Dem Tod auf die Schippe gesprungen (NMZS – „Der Ekelhafte“)

Man hat mich bei etwas ertappt. Am 14.11.2013 um 20:00 Uhr startete der Vorverkauf zum Album „Der Ekelhafte“ des Düsseldorfer Rappers NMZS („Nemesis“), der am zwanzigsten März dieses Jahres Suizid beging. Die ersten 200 Besteller sollten zum Album einen selbstgezeichneten Comic – seine größte Leidenschaft neben „Kiff und Rap“ – erhalten. Ich kritzelte Datum und Uhrzeit flüchtig auf einen Kassenzettel und schenkte ihm erst wieder um 20:10 Uhr am Vorverkaufsdatum meine Aufmerksamkeit.

Ich klickte ein unnützes Stakkato auf meiner Maus und ärgerte mich. Zu spät, die 200 Bundles waren innerhalb einer Minute vergriffen. Mir war zwar bewusst, dass einem Album persönliche Utensilien des Künstlers beizulegen, ein geläufiger Marketingkniff ist. Dennoch hätte ich gerne etwas Individuelles des Künstlers in Besitz gehabt, der mich anspricht, lebendig und verstorben. Höre ich NMZS zu, höre ich einen Außenseiter. Außenseiter tun sich wahnsinnig gerne zusammen.

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„Ist es normal, wenn Dir ein fremdes Kind erst was bedeutet
Wenn seine traurigen Augen von Plakatwänden leuchten?
Das ist alles so komisch – ich sag was Ernstes
Doch ihr nehmt mich nicht ernst, weil ihr denkt, ich mein alles ironisch“

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Als ich meinem Mitbewohner Fabian meine Enttäuschung darüber mitteilte, dass mir die Beilage entgehen würde, schaute er mich verdutzt an. Wieso ich diesen Comic unbedingt haben wollte? Mit dieser Frage hatte ich nicht gerechnet. Ich stammelte ein, zwei Kondolenzbekundungen und rang um Antwort. Fabian gab sie mir. Zwar ohne vorwurfsvollen Unterton, (er ist einer meiner besten Freunde) jedoch beschönigte er meinen Hintergedanken nicht, wofür ich ihm sehr dankbar bin.

Ich wollte diesen Comic haben, weil NMZS tot ist. Ich wollte ihn haben, weil ein Toter interessanter ist als ein Lebender. Natürlich widersprach ich sofort reflexartig. Dann dachte ich über seine Aussage nach. Und musste schlucken. Irgendwie schmeckte meine Spucke in diesem Moment ganz schön falsch. Fabian hatte recht. Der Tod hat faszinierende Kurven und ich hatte auf ihn gestarrt wie ein Vierzehnjähriger durch ein Loch in der Umkleide.

Das ist meine Erkenntnis. Ich sage nicht, dass sie für alle gilt. Doch zeigt die Tagesschau keine Bilder von Neugeborenen, sie ist das Panoptikum der Särge, ein Katalog der 100 bestaufgebahrtesten Leichen.

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Als sich am 20. März in den sozialen Netzwerken die Wörter „NMZS“, im Zusammenspiel mit „tot“ und „Selbstmord“ häuften, lag ich nachts wach und fühlte mich unwohl in meiner Menschenhaut. Ich hatte das Gefühl, an einem Erlebnis teilzunehmen, dessen Ausgang nicht beeinflussbar ist und das gar nicht hätte stattfinden dürfen. Das letzte Mal durchdrang mich dieses Gefühl, als Robert Enke, der ehemalige Nationaltorhüter Deutschlands, Suizid beging.

Menschliche Beziehungen spielen sich oftmals ab, ohne, dass alle Beteiligten voneinander wissen. Ob mein Samstag von der Sportschau berieselt wird, oder meine Kopfhörer die U-Bahnfahrt erträglicher machen, es sind Menschen, die mich begleiten. Unterhaltung, Musik, Stimmen, Rasenmäher, Schuhe, alles von Menschen für Menschen gemacht. Wenn einer von ihnen entscheidet, nicht mehr unter seinesgleichen weilen zu wollen, hinterlässt das bei mir ein mulmiges Gefühl.

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Erstmalig trat NMZS in mein Leben, als mir sein grandioses Collaboalbum mit Danger Dan namens „Aschenbecher“ gegen die Stirn prallte, das zum kostenlosen Download angeboten wird. Die beiden Rapper tauchten tief dort ein, wo anderen die Galle hochkommt. Elf Lieder über das Gefühl, nicht dazuzugehören, über die Frage, wozu man eigentlich gehören will, gewürzt mit bitterem Humor und Liebe zur Sprache. Schwer verdaulich, süchtig machend, oft gehört. Dennoch, NMZS nahm ich als klar schwächeren Part neben Danger Dan wahr, einer Falsett-Maschine, die unaufhörlich einen verbalen Ascheregen aus Kuriositäten ausspuckt.

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 „Ihr nehmt mich nicht ernst, weil ihr denkt, ich mein alles ironisch“, rappte NMZS im Jahr 2011. Darauf lässt sich wohl nur mit einem langen Seufzer und der Aussage reagieren, dass man während des Hörens seiner Musik tatsächlich nicht das Gefühl bekam, dass hier ein potenzieller Selbstmörder rappt. Wer sich bemerkbar macht, wer Ängste und Unwohlsein thematisiert, bekämpft sie.
 „Das Leben ist kein Stützgerüst für die Kunst. Es ist andersrum“, schrieb Stephen King einmal. Und doch gibt es für Nichtangehörige keinen NMZS mehr. Lediglich Aufnahmen seiner Stimme und Musikvideos auf Youtube.

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Auf meinem Schreibtisch liegt NMZS‘ neues Album „Der Ekelhafte“. Der Düsseldorfer nahm es vor seinem Tod auf, die Veröffentlichung soll seinem Wunsch entsprechen. Ich betrachte das Werk, das von einem extrovertierten Cover geziert wird und bekomme den faden Beigeschmack nicht von der Zunge. NMZS rappt über fehlende Zeit, Masturbieren auf Guns-N’-Roses-Nacktfotos, seinen manisch hortenden, in Papierfluten ertrinkenden Vater, zeitweilen schlägt er sogar optimistische Töne an. Der Subtext, das sich hier jemand mitteilt, der in naher Zukunft, also unserer Gegenwart, nicht mehr da ist, fehlt. Lediglich als NMZS seinen studiumsbedingten Aufenthalt in Siegen beschreibt, hört man wohl denjenigen, der sich zu einem späteren Zeitpunkt das Leben nahm.

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NMZS beherrschte sein Handwerk, hirnschmalzgetränkte Texte, musikalische Abwechslung, leichtfüßiges Stimmenspiel auf den Beats. Sein Album ist gut, seine Kunst ist verdammt nochmal gut, doch man bekommt nichts, außer Einblick in das Leben eines nachdenklichen, jungen Mannes, der sich nicht davor scheute, auch mal einen inhaltsärmeren Track zu produzieren.

Mich interessieren viele Dinge. Weshalb Menschen Kunst machen. Ob man einen gemochten Toten kritisieren darf. Meine Skrupel, diese Rezension zu verfassen. Mein Bedürfnis, nicht in einen Tenor einzustimmen, der dieses Album in Sphären hebt, die es nicht verdient hat, bloß weil sein Erschaffer von uns gegangen ist. Mich interessiert, wieso ich keine Antworten auf Fragen liefern kann, die ich vielleicht gar nicht stellen muss.

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Negativ eingestellte Kunst sollte man vermutlich aus der Intention konsumieren, gestärkt daraus hervorzugehen. Was klingt bei diesem Album nach? Vielleicht, dass sich hinter jedem Künstler ein Mensch verbirgt, der sich auszudrücken versucht. Womöglich, dass es besser wäre, Paul Celan hätte niemals seine Todesfuge und NMZS niemals sein „Siegen“ schreiben müssen. Als sicher gilt meine Trauer, dass Jakob Wich (28. November 1984; † 20. März 2013) nicht mehr unter uns weilt.

Album downloaden: www.jkp.de/antilopen/nmzs_-_der_ekelhafte_2013.zip
Album kaufen: http://shop.antilopengang.de/
Tiere: http://antilopengang.de/
facebook: https://www.facebook.com/antilopengang

Bild, von dem man ziemlich sicher ausgehen kann, dass es nachträglich gestellt wurde.

5 Gedanken zu “Dem Tod auf die Schippe gesprungen (NMZS – „Der Ekelhafte“)

  1. danke, das ist gut geschrieben und ratlos, ziemlch ratlos hat uns mein wunderbarer sohn wohl alle zurückgelassen.

    danke
    adelheid

  2. Hallo Adelheid,
    ich danke dir und denke an dich. Das feedback auf den Text macht mich gleichzeitig glücklich und traurig.

    Danke auch an dich, Stevie.

  3. Ja, die Ratlosigkeit, die auch ich verspüre, hast du wirklich schön zum Ausdruck gebracht. Als “Fan” klammere ich mich an den Trost, dass seine Musik mich weiter durch mein Leben begleiten wird und Jakob damit etwas Bleibendes vollbracht hat. Das gelingt nicht Jedem von uns.

    Danke Jakob.

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