter, von der verschollenen Ursache, vom Stoß, vom Eiswasser und den Myriaden von Federn. Letztlich von seiner Reue. Natascha hört aufmerksam zu, entgegnet nichts, nimmt ihn in den Arm, streichelt seine Wangen und bietet die Kuhle zwischen ihren Brüsten als Auffangbecken für seine Tränen feil.

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